PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

wir nennen dich sabbi

von Sofie Lichtenstein

wir nennen dich sabbi. ja, das ist von uns, sagen wir unseren eltern. sagen wir unsern eltern, die uns fragen, von wem das ist. echt jetzt, das ist von uns. aber mama sagt, sie findets nicht gut. er kann nix für seine spucke am mund, sagt mama, er kann nix dafür, wie er ist. aber, naja, das ist doch nicht von uns, dass wir ihn sabbi nennen. sabbi war schon da, bevor wir gekommen sind. wir sehen ihn immer am bollwerk oder am kirchplatz. sehen ihn immer in grüner jacke und mit kopfhörern. die hose überm bauchnabel. wie das aussieht, mit seinen ekligen zähnen und seinem schiefen blick, richtig behindert. behindert finden wir das. wir nennen dich sabbi.
sabbi, komm mal her. die jungs drüben mit den trikots, guck – siehste se? die haben gesagt, sie kaufen uns ne cola, wennse beim fußball gegen uns verlieren. haben sie aber nicht gemacht, sabbi. hamse nich gemacht. richtig gut, dass du schon groß bist. ey, alter, verklopp die mal. wir haben durst. sabbi, verklopp die mal bitte. sabbi – sabbi – warum gehst du nicht hin, sabberfritze? komm, mach mal, hau denen mal in die fresse. wir wollen cola – wir wollen cola. wir haben durst. wir wollen cola. wir wollen wirklich cola. – aber nix. warum machstes nicht? du bist groß und verteilst keine kloppe. die scheiß knirpse hams aber verdient, kapierstes nich? hörste nicht zu? guckt mal, der hört nicht zu. sie haben ihr versprechen gebrochen, und du verkloppst se nicht. reagierst gar nicht. du willst uns bloß eine cola kaufen. fragst, ob wir eine haben wollen. dankeschön, sabbi, sagen wir. wir wollen aber auch, dass du sie verkloppst, okay?
wir nennen dich sabbi. wenn wir die mädchen oder unsere schwestern ärgern wollen, sagen wir, die sind in dich verliebt. verliebt in sabberfritze. ei, ei, ei, was sehn wir da/ ein verliebtes ehepaar/ noch n kuss/ dann is schluss/ weil die braut nach hause muss/ warum darf der mann nicht mit/ weil er in die scheiße tritt. weil er in die scheiße tritt, singen wir am ende immer, und die mädchen flippen aus und schreien uns an. schreien uns an, weils für die nix schlimmeres gibt, als gesagt zu bekommen, dass sie mit dir knutschen wollen. sie mögen keinen sabber. weils eklig ist, sabbi.
sabbi, komm mal her. siehst du das frisbee hinterm zaun? wir brauchen deine hilfe. guck mal, andrina hats rübergeworfen und wills nicht holen. sie wills nicht holen, obwohl sies rübergeworfen hat. aber sie wars ja, sabbi. verstehst du, was wir meinen? sie hats rübergeworfen, unser frisbee, und jetzt holt sies nicht. unser frisbee. sabbi, hol uns bitte das frisbee. wir wollen es wieder haben. wir kommen da nich rüber. wir sind zu klein. unsere hand tut auch weh. und die würden uns bestimmt anschnauzen, wenn wir selber rüberklettern und die scheibe holen. das sind die eltern von lydia, und lydias eltern können uns nicht leiden, weil lydia uns nicht leiden kann. lydia ist ne blöde kuh, sabbi, die hasst uns richtig. holst du bitte das frisbee? tus für uns. bitte, bitte.
wir nennen dich sabbi. du müsstest mal zum zahnarzt. deine zähne sind richtig schief und voller zahnteufel. richtig schief und voller zahnteufel, sagen wir allen, und niemand antwortet. wir wissen nicht, warum, denn bei uns würde das gar nicht gehen. wir wissen von mama und von der schule, dass man das nicht darf. dass man keine zahnteufel haben darf. haben wir welche, gibts ärger, doch wenn wir dich ärgern wegen deiner ekligen zähne, dann wird mama sauer und sagt, wir sind böse. also ist mama auch böse, wenn wir mit ihr ärger kriegen wegen zahnteufeln. wir kriegen ärger, aber du nicht, sabbi.
sabbi, komm mal her. bei bäuerles gibts so ne spirale. ne bunte spirale, die die treppen runterhoppst. wie ein regenbogen. sarah hat so eine, nur wir nicht. nur wir nicht, sabbi, das ist richtig scheiße. sarah hat alles, immer. sie kriegt alles geschenkt, von ihren freunden. wir haben keine freunde, die uns sowas schenken. nee, mama kauft sie uns nicht. sie kauft sie uns nicht, obwohl wir gesagt haben, wir sind traurig, dass wir keine bunte springspirale haben. obwohl wir gesagt haben, dass wir auch gerne eine hätten. dass wir traurig sind. soll ich se dir mal zeigen? lass mal schnell hingehen. da hinten, siehstes? hallo. nein, nix süßes, wir gucken erstmal nur. siehstes? richtig geil, oder? ich weiß nicht, wie teuer, ich glaub, drei mark. ja doch, drei mark. haste zufällig drei mark, sabbi? wir könnse uns ja teilen, die springspirale.
wir nennen dich sabbi. nein, wir sind nicht mit dir befreundet, sagen wir. du kommst halt nur immer am bollwerk und am kirchplatz vorbei. die anderen machen sich lustig über uns. machen sich lustig über uns und fragen, ob wir mit dir knutschen wollen. wollen wir natürlich nicht. aber sie hören nicht auf. glauben uns nicht, dass wir nicht mit dir befreundet sind; dass wir dich nicht genauso eklig finden wie sie. und das nur, weil wir gesagt haben, dass du auch ziemlich nett bist. hätten wir das nur nicht gesagt, sabbi.
sabbi, bleib da. bleib am besten da, wo du bist. du aber stellst dich neben uns und sagst, dass du dich in uns verliebt hast. vorher warst du in sarah verliebt. jetzt in uns, sagst du. dauernd verliebst du dich, sabbi, und in alle gleichzeitig. dir egal, wie jemand aussieht. nur fies zu dir, das darf man nicht sein. in fiese hast du dich noch nie verliebt. wir sind nicht in dich verliebt, sabbi. aber wir können ja trotzdem was zusammen machen, fußball spielen oder so.
wir nennen dich sabbi. weil unsere schwestern dich so nennen und unsere brüder, unsere freunde und feinde. weil du auf den namen hörst. du weißt ja selber, dass du sabberst, ne? und trotzdem hörst du nicht auf. alle lachen dich aus, und du sabberst und nuschelst weiter. benimmst dich weiter behindert. und wenn du einfach damit aufhörst und dir die zahnteufel wegmachen lässt?
sabbi, geh weg. frag nicht, hau einfach ab. die anderen gucken schon, mann. nein, warte mal, sei nicht traurig – morgen, ja? morgen. jetzt aber gehts nicht, du musst jetzt wirklich abhauen. wir müssen los. müssen los, butze guckt schon, grinst schon. grinst und fragt, was wir bei sabberfritze machen. gar nix, sagen wir. gar nix. butze glaubt uns nicht. wir sind peinlich, denkt er. das sieht man richtig in seinem gesicht. wir haben sabbi nur verarscht, echt, sagen wir. jakob, maria, und die anderen kommen dazu. kommen dazu, und butze petzt, dass wir mit dir geredet haben. wir haben ihn nur verarscht, mann. die anderen machen iiih und lachen. butze ruft nach dir. ey, sabbi, komm mal her. nein, sabbi, bleib wo du bist – scheiße, komm nicht her. wir müssen weg. müssen weg, sagen butze, ey, komm mal mit uns zum spielplatz, da gibts ne richtig geile höhle. gibts gar nicht, aber das weiß butze ja nicht. ey, lasst sabbi, der is doch langweilig, komm, lasst mal zur höhle, da ist es richtig geil. du kommst aber angedackelt zu den anderen. kommst angedackelt, weil du auf sabbi hörst, wann immer sabbi gesagt wird, und begrüßt butze, als wär er dein freund. hast du ne ahnung. butze fragt dich, warum du sabberst. du sabberst und grinst bloß, weißt gar nicht, was er meint. und auf einmal hast du den im gesicht, den dreckklumpen, zuckst zusammen. du grinst nicht mehr. butze lacht, die anderen auch. lacht und schmeißt den zweiten, dritten, den zehnten. die anderen auch. aber nicht alle. du willst, dass sie aufhören, sabbi, und bleibst stehen. geh weg, sabbi, hau doch endlich ab. kapierst dus nicht? du bist schwul und behindert und n spasti und n krüppel und schwul und schwul und behindert, sagen butze und jakob, sagen alle anderen, und werfen mit dreckklumpen. aber nicht alle. butze schaut zu uns rüber. schaut zu uns rüber, und wir fangen an zu lachen, obwohl wirs nicht lustig finden. immerhin besser, als mit dreck werfen zu müssen. sabbi buh, fängt maria auf einmal an, sabbi buh. du wischst dir den dreck aus dem gesicht. und die anderen machen mit, sabbi buh, sabbi buh, sabbi buh, sabbi buh, sabbi buh, und butze schaut wieder zu uns rüber. sabbi buh, sagen wir leise und müssen plötzlich weg, so schnell es geht, als du in die anderen reinrennst, dir jemanden schnappst. wir rennen so schnell wir können.

 

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