PS#3
| Imagination Krise Wirklichkeit

 
 
 
 

ROSA IN DER WÜSTE / Editorial

Man kann jede Geschichte – sei es die konkrete Entstehung einer Zeitschrift oder die einer Reise – als eine Autobahn denken. Die Möglichkeiten, Träumereien und Wagnisse während einer solchen sind dann die Ausfahrten. Die Raststätten allerdings, mit ihren Tankstellen, eingerahmten Parkplätzen und Bänken, grau, schmutzig und oft verbrämt in der Landschaft sich haltend – wofür können diese Unorte stehen, was kann an ihnen schon passieren?

Die PS-Redaktion ist auf dem Weg nach Wien, Mitte Mai, der späte Nachmittag ist erstaunlich warm und Prag liegt schon eine halbe Stunde zurück. Letztes Jahr war das Auto noch ein anderes, vorne teilten sich Kaśka und Olivia Lakritzschnecken, hinten schlief die Hündin Kali. Diesmal, für die dritten Lektoratstage, sind sie zu siebt ins Auto gestapelt, die Lakritze ist schon vor Dresden alle und seit kurzem geht es nur stockend voran, heruntergekurbelte Fenster, Abba aus den Lautsprechern, leise, sanft rollt man in einen handfesten Stau. Nichts bewegt sich mehr. Alle zehn Minuten ein Meterchen. Kaśka wechselt souverän die Spuren, aber das Glücksspiel bringt nichts. Yael und Lara steigen aus, ihre Dehnübungen werden von allen Seiten beäugt. Saft und Kekse müssen herhalten, eine allgemeine Kollektivmigräne jedoch ist nicht mehr zu vermeiden. »Genaugenommen stehen wir nicht im Stau, wir sind der Stau« versucht es Olivia altklug und lässt ihren Hafermilchflachmann herumwandern. Das Schweigen und Dösen wird nur unterbrochen durch tschechische Nachrichten, gedeutet als: Es wird nicht besser. »He, Carolin, ich könnt ‘ne Ablösung gebrauchen,“ sagt Kaśka. »Übernimmst du die nächsten zehn Meter?«

Bis Prag ging alles ganz leicht, kaum Autos unterwegs und eine Story schloss an die nächste an, Pläne für die kommenden Tage, Anekdoten über PS und das eigene Autor_innendasein. Jetzt aber ist große Flaute. »Sollen wir vielleicht einfach mal `ne Pause machen? Da vorne bei der Biegung kommt ein Parkplatz.« »Aber dann erreichen wir Wien nie.« »So auch nicht. Vielleicht weiß dort jemand, was passiert ist und wir finden eine andere Lösung.« Es ist eine attraktive Falle. Als das Auto auf den Parkplatz tuckert, sieht man, dass es sich auch in der Auffahrt staut. Nun gibt es ganz praktisch kein Vor und Zurück mehr. Aber es dauert noch eine Weile, bis das auch tatsächlich verstanden wird. »Schaut mal, hier gibt es ein Motel. Ich geh aufs Klo und frag, ob jemand was über die Länge des Staus weiß. Wer kommt mit?« Alle. Drinnen ist es kühl und dunkel. In einem großen Aquarium vor der Rezeption taumeln bunte Plastefische. Sibylla und Özlem machen Notizen und Yael schießt ein Foto. In dem hellen, sauberen Bad spricht Kaśka dann aus, was alle fühlen: »Hört mal Leute, ich kann nicht mehr fahren. Wenn das so weitergeht, sind wir erst nach Mitternacht in Wien. Dann sind wir komplett erschöpft am nächsten Tag und das bringt keiner was. Sollen wir nicht einfach hierbleiben? Wir teilen uns zwei Zimmer, dann wird es bestimmt nicht so teuer.« »Stimmt. Wir stecken fest. Lasst uns das Beste draus machen.« »Vielleicht ist das ja auch ein Zeichen.« … »Naja, ich hab schon das Gefühl, dass es da einiges gibt, was wir noch nicht genug durchgearbeitet haben. In den nächsten vier Tagen mit sechzehn Texten kommen wir da sicher nicht zu.« »Was meinst du denn?« »Na, unser Titelthema zum Beispiel, mh?!« »Darüber haben wir tatsächlich viel zu wenig diskutiert.« »Findet ihr?« »Ich bin aber total müde jetzt und mein Kopf tut weh.« »Okok. Dann legen wir uns eben erstmal hin und schauen, ob wir später noch was schaffen.« »Wer´s glaubt.«

Lara ruft Jiaspa an. Jiaspa wartet in Wien auf die restliche Redaktion. Lara sagt, dass sie heute nicht mehr kommen werden. Stau. Krise. Gleich morgen früh soll weitergefahren werden. Im Hinterhof und mit letztem Tageslicht teilen sie dann die Reste des Proviants, danach legen sich alle hin und sind sehr schnell eingeschlafen. Die frische Bettwäsche duftet und knistert, kein Autolärm stört, nur die Nadelbäume hinterm Motel rauschen kontinuierlich wie ein warmes Radio.

Eine liegt zuletzt noch wach. Als auch sie langsam einschläft, denkt sie noch einmal an den Rezeptionisten, den einzigen Menschen, den sie im Motel trafen. Sein wissendes Lächeln. Nun sieht er sie an und sagt, dass er ihnen die Weiterfahrt nicht gewähren werde. Sie überlegt und fragt dann, ob sie also später würden weiterreisen dürfen. »Es ist möglich«, sagt der Rezeptionist, »jetzt aber nicht.« Da die Auffahrt inzwischen frei ist wie immer und der Rezeptionist beiseitetritt, streckt sie sich, um über die Autos hinweg die Straße zu sehen. Als der Rezeptionist das merkt, lacht er und sagt: »Wenn es euch so lockt, versucht es doch, trotz meines Verbotes zu fahren. Merket euch aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Rezeptionist. Von Raststätte zu Raststätte stehen aber Rezeptionisten, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.« Solche Schwierigkeiten hatte sie nicht erwartet; die Autobahnen sollten doch jedem und jeder immer zugänglich sein, denkt sie, aber als sie jetzt den Rezeptionisten in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine Augen in tiefen Höhlen, die großen Tunnel in seinen Ohrläppchen, entschließt sie sich, doch lieber zu warten, bis sie die Erlaubnis zur Weiterfahrt bekommt. Der Rezeptionist gibt ihr einen Kakao und lässt sie seitwärts vom Eingang niedersetzen. Dort sitzt sie Tage und Jahre.

Und während sie so sitzt, senkt sich ein surrendes, multiples Bewusstsein auf sie herab, eine Gewitterwolke, eine weite Grasebene, ein Schwarm Fische. Es denkt für acht. Es denkt:

Konkurrenz und Kanon lautete die Überschrift der PS#1. Genie wider Kollektiv stand über #2. Diese Themen ergaben sich aus der unmittelbaren Erfahrung im Literaturbetrieb. Sie schienen so auf der Hand zu liegen, ihre Schlagworte so geläufig zu sein, dass es verwunderte, wie wenig sie innerhalb dieses Betriebes verhandelt werden. Auf der Basis dieser erfahrenen und zu beobachtenden Realität in der literarischen Öffentlichkeit, in Schreibschulen etc. übten die beiden ersten Ausgaben der Zeitschrift Kritik und fragten nach einer anderen Vorstellung von literarischer Produktion, Rezeption, Distribution. Gewissermaßen folgten sie einem geläufigen Programm politischer Auseinandersetzung, analysierten die Wirklichkeit als Struktur des Betriebes – leiteten Kritik aus Momenten ihrer Krise ab – unterzogen alternative Vorstellungen einer Prüfung oder gewannen sie erst. Die Ausgabe #3 greift das auf und nennt sich: „Imagination – Krise – Wirklichkeit“. Und plötzlich wird es abstrakt. Steckt PS in der Meta-Ebene fest?

Das multiple Bewusstsein atmet tief. Und setzt wieder an.

So viel ist richtig: Das Thema bringt drei Begriffe zusammen, die, jeweils für sich genommen, noch keine Wissenschaft abschließend definieren konnte. Begriffe, an denen sich jede Zeit auf ihre Weise abarbeitet. Sie wanken immerzu, so auch in der Gegenwart. In dieser Gegenwart scheint die Wirklichkeit auf den hinteren Rängen zu kauern. Dazu, dass die Wirklichkeit nur ein Produkt unserer Wahrnehmung, Gestaltung, der Eigenverantwortung ist, hätten neo-konservative Politiker_innen, Esoteriker_innen, Unternehmensberater_innen und Jobcenter sich die Hände geschüttelt.

Es stockt. Im Radio der Motellobby hört das multiple Bewusstsein ein Interview mit einem Zen-Meister, der Manager unterweist. Erst vorwärts, dann rückwärts, dann als Noise-Musik.

In einer Welt der Möglichkeiten, die angeblich klassenlos ist, scheint die Imagination einen höheren Stellenwert einzunehmen – mitunter als Ideologie. Mit ihr wird auch die Literatur, werden die Künste angerufen, neue Vorstellungen zu kreieren, soziale Vorbilder zu sein.

Und die Krise? Der Kakao verbreitert sich zum Meer von schwarzer Galle. Die Krise, ruft es aus der Tiefe, die Krise ist so omnipräsent – Klima-, Finanz-, und politische Krise mit Trump, Orban, Erdogan, Putin… – dass sie den Status des Normalen erlangt hat. Damit widerspricht sie sich selbst. Also steht Krise in der Mitte zwischen Wirklichkeit und Imagination – verankert, sicher und zugleich als Bruch. Wie geht Literatur mit Krisen um? Wie verhandelt sie diese? Wie kann man noch provozieren mit Literatur? Worin bestehen ihre eigenen Krisen – nicht vor allem darin, dass sie als Medium reiner Imagination angerufen wird und nicht als (fiktionaler) Spiegel der Wirklichkeit, der diese entlarvt und gerade dadurch das Andere am Horizont erahnbar macht?

Auf dem Flatscreen in der Lobby wird der Stau gezeigt. Die Kamera zoomt, bis der Bildschirm nicht mehr da ist, und aus einem unscheinbaren Ford steigt eine Frau mit warmen, dunklen Augen, altmodischer Hochsteckfrisur und winkt. Das Bewusstsein will rufen, den Namen der Dame rufen, doch aus dem offenen Mund dringt kein Laut, und die Frau entfernt sich, geht zurück an den Beginn des 20. Jahrhunderts. Wirklichkeit, sagt ihr eine Off-Stimme nach, bestehe in ihrer Schlechtigkeit und in dem, was ihr abgetrotzt werde. Nur in dieser Ambivalenz vermittle die Wirklichkeit über die Krise die Möglichkeit der Vorstellung einer besseren Welt. Die Krise sei keine Zerschlagung als „Stunde Null“, sondern das Moment des revolutionären Umbaus der Wirklichkeit auf Basis derselben. „Den Widerspruch müsst ihr aushalten“, sagt die Frau, indem sie sich ein letztes Mal umdreht. Off: „Rosa Luxemburg verbindet die Stärken der Freude mit der Empörung über die schlechten Zustände in der Gesellschaft. In dieser Weise vermeidet sie eine Kritik, die Frauen (oder überhaupt Menschen) als Opfer sieht. Sie zeigt, wer mit welcher Kraft wohin geht. Der Weg geht in die Welt, nicht zurück ins Haus. Eben deshalb ist es wichtig, ein klares scharfes Bild von der Welt zu haben, weil sie uns etwas angeht – sie ist unser Zuhause; in ihr muß die Perspektive gefunden werden.“

Das Zerschlagen des Alten ist eine schmerzliche Erfahrung; mit einem weinenden Auge schubsen wir das literarische Genie in die Vergangenheit. Doch mit ihm muss nicht die Autor_innenschaft überhaupt abtreten, und nicht das Geniale. War aber nicht genau dies das Programm des Poststrukturalismus? Mit welchem Bewusstsein über ihre Produktionserfahrung lässt der Abschied die Autor_innen zurück? Einem schwachen, denkt das multiple Bewusstsein nun, und damit: einem schwachen und unentschiedenen Veränderungswillen. Um die Kraft für einen Abschied von alten Strukturen zu haben, brauchen wir einen Anker im Jetzt, Erfahrungen, auf denen wir aufbauen können und die uns die Vorstellung eines Anderen ermöglichen. Wenn im Literarischen Erfahrung gestrichen wird, bleibt das freie Spiel der Zeichen und dieses Spiel ist unpolitisch.

Am Aquarium steht Anna, eine Freundin von PS, und angelt. Ohne den Blick vom Haken zu wenden, unterbricht sie: „Nehmen wir Erfahrung hinzu, müssen wir sagen: Ein Mensch aus einer Arbeiter_innenfamilie schreibt womöglich anders als jemand mit bildungsbürgerlichem Hintergrund. Wenn die Redaktion die Texte von den Namen der Autor_innen trennt, wie in der #2, produziert dieses Weglassen eine Krise im umwälzenden Sinne bei den Lesenden? Eine Krise ihrer Beurteilungsmechanismen? Oder eben nur eine Leerstelle, ein freies Spiel, das die Verhältnisse, aus denen heraus Menschen schreiben, verschleiert – weil verschweigt?“

In der #3 werden die Biografien nun vorangestellt, als Wegweiser zu den Texten, im Inhaltsverzeichnis. Jeder Leserin steht es damit frei, die Texte anhand der Vitae vorzusortieren, einzuordnen, Altes bestätigt zu finden oder auch nicht. Als “Minderheitenliteratur” verwertet hat uns der Markt seit eh und je, so ist das nun mal: Im Diversity-Aquarium schwimmt es sich schön, so lang man im freien Gleiten nicht gegen die Wand dotzt oder sich bewusst macht, wie exponiert man ist. Die Verbindung zwischen Text und Autorin hat in jedem Fall einen Haken. Das multiple Bewusstsein zerfällt in einen Wust an Stimmen, schreit aus dem Radio: „Inkonsequent!“, aus dem Mund des Rezeptionisten: „Sackgasse!“ und japst wie im Sprint: „Und es stimmt doch.”

Denn: Die eigentliche Krise kommt erst in der Zusammenschau der drei Ausgaben von PS zum Vorschein. Sie zeigen den Widerspruch, mit dem wir zu kämpfen haben und das heißt: den wir auszuhalten haben, sofern uns an der Krise des bestehenden Literaturbetriebs gelegen ist – und an unserem Überstehen dieser Krise als Wendung zum Besseren, statt zum Schlechteren.“

Ein Dröhnen wird immer stärker, ein Wummern von allen Seiten. Das Bewusstsein sprintet nicht mehr, sammelt sich, holt Luft. Und denkt klar im Lärm: Bei Drei. Bei drei Ausgaben sind wir an diesem Punkt, an dem wir ihn sehen können, einen Betrieb, dessen Ökonomie uns zu einer Entscheidung zwingen will: Erfahrung oder Vorstellung. Zwei Laster auf zwei Spuren blockieren alles. Trotzdem müssen wir weiter. Eins, zwei–

Autohupen und Motorenheulen ersetzen die Wecker. Man reibt sich die Augen; verwundert und noch halb im Traum gefangen, stolpern die Redakteurinnen aus ihren Betten und blicken einander an. »Wow. Wisst ihr, wovon ich geträumt habe? Es war, als wären wir alle ein Kopf, wie eine Qualle, mit zig verschiedenen Fäden, aber wir konnten gemeinsam denken, und alles, was wichtig war für die PS#3 … hat sich irgendwie mit sich selbst ausdiskutiert und geformt. Es war total schräg.« »Krass, ich hab das auch geträumt!« »Echt?! Ich auch.« »Ich auch.« »Ohje. – und ich auch.« »Das ist so spooky. Aber hey – so sollten wir öfter arbeiten.«

Entzückt und verwirrt zugleich taumeln sie zum Frühstück, die Trucker sind alle schon weg und durch die Fenster blitzt sie eine blank grienende Autobahn an. Während sie die hellen Kümmelbrote verschlingen, gehen sie alle Träume durch. Bis auf ein paar Details der Ausgestaltung, Hintergrundmusik und Landschaft, gleichen sie einander genau. Eine SMS von Jiaspa überrascht dann niemanden mehr. Lara sagt: „Hier steht, Jiaspa hätte urkrass geträumt und wir sollen schnell kommen.“

Neben den Frühstückstischen an der Wand ist eine fünf mal fünf Meter große Fotografie aufgezogen, eine nächtliche Wüstenlandschaft, hinter der so groß der Mond aufgeht, als stünde man direkt vor ihm. Immer wieder blicken sie zu dem Bild. »Ich hab das Gefühl, wir sind auf einem komplett anderen Planeten und dort draußen, das ist eine neue Wirklichkeit.« »Sollen wir mal losfahren und nachschauen, ob es in dieser neuen Wirklichkeit Wien noch gibt?!« Sie brechen auf. Als sie sich der Schiebetür des Motels nähern, steht der Rezeptionist in der gleichen Haltung wie gestern hinter seiner Theke. Sie lächeln ihn an und es scheint, als wollte er etwas sagen, doch da sind sie schon verschwunden.

Mit Dank an:
Rosa Luxemburg, Frigga Haug, Franz Kafka,
Anna Kow & das Motel Pavov bei Jihlava