PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Gedichte

von Tayyaba Tareen
Übersetzung: Olivia Golde & Ronja Gottschling

06. Februar 2015 / 22:56 Uhr

Etikette

Meine abgetrennten Finger wurden mir in die Hand gelegt
Mit dem Strahl des Blutes schreibe ich nun meine Verse
Auch wenn sie, die Mitmenschen, mich nun dafür meiden
Zitiere ich, Rida, dennoch meine nach Blut riechenden Verse

 

7. Februar 2015 / 09:01 Uhr

Verwelkte Blumen

Wirf die verwelkten Blumen nicht aus dem Haus
Es waren Gefühle verbunden mit ihm, dem Straus

Trenne dich nach der Verabredung auf diesen Straßen
Wie jede Liebesnacht in den Genuss von Trennung kommt

So lautlos, ach Rida, werde ich unseren Menschen berichten
Wie naiv wir waren – doch verrückt waren wir mitnichten

 

‫‪

03. September 2015 / 00:19 Uhr

Schlagfertigkeit

Meine Schlagfertigkeit hat mir einen schlechten Ruf gebracht
Sie hat in Staunen versetzt, sie hat so viele Sorgen gemacht

Zwar habe ich, ach Rida, jedes Wort geschrieben mit Bedacht
Wer aber weiß, was alles meine Schrift hat zutage gebracht

 

27.‬‬ ‫‪Oktober‬‬ ‫‪2015‬‬ ‫‪/‬‬ ‫‪23:44‬‬ ‫‪Uhr‬‬

‫‪Fliegende‬‬ ‫‪Schmetterlinge‬‬

‫‪Wo‬‬ ‫‪auch‬‬ ‫‪immer‬‬ ‫‪wir‬‬ ‫‪gingen,‬‬ ‫‪die‬‬ ‫‪Pfade‬‬ ‫‪gefielen‬‬ ‫‪uns‬‬
‫‪Wen‬‬ ‫‪auch‬‬ ‫‪immer‬‬ ‫‪wir‬‬ ‫‪trafen,‬‬ ‫‪die‬‬ ‫‪Menschen‬‬ ‫‪gefielen‬‬ ‫‪uns‬‬

‫‪Im‬‬ ‫‪Garten,‬‬ ‫‪die‬‬ ‫‪Schmetterlinge‬‬ ‫‪in‬‬ ‫‪ihren‬‬ ‫‪Blüten,‬‬ ‫‪sie‬‬ ‫‪gefielen‬‬ ‫‪uns‬‬
‫‪Auch‬‬ ‫‪noch,‬‬ ‫‪als‬‬ ‫‪unsere‬‬ ‫‪Furcht‬‬ ‫‪vor‬‬ ‫‪der‬‬ ‫‪Rückkehr‬‬ ‫‪begann‬‬

‫‪Sie‬‬ ‫‪höhlte‬‬ ‫‪uns‬‬ ‫‪aus,‬‬ ‫‪wie‬‬ ‫‪Atem,‬‬ ‫‪der‬‬ ‫‪im‬‬ ‫‪Mund‬‬ ‫‪gerann‬‬
‫‪Ein‬‬ ‫‪letztes‬‬ ‫‪Luftholen,‬‬ ‫‪ach‬‬ ‫‪Rida,‬‬ ‫‪und‬‬ ‫‪wir‬‬ ‫‪gefielen‬‬ ‫‪dabei‬‬ ‫‪allen‬‬

 

‫‪01.‬‬ ‫‪Mai‬‬ ‫‪2017‬‬ ‫‪/‬‬ ‫‪08:50‬‬ ‫‪Uhr‬‬

Jede Leidenschaft enthüllte den Glanz der Geliebten

Die Anmut der Freundin, die Reize ihres Anblicks, ach frag nicht
Mit Träumen gefüllte Streckungen der Augen, ach frag nicht

Wie deutlich saß in jeder Geste das süße Gelächter der Schönheit
Und die Sorgen in den Gesichtern blühender Rosen, ach frag nicht

Es wurden die Augenlider mir so schwer
Die Tiefen der Träume dahinter, ach frag nicht

Jede Leidenschaft enthüllte den Glanz der Geliebten
Die Gipfel der Reinheit, ihre Pracht, ach frag nicht

Warum aber wurde ich nach dem Sturz am Basar gedemütigt?
Was offenbarte ich in meinen Gedichten, ach frag nicht

So bildeten sich auf meinen Wangen einige Falten
Nach den Vermessenheiten der tiefen Meere, ach frag nicht

Auf ihrem Gesicht waren solche Kapitel der Scham
Schriebe ich sie nieder, ach, welch ein Wagemut, frag nicht

Ich habe heute Abend, oh Rida, eine Geschichte geschrieben
Und werde berühmt – nach den Verhältnissen aber frag nicht

 

13. April 2018 / 11:35 Uhr

Als hätte der Tau verbracht seine Nacht auf dem Mond

Waren es die Augen, oder die gereckten Gardinen aus Glas
Großartig war es, stürmisch wurde ich in ihrem Blick

Als hätte der Tau verbracht seine Nacht auf dem Mond
Großartig war es, der sich regende Schweiß auf den Wangen

Meine Brust flatterte vor den Bewegungen der Lippen
Großartig war es, zwischen Blättern erblühten Rosen

In unserem Rausch, Liebste, wir lösten uns in dir auf
Großartig war es, ob deine Jugend oder eine Ghasele

Ob irgendeines Mörders Pfeil oder eine Reckung
Großartig war es, wie das Meer in die Brust regnete

 

 

*Tayyaba Tareen, Dichtername Rida, wurde 1967 in Karachi (Pakistan) geboren.
Sie studierte für zwei Jahre Wirtschaft, Islamwissenschaften und ‚Advanced Urdu’*.
Parallel arbeitete sie im Büro der Partei MQM. Als sie dort aufhörte, wurde sie verfolgt
und musste Pakistan verlassen. 1995 kam sie mit ihrem Mann und zwei Kindern nach
Deutschland. Seitdem leben sie in Geithain. 2001 wurde ihnen der Flüchtlingsstatus
aberkannt. Das bedeutet, sie haben nur eine Kettenduldung und können Deutschland
weder verlassen, noch Sozialleistungen beantragen oder Bildungsangebote unein­
geschränkt wählen. Seit Sommer 2017 ist sie in der Frauengruppe Bon Courage Borna
aktiv.

Im September 2014 begann sie, Gedichte zu schreiben. Konsequent wählt sie die Form
des Ghasel, der Ghasele, die schon im 7. Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel
entstand. Üblicherweise bestehen Ghaselen aus zweizeiligen Strophen, deren zweite
Zeile immer den in der ersten Strophen festgelegten Reim zitiert. Dies kann in Reim­
wörtern geschehen oder streng in der tatsächlichen Wiederholung des letzten Wortes.
Trotz der scheinbaren Enge der Form kam sie in vielen Regionen und Zeiten zur
Blüte und ist seit dem 19. Jahrhundert auch im deutsch­sprachigen Raum zu finden.
Klassischerweise verhandeln Ghaselen den Schmerz durch Verlust & Trennung, sowie
gleichzeitig die Schönheit von Liebe im Angesicht dieses Schmerzes.

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