PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Ums Eck

Isa Rot (Pseudonym), geb. 1948 in Basel (Schweiz).
In meinen Kurzgeschichten geht es um Menschen, die an den Lebensumständen oder gesellschaftlichen Normen scheitern. Da ist der Besitzer eines kleinen Cafés, dem ein Supermarkt die Kundschaft nimmt, dort eine alte Frau, die in ihrer Einsamkeit verwahrlost und trinkt. Mir ist wichtig, dass der Mensch in seiner Gesamtheit respektiert wird, auch wenn er oder sie für die Gesellschaft zum „Problemfall“ wird.

Kurt steht hinter der Theke und blickt in sein Café. Seit der Supermarkt in der Nähe ein Bistro eröffnet hat, suchen nur noch wenige Gäste sein Lokal auf. Meist kommen sie erst am Nachmittag zu Kaffee und Kuchen. Den Koch musste er vor Kurzem entlassen. Nun steht er selbst hinter dem Herd. Mit Stolz hat er früher seine reichhaltige Mittagskarte präsentiert. Nun gibt es nur noch ein warmes Menu und ein kaltes. Kurz bevor Kurt das Café um sieben schließt, wird alles Verderbliche von Bert abgeholt, der es in die Garküche für Obdachlose bringt. Wenigstens habe ich nicht umsonst eingekauft und gekocht, denkt Kurt, wenn er Bert die Behälter aushändigt. Er zögert immer noch, sein Lokal aufzugeben. Doch er weiß, dass er in den nächsten Monaten, selbst wenn sein Pachtvertrag erneuert werden sollte, schließen muss.

Kurt bereitet gerade das Mittagessen zu, als die Klingel der Eingangstür geht. Er legt das Messer beiseite und kommt nach vorne. Eine Frau betritt das Lokal und mustert ihn sorgfältig. Mein Gott, ist die schön, denkt Kurt. Die Frau schließt leise die Tür hinter sich und setzt sich an den Tisch beim Fenster. Kurt zögert, ihr die beiden Menus zu präsentieren, schließlich sagt er verlegen: „Guten Tag. Heute gibt es Pasta mit frischem Rucola oder Wurstsalat spezial. Was darf es sein?“ „Rucola mag ich nicht“, sagt die Frau. „Was ist Wurstsalat spezial?“ „Geschnetzelte Lyoner Wurst an deftiger Sauce mit Salaten garniert“, antwortet er. „Das klingt gut“, meint sie und wendet sich ihrer Zeitung zu, die sie auf dem kleinen Tisch ausgebreitet hat. „Und eine Apfelschorle, bitte!“, ruft sie ihm nach.

Kurt eilt in die Küche. Er bereitet extra eine frische Sauce zu und gibt sich besondere Mühe beim Arrangieren des Tellers. Er assortiert die Salate so, dass sie farblich zueinander passen und rund um die geschnetzelte Wurst eine Art Blütenkranz bilden. Erstaunt stellt er fest, dass seine Hände zittern. Er hält kurz inne und lächelt in sich hinein.

Als er ihr die Speisen bringt, schließt die Frau ihre Zeitung und schaut ihn an. „Das sieht lecker aus, dieser Wurstsalat spezial“, meint sie freundlich. „Aber Sie müssen doch erst probieren!“ Er bleibt für einen Augenblick am Tisch stehen. Als die Frau zu ihm aufblickt, wird es ihm peinlich, und er kehrt zur Theke zurück. Während er dort die unbenutzten Gläser spült, sieht er ihr beim Essen zu.

Sie nimmt sich Zeit. Schaut ab und zu auf die Straße hinaus und scheint ihren Gedanken nachzuhängen. Als sie ihre Mahlzeit beendet hat, kommt Kurt zu ihr. „Und? Hat es geschmeckt?“, denkt er, fragt aber stattdessen nur: „Kaffee?“ „Latte Macchiato, bitte.“ Und sie fügt hinzu: „Warum ist dieses Café leer? Es ist doch hübsch hier drinnen.“ „Der Supermarkt“, antwortet er. Sie sieht ihn fragend an. „Dort ist es doch ungemütlich, und die Speisen werden lieblos zubereitet.“ Er zuckt die Achseln. „Aber es ist preiswerter.“ „Ich habe meine Wahl getroffen. Ich werde wiederkommen.“ Kurz treffen sich ihre Blicke, dann sieht Kurt aus dem Fenster. Endlich wieder eine Mittags-Kundin und sogar eine, die seine Küche wertzuschätzen weiß. Aber ob sie wirklich wiederkommen würde? Und eine Kundin allein könnte sein Café nun auch nicht mehr retten. „Arbeiten Sie hier in der Nähe?“, fragt er und bereut sofort seine Neugier. Sie lächelt. „Ja, gleich um die Ecke.“

Nachdem sie gegangen ist, wischt Kurt sich die Hände an der Schürze ab. Er blickt auf die Straße, die die Frau vor einigen Minuten überquert hat.

Die Frau kommt nun regelmäßig zum Mittagessen in Kurts Café, umgeben von einer Gruppe junger Leute. Ist sie einmal nicht dabei, macht er sich Sorgen, ob ihr etwas zugestoßen sein könnte. Beim Entwerfen des Menu-Planes überlegt er sich, was ihr wohl besonders gut schmecken würde. Sie zu fragen, traut er sich nicht, da sie seit ihrer ersten Begegnung nie mehr alleine in sein Lokal gekommen ist. Sein Café ist wieder belebt und wirft einen kleinen Gewinn ab. Kurt steht nun gerne in der Küche. Denn er kocht vor allem für sie.

Eines Tages wartet Kurt hinter der Theke auf seine Kundschaft. Doch sie bleibt aus. Immer wieder stellt er sich an die Tür und sieht auf die Straße. Ab und an winkt er einem vorbeigehenden Bekannten zu und lächelt. Die Mittagszeit geht vorüber, aber kein einziger Gast ist gekommen. Er löscht die Gasflamme unter seiner neusten Saucenkreation und räumt die frischen Salate in den Kühlschrank. Seine Hoffnung schwindet mit jedem Tag.

Nur Bert kommt am Abend vorbei und holt die Speisebehälter ab. Eine Woche später betritt am Nachmittag eine Frau das Lokal, die er zuweilen in Begleitung seines Lieblingsgastes gesehen hat. Sie setzt sich ans Fenster und bestellt einen Kaffee. Kurt kann sich nicht zurückhalten und erkundigt sich, warum die Gäste ausbleiben. Die Frau antwortet überrascht: „Hat Ihnen niemand erzählt, dass wir in einen Neubau umgezogen sind und nun eine eigene Kantine haben?“ Kurt lädt die Frau zu einem Kaffee ein. Er ist sich bewusst, dass sie seine letzte Kundin ist. Als er am Abend das Lokal verlässt, entscheidet er sich, die Menu-Tafel mit nach Hause zu nehmen. Die Aufschrift lautet: Wurstsalat spezial.

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