PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Vier Narben am Körper, eine unter der Erde

Marijana Čanak
übersetzt von Dénes Kobetits & Ivana Pajić

Am rechten Fußgelenk hatte sie ein Stück Haut, welches glatt und hell wie Silber war. „Ich blieb gebrandmarkt“, sagte sie immer. „Fällt es ins Auge? Als ob mein Bein an der Stelle verdünnt wär‘“. Es war zu sehen, es war eine hartnäckige Narbe. Sie wollte einfach nicht verblassen, als ob sich dort die Strahlen des Mondscheins durch ihre Haut ziehen würden und alle achtundzwanzig Tage die Erinnerungen an den Unfall wach werden ließen. „Ich bin der Kuh hinterher und hab‘ mir das Bein gebrochen“, daher diese alte und helle Narbe. „Ich bin ihr hinterher, um sie zurückzuholen, damit sie nicht auf einer fremden Wiese grast. Ich erinner‘ mich dran, als ob‘s gestern passiert wär‘. Dann hat mich aber irgendein Teufel gestoppt, bevor ich sie einholen konnte. Ich komm‘ nicht auf die Beine, bin aber ganz allein auf der Wiese. Dort kannst du bis morgen um Hilfe rufen, niemand wird kommen! Was soll ich machen, ich finde zwei Stäbe und schlepp‘ mich damit wie auf Krücken nach Hause. Als meine Mutter mich erblickt hat, hat sie angefangen zu schimpfen. Wo ich so lang gewesen bin, alle Kühe sind schon ins Dorf zurückgekehrt, nur ich nicht! Sie hat mir alles der Reihe nach aufgezählt! Danach liege ich monatelang im Krankenhaus, während es im Dorf Arbeit im Überfluss gibt! Die Narbe wär‘ womöglich besser geheilt, hätt‘ ich mich nicht alleine nach Hause ziehen müssen…“

Unter dem rechten Ellenbogen hatte sie eine ähnliche Narbe wie am Bein, diese war jedoch nicht so hell und etwas faltig, wie wenn man die Stirn runzelt und wütend ist. Über diese Narbe sprach sie nur äußerst wortkarg: „Ich hab‘ mir da die Haut an einem Stein aufgescheuert. Ich bin gerannt und hingefallen.“ Wieder wegen einer Kuh? „Ach, lass doch!“ Sie erzählte mir nur einmal, wie es dazu gekommen war, und außer mir sagte sie niemandem etwas davon. „Meine Mutter hat mich zu irgendeinem alten Mann geschickt, damit ich ihm ein Stück Lammfleisch bringe. Er lebte allein. Gleich nachdem ich sein Haus betreten hab‘, hat er unter meinen Rock gegriffen. Mein Fleisch!, hat er zu mir gesagt. Widerlicher alter Sack, pfui! Ich hab‘ mich von ihm losgerissen, bin aus dem Haus gerannt, ich bin einfach über die Wiese gerannt und hab‘ überhaupt nicht geguckt, wohin. Dann bin ich auf einem großen Stein ausgerutscht und hab‘ mir den Ellenbogen gestoßen. Als ich nach Hause gekommen bin, war meine Mutter wieder wütend: Wo bist du bis jetzt geblieben, jemand muss den Tisch für das Mittagessen decken, die Hausbewohner sind hungrig! Scheiß auf die anderen Hausbewohner! Ich hab‘ ihr nichts gesagt. Niemals.“

Ihre dritte Narbe zog sich quer über den Unterbauch. Sie teilte ihren Bauch immer in einen oberen und unteren Teil: Der untere war der weibliche Teil, den oberen hatte jeder. Eine weiße, glasartige Spur mit drei oder vier sichtbaren Nähten auf der schon längst geheilten Haut. Nein, das war nicht die Stelle, an der ich herausgenommen wurde. Als sie sich diese Wunde zugezogen hatte, war ich schon auf der Welt und stand kurz davor, meine ersten Wörter von mir zu geben. Wir brachen zu dem Dorf auf, in dem sie immer wieder hingefallen und aufgestanden war, in dem sie immer das gemacht hatte, was ihr gesagt wurde. Sie wird erneut arbeiten, wie es ihre Mutter befiehlt, nur damit sie sieben Tage am Meer entspannen kann, denn das war der erste Sommer nach ihrer Hochzeit. Ihr Mann möchte ans Meer, ihre Mutter will sie im Dorf haben, und sie möchte alle zufriedenstellen. Sind sieben Tage am Meer nicht etwas zu viel? Sieben Tage herumliegen, während man im Dorf vor lauter Arbeit umfallen würde. Dann ist sie wegen des großen Wassers erkrankt, um das Herumliegen zu rechtfertigen. Ihr wurde der Bauch aufgeschnitten und ein Organ entfernt, welches, wie man ihr sagte, sowieso keinen Nutzen hätte. „Nichts wird ihr fehlen!“, sagte man. Ihr fehlte dieses Organ nicht, sie hatte lediglich eine Narbe mehr. Wegen dieser Narbe wäre sie lieber gestorben, als dass sie sich im Badeanzug gezeigt hätte. Ans Meer sind wir nicht mehr gereist.

Die kleinste ihrer Narben war jene auf ihrem rechten Handrücken. Sie hatte die Größe eines Punktes, wie eine Art Vorbote eines Endes. „Das lass‘ ich entfernen!“, wiederholte sie jahrzehntelang, bis sie den Mut fasste, dies auch zu tun. „Überall bleib‘ ich damit hängen, es ist wirklich an einer ungünstigen Stelle!“, sagte sie wiederholt, während sie die Haut an ihrem Handrücken anspannte. Unter der Haut hatte sie ein kleines graues Körnchen, wie eine winzige grüne oder schwarze Erbse. „Eine Warze unter der Haut“, so nannte sie es immer. Wozu zum Teufel brauch‘ ich das!“ „Ein Muttermal, das ist ein Muttermal!“, versuchte ihre Mutter immer, sie zu überzeugen. „Lass es so! Daran kann ich dich jederzeit erkennen und sagen, dass du meine bist!“ „Ein Muttermal!“, wunderte sie sich. „Aber wozu hat sie mich gekennzeichnet, das würd‘ ich gern wissen!“ Sicherlich nicht für das gute Glück. Man sagt, dass ein Muttermal immer dann entsteht, wenn sich die schwangere Frau nach etwas sehnt. Wenn sie sich aufgrund des Verlangens irgendwo am Körper kratzt, markiert sie dadurch das Kind im Mutterleib genau an dieser Stelle. Ich stelle mir vor, wie sich die Großmutter nach etwas sehnte und dabei auf ihre eigene Hand schlug. Wonach sie sich genau sehnte, verheimlichte sie jedoch geschickt vor sich selbst. Als das Muttermal entfernt wurde, verschwand mit ihm auch der unbefriedigte Wunsch. „Als ob es nie da gewesen wär‘! Na bitte, und wie viele Jahre hab‘ ich mich damit herumgeschlagen! Vollkommen unnötig!“

Ihre Brust wurde nie mit einer Narbe gebrandmarkt, dafür war es zu spät. „Wo waren Sie bis jetzt!? Dieses galoppierende Ding kann nicht mehr entfernt werden, es ist zu groß. Wir werden versuchen, es zu verlangsamen. Drei bis vier Monate, mehr nicht“, sagte man ihr, sie log mich aber an. „Nichts, nichts, ich hab‘ irgendeinen Fleck auf meiner Lunge, sie werden mich einige Tage im Krankenhaus behalten. Mach dir keine Sorgen, bereite dich auf deine Prüfung vor.“ Das sagte sie mir und ich glaubte ihr.

Bleib heute ein bisschen länger… Ich soll Blut bekommen, ich bin irgendwie nervös.“

Ich blieb und hielt ihre freie Hand, während in die andere aus einem durchsichtigen, hängenden Beutel dunkles Blut strömte. Ich blieb bis zum letzten Tropfen. „Ich würde gern wissen, von wem es ist“, sagte sie und versuchte zu lächeln. Ich versuchte es auch. Lautlos fragten wir uns beide, ob dieses neue Blut, dessen Spender wir nicht kannten, unseren Bund wohl verdünnen würde. Ob es sie von der Familie trennt, nicht nur von mir, sondern auch von ihrer Mutter, sowie von allen anderen vorherigen Urmüttern. Kann dieses neue Blut zu Störungen in unserem Stammbaum führen? „Ein merkwürdiges Gefühl“, sagte sie. „Ich weiß nicht, was sie mir mit diesem Blut antun. Jetzt fließt es in meinen Adern, aber ich weiß nicht, von wem es ist…“ „Alles wird gut“, log ich sie an, genauso, wie sie mich angelogen hatte.

Komm, wähl‘ ihr etwas zum Anziehen aus… Und Schmuck. Aber nicht zu viel, auch dir soll was von deiner Mutter übrig bleiben.“

Mir blieben ihr Matrikelbuch und der Pullover, in dem sie sich fotografieren ließ, als sie ihr Studium an der Fakultät begann, ihr niemals abgeschlossenes Jurastudium. „Als ich das erste Mal bei einer Prüfung durchgefallen bin, war ich dermaßen außer mir, dass ich fast durch die geschlossene Tür gegangen bin! Sie war aus Glas. Irgendein junger Mann ist mir entgegengekommen. Wäre er nicht da gewesen, hätte ich mir den Kopf zerschnitten.“ Sehr oft habe ich ihre Pullover getragen, aber nie zu Prüfungen, aus einer Art Aberglaube. Sie hinterließ mir auch einen aufgeschriebenen Spruch. „Lies das, wenn du das Haus verlässt, dann bestehst du jede Prüfung“, sagte sie mir. „Wieso hast du dann dein Jurastudium abgebrochen?“, fragte ich sie misstrauisch. „Ich hab‘ geheiratet, deswegen. Damals musste man arbeiten und gebären… Ein Studium hat nichts bedeutet! Aber du wirst deinen Abschluss machen!“ Es blieben auch Briefe zurück, die ihr irgendwelche feinen jungen Männer geschickt hatten. Ich habe immer die Briefmarken abgenommen, damit ich sie meiner Sammlung von allem Möglichen hinzufügen konnte, und sie las mir aus diesen Briefen vor, als ich für Geschichten schon zu groß war. „Wie wäre ich geboren worden, wenn du einen von ihnen geheiratet hättest?“, fragte ich sie einmal vor langer Zeit. „Du hättest nur einen anderen Vater“, pflegte sie zu sagen. „Dann wäre das nicht ich“, protestierte ich, weil alle sagten, dass ich ein Abbild meines Vaters sei. „Du wärst du, du wärst nur nicht dieselbe wie jetzt.“ Es blieben auch Briefe, die sie geschrieben, jedoch nie abgeschickt hatte. Ohne Anschrift, wie ein unvollendeter Liebesroman, aus dem sie mir nie vorgelesen hat, aus Scham. Es blieben einige schwarzweiße Fotografien aus der Zeit, in der noch nicht feststand, wer mein Vater sein wird. Ich ertappte mich dabei, wie ich unbewusst dieselbe Körperhaltung einnehme. Es blieb etwas, hauptsächlich zerbrochener Goldschmuck. Den Ring, den sie zu ihrem achtzehnten Geburtstag bekommen hatte, brachte ich ins Pfandhaus, um meinen Mietrückstand zu begleichen. „Haben Sie irgendwo einen Job gefunden?“, fragt mich die alte Lisaveta, bei der ich damals wohnte. „Nein“, sage ich, „ich habe den Ring meiner Mutter verkauft.“ „Sehen Sie, wie unsere Mütter auf uns aufpassen, auch wenn sie nicht mehr da sind!“, bemerkt Lisaveta sabbernd, anstatt nasse Augen zu bekommen. Es blieben einige Urkunden: Geburts-, Heirats- und Sterbeurkunde. Nichts ist zurückgeblieben, ich habe alles verbrannt, eingeschmolzen, verstreut… Sie hinterließ ihre Spuren lediglich in meinem Blut.

Ich sehe sie als kleines Mädchen, welches erst einige Sommer alt ist. Ich könnte ihre Mutter sein. Sie ist pausbäckig und blinzelt der Sonne entgegen. Ihre Haut ist weich und narbenfrei. Ich sehe, wie sie über die Wiese rennt, ohne zu stolpern. Sie spielt freche Spiele mit den anderen Kindern, solange sie nicht in die Schule gehen müssen. Sie ist die Chefin unter den Jungs. Ich beobachte, wie sie auf die Idee kommt, einem toten weißen Huhn eine Beerdigung in der Nähe des Dorfes zu organisieren, wie sie aus einem hohlen Baumstamm eine Schlange hervorzieht und glücklich darüber ist, eine Halskette für sich gefunden zu haben, wie sie in einem kalten Bach schwimmen lernt und keine Angst vor dem vielen Wasser hat. Die alten Leute aus dem Dorf wagen es nicht, sich ihr zu nähern, die Kleine sei der Teufel. Es kreisen Geschichten, dass sie mit intaktem Mutterkuchen zur Welt kam, so werden angeblich nur Hexen geboren. Ich beobachte, wie sie einer wütenden Stute auf den Rücken springt, und wie sie ihr die Mähne streichelt, um sie zu beruhigen, wie sie die Kühe an ihren Hörnern zum Grasen und zur Trinkstelle führt. „Das wärst du, nur nicht dieselbe wie jetzt“, würde ich ihr sagen, wenn mein Ruf irgendwie bis in diese Zeit reichen könnte. Ich sehe, wie sie im Schlaf zuckt, weil sie von ihren Vorfahrinnen heimgesucht wird, die ihr die verschiedensten Sachen erzählen. Auch ich erzähle ihr. Dann bringen sie sie zum Bleigießen, um sie von ihren Ängsten zu befreien. Das Blei nimmt jedoch nicht die Form eines Sarges an, sondern es erscheint eine Frau mit dem Kopf eines Vogels. Die Wahrsagerin hat noch nie etwas dergleichen gesehen, weswegen sie sie zum Lehrling nimmt. Ihre Sprüche zeigen auf einmal Wirkung: „Gesegnet-sei-ich-von-Gott“, dann pustet sie dreimal auf ihre Brust, nachdem sie zuvor einen tiefen Atemzug für das ewige Leben nahm. Ich beobachte, wie sie zu einer schlanken Brünette mit starken Knochen und einem süßen Bauch heranwächst. Dieser Bauch gehörte nur ihr, sowohl der obere als auch der untere Teil, quer und längs. Ich lächele, weil sie stehengeblieben ist, um sich auf dem Weg nach Hause mit einem Jungen zu unterhalten, ihre Mutter bemerkt sie jedoch und geht mit dem Besen auf sie los. Sie flieht nicht um das Haus herum. Sie wendet nur ihren Oberarm in die Richtung ihrer Mutter, zeigt ihr das Muttermal und sagt: „Ich weiß, nach wem du dich gesehnt hast!“ Ihre Mutter wirft den langen Besen beschämt hin und verkriecht sich mit eingezogenem Schwanz ins Haus. Meine Mutter tanzt, der Besen auch, und danach fegt er alle mütterlicherseits bestehenden unbefriedigten, schamhaften und eitlen Wünsche weg. Ich beobachte sie, wie sie sich darauf vorbereitet, das Haus zu verlassen und in die weite Welt zu ziehen. „Als würde man dort nur auf dich warten!“, sagt die Mutter zu ihr. „Pass gut auf dich auf!“, fügt sie hinzu. „Wirf dich lieber in die Neretva, als dass du mir mit einem runden Bauch nach Hause kommst! Hast du gehört!“ Sie hat es gehört, beachtet die Aussage jedoch nicht wirklich, da ihr Bauch einzig und allein ihr gehört und süß ist, und mit den Fließgewässern steht sie in Schwesternschaft, da sich diese ihrer eigenen Rolle bewusst sind und immer einen Weg finden, sie lassen sogar das harte Mutterherz weich werden. Nachdem sie gegangen war, schrieb sie sehr lang und oft, einige ihrer Briefe schickte sie ab, andere band sie ein und las sie ohne Scham in der Stimme. In der weiten Welt ist sie glücklich wie im Elternhaus, alle Kneipen empfangen sie mit offenen Türen, die jungen Männer sind von ihr hingerissen, die Gesetzbücher sind leicht. Es nähert sich der Zeitpunkt unseres Treffens. Ich beobachte, wie sie meinen Vater auswählt. Sie wählt ihn beim Kaffeekaufen, weil sie weiß, dass diese Bohnen auf anderen, fernen Kontinenten die Ziegen glücklich machen. Wieso sollte sie nicht ihres eigenen Glückes Schmied sein, so wie ihre Mutter auf dem Holzherd den Kaffee gekocht hat? „Sonnenschein, so nennt man mich“, sagt sie und reicht ihm die Hand, auf der sie das kaffeebohnenförmige Muttermal hat. Sie gefällt ihm, sie hat volle Brüste und gesunde Zähne, er arrangiert ein Rendezvous mit ihr. Der Kaffee duftet nach Aufwachen. Sie kann sich den Morgen danach und alle darauffolgenden Morgen mit ihm vorstellen. Als er sie auf einen Spaziergang in den Zoo einlud, machten sie die gehörnten Rindviecher traurig, die lautlos hinter den Käfiggittern auf- und abliefen, als ob sie noch nie eine Wiese gesehen hätten. Sie muss ihm die lebhaften Kühe aus ihrem Heimatdorf zeigen. Er stimmt zu. Schon bald komme auch ich. „Sonnenschein, so haben sie mich genannt, bevor ich geheiratet habe“, sagte sie mir, sobald ich sie verstehen konnte. Die verkümmerte Zeit stinkt genauso wie ein faules Ei. Man kann es mit jeder beliebigen Nuance von Rot bemalen, es wird nicht vor Gesundheit strotzen. Wenn es zerbricht, ist es aber schon aus der Ferne zu hören.

Ich kam genauso pausbäckig wie sie auf die Welt, schwer herausgepresst, wie es halt üblich ist. Meine Haut war rot, meine Haare wie Brandstummel, steif und schwarz. „Du hast ununterbrochen geweint, nichts konnte dich beruhigen, nur wenn ich mich zusammen mit dir auf den Boden gelegt hab‘!“ Der Boden war sicherer als jede Wiege. Sie muss vor Müdigkeit einfach aufgegeben haben und sich an der Stelle hingelegt haben, an der sie sich soeben befand, zusammen mit mir. Schnell kamen die ersten Worte aus meinem Mund, meine ersten Schritte habe ich jedoch erst dann gemacht, als sie nicht zu Hause war, da das die einzige Gelegenheit war, ungestört hinzufallen. Sie lachte über mich, während ich zwischen den Wohnblöcken fiktiven Hühnern hinterherrannte, Regenwürmer auf dem Bürgersteig sammelte und sie fragte, wieso sie mir einen Hut auf den Kopf setzt, wenn es überhaupt keinen Regen gibt. Sie weckte mich, als ich schlafwandelte und im Traum sprach, brachte mir Wasser, um die Alpträume darin zu ertränken und Stofftiere, die als Nachtwache dienen sollten. Als ich die Windpocken bekam, ließ sie es nicht zu, dass ich mich kratze, und sie beschützte meinen ganzen Körper, außer meinen Handrücken, weswegen wir an derselben Stelle ein Muttermal hatten. Wenn mir eine Wimper herausfiel, machte sie daraus einen guten Wunsch: „Tu sie auf deine Brust, puste dreimal, das, woran du gedacht hast, wird in Erfüllung gehen!“ Ich stelle mir vor…wie ich schon erwachsen genug bin, damit meine Füße perfekt in ihre Stöckelschuhe passen. Ich habe viele Wimpern für diesen Wunsch verbraucht, viel mehr, als es rasende Rennfahrer in der Rodelbahn brauchte, bevor das erste R aus meinem Mund rollte. Sie brachte mir das Schreiben bei, ich konnte meinem Bleistift nur unter schwersten Qualen die nötigen Buchstaben entlocken. „Was habt ihr in der Schule gemacht?“, fragt sie, mir kommen fast die Tränen. „Noch einen Buchstaben“, sage ich ihr und weiß, dass dieser Buchstabe meinen ganzen Tag verschlingen wird. „O, ich Arme, du hast noch nicht mal den von gestern gelernt, nun muss schon der nächste geübt werden! Zwei Buchstaben in zwei Tagen, wo gibt‘s denn sowas! Komm, iss, und dann gehen wir schreiben.“ Und wir haben den ganzen Tag ein und denselben Buchstaben geschrieben. Sie wacht über meinen Stift und reißt Blätter aus meinem Heft. „Nicht gut, nochmal! Wehe du hast keine ganze Seite vollgeschrieben, bis ich mit dem Abwasch fertig bin!“ Ich schreibe, würde aber lieber alles andere machen. Sie prahlt später mit meinen entwickelten Arbeitsgewohnheiten und meinen Einsern, als ob es ihre wären. Und das waren sie ja tatsächlich. Sie hat meine Arbeitsgewohnheiten dermaßen beeinflusst, dass ich lange überhaupt keine anderen als die von ihr geforderten hatte. „Was ist los mit dir?“, wunderte sie sich später. „Geh mal ein bisschen unter die Leute, unterhalte dich mit ihnen, du starrst immer nur in diese Bücher, du wirst noch erblinden, du hast noch gar keine Sonne gesehen!“ Ich habe ein Mal auf sie gehört und habe meine Bankkameradin dazu eingeladen, etwas zusammen zu unternehmen. Da uns die Stöckelschuhe immer noch viel zu groß waren, borgten wir uns Make-up, schminkten unsere Lippen und Augen und gingen nach draußen, um zu spielen. Als ich wieder zu Hause ankam, watschte mich meine Mutter so kräftig, dass mein Lippenstift auf der Wand landete. „Wo bist du so hingegangen, du siehst wie ‘ne Dorfhure aus! Wasch das ab! In deinem Alter wär‘ mir sowas nie eingefallen! Was für ‘ne Schande!“ Ich war mir nicht sicher, was Hure bedeutet, aber ich ahnte, dass es nichts Bewundernswertes ist, und dass ich noch lange in meine Wimpern pusten muss, damit ich das Recht darauf habe zu machen, was ich will. Als sie gesehen hat, dass ich schreiben wollte, stahl sie eine Schreibmaschine aus ihrem Büro und stellte sie auf meinen Schreibtisch, zusammen mit zwei Reserve-Farbbändern und mit Blaupapier. „Dort braucht‘s niemand, es hat sowieso nur als Staubfänger im Schrank gestanden. Der Portier hat mich ein wenig schräg angeschaut, als ich das Gebäude verlassen hab‘, aber wen juckt‘s! Du kannst sie noch gebrauchen, hab‘ ich Recht?“ Es gab keinen schöneren Klang auf der Welt als den der Schreibmaschine. Zum Glück hatte meine Mutter das Blindschreiben nie gelernt, ich hätte es nicht ertragen, zweimal dieselben Buchstaben von ihr zu lernen. Mit dieser Maschine habe ich meine Abiturarbeit geschrieben, und bald werde ich in meinen eigenen Schuhen mein Zuhause verlassen. „Ich kann es kaum erwarten, dass du einen Freund hast! Mach dir keine Sorgen, wenn du schwanger wirst, werd‘ ich auf das Kind aufpassen, solange du für deine Prüfungen lernst!“, so verabschiedete sie sich von mir. Als sie mich auf dem Campus besuchen kam, kaufte sie mir ein neues Paar Stiefel und vom Wechselgeld eine Packung Kondome. „Hast du Geld für Schminke?“

Sie ist schön und geschminkt, die Perücke steht ihr gut, lediglich ihr Gesicht fühlt sich beim Berühren etwas schwammartig an. Ihr Körper muss keine Schmerzen mehr ertragen, sie ist ruhig und wartet darauf, dass sie von den Eingeweiden der Erde empfangen wird, genauso wie sie einst mich empfing.

Es kommt mir so vor, als ob sie gleich aufwacht“, murmelt meine Großmutter über ihr. Sie ruft sie mit ihrem Namen und fängt an zu klagen. Sie trauert, ohne auch nur eine einzige Träne zu vergießen. Die Neretva wäre unter ihr ausgetrocknet.

Sei still, Oma!“, ich kann sie nicht mehr hören. „Du wirst es nicht mal bemerken, dass sie nicht mehr da ist, schon lange ist sie nicht mehr bei dir! Jetzt ist sie gestorben und hat keine Schande über dich gebracht. Worüber klagst du also?“

Weine nicht!“, versucht auch sie mich zu beruhigen. „Du machst ihre Kleidung nass. Willst du etwa, dass sie sich eine Lungenentzündung einfängt und zweimal an einem Tag stirbt?“

Wir überboten uns gegenseitig, wem ihr Tod stärker zu schaffen macht, und stritten uns, wer den größeren Teil der Trauer erben würde. Die Menschen kommen zu mir und küssen mich dreimal auf die Wange, als ob sie mir gratulieren würden. Es gibt zu viele Menschen, zu viele spuckige Küsse. Da ist auch einer der jungen Männer, den sie mir nicht zum Vater gewählt hat. Trotzig entziehe ich mich seinem Kuss, meine Tränen sind giftig. Danach sang der Priester mit den Klagefrauen um die Wette, und eine angetrunkene Alte, der ihre Ziegen unter ihre Kleidung krochen, nahm einen Schluck von dem Wein, den der Pfarrer für die Zeremonie brauchte. Er hat die Arbeit auch ohne den Wein nur schnell hinter sich gebracht. Erde, Blumenkränze und sonst nichts. Danach erhob sich dort ein weißer Grabstein mit ihrem eingravierten Namen und ihren Lebensjahren, ohne Leben.

Gehst du zum Friedhof?“

„Nein. Da ist sie nicht.“

Übersetzt von Dénes Kobetits und Ivana Pajić

Original: Marijana Čanak: „Četiri brazgotine na telu, jedna u zemlji“
Alle Rechte verbleiben bei den Autor_innen

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