PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Vom Genossen Tan Tao lernen

„Tan Tao ist mein Sohn, doch sein Vater ist jeder Chinese.

Tan Jiao ist seine Mutter, doch jede Chinesin ist seine Mutter.

Ich habe ihn wachsen gesehen, mit dem Reis und den Bergen.

Aus welchem Leib ist er entsprungen? Aus chinesischem Himmel

oder aus chinesischer Erde. Ist Tao in China oder ist China in Tao?

Wer sein Vaterland betrügt, hat keine Tugend. Tan Tao hat Tugend.“

Der Zettel lag abgegriffen und gelb vor Tan Tao. Sein Vater hatte das Gedicht als Teil einer Wandzeitung überall im Dorf aufgehängt. Das Papier war schlecht und an der Ecke, an der Tan Tao es immer wieder hochhob, zerfiel es bereits. Mit den Bergen wachsen sehen. Was sollte das bedeuten? Er zog an der Zigarette, die er sich aus einem Fetzen der gleichen Wandzeitung gedreht hatte. Der Tabak schmeckte nach geräuchertem Fisch und brannte ihm auf der Zunge. In diesem Moment senkte sich die Sonne soweit in sein Fenster, dass er durch seine verschmierte Brille hindurch geblendet wurde. Aus chinesischem Himmel oder aus chinesischer Erde, eines von beiden musste es sein, sein Vater schien sich sicher. War er zum Herrschen geboren oder zum Dienen? War er der Sohn des Himmels, eine feudalistische Bezeichnung des Kaisers oder war er ein Sohn der Erde, ein Begriff, der einem Mangel an Schreibkunst seines Vaters entsprang. Tan Tao wischte seine Brillengläser an dem blauen Revolutionsanzug ab, den er für seinen Auftritt bekommen hatte. Das Leinen war so grob, dass es die Brille bloß in einem anderen Muster verschmierte. Er warf sie auf den Tisch und lehnte sich seufzend zurück, als Zhang Weixing an der Tür klopfte.

Um ihn herum waren nur Hügel und Schluchten. Alles hatte den gleichen beige-roten Ton des Sandes aus Shanxi. Aus Osten wehte ein leichter Wind, der Tan Tao mit Staub bedeckte, und ihn kaum sehen lies, wer alles vor ihm stand. Gestern, als er die aus den lehmigen Bergen geschaufelten Serpentinen hinaufgefahren wurde, hatte er es sehr wohl gesehen. Er, das Parteikomitee, der Parteisekretär von Shanxi, sein Vater, dann der Bürgermeister des Dorfes und der Genosse, der sich durch besondere Leistung hervorgetan hatte und nun den einzigen Traktor des Kreises, beladen mit all den Ehrengästen, den abschüssigen Weg hinauffahren durfte. Oben standen in zwei Blöcke geteilt die Dorfbewohner, dann die herangekarrten Soldaten der Volksbefreiungsarmee, welche die Gelegenheit nutzen sollten, den Dörflern zu zeigen, wie man schoss. Daneben die Jugendverbände der Kommunistischen Partei, links die Jungen, rechts die Mädchen und die restlichen Funktionäre. Sie hatten es sich nicht nehmen lassen, aus den benachbarten Kreisen hierher zu kommen, um Tan Tao zu hören, ihn zu sehen, wie er nach fünf Jahren in das Dorf zurückkehrte, in dem er geboren worden war, um den Bauern die proletarische und kommunistische Kultur zu zeigen. Tan Tao hatte Tugend. Vor ihm standen die Silhouetten seiner Genossen, er hatte sich schon an seinen Rednerplatz gestellt und grub seine Fingernägel in das raue Holz des improvisierten Pultes. Niemand von den Leuten hier konnte lesen. Die einzigen, die es sich leisten konnten, sich mit Literatur auseinanderzusetzen, waren die angereisten Funktionäre. Er hatte es von seinem Vater gelernt und hatte immerzu geschrieben, um dem Alltag der Schweinezucht zu entkommen. Er hatte von ihrem Hof erzählt und wie sie von den Nationalisten ausgenommen und wie gut sie von den Kommunisten behandelt wurden, als diese nach Yan’an marschierten. Das gefiel der Partei. Schnell wurde er aus dem Dorf geholt, um vor den im Umland stationierten Truppen zu lesen, dann, um vor anderen Dörfern und neu gegründeten Räten aufzutreten.

Zhang Weixing trat zu ihm, Tans Knöchel waren weiß, so sehr krallte er sich in das Pult. „Genosse Tan, wir sind fertig, du kannst lesen.“ Doch Tan Tao rann der Schweiß herunter. Die letzten schweren Böen heißer Luft wehten über die Hügel, bevor sie von der unerbittlichen Kälte der nächtlichen Ödnis abgelöst würden. Tan Tao wünschte sich Kälte. Er wollte sich in den nassen Lehm am mehrere Kilometer entfernten Fluss legen. Er konnte diesen Leuten nichts erzählen. Alles was er schrieb, wussten sie bereits. Eine Person fiel ihm auf, die geduldig, mit einem Kind an jeder Hand, im Hintergrund wartete. Es war Tan Lin, seine Frau. Er konnte ihr Gesicht nicht erkennen, immer noch blendete ihn die Abendsonne. Er wusste nicht, ob sie ihn anschaute, er wusste nicht einmal, ob er sie grüßen sollte. Seit er wieder hier war, hatte er noch keine Zeit gehabt, sie zu sehen. In den fünf Jahren hatte er ihr nur einen Brief geschrieben. Er hatte viele Pflichten gegenüber seinem Land, gegenüber seinen Volksgenossen. Aus Liebe hatten sie damals nicht geheiratet. Kinder mussten her, egal wie. Von Liebe hatte Tan Tao bisher nur aus Büchern erfahren, und darüber zu schreiben, traute er sich nicht. Die Partei wollte auch nichts von Liebe hören, wenn es nicht die Liebe zur Partei war. Endlich wurde ihm sehr kalt. Da entstand eine Unruhe unter den Sekretären und Funktionären und Zhang Weixing kam zu ihm gerannt. Er schien nicht zu wissen, ob er lachen oder weinen sollte. „Genosse Tan, wir sollen noch warten, die Genossin Kulturrätin scheint extra aus Yan’an anzureisen, aber sie sind auf der Strecke liegen geblieben. Sie schicken ihnen Leute mit einem Automobil entgegen, es kann nicht mehr lange dauern.“ Und dann kam der Genosse Parteisekretär von Shanxi zu ihm und sagte ihm nochmal genau das Gleiche.

Tan Tao saß im lehmigen Nachtwind und hatte von der Wandzeitung bereits alles verraucht, außer das Gedicht seines Vaters. Nun fragte er sich, ob er oben oder unten abreißen sollte: „Tan Tao ist mein Sohn, doch sein Vater ist jeder Chinese.“ Oder: „Wer sein Vaterland betrügt, hat keine Tugend. Tan Tao hat Tugend.“ Er entschied sich dafür oben anzufangen und das Gedicht in seiner Gänze zu zerstören. Sein Vater hatte es von links nach rechts drucken lassen, was sehr modern war. Seine Frau harrte noch immer aus, als Zhang Weixing zu ihm kam und sagte, die Lesung werde auf den nächsten Tag verschoben, da die Genossin Kulturrätin nicht mehr kommen würde. Das zweite Automobil sei auch stecken geblieben. Eine aufkommende Böe zerrte an der Glut seiner Zigarette. Tan Tao zuckte nur mit den Schultern. Warum nicht, es war besser so. Sie hatten genug zu tun und dieses Spektakel, das die Partei für ihn aufführte, lastete ihnen schon jetzt schwer auf den Schultern. Das Essen, der Schnaps, das waren Rationen für Monate. Alles für die geistige Genesung des Volkes, zur Bildung einer proletarischen Kultur. Auf dem Heimweg riss Tan Tao mehr Wandzeitungen ab, als er zum Rauchen brauchte.

Es war mitten in der Nacht, als Zhang Weixin plötzlich in Tan Taos unruhigen Träumen erschien. Er klopfte an der Tür, um ihm mitzuteilen, dass er doch vorlesen müsse. Immer und immer wieder klopfte er an Tan Taos Tür, weil die Kulturrätin jetzt seine Lesung hören wollte und es unhöflich von ihm sei, eine Parteigenossin warten zu lassen. Er rollte sich hin und her, es war ihm unmöglich aufzustehen. Er wollte rufen, doch es kam nur ein leises Röcheln aus seinem Hals. Da weckte ihn Zhang tatsächlich, mit besorgtem Blick: „Genosse Tan, der Parteisekretär möchte dich sehen. Ich glaube die Genossin Kulturrätin ist da.“

Sie trafen sich in einem Schuppen, der nun als Gemeinschaftssaal und Essensraum genutzt wurde. Die Bauern hatten im letzten Monat damit begonnen, alle zur gleichen Zeit Pausen von der Arbeit zu machen, um gemeinsam essen zu können. Es waren Koch- und Spülschichten eingerichtet worden. Die Genossin Kulturrätin schaute ihn nicht an, als er den Raum betrat. Vor ihr stand ein Stuhl, so platziert, wie ein Auftritt im Theater. Erst als er saß, trafen sich ihre Blicke und die Genossin lächelte. Ihre Augen waren offen und rund, ihre Gesichtszüge waren die einer Nordchinesin, einer Han, und Tan Tao kam sich mit seiner ländlichen Herkunft sofort wie ein Bauerntölpel vor. Ihre Haare waren zu einem dicken Zopf geflochten, der ihr über die linke Schulter hing und auch sie trug einen Revolutionsanzug. Sie hatte ihn sich zu einer Hose und einem Blazer umgenäht, was sehr westlich und elegant aussah. Sie trug lockere Sandalen aus braunem, halb durchsichtigen Plastik und ihre Füße zeigten keine Anzeichen davon jemals geschnürt oder abgebunden worden zu sein. Es roch nach Yasmin.

„Genosse Tan“, begann sie, „Es geht um deine Lesung morgen. Und deine Lesungen in nächster Zeit.“ Ein Junge kam mit einem dampfenden Topf herein und stellte ihn vor Tan Tao auf den Tisch. Da fiel ihm auf, dass noch weitere Personen im Raum waren. An einem Nachbartisch saß ein mit Lehmstaub bedeckter Mann, der sein Gesicht in den Armen vergraben hatte und schlief. „Iss nur, iss!“, sagte die Genossin. Sie hob den Deckel, der Topf war voll mit Flusskrebsen und Muscheln. Es duftete nach Ingwer und Zitrone, nach Koriander und südlichen Pfefferschoten. Sie legte ihm eine fette Krabbe in seine Schüssel mit Reis. Selbst nahm sie sich auch eine Krabbe und begann sofort die Scheren und Arme zu zerbrechen und mit den Zähnen das Fleisch herauszuziehen. Dabei lachte sie ihn immer wieder an. Tan Tao hatte keinen Hunger.

Die Genossin erzählte ihm mit vollem Mund über die Schriftsteller, die sich der Partei in Yan’an angeschlossen hatten und wie nun Arbeiter und Bauern mit den Intellektuellen zusammenarbeiten müssten und alle ihren Teil dazu beitrugen, die veraltete Gesellschaft zu überwinden. Die beisitzenden Genossen nickten, tief über ihre Schüsseln gelehnt und manchmal wiederholten sie zustimmend und schmatzend einzelne Phrasen der Genossin, wie „Modernisierung“ oder „Klotz am Bein“.

Als Tan Tao seine gefaltete Wandzeitung aus der Tasche nahm, um sich eine Zigarette zu drehen, bot ihm der Fahrer eine fertige an. „Nimm nur!“ und Tan Tao griff zu. Sie war fest gestopft und das Papier war weiß und sauber.

Die Genossin Kulturrätin setzte nach einer längeren Pause wieder an: „Ich will nicht, dass du deine Texte weiter vorliest.“ Tan Tao musste husten. Sofort stand die Genossin auf und brachte ihm ein Glas Tee.

„Zumindest nicht die über die Nationalisten. Du kannst das mit Sicherheit verstehen, Genosse. Deine Erzählungen sind zu antinational.“ Sie machte eine umfassende Geste und die Genossen nickten. „Wir stehen im Krieg mit Japan, wenn noch nicht heute, dann nächsten Monat, und wenn noch nicht nächsten Monat, dann nächstes Jahr. Wir werden Japan nicht aus der Mandschurei vertreiben können, wenn wir nach Norden kämpfen, während uns von Süden die Nationalisten in die Beine schneiden. Was es jetzt braucht, ist ein Waffenstillstand! Nicht nur des Schwertes, sondern auch des Pinsels! Alle tugendhaften und progressiven Schriftsteller unterlassen es diese Tage, antinationale Propaganda zu betreiben.“

Ihr war es offensichtlich unangenehm, ihm dies sagen zu müssen und um ihre Hände zu beschäftigen, nahm sie sich eine Zigarette aus dem Päckchen des Fahrers. Die drei Männer schauten auf den Tisch, rauchten oder spielten betreten mit Muschelschalen. Die Genossin lehnte sich zum ersten Mal zurück, überschlug die Beine und rauchte, während sie zur Tür hinausschaute. Er verstand, es war Zeit zu gehen.

Wieder saß Tan Tao an seinem Schreibtisch und grübelte. Der Mond stand nun am unteren Rand seines Fensters. Er war so hell in der wolkenlosen Nacht, dass es ihn fast blendete. Tan Tao blätterte durch sein Buch. Ein Kapitel über die Schweinezucht, ein Kapitel über den strengen Vater, ein Kapitel über die weiten Landschaften Shanxis, ein Kapitel über die raubenden Nationalisten und am Ende eines über die helfenden Kommunisten. Er blätterte die bröckelige erste Seite des Kapitels über die Nationalisten immer wieder zwischen Daumen und Zeigefinger und mit einem tiefen Seufzen riss er sie heraus und verrauchte sie mit Tabak.

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