PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Rick Dangerous 3

Caren Jeß schreibt Dramatik und Prosa. Ihr Interesse gilt sozialen Missverhältnissen und Abweichungen von etablierten Normen. Sie zieht die Bloßlegung der Anklage vor. Ihr zweiter Vorname ist Erdmuth.

Mondschein. Der Wind peitscht über die Felder. Die knochigen Kronen der Bäume knarren. Eine Eule schreit. Aufgebracht rascheln Mäuse in trockenem Laub. Ich bin auf der Flucht mit Rick Dangerous.

 

Eines Tages entdeckte ich am Spiegel diesen Kratzer. Ich konnte mir nicht erklären, wie er da hingekommen war. Wenn ich auf den Kratzer starrte, verwischte dahinter das Spiegelbild, und ich verlor mich in Gedanken, die sich nicht lösen ließen. Und der Kratzer sah mir dabei zu. Wir waren wie zwei Schachfiguren, die still miteinander kommunizierten. Und mich überforderte dieses Spiel. Denn es endete immer damit, dass ich den komplizierten Gedanken fallen ließ und Flucht suchte in meiner Fantasie.

 

Der Mond verschwindet hinter grauen Wolkenschleiern. Eine Lichtung öffnet sich, eingerahmt von morschen Eichen. Der Geruch fauler Früchte schleicht durch die Brombeerranken. Rick Dangerous wirft mir einen ernsten Blick zu: Wir haben kein Dynamit mehr und nur noch eine einzige Patrone.

 

Auf der Arbeit gab es insgesamt sieben Spiegel. Einen an der Garderobe, jeweils zwei auf den Toiletten, einen im Flur und einen im Fahrstuhl. Sie waren alle unversehrt. Ich überprüfte das jeden Tag, den ich dort war. Das machte den Arbeitsplatz für mich jedoch nicht unkomplizierter.
Neulich stand ich mit meinen Kollegen Lukas und Jan in der Gemeinschaftsküche. Wir tranken Kaffee, Lukas rauchte, die Mittagspause hatte gerade begonnen. Im Büro war dicke Luft gewesen. Streitigkeiten mit einem Lieferanten, nicht von Bedeutung. Lukas jedoch war außer sich, steigerte sich in den Konflikt hinein, der doch eigentlich nichts mit ihm zu tun hatte.
„Scheiß Bastarde von J. R., ey, Jimbo Royal, ey, wie kann man so eigentlich seine verfluchte Fotzenfirma nennen!“, rief Lukas und lud sich Zucker in seinen Kaffee.
Jan lachte gekünstelt und klopfte seinem Kollegen auf die Schulter. Ich hielt mich am Griff des Kühlschranks fest. Ich wollte nicht am Gespräch teilnehmen, gleichzeitig aber gelang es mir nicht, einfach mein Joghurt aus dem Kühlschrank zu nehmen und mich wieder an meinen Platz zu begeben. Außerdem wusste ich, dass es ein Himbeerjoghurt war, und ich mochte Himbeere nicht so gern. Wieso kaufte ich das immer wieder?
„Was wollen die denn, ey, woran denken die beim Wichsen? Merkel, ey, die ist doch kein Mensch! Ihr habt doch alle keine Ahnung von dem, was wirklich abgeht, ihr seid doch alle Marionetten des Establishments! Und merkt es nur nicht!“
Seit jeher verhielt sich Lukas in seinen Wutausbrüchen auffällig konfus. Mir schien, als eifere er einem spezifischen Modell wütender Rhetorik nach.
„Jimbo Royal, ey, was soll an dem Laden royal sein? Die verfickten Bimbos von Jimbos, ey, die sind doch nicht ganz dicht!“
Jan verlor sein gekünsteltes Lachen.
„Hey Lukas, bleib mal korrekt“, sagte er in einem Ton, der Ernsthaftigkeit und Humor vereinen sollte, um nicht allzu moralisch zu klingen. Jan wusste, dass Lukas das nicht vertrug: Moral.
„Politisch, oder was? Politically correct, ey, oder was, Jan? Du kannst auch nicht deine Meinung sagen, was? Geh doch zu J. R., Mann, vielleicht suchen die noch ’n Wichser, der für die den Pressetrottel macht, ey, und denen die stinkenden Fotzen ausleckt.“
Lukas verstand es, seine Kommentare kontrapunktisch zu denen seiner Gesprächspartner zu setzen, und ja, „stinkende Fotzen auslecken“, so etwas sagte er wirklich. Neulich nannte er Jan sogar einen Fotzenwichser und ich hatte den Eindruck, dass Jan die Aggression, die sich hinter dem Begriff beileibe nicht verbergen konnte, gar nicht mehr spürte, stattdessen ein Lachen unterdrücken musste.
Lukas und Jan setzten ihren Streit fort. Ich sagte nichts. Ich verharrte solange am Kühlschrankgriff, bis Lukas mich wahrnahm, mich einen behinderten Spast nannte und gereizt den Raum verließ. Erst dann war ich imstande, den Kühlschrank zu öffnen und mein Himbeerjoghurt herauszunehmen. Und das löffelte ich dann.

 

„Rick“, frage ich, blicke meinen Freund an und sehe ihn im Profil. Man sieht Rick Dangerous immer nur im Profil.
„Rick, wie sind wir eigentlich in diesen Wald gelangt? Alle Abenteuer, die ich bisher mit dir durchlebte, fanden in geschlossenen Räumen statt, untertage in der Silbermine, in Pyramiden, in futuristischen Raumstationen. Was machen wir hier in der freien Natur, in einer Umgebung, für die wir nicht programmiert sind? Was wollen wir in dieser organischen Welt?“
„Wir sind auf der Flucht, mein Junge.“
„Aber wir katapultieren uns geradewegs ins Game Over, Rick! Wir sind den Herausforderungen, die uns die heimtückische Natur stellt, nicht gewachsen!“

„Sei tapfer, mein Freund. Wir werden unseren Auftrag erfüllen. Wir sind stark. Wir sind mutig. Und wir sind wütend.“
Bewundernd schaue ich meinem Freund ins Gesicht. Die Zweidimensionalität seiner Züge wirkt seltsam fleischlich. Rick verzieht keine Miene, er ist die Bestimmtheit in Person, er ist der waghalsige Ritter, der auch ohne Rüstung in den Kampf zieht, er ist der Cowboy, dem niemand die Zügel aus der Hand reißen kann, er ist der Gangster, der Falschgeld am Geräusch erkennt, das es erzeugt, wenn er sich daraus eine Zigarette dreht. Rick setzt die letzte Patrone ins Magazin seiner Pistole. Er wirft dem Mond einen verschwörerischen Blick zu. Dann schaut er mich an und sagt: „Wir müssen jetzt alles auf eine Karte setzen.“

 

Ja, und mir widerfuhren solcherlei Situationen immer häufiger. Leute stritten neben mir. Und mir fehlten die Worte. Und so saß ich da und fraß etwas in mich hinein, das vielleicht Frust hieß oder Minderwertigkeit oder einfach nur Angst, aber Angst in einem besonders grotesken Aufzug. Und obwohl ich so viel Abstraktes hineinfraß in mich, kam ich mir furchtbar appetitlos vor. Ich aß weniger, einseitiger, teilnahmsloser und verlor Gewicht. Ich war ohnehin ein eher dünner, unsportlicher Typ. Dieser Tage eben noch etwas dünner und noch etwas unsportlicher. Ich war ein Stöchlein – dürr und einseitig in seiner Bewegung. Wie ein Streichholz, das leicht zerbricht.
Ich kam abends von der Arbeit heim, immer so gegen halb sechs, zog die Jacke aus und verharrte einen Augenblick vor dem Spiegel im Flur. Der Kratzer zog sich schräg durch mein gespiegeltes Gesicht. Immer wieder versuchte ich, ihn mit etwas Speichel zu beseitigen, um zu begreifen, dass er sich nicht beseitigen ließ. Dann grübelte ich einen Moment. Und schon gesellte sie sich wieder zu mir: meine Fantasie. Sie überraschte mich immer wieder. Und ich liebte sie sehr. Sie war vereinnahmend in ihrer Professionalität. Sie war schon an Orten, von denen andere nicht einmal zu träumen wagten.

 

Vorsichtig biege ich ein Bündel Äste zur Seite. Ich halte meinen Atem an. In einigen Metern Entfernung sehe ich Rick vor einer alten Waldhütte. Er versucht, sich Zugang zu verschaffen.
„Warte hier hinter dem Gebüsch“, hatte er mir befohlen, „wenn ich aus der Hütte nicht lebend herauskomme, hängt unser Glück an dir, mein Freund. Dann musst du es allein schaffen.“
Ein Geräusch schreckt mich auf, hastig fahre ich herum, mein Puls rast, ich blicke in den schwarzen Wald hinein. Dann entdecke ich es: Mattes Mondlicht fällt auf ein Reh. Es starrt mich an, wechselt die Blickrichtung und galoppiert geräuschvoll davon. Erleichtert drehe ich mich wieder um und sehe gerade noch, wie Rick in der dunklen Hütte verschwindet.

 

Das gesamte Büro war in Aufruhr. Lukas war entlassen worden. „Nur weil ihr die falsche Partei wählt, ey“, soll er zum Chef gesagt haben und ihn dann einen Hurenscheißbock genannt haben.
Alle hatten eine Meinung, zu Lukas, seinem Rauswurf, seiner Wortwahl. Die Worte sind es ja nicht, dachte ich, Jan gegenüberstehend, den Aluminiumdeckel eines Joghurts abziehend, Pfirsich-Maracuja diesmal. Die Worte sind es nicht, dachte ich ein zweites Mal, sprach es aber nicht aus, stattdessen wiederholte ich in meinem Kopf fünfmal das Wort Fotzenwichser, noch ein sechstes Mal, dann endlich kam es mir nur noch wie eine Hülse vor, eine Kombination aus Lauten, die keiner eindeutigen Bedeutung unterlagen.
„Lukas weiß einfach nicht, wie er sich helfen kann“, sagte ich dann, sah Jan an, stach meinen Löffel in den Joghurtbecher und begann darin zu rühren. Ich freute mich kurz. Denn ich hatte etwas gesagt. Doch Jan warf mir einen verstörten Blick zu.
„Lukas will sich nicht helfen“, sagte er dann, „Lukas will niemandem helfen.“
„Ja“, gab ich nur bei und ließ ab vom Rühren im Joghurt. So kam es, dass ich mein Milchprodukt in dieser Pause verschmähte. Obwohl mir Pfirsich-Maracuja für gewöhnlich schmeckte.

 

Ich höre einen Schuss, dann einen kläglichen Schrei. Kurz darauf sehe ich, wie die Tür der Waldhütte von innen geöffnet und ein lebloser Körper hinausgestoßen wird. Sie haben Rick Dangerous kaltblütig erschossen. Rasch verberge ich mich im Unterholz. Knorrige Zweige strecken ihr welkes Laub dürftig dem Himmel entgegen. Nun bin ich auf mich allein gestellt. Ich habe 0 Munition. Rick hatte die letzte Patrone mit sich genommen. Ich grabe mich tiefer in den modrigen Waldboden ein. Jetzt spüre ich, wie sich unter mir langsam eine wohlig wärmende Pfütze ergießt. Der Mond scheint.

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