PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Zellenkumpel

Nachts holt er mich aus dem Schlaf, um mir seine Fratze zu zeigen, mir ins Ohr zu flüstern. Brechen will er mich, jeden Funken guter Hoffnung zerstören, mit seinen großen Vorwürfen. Du hast sie alleine gelassen, Frau und Kind, nur um mit dem Raub deine Firma zu retten. Geschieht dir recht, zerschossene Hüften und Jahre Knast. Nach drei Jahren gemeinsam in der Zelle will er noch weitere mit mir verbringen. Ich werde dich töten, wenn es nötig ist. Wenn er nicht damit rechnen wird, schlage ich ihm den Schädel ein. Ja, das werde ich tun, wenn er mich noch ein einziges Mal aus dem Schlaf reißt und mich zum Weinen bringt. Sein Maul werde ich ihm stopfen. Du bist schuld an allem, du selbstgerechter Typ. Dunkel, also Nacht. Er traut sich wieder, mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Verjagen werde ich ihn. Wenn das nicht klappt, stirbt er heute Nacht. Ich gehe zum Spiegel und schreie. Ich schreie ihn an. Und sehe ihn nie wieder.

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