PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

(umgedrehte 9)

von Ruth Karl

 

An einen Stein gekettet und in einen dunklen, tiefen See geworfen. Mein Herz.

 

Dir sitzt ein Mensch gegenüber, ein Mensch, den du magst.
Ein Mensch, der in größter Not zu dir gekommen ist.
Ein Mensch, schockstarr jetzt, ohne Worte. Die Augen abgewandt. Will sein
Entsetzen nicht in deinen Augen sehen.
(Gott hat die Welt mit allen Wesen geschaffen, um sich selbst zu erkennen, sagen
die Sufis. Für den Menschen ist Erkenntnis manchmal unerträglich, fürchtet er.
Doch ist wirklich schon einmal jemand daran gestorben?)
Dir gegenüber also ein verzweifelter Mensch, den du magst.
Das Fundament seiner Welt – gerade zerborsten. Die Decke über ihm eingestürzt.
Du hörst ein fernes Rufen unter den Trümmern. Doch du hast keine Ahnung, wie du ihn finden kannst. Ob du rechtzeitig kommen wirst, um ihn zu bergen. Und,
wie das überhaupt geht, mit bloßen Händen.
Die Katze kommt vorbei und will euch beiden etwas sagen. Die Geste rührt euch,
aber ihr versteht sie nicht.
Er geht.

 

Wie viele Stunden Laufen über freies Feld, durch Winterwälder, Einkaufsstraßen
sind nötig, wie viele Stunden in unruhigem Schlaf, bis du an diesen See gelangst.

 

Ich habe nie verstanden, wie Menschen etwas wollen können in dieser Welt, die ich als falsch empfinde. Stein auf Stein setzen, Tag um Tag. Ausgerechnet heute, wo ich am Ausmaß des Trümmerfelds erkenne, wie viel Herzblut im Aufbau auch dieser Stadt steckt, ist es, als wäre sie mein. An tausend Stellen anders abgebogen, kann ich mit seinen Augen sehen. Bange vor einem Gericht, dem sein Wollen nichts gilt. Menschen, die berufsmäßig nichts fühlen (außer ihrer Rechtschaffenheit). Mich vor nichts fürchten zu lernen, war einst mein Ziel. Ich gebe es auf. Sammle, was ich bewahren will, schließe die Augen und.

 

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