PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Sauber bleiben

von Selim Özdoğan

Hallo, mein Name ist Şeyda und ich habe Migrationshintergrund. Das erste Mal habe ich einen angeboten bekommen, da war ich noch in der Grundschule. Ich habe langsamer als die anderen gelernt, lesen und schreiben konnte ich erst in der zweiten Klasse. Meine Lehrerin sagte etwas von Migrationshintergrund, und ich habe ihn genommen. Ich war erleichtert.
Ich war nicht nur langsamer beim Lernen, ich kam auch oft zu spät. Auch da hat Migrationshintergrund geholfen. Aber manchmal hatte ich dann so viel Migrationshintergrund, dass ich gar keine Lust mehr hatte, pünktlich zu kommen.
Migrationshintergrund war, als würde sich eine eiserne Klammer lösen, die mein Hirn fest im Griff hielt. Auf einmal konnte ich Dinge besser verstehen und mich ein wenig entspannen.
Als ich dann in der neunten Klasse angefangen habe zu kiffen, ist irgendeine von den Angelas in meiner Klasse zur Lehrerin gegangen und hat gepetzt. Und meine Eltern haben einen Brief nach Hause bekommen, dass sie zu einem Gespräch in die Schule sollen.
Den Eltern habe ich gesagt, dass das bestimmt ein Irrtum war, und am nächsten Tag bin ich zur Lehrerin und habe ihr erzählt, dass ich gar nicht gekifft hätte. Dass ich nur angeben wollte. Dass ich ja zu Hause keine Freiheiten hätte. Dass meine Brüder alles dürften, ich aber nichts. Und dass ich so tun wollte, als würde ich mir auch Freiheiten nehmen. Meine Lehrerin hat mir geglaubt, und meine Eltern mussten nicht in die Schule, damit meine Freiheiten nicht noch weiter eingeschränkt werden. Migrationshintergrund nehmen hat geholfen.
Ich dachte, ich könnte es kontrollieren, immer nur so viel Migrationshintergrund, wie man gerade braucht, aber spätestens beim Studium ist das eskaliert. Ich habe Texte gelesen zu Diskriminierung, zu Werten, zu Marginalisierung, zu Rassismus, zu Orientalismus, Kolonialismus. Ich habe die Texte nicht nur gelesen, ich habe sie inhaliert, und mit jedem Text habe ich Lust auf noch mehr Texte dieser Art bekommen. Irgendwann hatte ich so viele zu Hause, dass ich gar nicht mehr alle lesen konnte.
Ich bin eingeschlafen mit diesen Texten, und ich bin aufgewacht mit ihnen. Ich wollte das alles besser verstehen: Warum grenzen Menschen aus? Warum brauchen sie solche Labels? Warum ist bei einer Spinnenphobie nicht die Spinne schuld, bei Fremdenphobie aber der vermeintlich Fremde? Wo werden Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Namens strukturell benachteiligt? Welches sind die blinden Flecken der Gesellschaft gegenüber ihren Ausgrenzungsmechanismen?
Direkt nach dem Aufstehen las ich da weiter, wo ich abends eingeschlafen war. Ich habe fast nichts anderes mehr getan. Zuerst habe ich nur Verabredungen abgesagt, dann bin ich sonntags nicht mehr zum Essen zu meinen Eltern, schließlich habe ich auch die Vorlesungen und Seminare geschwänzt.
Wenn ich dann doch mal mit Menschen zusammen war, habe ich über nichts anderes gesprochen als Dinge, die irgendwie mit Migrationshintergrund zu tun hatten. Ständig war ich wie benebelt, Migrationshintergrund hat mein gesamtes Denken und Handeln bestimmt. Ohne Migrationshintergrund konnte ich nicht mal mehr Brötchen kaufen gehen oder in die Bahn einsteigen, Fahrrad fahren, schwimmen, spazieren, rülpsen, pinkeln. Wo ich auch stand und ging, ich hatte immer einen Migrationshintergrund einstecken.
Wenn ich zu viel Migrationshintergrund dabei hatte, wurde ich ausfällig, beschimpfte und beleidigte Menschen. Weil es verfickt noch mal nicht um meine Umgangsformen ging, sondern darum, wie sie versuchten, Ausgrenzungen zu legitimieren. Diese ganze Scheißleitkulturdebatte hatte nichts mit unseren oder irgendwelchen anderen Werten zu tun, sondern sollte einzig und allein festlegen, wer alles nicht dazugehörte. Sie wollten uns die Teilhabe absprechen. Was zählte es da, wenn ich jemanden als weißen Mittelschichtswichser bezeichnete und ihm sagte, er solle die Fresse halten? Was zählte es schon, wenn ich ihm sagte, er solle sich ficken und erst mal dieses und jenes Standardwerk zum Thema lesen, bevor er mich mit seiner privilegierten Kackscheiße zulaberte. Mir doch egal, wenn ihn meine Worten verletzten. Nicht mein Problem, wenn er nicht verstehen konnte, dass es einen Unterschied machte, wer hier wen beschimpfte.
Schließlich wurde ich selbst nicht bloß durch Worte, sondern schon allein aufgrund meiner Herkunft verletzt. Aber das konnte so eine Mehrheitsgesellschaftsprivilegierte natürlich nicht verstehen. Und jede, die ich getroffen habe, glaubte, sie wäre anders als die anderen. Sie wäre kein Rassistin. Sie meinte es ja nicht persönlich, es steckte ja keine Absicht hinter, sie hätte es ja nur gut gemeint. Sie glaubte, es müsste Absicht dahinter stecken, sonst könnte man es nicht Rassismus nennen. Diese Arschlöcher fühlten sich nie angesprochen, wenn man ihnen zeigte, was gerade geschah, sondern immer erst dann, wenn man sie beschimpfte. Und irgendwie musste ich sie ja ansprechen.
Mit genügend Migrationshintergrund verlor ich alle Hemmungen, mir war dann egal, wer mir gegenüberstand. Ich schloss die Augen vor ihrem Schmerz, öffnete meinen Mund und schrie meine Wut hinaus.
Manchmal wusste ich am nächsten Tag gar nicht mehr so genau, was ich da alles geschrien hatte, aber ich wusste, ich hatte Recht gehabt. Recht. Ich stand auf der richtigen Seite, daran zweifelte ich nicht. Konnte sein, dass ich Wohnungen nicht bekam, Jobs, dass ich Angst hatte in bestimmten Gegenden, dass über mich gelacht wurde, dass man mich hysterisch nannte, konnte sein, dass ich angefeindet wurde, aber am Ende des Tages und auch am nächsten Morgen noch und am übernächsten hatte ich Recht. Und die anderen nicht.
Und ich konnte Solidarität einfordern von allen anderen, die Migrationshintergrund nahmen. Die Beschaffung war einfach, es gab überall und immer genug. Nicht für alle, das ist klar, aber das machte es für uns noch reizvoller, dass die anderen lügen mussten, wenn sie Migrationshintergrund haben wollten. Oder etwas von den Straßen erzählen, in denen sie aufgewachsen waren, von den Vierteln, in denen bildungsferne Familien wohnten, von ihren Freunden von damals, sie mussten sich schmücken mit anderen, damit ein wenig Migrationshintergrund auf sie abfärben konnte. Zu meinem Migrationshintergrund hatte ich immer auch gleich einen Erwerbsnachweis. Migrationshintergrund, auch wenn er mich dazu brachte zu schimpfen, zu keifen, zu schreien, nahm oft die Spannung raus. Etwa, wenn ich selbst beschimpft wurde, wenn ich etwas nicht bekam, von dem ich wusste, dass es mir zustand, oder wenn es mit einem Mann nicht klappte. Dann war es der Migrationshintergrund, der ihn so zerrissen machte, so toxisch in seiner Männlichkeit, so wenig emphatisch. Männer mit Migrationshintergrund reproduzierten meistens nur alte Machtstrukturen. Und Männer ohne Migrationshintergrund konnten nicht verstehen, was es bedeutete, einen zu haben. Die, die es gelesen, gehört, gelernt hatten, wussten es nicht, nur wer Migrationshintergrund gelebt hatte, wusste, was er bedeutete. Ich konnte weder mit den einen noch mit den anderen glücklich werden.
Irgendwann bestand mein ganzes Leben nur noch aus Migrationshintergrund, es geriet völlig aus der Balance. Und als würde das nicht reichen, wurde ich ja allein schon dadurch benachteiligt, dass ich eine Frau war. Wenn ich vor lauter Migrationshintergrund nicht mehr genug spürte, vergegenwärtigte ich mir, wie viel einfacher all die Attilas, Xaviers, Osmans und Khalids es hatten, und es war, als hätte man ein paar Kurze auf den Migrationshintergrund gekippt. Es wurde warm im Magen, und ich fühlte das Feuer.
Es war, als hätte ich gar kein eigenes Leben mehr, Migrationshintergrund überstrahlte einfach alles. Ich wünschte mir Zeit für Freunde, für Hobbys, ich wollte einfach mal ein Buch lesen, einen Liebesroman oder einen Krimi, wollte faul in der Sonne liegen. Doch das lag angeblich an meinem Migrationshintergrund. Wenn ich bergsteigen ging, lag das auch daran. Da war es dann meine Gegenreaktion auf meinen südländischen Migrationshintergrund, der an warmroten Sonnenuntergängen am Meer gebraut worden war. Alles, was ich tat, was nichts damit zu tun hatte, schien für die anderen seinen Ursprung im Migrationshintergrund zu haben.
Ich versuchte, Migrationshintergrund zu kontrollieren und zu reduzieren, doch dabei wurde mir erst bewusst, wie oft ich welchen angeboten bekam. Dauernd fragten die Menschen nach meiner Herkunft, machten Bemerkungen über meine schwarzen, lockigen, vollen Haare, über meinen Teint, über meine dunklen Augen, über meinen Namen. Şeyda. Und am schlimmsten waren die, die ein wenig Bescheid wussten und das Thema vertieften und mich damit zurückwarfen. Şeyda … Heißt Şeytan nicht Teufel? Hat das irgendetwas miteinander zu tun?
Ich habe lange versucht, Migrationshintergrund zu reduzieren, doch er lauert einfach überall. Ich habe verstanden, dass ich machtlos bin gegen Migrationshintergrund. Nur eine Kraft, die größer ist als ich selbst, kann mich davon befreien. Ich habe beschlossen, mich dieser Kraft anzuvertrauen.
Ich bin in mich gegangen und habe mir meine Geschichte angesehen. So, wie ich sie euch hier erzähle, nur ausführlicher. Ohne zu beschönigen, ohne nach Entschuldigungen zu suchen, ohne mich als Opfer darzustellen und ohne mit dem Finger auf jemanden zu zeigen.
Ich gestehe, dass ich mich falsch verhalten habe, dass ich Menschen angeschrien und verletzt habe, und dass ich mich selbst verletzt habe, indem ich mich auf Migrationshintergrund reduziert habe. Ich bin bereit, dieses Verhalten aufzugeben. Ich bin bereit, in Demut darum zu bitten, dass eine Kraft, größer als ich selbst, mir hilft, diese Verhaltensweisen aufzugeben.
Ich habe eine Excel-Liste gemacht mit allen Menschen, die ich verletzt habe, und den Beleidigungen, an die ich mich erinnern kann. Sie ist sehr lang geworden, drei Seiten. Und ich möchte gar nicht wissen, wen ich alles vergessen habe. Ich hoffe, dass mir immer mehr Menschen einfallen, je länger ich ohne Migrationshintergrund auskomme. In Zukunft möchte ich zugeben können, wenn ich Unrecht habe.
Ich möchte einen tiefen Kontakt zu dieser Kraft bekommen, die uns eint. Einen tieferen Kontakt zu mir selbst. Zu dem, was unter diesem Migrationshintergrund liegt. Ich möchte mich fühlen. Nicht nur spüren und denken, weil ich Texte gelesen habe.
Ich glaube, es ist egal, was wir nehmen, ob es Herkunft ist, Sexualität, Geschlecht: Es kann so schön sein, etwas zu haben, von dem man sagen kann: Das bin ich. Aber ich glaube, wir sind mehr als das. Ich habe so viel Zeit in meinem Leben damit verbracht, mir die Zuschreibungen von anderen anzuhören. Warum habe ich dann angefangen mit eigenen Zuschreibungen? Warum sollte ich mich darüber definieren? Über eine Identität, die mir vorspiegelt, vereinzelt zu sein. Entweder jeder hat eine Identität oder keiner. Und wenn alle eine haben, kann sie nicht dazu dienen, Menschen auszugrenzen. Diese ganze Beschäftigung mit der Identität macht uns nur einsam. Dann kommt dieser Drang, sich sichtbar zu machen. Zu Gruppieren. Definieren. Behaupten. Identität ist ein Spiel, in dem jeder eine Grenze ziehen kann zwischen Ihr und Wir. Wir, die wir so sind, und ihr, die ihr so seid. Aber es gibt kein Ihr und Wir. Es gibt kein: die Menschen da draußen. Du bist immer schon mittendrin. Ob du willst oder nicht. Wir sind alle gleich. Auf einer Kugel kannst du niemanden an den Rand drängen.
Aber es sieht so aus, als wäre das anders, weil es Macht gibt. Und weil es die mit Macht gibt und die ohne. Das ist die einzige Unterscheidung, die zählt. Die, die täglich Macht nehmen, gehen nie zu Treffen wie diesem hier. Die haben das nicht nötig. Und sie finden es geil, dass wir Identität nehmen. Identität ist ein Wein. Oder vielmehr Opium. Doch Macht wirkt stärker. Viel stärker. Es ist egal, wie viel Identität wir nehmen, wir werden uns damit nicht sichtbar machen.
Ich weiß nicht, ob ich anfangen möchte mit Macht, aber wenn ich wieder etwas nehme, wird es Macht sein …

Lektorat: Carolin Krahl und Olivia Golde

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