PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Wer anderen eine Frage stellt

Tamara Imlinger

Der Raum ist heller als mein Schlafzimmer. Es ist still. Ich lasse mich in das Bett zurückfallen. Die Größe des Raums macht ihn hell.

Neben dem Bett, in meiner Hosentasche, klingelt das Smartphone. Ich setze mich auf den Boden, zwischen Bücher und Notizen, und antworte.
„Hilda! Bist du nicht noch in Australien?“
„Ich habe in einer Bar die Antwort auf alles gefunden. Heute Morgen war sie weg. Das ist wie Schrödingers Katze. Weißt du noch? Damals in Dorfstadt!“
„Hä, was war denn gestern los?“ Ich male mit einem Kugelschreiber kleine Kreise auf meinen Unterschenkel.
„Zum ersten Mal seit sechs Monaten habe ich Alkohol getrunken, viel zu viel noch dazu –“
„Aber du klingst fit heute.“ Ich versuche die Stellen einzukreisen, an denen Haare aus meiner Haut wachsen. Es sind zu viele.
„– und dann nahm ich wieder diese arrogante Haltung ein. Es ging um #metoo und zuerst euphorisierte ich, dass ich zum ersten Mal gespürt hatte, wie eine weltweite Bewegung entstehen könnte. Aber dann begann ich alles zu kritisieren. Ich wurde laut und dominant, mit dieser Selbstverständlichkeit: Ich muss es wissen, ich bin Expertin, und was weißt du denn schon!“
„Ich kenne das. Ich schreie dann immer persönliche Erfahrungen raus.“ Über einem ausgefüllten Kreis entsteht ein Rufzeichen.
„Manchmal kann ich gar nicht glauben, dass ich es bin, die da schreit.“ Ein Feuerzeug klickt. „Ich habe deine Frage gestellt. Sie eignet sich wirklich vorzüglich, um Menschen kennenzulernen.“
Aus dem Rufzeichen wächst ein Fragezeichen. Ich lächle und frage nach: „Die mit dem ersten Mal? Wen hast du gefragt?“
„Zwei Frauen in unserem Alter.“, sagt sie und bläst zügig den Rauch ihrer Zigarette aus, um weitersprechen zu können. „Die eine hat zum ersten Mal ihren Eltern Geld geborgt.“ Ich zeichne Wellen in Wuchsrichtung meiner Haare. „Und die andere hat ein Kind bekommen und deswegen viele erste Male erlebt.“

Nach dem Telefonat spreche ich in die Rekorder-App des Smartphones:
ich überlege
ob du überlegen
bist
ich überlege
ob ich überlegen
bin
ich lege
die Gedanken
übers Knie

Ich ziehe ein Rollo nach oben und schaue auf die Stadt hinunter. Ich öffne das Fenster, die Autos rauschen im Häusermeer. Ich genieße die Weite. Nebenan in der Küche ist jemand, der typische Klang, wie Besteck auf Porzellan trifft, dringt durch die Wand. Ich schließe das Fenster. Am großen Parkplatz neben dem Kulturzentrum liegt Schnee. Es sind keine Spuren zu sehen, wenige Autos stehen noch dort. Gestern war der Parkplatz voll, auch die Frauenparkplätze waren besetzt. Zwei Typen machten sich dort in einem Auto breit. Was hätte Hilda getan? Ich ging wortlos an dem Auto vorbei.

Hilda saß neben mir am Hörer, als ich an einem ersten April meinem Freund erzählte, dass ich schwanger sei. Wir mussten das Lachen unterdrücken. Sie hatte die Idee dazu gehabt.
„Wenn er kein Freund von Kondomen ist, musst du was unternehmen!“
„Ich habe es schon oft angesprochen. Soll ich nicht lieber Schluss machen?“
„Sag doch einfach, du bist schwanger!“
Tatsächlich war es so einfach.
Zu dritt organisierten wir Konzerte in Dorfstadt. Bald machten andere Jugendliche mit. Nie hätten wir gedacht, dass sich aus einem dieser ersten Konzerte ein kleines Festival etablieren würde, das bis heute immer zwischen Weihnachten und Silvester über die Bühne des Dorfstädtischen Kulturzentrums geht – heuer das erste Mal ohne Hilda und mich. Dort hatte ich das Debut mit meiner ersten Band. Beim Soundcheck gab es Streit, wer wo auf der Bühne stehen wird. Meine Bandkollegen drängten nach vorne und aus mir brach es heraus: „Sicher stehe ich vorne auf der Bühne, weil es wichtig ist, dass die Frau in der Band sichtbar ist!“ Als hätte ich mich von einer Last befreit, spürte ich zum ersten Mal, dass ich exakt dorthin gehöre, ins Scheinwerferlicht. Verschwunden war die Frage, ob ich auf einer Bühne stehen will.

Ich wasche mein Gesicht und blicke in einen Spiegel, auf dem ein Zettel klebt: „Reflections in this mirror may be distorted by socially constructed ideas of beauty.“ Aus dem Raum nebenan dringt der typische Klang, wie Besteck auf Porzellan trifft. Früher verrenkten wir uns vor dem großen Badezimmerspiegel in Hildas Elternhaus, um unsere Vulven zum ersten Mal anzusehen.
Ich komme in die Küche und stelle mich vor. Lara holt eine zweite Tasse aus dem Regal. Nachdem wir eine kurze Stille zulassen, frage ich geradeheraus.
„Was hast du im letzten Jahr zum ersten Mal gemacht oder neu begonnen?“
„Da gibt es tatsächlich etwas. Es fällt mir manchmal schwer, darüber zu reden.“ Lara schenkt uns ein und spricht weiter. „Ich habe begonnen, alles mit den Ohren zu tun. Ich habe begonnen mit den Ohren zu schreiben und mein Tagebuch hinterm Ohr zu verstauen.“ Sie setzt ab und prüft, wie ich reagiere. Dann holt sie Luft. „Ich habe begonnen zu hören. Ich habe zum ersten Mal mehr gehört, als uns die ganze Zeit vorgehört wird. Man ist ja ziemlich eingeschränkt in dieser Sichtweise auf die Ohren, wie sie in unserer Gesellschaft präsentiert werden. Ich habe gelernt, mit den Ohren zu tanzen und einen Ohrstand zu machen. Am liebsten mag ich es, wenn Kinder vorbeikommen. Es ist wichtig, Kindern zu zeigen, was mit den Ohren alles geht. Sie können das gut annehmen. Ich habe versucht, Erwachsene an meinen Entdeckungen teilhaben zu lassen. Das war schwierig. Kindern kann man die Nase stehlen und sie hinterm Ohr verstecken. Mir hat ja auch niemand gesagt, was alles geht: Ich esse mit den Ohren. Ich trinke mit den Ohren. Ich ohrse mit den Ohren. Ich will ganz Ohr sein. Komm!“
Lara nimmt mich an der Hand und zieht mich hinter ihr linkes Ohr. Dort steht ein Tisch mit zwei Stühlen und zwei Tassen Tee bereit. Wir setzen uns und nun fragt sie mich.
„Und was hast du im letzten Jahr zum ersten Mal gemacht?“
„Ich hatte zum ersten Mal einen Orgasmus bei einem One-Night-Stand, und ich habe mich tätowieren lassen – schau, hinter meinem linken Ohr habe ich den Abdruck einer Katzenpfote.“

 

More in Prosa #4