PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Working for Paradise

von Hanna Mittelstädt

Working for Paradise war der Titel, den Klaudia Ruschkowski einem Workshop über Heiner Müller zur Feier seines 80.Geburtstages posthum in Berlin und Neapel gegeben hat. Das war vor zehn Jahren. Heiner Müller war für mich nicht wichtig, das sagt natürlich nichts über sein Werk, nur war es eben so. Ich mochte seine melancholisch schnarrende Stimme, die hin und wieder im Radio auftauchte, vor der sogenannten Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten und auch danach. Ich mochte auch die provokativen Titel seiner Texte und Theaterstücke, aber irgendwie war das für mich nicht der Weg ins Paradies, sondern einer, der noch stark im Grauen der Hölle, der Todesmaschinen verhaftet war. Klaudia brachte eines Tages in die Edition Nautilus die Idee einer Schriftenreihe mit Texten verschiedener Autoren und Autorinnen, die sich mit Heiner Müller auseinandersetzen würden. Der erste Band dieser Schriftenreihe hatte den Titel Die Sonne zergeht auf der Zunge und umfasste neben Texten Heiner Müllers solche der libanesischen Autorin und bildenden Künstlerin Etel Adnan. Der Titel klang verheißungsvoll, auch wenn, bei genauerem Lesen von Etels Texten, es sich auch bei ihr um eine Auseinandersetzung mit der Hölle handelte, vor allem der Hölle der Kriege im Nahen Osten.

Aber definitiv hat Etel Adnan für das Paradies gearbeitet. Sie hat sogar mit ihrer Kunst eine Art Paradies geschaffen. Wer ihre Malerei kennt, die strahlenden Farben, die betörende Ruhe der Einfachheit, wer ihre Poesie liest, die Transparenz und Transzendenz ihrer Texte, der darf sich in einem temporären Paradies fühlen. Darf das tiefe Glück einer individuellen Freiheit spüren.
Die Malerei und Poesie Etel Adnans waren für mich Schritte in Richtung Paradies – sie zu entdecken und daran mitzuarbeiten, indem wir einen großen Teil ihrer Texte, die Klaudia übersetzte und herausgab, in Buchform veröffentlichten. Dahin war ich also, gegen Ende meiner Verlagstätigkeit, gegen Ende einer politisch verstandenen publizistischen Tätigkeit, gelangt. Zu einer Art Freiheit, das alles zu vereinen: die politische emanzipative Haltung des 68er Impulses, die Freude am Genuss, an etwas, was man einfach als „schön“ empfindet, die Loslösung von herkömmlichen Vorstellungen der „politischen Arbeit“, der „politischen Literatur“.
Natürlich war „Working for Paradise“ der Sinn all unserer langjährigen publizistischen und politischen Arbeit. Das Paradies sollte möglichst umgehend beginnen, und es hat auch immer wieder stattgefunden: die unmittelbare Bereicherung durch Freundschaften und die Verwirklichung von Projekten, die Selbstermächtigung für die selbst gesetzten Werte. Es ging um den Reichtum an Lust, an Wissen, an Autonomie. Ein Buchverlag mit angeschlossener Zeitschrift ist ein gutes Spielfeld zur Erlangung dieser Reichtümer. Ist auch ein sehr gutes Übungsfeld zur Erlangung von Ausdauer, Demut und Hartnäckigkeit.

Ein Verlag ist nichts als ein Rahmen, in dem man ständig wieder neu ansetzt. Man besitzt nichts von materiellem Wert, ein großer Haufen Bücher kommt im Laufe der Zeit zusammen, die meisten sind nach kurzer Zeit für materielle Erwartungen wertlos. Aber sie alle beinhalten Erfahrungen, sie beinhalten auch paradiesische Vorstellungen, auch Erkenntnis. Die Welt wäre besser, wenn sie alle gelesen und beherzigt worden wären. Jedes Exemplar ist eine kleine Chance auf gesellschaftliche oder individuelle Veränderung.
Durch den Verlag durfte ich lernen, dass es unendlich viele Wege zum Paradies gibt, und dass sie alle durch die Hölle gehen: nicht unbedingt für jede einzelne durch Todesmaschinen und Kriege, aber doch durch die Lasten, die eine Gesellschaft der Unfreiheit, global und lokal, auf die Schultern drückt. Die Schwierigkeit, diese Lasten loszuwerden. Die Verweigerung, Opfer zu bleiben, die titanische Anstrengung, die eigene Autonomie zu erlangen. Sie zu erkennen: Wie sieht sie eigentlich aus, und wie ist der Weg zu ihr?

Meine Beschäftigung mit den Situationisten fräste mir die Bedeutung des Spiels in die Vorstellung vom Paradies. Ich werde es nicht geschenkt bekommen, weder das Paradies noch das Spiel, ich muss es selbst tun, mit anderen. Und das wird ein langer Prozess sein, wenn es um ein allumfassendes Spiel geht, um das Spiel als solidarische gemeinschaftliche Lebenshaltung. Es war auch ein steiler und steiniger Weg voller Härten. Training, wie beim Bergsteigen.

Franz Jung und die Technik des Glücks kamen dazu, während wir mehr als zehn Jahre lang an der erstmaligen Herausgabe des Gesamtwerkes dieses radikalen Autors und Politaktivisten arbeiteten. Franz Jungs Vermächtnis aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für uns Nachgeborene: die Befreiung der inneren Blockaden, die analytische Schärfe der Sicht auf die gesellschaftlichen Zustände, die Kritik politischer Institutionen jeder Art. Die Distanz zu allen Ismen, zu allen Zwängen und Festschreibungen. Auch wenn das auf den Weg nach unten führen kann, wie seine Autobiographie tituliert ist.

Immer im Spiel bleiben. Nicht Recht haben wollen. Das ist politisch wie persönlich die Hohe Schule des freien Miteinanders. Und die Akzeptanz der Differenz lag nicht unbedingt von Anfang an auf unserem politischen Weg. Als Nachkömmlinge der Situationisten wollten wir dem Rest der Genossinnen und Genossen anfangs schon beweisen, dass man uns zwar marginalisieren konnte, dass wir aber doch die schärfsten Waffen der Kritik hatten. Die Bewegung der aufständischen Zapatisten in Chiapas, Mexiko, 1995 hat viel zur Demut meiner Einschätzungen beigetragen. „Fragend schreiten wir voran“, sagte deren Sprecher, Subcomandante Marcos, und wir hatten vorher schon gewitzelt: Die Avantgarde bleibt hinten, definitiv schreitet sie nicht voran, um Richtung und Ziel vorzugeben!

Das Projekt der Edition Nautilus ist, solange ich dabei war, kein „Weg nach unten“ geworden, sondern einer nach oben, könnte man sagen. Der Verlag hat sich als Institution konsolidiert, die fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben ihn auf stabilen Füßen übernommen, als ich ihn nach dem Tod des Mitgründers und meines Lebensgefährten Lutz Schulenburg verließ. Mein Leben ist auch konsolidiert, im Sinne eines Einverstandenseins mit den Erfahrungen und Erlebnissen dieser über 40-jährigen Tätigkeit.

Die Schriftenreihe der Heiner-Müller-Gesellschaft wurde nach der Herausgabe des einen Bandes eingestellt, ein Misserfolg, wie so unendlich viele Projekte. Trotzdem und ganz sicher war dieser Band ein Meilenstein auf dem Weg ins Paradies. Es gibt ihn auch noch im Verlagslager, man kann sich persönlich davon überzeugen!

 

 

 

 

Lektorat: Eva Schörkhuber, Olivia Golde, Carolin Krahl

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