PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Wund

von Judith Schreier

Das gestopfte Stück der Naht meiner dunkelblauen Radlerhose rieb mir die Haut zwischen meinen Oberschenkeln wund. Nur als die Naht gerissen war, hat es noch mehr weh getan. Ich versuchte, so zu laufen, dass niemand was merkte, aber wahrscheinlich dachten alle nur, ich hätte eingeschissen.

Ich suchte mein Zimmer nach ein paar Mark und Pfennigstücken ab. Fand aber keine. Ich zog Grimms Märchenbuch hervor und öffnete den Briefumschlag darin. Fischte den Zehn-Mark-Schein heraus und stopfte ihn in meine Hosentasche. Ich zerknüllte die rosafarbene, mit Elefanten dekorierte Geburtstagskarte und den Umschlag. Die anderen waren immer neidisch, dass ich schon Geld bekam. Ich hatte Mutti mal belauscht, wie sie der Verwandtschaft sagte, sie sollen mir ja keine Süßigkeiten schenken, dann schon besser Geld.

Ich rannte die Treppe runter. Meine Schenkel rieben aneinander. Ich stolperte zu Monis Kaffeestube. Moni war heute nicht da. Donnerstag holte sie ihre Enkelkinder immer vom Hort ab und machte ihnen das Abendbrot. Ich nahm zwei Gummischlangen und ein Bum-Bum-Eis. Streckte dem Mann meinen Zehnmarkschein hin. Mir wurden Münzen in die Hand gedrückt. Ich zählte nach. Es waren 3,60 Mark.

„Ich hab Ihnen zehn Mark gegeben!“
„Lüg nicht!“
„Ich lüge nicht! Ich hatte nur einen Zehnmarkschein mit!“
„Das waren nur fünf! Die habe ich hier in die Kasse getan und dir dein Wechselgeld rausgegeben! Und los, jetzt mach endlich Platz, Dicke. Die anderen wollen noch auch drankommen.“

Stöhnen und Schimpfen begleiteten mich aus dem Laden.

Heulend nahm ich den dunkelbraunen Aufzug in die vierte Etage und zog den kühlen Schlüssel, der an einem Schnürsenkel um meinem Hals hing, unter dem T-Shirt hervor. Mutti war gerade angekommen.

Ich versuchte, mein verrotztes Gesicht zu verstecken. Das Bum Bum schmolz langsam in seiner Packung und war kurz davor, auszulaufen.

„Los, wir gehen da jetzt hin!“
Ich hing an der Hand meiner Mutter und humpelte einen Schritt hinter ihr her.
„Ich hab das Geld rausgegeben! Schau sie doch an! Ich hab keine zehn Mark bekommen, sondern nur fünf!“
Er wedelte mit einem Stapel Fünfmarkscheinen hin und her.
Mutti schaute mich enttäuscht an. Sie versuchte noch etwas zu sagen, gab dann aber der verscheuchenden Bewegung nach.

„Hast du wirklich nicht gelogen?“, fragte sie mich kurz vor der Haustür.
„Das waren die letzten zehn Mark! Die von Tante Astrid!“
„Musst du das Geld denn alles in Süßigkeiten stecken? Davon könntest du dir doch Bücher kaufen.“
Ich zuckte mit den Schultern.
„Wir nehmen die Treppe!“
Mutti zog mich hinter sich her. Ich heulte und schnaufte. Versuchte zu atmen, aber es blieb nur ein Keuchen. Meine Oberschenkel rieben aneinander, und ich erinnerte mich an das kühle, knallrote Bum-Bum-Eis, das in der Küche lag.

Ich machte meine Hose auf und ließ sie an meinen Beinen runterfallen. Schmierte mir dick Penatencreme, die ich heimlich aus dem Bad mit in mein Zimmer genommen hatte, zwischen die Oberschenkel. Ich zog die Hose wieder hoch, legte mich auf mein Bett und passte dabei auf, mich nicht an dem beigen Hängeschrank zu stoßen. Ich drehte eine Barbiepuppe mit abgeschnittenen Haaren auf meinen Bauch hin und her. Der Rotz lief mir auf meine Lippen, und ich leckte ihn ab.
Mutti klopfte. „Machst du das Abendbrot fertig?“
In der Küche machte ich als erstes das geschmolzene Bum Bum auf, zog den Kaugummi raus und schob ihn mir in den Mund. Ich schmiss den Rest in den Müll und wischte die rote Lache, die es auf dem Küchentisch hinterlassen hatte, weg. Ich legte zwei Brettchen auf den Tisch und zwei Messer. Schnitt mit der beigen Brotschneidemaschine, die auch bei Tante Astrid in der Küche stand, zwei Scheiben Brot ab und holte Wurst, Käse und Frischkäse aus dem Kühlschrank. Butter gab es nicht zum Abendbrot. Ich füllte noch zwei Gläser mit Leitungswasser, spuckte den Kaugummi wieder aus und rief Mutti.

Wir aßen die eigene Brotscheibe und waren still. Irgendwann erzählte Mutti von ihrer Patientin, die Essen in ihrem Zimmer umhergeworfen hatte, nach ihrer Narkose. Grießbrei mit Kirschen lässt sich nur schwer von der Wand wegmachen.

Ich lutschte langsam an der ersten, angewärmten Gummischlange und fing an, das Bild einer Prinzessin auszumalen. Alle Buntstifte waren stumpf, einen Spitzer konnte ich nicht finden. Ich schaute mir einen Comic an, den ich bei der Bibliothek eingesteckt hatte. Es dauerte nur fünf Minuten, ihn zu lesen. Die zweite Gummischlange aß ich mit großen Bissen, so dass ich meinen Kiefer viel bewegen musste. Ich machte meinen Walkman an und legte mich mit Kopfhörern aufs Bett. Ich schaute aus dem Fenster und hörte grau.

Mutti kam in mein Zimmer und roch nach öliger Seife.
„Los, mach dich bettfertig.“
Sie blickte auf den Rest der zweiten Gummischlange.
„Du weißt, ich mach mir nur Sorgen.“
„Ja.“

Sie sah die Penatencreme auf meiner Bettkante liegen und schaute erst sie und dann mich fragend an. Ich zuckte mit den Schultern. Mutti strich mir über den Kopf und nahm die Penatencreme mit zurück ins Bad.

Es war Samstag. Mutti war schon los zur Arbeit.
Ich zog meinen Badeanzug direkt an. Stopfte ein Handtuch in den geblümten Beutel, fand noch ein Trinkpäckchen. Ich schmierte mir ein Brot mit Butter und aß es vor dem Fernseher. Es lief nur was mit Erwachsenen.
Dann klingelte ich bei Nadine. Niemand machte auf. Vielleicht waren sie ja im Urlaub oder gemeinsam einkaufen. Ich machte noch einen Umweg zu Lena. Dort machte auch niemand auf. Das dunkelgrüne Auto stand nicht in der Einfahrt.

Ich lief weiter bis zum See. Viele Gruppen waren schon da. Ich lief noch ein bisschen weiter bis zu der Bucht, wo Nadine und ich manchmal tauchen übten. Die Stelle war noch frei. Ich zog meine Hose aus, die wunde Stelle zwischen meinen Beinen tat sofort weh, als sich die nackte Haut berührte. Ich ging schnell ins Wasser bis zum Bauch, obwohl das Wasser extrem kalt dafür war. Ich schwamm hin und her, machte ein paar Rollen, ließ mich auf dem Rücken treiben und übte kraulen. Am Ufer setzte ich mich auf den Boden und umschlang mich mit dem Handtuch. Mit einem Ast malte ich Dinge in die Erde. Zutschte das Trinkpäckchen aus, welches nach künstlicher Orange und Zucker schmeckte. Ich zog wieder meine Hose an. Der Badeanzug durchnässte sie, und ich lief nach Hause. Ich schob einen Daumen in die Gürtelschlaufe der Hose, damit sie nicht runterrutschte. Sven und Felix fuhren auf ihren Fahrrädern an mir vorbei und lachten, weil es so aussah, als hätte ich eingepisst.

Zu Hause legte ich mich wieder auf mein Bett und verpasste der Barbie endgültig eine Kurzhaarfrisur. Die Penatencreme benutzte ich diesmal im Bad und tat sie an dieselbe Stelle im orangenen Spiegelschrank zurück.

Mutti kam nach Hause und hatte mir ein Kleid mitgebracht. Es war wunderschön.
„Es ist aus Jersey“, meinte Mutti. Es war hellblau, dehnbar und hatte viele kleine, gelbe Blumen drauf. Feine Linien durchzogen den genähten Stoff und machten ihn ganz weich. Ich ging in mein Zimmer, um das Kleid anzuprobieren, worüber Mutti nur den Kopf schüttelte. Es passte gerade so. Mein Schweiß lief mir direkt unter die Arme und hinterließ runde Flecke. Die Nähte an den Armen schnitten ein. Ich hoffte, dass das niemand bemerken würde. Das Kleid legte sich um meinen Bauch, und wo mein Bauchnabel war, zeichnete sich eine runde Delle ab. Ich stellte mich auf einen Hocker im Bad und schaute mich an. Ich tippte auf jede Blume. Es waren genau 91 Blüten.

Mutti drückte mir einen Kuss auf die Stirn und wollte gleich eine große Runde spazieren gehen. „Man muss sich ja jeden Tag bewegen“, meinte sie.

Mutti war nochmal kurz im Bad, und ich schnitt vorsichtig mit meiner gelben Bastelschere, in der mein Daumen immer kurz stecken blieb, die Ärmel an der Innenseite des Kleides auf, damit es nicht mehr so spannte.

Als die letzten Reste der Penatencreme weggerieben waren, schmerzte Laufen wieder. Ich versuchte, so zu tun, als wäre nichts. Die Wunde fühlte sich noch größer an.
„Was ist denn los?“, fragte Mutti. „Du läufst so komisch.“
„Nichts! Nur ein Mückenstich.“
„Mach Spucke drauf!“

Ich leckte meine Finger an und schob die Finger unter mein Kleid. Für ein paar Minuten half es tatsächlich. Ich machte diese Bewegung alle paar Meter.
„So schlimm kann der Mückenstich gar nicht sein.“
Mutti und ich schauten noch einen Film zusammen. Dazu gab es geschnittene Apfelstücke. Ich saß breitbeinig auf der Couch und legte meine Fußflächen flach einander, damit sich meine Oberschenkel nicht berührten. Mutti und ich lachten viel über Mrs. Doubtfire. Als ich Zähne putzen ging, stahl ich wieder die Penatencreme aus dem Bad und machte eine noch dickere Schicht auf die Wunde, bevor ich eine Schlafanzughose, die sofort an der Creme festklebte, darüber zog. Meine Finger stanken inzwischen penetrant nach der öligen Creme.

Am Sonntag wollte Mutti, dass ich wieder mein Kleid anziehe, aber ich weigerte mich. Sie schimpfte fast, weil sie dachte, dass es mir nicht gefällt. Ich erklärte, dass ich Kleider beim Baden doof fände und dass, wenn Nadine morgen zurück wäre, ich ihr es gleich zeigen könnte. Das beruhigte sie.

Mutti und ich packten zusammen einen Korb mit Decke, Handtüchern, Äpfeln und ein paar Broten mit Käse. In der anderen Hose konnte ich wenigstens ohne Schmerzen zum See laufen. Wir gingen zu unserer üblichen Stelle, nahe beim Wasser, umgeben von großen Familien mit vielen Kindern. Mutti mochte es, so viele Menschen um sich herum zu haben. Wir zogen uns aus. Ich hatte meinen Badeanzug schon zu Hause angezogen. Muttis Blick fiel auf meine Oberschenkel, auf denen immer noch eine dicke Kruste Penatencreme klebte. Ich zuckte mit den Schultern.

Mutti und ich hatten Spaß im Wasser. Wir schwammen um die Wette. Ich zeigte, wie tief ich tauchen konnte, wie gut meine Rollen inzwischen geworden waren und wie lange ich die Luft anhalten konnte. Mutti zwang mich nach dem Wasser, den Badeanzug vor all den Menschen auszuziehen und trockene Unterwäsche wieder anzuziehen. Sie meinte, ich sollte mich nicht so haben.

Am Montag machte Nadines Bruder auf. Nadine und ich gingen in Richtung Fußballplatz, weil es zu kalt zum Schwimmen war. Bei Lena war die Einfahrt immer noch leer. Ich hatte mein Kleid an und versuchte, nicht zu humpeln. Ich konnte spüren, dass Nadine mich genau anguckte.
„Hast du das neu?“
„Ja! Seit Samstag!“, sagte ich und fuhr mit meinen Händen über den Stoff, als hätte ich Seitenstechen.
„Weiß deine Mutter deine Größe nicht?“
Ich schaute weg und zuckte mit den Schultern.

Wir spielten in dem Waldstück hinter dem Fußballplatz. Wir sammelten Äste und bauten Haufen, die wir wieder kaputt machten. Nadine erzählte mir von ihrem Wochenende. Sie waren in Berlin gewesen, bei ihrer Tante. Es gab Torte, und sie waren in einem Museum. Das fand sie aber langweilig. Zu viele Bilder. Ihre Cousinen waren nicht mit.

Wir liefen noch tiefer in den Wald und sammelten kirschfarbene Beeren, weil Nadine gehört hatte, sie würden gegen Pickel helfen. Ich ließ ein paar der Beeren vorsichtig in der vorderen Tasche meiner Umhängetasche verschwinden. Die Stelle rieb sich klebrig.

Zu Hause fischte ich die schon angedrückten Beeren aus meiner Tasche und drückte sie mir fest auf eine der Blüten auf meinem Kleid. Die Beerenreste spürte ich kalt durch den Stoff hindurch. Ich riss der Barbie den Kopf ab.

Mutti schimpfte sofort. Dass ich hätte aufpassen sollen. Sie würde mir nichts Neues mehr kaufen. Wenn ich nicht sorgfältig mit den Sachen, die sie mir besorgt, umgehen könnte, hätte ich sie nicht verdient. Dass ich erzählte, Nadine sei es gewesen, milderte ihre Wut nicht. Ich müsste schon selbst aufpassen.

Am nächsten Morgen zog ich das Kleid wieder aus dem Mülleimer und schnitt unbefleckte Stücke mit der gelben Schere heraus. Ich packte ein Stück in Grimms Märchenbuch, welches noch offen auf meinem Fußboden lag. Ich suchte nach Nadel und Faden in dem braunen Faltnähkasten, in dem ich früher gerne kleine Dinge versteckte oder mir die bunten Fäden anschaute, und nähte ein Stück unbeholfen an eines meiner gelben T-Shirts, so dass es eine kleine Tasche wurde. Ich brauchte ewig, um den Faden durch die Nadel zu bekommen und den Faden zu verknoten, obwohl ich Mutti dabei schon oft zugesehen hatte. Die Tasche wurde schief und stand ab, weil ich mit der Bastelschere keine sauberen Kanten schneiden konnte, aber es waren vier Blüten darauf. Ich strich mit meinem Finger immer wieder über den weichen Stoff. Mutti lächelte, als sie es später bemerkte. „Vielleicht sollten wir dir bald eine Nähmaschine besorgen“, meinte sie. An meinen Beinen lief Blut entlang.

Lektorat: Carolin Krahl und Olivia Golde

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