Küstenlied

Für Staša Aras

 

Ich denke über Wörter nach
Wie könnte man den wilden Strand nördlich der Stadt beschreiben
Oder den Betonhof
In der Dr. Franje-Tuđman-Straße
Ich weiß nicht, wie diese Straße früher hieß
Oder eine Reihe während des Faschismus‘ errichteter Gebäude
Ihre Anziehungskraft
Ihre Symmetrie, ihre langgestreckten Fenster
Ich weiß nicht, warum sich Leute mit
Kleinen Fenstern zufriedengeben
Wie beschreibt man den Morgen nach dem Unwetter
Das alles zerstörte
Kiefern auf dem Weg nach Petrčane

Oder die engen Gassen von Dubrovnik
Dieses Labyrinth
Durch das die Braut in Weiß rennt
Rennt, flüchtet, entwischt
Und dann, hinter den Mauern, auf der See
treibt ein weißes Hochzeitskleid in Richtung offenes Meer

Oder der kleine Friedhof in dem gleichen Dubrovnik
Alt, gesonnt
Grazio, lese ich auf einem Grabstein
Danče, das ist Danče, sagt mir S.
Dann steigen wir hinunter zum Meer und sitzen dort
Stundenlang
Und sprechen aus, wie glücklich wir sind

All dies sind Schauplätze für Geschichten
Für Poesie
Aber in diese Poesie muss jemand auch
Die Düfte der Myrte, des Lorbeers und des Rosmarins eintragen
Die goldenen Nachmittagslichtstrahlen, die sich
Über die Felsen ergießen
Andernfalls wird
Die Poesie öde und dürr
Wie eine Plastiktüte, die auf einem FKK-Strand ruht

 

Übersetzt von Dénes Kobetits und Ivana Pajić

Original: Bojan Krivokapić: „PRIMORSKA“
Alle Rechte verbleiben bei den Autor_innen

PS