PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Star und Masse

Ein Essay von Maxi Obexer

Ein Stern entsteht, wenn sich genügend Masse an Staub zusammenfindet, der sich auflädt und entzündet und zu strahlen beginnt. Dem Stern wird nachgesagt, dass er von sich heraus strahlt, während Planeten bestrahlt werden müssen, um sichtbar zu sein und zu leuchten. Wohl deshalb wird das plötzliche Aufleuchten eines Künstlers mit der Geburt eines Sterns – und mit dem ‚Star1-Werden‘ gleichgesetzt. Der Star leuchtet allein von sich heraus. Doch wie weit trägt diese Assoziation wirklich? Und was ist mit der Masse, die sich entzünden muss, und die mit dem Stern untrennbar verbunden ist?

Es kann durchaus erhellend sein, einmal nicht den Star, sondern die ‚Masse‘ ins Blickfeld zu rücken, aus der heraus ihre Stars hervorgehen. Und damit den Blick von der Einzigartigkeit des Stars – auf die Akteure, auf die Politiken des Erfolgs zu richten.

Als Erstes fällt ‚natürlich‘ auf, dass diese im Verborgenen bleiben. Ein Naturgesetz? Schließlich kann ein Star nur leuchten, wenn es um ihn herum dunkel bleibt. In der Kultur aber sind es Entscheidungen, die getroffen werden und Zusammenhänge, die ineinandergreifen, auch Verblendungs­zusammenhänge.

Wem kommen diese zugute? Und wem schaden sie?

Es ist ja kein Geheimnis, dass hinter jedem Hochpushen eine Ansammlung von Leuten steht, die daran mitwirkt. Je rasanter ein solches Hochpushen vor sich geht, umso besser hat sich eine bestimmte Menge an Mitwirkenden synchronisiert.

Falsch wäre es sicher, ein solches Zusammenspielen als geplant und kontrolliert anzusehen. Dann würden auch jene Akteure missachtet, die ohnehin wenig bemerkt werden, wohl weil ihnen die Lobby fehlt. Jene, die zu den ersten Förder_innen zählen, die ersten Entdecker_innen, die ersten Coachs, die ersten Neugierigen, die ersten Begeisterten, die Ersten, die sich über neue Impulse und über eine neue künstlerische Kraft freuen und sogar ganz egoistisch darauf beharren. Darunter auch die Lehrenden, die, wenn sie ihre Sache gut machen, mit Hingabe dabei sind und es ermöglichen, dass sich künstlerische Eigenständigkeit entwickeln kann. Wer diese Aufgabe ernst nimmt, weiß um die Schutzbedürftigkeit von angehenden Künstlerinnen in diesem exponierten Beruf – vor allem auch im Hinblick auf das fröhliche Hochpushen. Diese sind gern einzeln unterwegs, wollen sich gerade nicht zu den Figuren jener bedeutungstragenden Kunst- und Theatertempel zählen lassen, wollen nicht eingemeindet werden und scheuen Familien und entsprechende Familienpolitiken, wie es sie auch in der Kultur gibt. In der Hysterie des Dazugehörens gibt es auch jene, die das nicht wollen: dazugehören. Jedenfalls nicht um den Preis einer Lagerbildung, nicht um den Zwang, dem Angesagten zu folgen und dafür den eigenen Blick für das Besondere, das nicht selten im Abwegigen zu finden ist, aufzugeben. Gerade deshalb sind sie so wichtig.

Wichtig, weil sie einen Unterschied machen und eine Entgegensetzung darstellen, dort, wo rücksichtslos hochgepusht wird, weil System- und Marktlogik es so vorgeben.

Die Politiken

Wer ein paar Jahre den Reigen der Festivals verfolgt, mit der die ermächtigten Häuser die Auswahl der angesagtesten Theaterautor_innen treffen, kann schwer übersehen, wie synchron dieselben paar Namen im Wiener Burgtheater, beim Heidelberger Stückemarkt, an den AutorenTheatertagen in Berlin usw. auftauchen. Und es fällt ins Auge, wie homogen jeweils das Grüppchen ist, das von Haus zu Haus gereicht wird. Regelmäßig wird aus der ohnehin überschaubaren Zahl ein Star erkoren, den die Aura der Einzigartigkeit umweht. Falsch wäre es jetzt, dessen Talent in Frage zu stellen, sozusagen als Opposition zum chorischen Jubel.

Aber problematisch ist es, wenn das neue Genie nur in einem eingeschränkten, entsprechend zugeschnittenen Radius ausgewählt und ein romantischer Verblendungszusammenhang untergelegt wird, der glauben lässt, dass es stattdessen darum ging, dieses Genie zu finden ­– den Star im weiten Kosmos.

Welcher Eindruck soll entstehen: dass von den Hundertschaften an Autor_innen, die sich mit ihren Stücktexten an den Wettbewerben beteiligt haben, überall dieselbe überschaubare Gruppe an Leuten hervorstach, eben weil sie den anderen künstlerisch haushoch überlegen ist? Die außerdem ganz zufällig sehr männlich ist, unter dreißig und fast ‚rein deutsch‘? (Selbst nachdem die Altersgrenze im Deutschen Theater dieses Jahr zum ersten Mal aufgehoben wurde?)

Ob es wohl ein Zufall war, dass parallel zum Theatertreffen 2015 im Hau ein Festival zu den Privilegien „Weiß, männlich, hetero“ stattgefunden hat?

Die Politik dieses enggeführten Zusammenschlusses ist problematisch, gerade im Sinne der künstlerischen Entwicklung, und das für beide Seiten. Für die, deren Türen automatisch auffliegen, und die, für die sie umso härter ins Schloss fallen.

Für diejenigen, die wie ich lange nicht glauben wollten, und es noch weniger verstanden, dass Absprachen getroffen werden, dass sich die Festivalhäuser vorher schon die Empfehlungen von Schreibschulen abholen (die zahlenmäßig ja sehr überschaubar sind), dass im Vorfeld gehandelt und verhandelt wird, ist ein Blick auf die Hintergründe erhellend.

Die wenigen staatlich geförderten Schreibinstitute benötigen, ebenso wie die, die sie leiten, ihre Legitimation, die sie über den Erfolg ihrer geförderten Student_innen erhalten. Dasselbe gilt für die Häuser. Je besser diese zusammenspielen, je eindeutiger ihre Ergebnisse ausfallen, umso klarer lässt sich dieser Erfolg darstellen. Außerdem sind die Wege kürzer und der zeitliche Aufwand gering – für Theaterhäuser ein Faktor und für das Publikum eine Gedächtnisstütze.

Alle tun sich also einen Gefallen, wenn es reibungslos läuft und der romantische Mythos vom einzigartigen Talent die pragmatisch erfolgte Auswahl im Dunkeln belässt.
Nicht die Diffusion, sondern die Eingrenzung ist vorrangig.

Wem nützt eine solche Politik: zuerst den Institutionen und Häusern und den darin mitwirkenden Akteuren. Die machen auf diese Weise ihren Macht- und Hoheitsanspruch über die dramatische Kunst und ihre frisch geborenen Stars geltend. Und wem schadet sie? Zuerst der Kunst selbst.

Ein Vergleich mit anderen künstlerischen Bereichen wie der bildenden Kunst, der Prosa, der Lyrik, der Musik usw. offenbart, dass natürlich aus allen Geschlechtern, Altersgruppen, kulturellen Hintergründen und Schichten große Kunst entstehen kann. Dass sie reicher ist und vielfältiger. Auch, weil die Situation der Ausbildung und Auseinandersetzung umfangreicher und komplexer ist.

Ein Übel der dramatischen Kunst ist in der zu geringen Zahl an Förder- und Ausbildungsmöglichkeiten zu finden. Nur eine größere Vielfalt an Orten der Auseinandersetzungen garantiert auch eine größere Vielfalt an Kunst.

»Erfolg ist ein Missverständnis«

Die übermäßige Aufmerksamkeit, die plötzlich auf den Star fällt, verändert sein Leben schlagartig und bringt eine soziale Umwuchtung, der er gewachsen sein muss. Wenn er nicht aufpasst, sieht er sich bald nur noch von jenen umgeben, denen vor allem die Nähe zur Bedeutsamkeit eines Stars wichtig ist. Je größer die Gruppe der Fans, umso schneller werden sich jene zurückziehen, denen er als Freund oder als Künstler wichtig ist, denn sie wollen von Freunden nicht plötzlich zu Fans werden.

Zu wünschen ist dem neuen Star, dass noch jene Individualist_innen unter den Förder_innen in seiner Nähe bleiben, die sich stur und egoistisch auf die Kunst – und damit auch auf die seine konzentrieren. Und die ihm die künstlerische Auseinandersetzung anbieten, die er in gleicher Weise wie seine Zeitgenoss_innen nötig hat – ein seltenes Gut für alle. Er ist also gut beraten, wenn er den Unterschied an Bedeutung, der fortan zwischen ihm, dem Star, und den anderen gezogen wird, nicht akzeptiert.

Wie sehr er die richtigen Leute um sich hat, hängt von seiner eigenen ‘Politik’ ab, die nämlich hat er von da an zu führen. Und mit der Politik eine Menge Psychologie. Fortan hat er sich nicht nur den Anforderungen seiner Kunst zu stellen, sondern auch dem, was von dieser erwartet wird. Mit dem Licht, das auf ihn fällt, fallen auch Projektionen auf ihn, und er wird sich des Öfteren fragen müssen, ob auch wirklich er gemeint ist.

Bei all dem, was an Politik und Psychologie zu meistern ist, wird er, wenn er klug ist, als Künstler den übermäßigen Erfolg in Frage stellen müssen. Sonst hat er dort, wo er, und wo nur er gewinnen oder verlieren kann, schon den ersten Verlust hinzunehmen. Spätestens wenn er anfängt zu glauben, was ihm plötzlich zugemutet wird, lässt er sich fremdführen und macht sich abhängig vom Kopf und von der Gunst der Anderen.

Und wenn er seinen künstlerischen Werdegang nicht genau dort wieder aufnimmt, wo er ihn zuletzt verlassen hat, wird er weite Umwege gehen müssen, die ihn – wenn er nicht ganz von der Bahn abgekommen ist – genau dorthin zurückführen, wo er einmal war, als er mit Bescheidenheit und Besessenheit, geführt von seiner künstlerischen Kraft und der ihn umgebenden Masse, vorangekommen ist.

Erfolg macht einsam. Es gehört zum System der Einzigartigkeit, dass es nur einen vorsieht, der schillert. Es kann ihn schnell schwächen. Politisch ohnehin.

Trotz des übermäßigen Selbstbewusstseins, das ihm von außen zugeführt wird, muss er ein noch viel größeres aufbringen, jenes Bewusstsein nämlich, dem Hype um ihn und sein Genie keine allzu große Bedeutung zu schenken.

– Ein Essay von Maxi Obexer


1        aus Realitätsgründen wird das chronische Maskulinum verwendet

More in Essay #2