PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Splitter

von Kim Scheunemann

Der Tag des Vortrags, und ich sitze bei der Augenärztin. Nach Stunden des Wartens komme ich an die Reihe. Ich berichte von meinen Beschwerden. Die Ärztin wird zunehmend angespannter. Sie äußert ihr Erstaunen darüber, dass mit dem rechten Auge noch alles ok ist. Sie macht Tests. Sie weiß etwas, sagt es aber nicht, lässt mich auf bunte Bilder gucken. Ich weiß, dass sie bunt sind, aber mein linkes Auge suggeriert mir, sie seien schwarz-weiß. Ein wissendes Kopfnicken. Was weiß sie, was ich nicht weiß? Sie sagt nichts, nur den Hinweis, dass ich ins Krankenhaus zu weiteren Untersuchungen solle, sobald ich wieder zuhause sei.

Elise ist besorgt. Sie plädiert dafür, dass ich den Vortrag absage und mich unverzüglich ins Krankenhaus begebe. Sie promoviert nicht und besorgt ist sie auch immer. Sie weiß nicht, wie wichtig es ist, Vorträge zu halten, sich bekannt zu machen, ins Gespräch zu kommen. Ich habe den Vortrag so oft laut vorm Spiegel geübt, dass ich ihn vermutlich sogar halten könnte, wenn mein rechtes Auge auch noch versagt. Was mache ich aber, wenn ich in einer fremden Stadt stehe, ohne etwas zu sehen? Hätte die Ärztin das doch nicht erwähnt. Klar, Mi könnte das. Mi fährt viel alleine Bus und Bahn. Aber auch Mi fährt nicht alleine in einer fremden Stadt, ohne den Weg zu kennen. In komplizierten Fällen nimmt auch Mi sich wen mit. Außerdem ist Mi seit vielen Jahren blind. Ich nicht.

Ich sage den Vortrag ab. Krank. Obwohl ich mich noch bewegen kann? Obwohl ich sogar noch lachen kann?

Warten in einer Riesenhalle. Notaufnahme. Ich verliere mein Zeitgefühl. Nach Stunden des Wartens werde ich weitergeleitet. Wieder warten. Diesmal auf einem Flur. Kein Tageslicht. Nur wenn eine der Türen kurz auf- und wieder zugeht, bekomme ich eine Ahnung davon, dass es draußen noch hell ist. Schräg gegenüber liegt ein Mensch im OP-Nachthemd und kann sich nicht alleine rühren. Ich immerhin könnte gehen. Auch ich bleibe.

Nach einer Ewigkeit werde ich aufgerufen. Endlich! Ein kurzes Gespräch, ein kurzes Angucken von mir und meinen Symptomen. Oder andersrum? Oder nur den Symptomen? Der Assistenzarzt sagt, ich soll dableiben. Ich solle ausführlich untersucht werden. Auch dieser Arzt gibt mir das Gefühl, dass es ernst ist. Was genau er vermutet, wird mir nicht mitgeteilt.

Ich komme auf meine Station. Die Krankenschwester ist super. Sie ist da, sie ist tough, sie ist laut, sie ist rigoros. Sie zeigt mir den Aufenthaltsraum und gibt mir was zu essen. Mein Zimmer ist noch nicht fertig. Im Aufenthaltsraum bin ich nicht allein. Überall sind Menschen. Ich frage, wie ich wieder reinkomme, wenn ich zum Rauchen rausgehe. „Rauchen ist nicht gut.“ Ich lache. Nichts ist gerade gut. Das versteht sie.
Eigentlich ist Sommer, ein lauer wunderschöner Sommerabend. Für mich nicht. Bunte Bilder sind für mich schwarz-weiß, der Sommer dunkel und kalt.

Ich bekomme eine Zahnbürste und kann am Dienstcomputer eine Abwesenheitsnotiz einrichten. Krank. Ganz ohne Arbeiten. Das hatte ich noch nie. Auch im Bett lässt sich arbeiten. Wenn du deine Arbeit wirklich liebst und mit Leidenschaft machst, dann arbeitest du, und zwar immer. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal ohne Laptop unterwegs war. Wie viele Zugfahrten haben wir zusammen verbracht? Hier aber bin ich ohne ihn, ganz allein. Die Krankenschwester macht sich lustig über mich, dass ich unbedingt noch an den Computer will. Aber sie lässt mich.

Ich teile mein Zimmer mit einer älteren weißen Dame. Ganz normal ist sie. Bluse und Rock. Freundlich lächelnd. Sie hat ein eigenes Telefon an der Wand und bekommt viele Anrufe, Besuche von der Familie. Ansonsten unterhält sie sich im Flur mit den anderen. Das ist hier der Zeitvertreib Nummer eins. Hauptbeschäftigung aller ist Warten. Warten auf den nächsten Termin, das Gespräch mit dem Arzt (es gibt hier nur männliche), das Essen oder die Nacht. Auf den Gängen, vor den Untersuchungszimmern, im Zimmer, im Aufenthaltsraum.

Vielleicht kann ich es umdeuten? Endlich eine Pause, endlich Ruhe. Es geht nicht. Ich will arbeiten. Ich habe überlegt, ob ich mir den Laptop bringen lasse, aber wo verstecken? Außerdem ist mein Kopf zu sehr mit anderem beschäftigt. Das, was sonst immer funktioniert hat, geht mit einem Mal nicht mehr: Ablenken durch Arbeit. Stattdessen diese absurde Frage, die immer wieder kehrt: Hatte ich zu viel Stress? Bin ich selbst schuld? Es hilft nichts zu wissen, dass die Frage gesellschaftlich infiltriert ist. Sie nagt an mir. Selbst Romane kann ich nicht lesen. Ständig habe ich das Gefühl, gleich aufgerufen zu werden, gleich sagen sie mir, was es ist, gleich erfahre ich, wie ich weiter machen kann, gleich. Und dann passiert wieder nichts.

Das Warten macht mich fertig, nicht nur meines, auch das der anderen. Irgendwann beschließe ich: Wenn du nicht kämpfst, wartest du endlos. Die ältere Dame, mit der ich mir mein Zimmer teile, hatte zweimal einen Untersuchungstermin, durfte jeweils den ganzen Tag nichts essen und am Ende fiel er jedes Mal aus. Sie hat nichts getan, nur gewartet. Nach einer Woche kommt sie raus, ohne dass auch nur eine Untersuchung stattgefunden hat.

Nach einer Woche fange ich an zu kämpfen. Vielleicht ist das die Arbeit, die ich hier leisten muss. Endlich werde ich untersucht, endlich redet zumindest der Assistenzarzt mit mir. Er druckst herum, aber ich beharre darauf wissen zu wollen, was los mit mir ist. Ja, er könne verstehen, dass ich es wissen wolle, aber es sei nicht sicher und der Chefarzt müsse mit mir sprechen. Aber argumentieren kann ich. Sagen, was ich will, kann ich. Spätestens jetzt wieder. Schließlich äußert er – sehr zögernd – seine Vermutung. Nachgeschoben wird sogleich, dass der Chefarzt mit mir sprechen müsse, bis zur letzten Untersuchung sei es nicht sicher…

Charlotte begleitet mich, wo sie nur kann. Sie erklärt mir das System Krankenhaus mit seinen Hierarchiestrukturen. Sie erklärt mir, warum der Assistenzarzt eigentlich gar nichts sagen darf, was für Ärger er bekommen kann, weil er mit mir gesprochen hat. Charlotte arbeitet seit Jahren im Krankenhaus. Sie hört zu und stellt Fragen, sie versteht und kann es sich merken. Ich will das alles nicht wissen, ich will nur raus. Aber alle anderen wollen, dass ich mich weiter untersuchen lasse. Sie wollen beruhigt werden. Ich habe ein ungutes Gefühl, ich will es nicht wissen, eigentlich will ich nicht.

Die endgültige Untersuchung wird trotz meines stetigen Intervenierens immer wieder verschoben. Es gibt zu viel Dringlicheres.

Ich wechsle das Krankenhaus, vielleicht ist es in einer kleineren Stadt besser. Der Assistenzarzt besteht auf einer Abschlussbesprechung mit dem Oberarzt. Der lässt auf sich warten, wie immer. Da ich meine Untersuchungsergebnisse noch aus einem anderen Komplex des Klinikums abholen soll, frage ich, ob ich diese in der Zwischenzeit abholen kann. Effektives Zeitmanagement. Niemals nichts machen. Langes Zögern, schließlich: „Ja, doch, das macht Sinn.“ Ich irre auf dem Gelände umher, dabei bin ich hier nun schon über eine Woche gewesen, war ständig spazieren, habe mir die Sonderstation angesehen: Die Aidskranken. Allein und abgesondert. Direkt daneben die Testschafe. Ich kenne das Gruselkabinett, aber ich finde mich dennoch nicht zurecht.
Erfolglos kehre ich zurück. Der Oberarzt war da. Der war also da, als ich gerade unterwegs war? Plötzlich der Assistenzarzt: „Ach da, auf dem Flur…“ Ok, kein Halten mehr: hin. Losstürmen und zuschnappen. Ist das ein Reaktionsspiel hier? Offensichtlich. Ich stelle den Oberarzt an die Wand. „Ähm…“ Aber dann sagt er mir, was ich ohnehin schon wusste. Oder?
Ich weiß nicht mehr, was wir gesprochen haben. Aber ich weiß, dass ich die Handlungskarte umgesetzt habe. Eine Runde weiter.

Wochenende. Zugedröhnt auf Cortison mit Diagnosevermutungen und konfusen Gedanken an die Couch gefesselt.

Montagmorgen Krankenhaus. Wieder Warten in einer großen Halle, Blutabnahme. Aufnahmegespräch mit der Assistenzärztin. Auch diese ist besorgt, nachdem ich berichtet habe. Meine Krankheitsgeschichte lässt sich schon fast flüssig medizinischen Standards entsprechend erzählen. „Das Fremdwerden der eigenen Biografie“.

Ich werde auf die neurologische Station gesteckt. Vierbettzimmer. Zwei Menschen hinter mir, eine neben mir. Ein Spind, aber mir wird sofort erklärt, dass ich lieber keine Wertsachen mitnehmen solle. Das Krankenpflegerinnenzimmer (sie sind alle weiblich, wie sollte es anders sein?) kann ich von meinem aus sehen, klar abgetrennt von den Patient_innen.
Ich vermisse meine Lieblingsschwester. Es war gut, bei ihr im Schwesternzimmer zu sitzen. Sie war fast immer da, furchtbar für sie, gut für mich. Sie hat allen eine Aufgabe gegeben: Schon mal den Tropf rausziehen, da sind die Pflaster, was ist mit dem Trombosemittel… Und heimlich habe ich Milch statt Kaffeesahne bekommen. Hier ist es anders. Die Krankenpflegerinnen sind alle sehr professionell, distanziert, und alles ist geregelt. Kaffee gibt es zum Frühstück und Nachmittag, keine Teeküche. Essen wird dir gebracht, Selbstbedienung ist hier nicht. Auf den Fluren sitzt hier niemand.
Ich fühle mich unwohl auf meinem Zimmer, unwohl auf der Station. Es geht allen schlecht. Einige können sich gar nicht mehr bewegen, viele haben Angst vor ihren unerklärlichen Symptomen. Alle sind allein mit sich und den Gespenstern in ihrem Kopf. Hier ist kein Zusammenhalt.
Dafür ist es weniger überfüllt und ich bekomme die Untersuchungen, die ich haben sollte. Außerdem finde ich mich nach einem Tag schon zurecht. Auch die Ärzt_innen sind nett. Der kauzige Oberarzt und die besorgte Assistenzärztin haben Zeit für Fragen und erklären Sachverhalte.

Gerade nachts, wenn es kein Entkommen gibt, ist es in meinem Zimmer der Horror. Über mir läuft plötzlich der Fernseher, ich höre aggressive Selbstgespräche der einen Mitpatientin, mal direkt neben dem Kopf, mal weiter weg. Sie wandert jede Nacht durchs Zimmer. Sie hat Schmerzen, aber es ist nicht herauszufinden, warum. Sie ist in einer anderen Welt. Zudem spricht sie kein Deutsch, was für eine rassistische Behandlung seitens des weißen, deutschen Personals sorgt. Das Mädchen mir gegenüber versucht zu vermitteln. Sie ist sehr geduldig. Später erklärt sie mir, dass sie die andere oft nicht versteht. Die Sätze seien unzusammenhängend und in einem schwierigen Dialekt. Die Krankenpflegerinnen aber gehen davon aus, dass Türkinnen doch Türkinnen verstehen müssen. Also spielt sie mit. Wenn es hilft. Was sie hat, ist ebenfalls unklar. Sie ist wiederholt in Ohnmacht gefallen. Sie lacht.

Ich entwickle befremdliche Ticks, desinfiziere mir fortwährend die Hände. Die Haut löst sich langsam auf. Wenn es irgendwie geht, versuche ich, aus meinem Zimmer zu fliehen. Wenn das nicht geht, MP3-Player und lesen. Oder wenigstens so tun, als ob. In den Wartepausen darf ich in den Garten. Das allerdings tatsächlich nur sehr begrenzt, denn in dieser Klinik habe ich viel zu tun. Trotz der Unterlagen, die ich aus der anderen Klinik mitgenommen habe, soll ich alle Untersuchungen nochmal machen. Also wieder MRT, wieder Neuro-Tests… Alles nochmal und noch mehr. Jetzt bin ich richtig lukrativ für die Pharmaindustrie geworden: Jung und chronisch krank. Mein Gesundheitszustand muss daher stetig überwacht und perfektioniert werden. Ich soll auch meine linke Seite wieder richtig spüren. Extras wie Krankengymnastik und Ergotherapie stehen nun auf meinem Tagesplan.
Zudem soll ich mich schon mal auf meine Zukunft vorbereiten. Ich erhalten verschiedenste Broschüren. In diesen erfahre ich, dass alles harmloser ist, als es mir gegenwärtig von meiner Umwelt suggeriert wird, allerdings nur, wenn ich das richtige Mittel nehme. Welches das richtige ist, variiert je werbendem Pharmakonzern. Zudem erfahre ich, was meine zukünftige Hauptbeschäftigung sein sollte: Stetig den Fortschritt der Medizinentwicklung verfolgen, zur ständigen Überwachung meines Gesundheitszustandes regelmäßig zu Ärzt_innen, der Austausch mit anderen Betroffenen sollte nicht fehlen, jede Aktivität sollte genauestens geplant werden und die eigenen Grenzen niemals überschritten werden. Zu all dem strahlen mich aus jeder Broschüre weiße, heterosexuelle, aalglatte Menschen an. „Risikodiskurs“, „Selbstoptimierung“, „Enhancement“… schallt es in meinem Kopf. Ich bin mittendrin.

Langsam klopft die Außenwelt wieder an. Ich bin nun schon eine Weile krank, und langsam wollen alle wissen, was ich habe. Charlotte sagt, ich soll mir sehr genau überlegen, wem ich von meiner Krankheit erzähle. In Arbeitskontexten würde sie niemals die eigene(n) Krankheit(en) thematisieren. Die Leute würden annehmen, mensch sei dann arbeitsunfähig. Sollte es dennoch zu einer Anstellung kommen, würde ich als Quotenbehinderte_r angesehen. Ich versuche mir einzureden, dass es in meiner Bubble anders ist, aber sicher bin ich mir nicht. Ich denke an das Kolloquium, in dem wir Interviews von Menschen mit chronischen Krankheiten interpretierten. Grundtenor aller: Die sind überaus anstrengend, launisch und lassen ihre Depressionen an anderen aus. Natürlich sind alle aufgeklärt und würden diese Einstellung nicht vor einer chronisch kranken Person äußern, aber denken tun sie es. Sie wollen natürlich auch nicht, dass alle gesund sind und gleich aussehen, nicht offiziell. Sie wissen, dass die Gesellschaft diskriminierend und grausam ist und monieren es öffentlich, aber genervt sind sie vom Individuum.

Noch eine Untersuchung, die letzte und alles entscheidende Untersuchung. Das Ergebnis wird das, was alle denken, worüber aber noch nicht einmal die Ärzt_innen sprechen können, verifizieren oder widerlegen. Ich sitze auf dem Bett und beuge mich vor. Stillhalten. Die anderen Patient_innen sind im Zimmer, gehen rein und raus. Egal, darum darf es jetzt nicht gehen. Ich darf mich in keinem Fall rühren.

 

More in Prosa #4