PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Zukunft Formen

von Ishraga M. Hamid

Ich war die einzige Studentin unter einer Reihe von Studenten. Jede_r von uns putzte einen Teil des Tunnels. Zuerst war es sehr still, aber nach einer Weile begannen die Schmetterlinge unserer Lacher zu fliegen. Ein tunesischer Student sagte: „Vielleicht finden wir einen Schatz aus den alten Hollabrunn-Zeiten.“ Da die Geschichte der Stadt ins elfte Jahrhundert zurückgeht, wäre es gut möglich, dass ein Schatz seit den Kriegen in Vergessenheit geraten war. Stunden später war der „Tunnel“ sauber, und wir begannen in der Erde zu graben, nicht nach dem erträumten Schatz, sondern nach archäologischen Funden. Der tunesische Student erzählte mir, dass er das Geld seiner Mutter schicken werde, die Waisenkinder aufziehe und davon womöglich eine Kuh kaufen könne. Ich sagte, ich zu werde Medikamente für meinen Vater kaufen, der unter Asthma leide.
Die Tage, an denen ich weinte, waren meist jene, an denen ich in einer am Stadtrand von Wien gelegenen Druckerei arbeitete. Dort saßen in einem großen Saal Frauen und Männer, alte und junge aus verarmten Ländern der Welt.
Alle arbeiteten in einer verrückten Geschwindigkeit. Die Provision hing von der Anzahl der Zeitungen ab, in die Werbezettel gelegt wurden. Ein junger Mann aus Nigeria sagte zu seinem Kollegen, er hoffe, heute das Geld von voriger Woche zu bekommen, er brauche es dringend für die Behandlung seiner Mutter, die im Sterben liege.
Als er weinte, stiegen auch mir Tränen in die Augen. Zu meiner Linken saß eine irakische Frau, die schon älter aussah. Sie hatte vor kurzem Asyl bekommen. Tagsüber besuchte sie einen Deutschkurs, und am Abend ging sie arbeiten, um ihre fünf Töchter zu ernähren. Sie erzählte mir viel von den beiden Kriegen im Irak und fragte mich, ob ich sunnitisch oder schiitisch sei. Es war das erste Mal, dass mir so eine Frage gestellt wurde. Ich antwortete nicht darauf. Sie erzählte weiter, dass ihr diese Frage beim Asylinterview gestellt worden sei.
Eine neue Kollegin kam zu uns, sie sprach gut Deutsch. Ich fragte sie, ob sie deshalb nicht auch woanders arbeiten könne. Sie zeigte auf ihr Kopftuch.

Ich reiste in verschiedene Gesichter, in jedem fand ich einen Teil meiner Geschichte. Alle arbeiteten eifrig, trotz der Erschöpfung. Hier gab es keinen Platz für Schläfrigkeit, aber immerhin eine Kaffeemaschine, damit alle wach und lebendig blieben. Im Studentenheim weinte ich mich in den Schlaf, beim Aufwachen glänzte auf meinem Gesicht das Meersalz. Mein Blick hing an der Decke. Ich wusste nicht, wie lange ich geschlafen hatte, aber ich wusste, dass ich nur von den Qualen, den Hoffnungen und der Sehnsucht in den Gesichtern geträumt hatte.
Ich beeilte mich am Wochenende, das Studentenheim zu putzen, damit konnte ich die Miete bezahlen. Am Abend arbeitete ich in der Druckerei. Ich hatte mich an diese Überlastung gewöhnt.
Nachdem ich es geschafft hatte, etwas Geld zu sparen, um im Sudan ein Zimmer für meine Mutter und meine Schwestern bauen zu lassen, war ich motiviert. Ein Zimmer musste reichen, auch für meinen Bruder, als er aus dem Krieg im Süd-Sudan zurückkehrte.

Nach einer Weile hörte ich auf, in der Druckerei zu arbeiten, da die schnellen Handbewegungen mir so starke Schmerzen in der linken Schulter verursachten, dass ich heute noch darunter leide.
Auf meiner fortwährenden Suche nach Arbeit erfuhr ich, dass die ÖH Studenten Flyer vor dem Uni-Hauptgebäude am Schottentor verteilen ließ. Pro Stunde bekam man fünf bis sieben Schilling. Es war ein strenger Winter, und ich hatte noch keine Handschuhe gekauft, die mich vor der Kälte schützten. Am ersten Tag wurde ich von einem eisigen Sturm überrascht, aber ich hielt durch, glücklich mit dem neuen, gebrauchten Paar Schuhe, das ich in der Nähe der Mülldeponie gefunden hatte. Winterstiefel konnte ich mir nicht leisten. Zuerst war ich überrascht, dass die Schuhe weggeworfen worden waren. Es dauerte nicht lange, bis ich das Loch entdeckte, durch das es frostig auf meinen linken Fuß zog. Ich zitterte wie ein Baumblatt im Orkan. Das Eis machte durch mein Hin-und Her-Bewegen Geräusche, die mich zum Lachen brachten. Ich dachte an den Sudan, an Tage, als ich mit anderen Kindern im Regen gespielt hatte und unsere aus Lehm gebauten Häuser vom starken Regen schnell weggespült worden waren. Zum Glück wurde in Wien der Schnee schnell weggeräumt. Als der Schneebagger vor uns stand, fragte ich einen der Mitarbeiter, ob sie eine Mitarbeiterin brauchen könnten. Er antwortete, es sei eine zu harte Arbeit für Frauen. Ich widersprach, dass ich bereits eine Frau gesehen habe, die diese Arbeitet verrichtete. Ja, das stimme, meinte er, aber ich käme aus Afrika und ‚Afrikaner‘ hielten diese Kälte auf Dauer nicht aus.

Es war nicht einfach, zu studieren und daneben zu arbeiten. Ich konnte vor lauter Erschöpfung nicht lernen, aber ohne Studienerfolg würde ich mein Stipendium, meine Krankenversicherung, meine Unterkunft, ja sogar mein ganzes Leben verlieren. Doch die Erfahrungen aus meiner Zeit im Sudan, Erfahrungen der Verarmung, die auch die Mittelschicht, aus der meine Familie kam, betroffen hatten, lehrten mich, weder zu betteln, noch zusammenzubrechen. Ich hatte gelernt, die Tassen meiner Seele im Schrank des Lebens zu arrangieren, meine Schwäche nicht zu zeigen, sondern zu akzeptieren und für sie zu singen.

Ich war von der Zukunft überzeugt. Deshalb waren mir im Deutschunterricht vor allem die Zeitformen für die Zukunft enorm wichtig: Ich werde… Ja, ich werde es schaffen. Ich werde die Verantwortung für meine Familie weiter und die Amulette des Sudans in meinem Herzen tragen. Ich werde an meinen Träumen festhalten. Zwischen hier und dort, zwischen all den Enttäuschungen und Hoffnungen, zwischen meinen Träumen und meinen Tränen, hatte ich immer noch einen Wunsch. Mit einem Kopf voller Wahlmöglichkeiten und Fragen einzuschlafen, ohne vor dem Wecker aufzuwachen. Aber bis heute wache ich früh auf – ganz ohne Wecker.

 

 

Lektorat: kaśka bryla und jiaspa fenzl

Alle Rechte zum Text verbleiben bei der Autorin

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