PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Gedichte

von Ricarda Kiel

Mein Outfit für die Zeit im Wald

Ich besitze fast nur noch Jogginganzüge mit Kapuze
Auf der Bühne trage ich einen nachtblauen Samtblazer
über einem Jogginganzug mit Kapuze
Ich esse wöchentlich die gleichen fünf Gerichte
und entdecke darin Feinheiten die ich mir nicht vorstellen konnte
Seit ein paar Monaten haben sich meine Sinne verdoppelt
Seit ein paar Wochen wachsen mir Wellen wo früher Stängel waren
Die Farnblätter entrollen sich in menopausaler Geschwindigkeit
die Blätter entrollen sich eben eins nach dem anderen
Wenn ich im Wintergarten sitze streichele ich mir die Nase
mit den festen glänzenden Blättern einer Zimmerpflanze
Wenn eine Schülerin bei mir sitzt streichele ich sie auch
und schenke ihr einen Walkman damit sie endlich mal wieder tanzt

 

 

Mein Outfit für den Umzug zu ihr nach Mexiko

Welt!
Und hier.
Ich nehme ein Bad auf dem Balkon,
die gesamte Kreuzung unter mir.
An der Haltestelle sitzt einer und murmelt Welt.
Ich rufe aus der Horizontalen! Welt!
Ich gebe mein Bestes.
Bin mir allerdings unsicher, ob das kalte Bier so gut zu dem Badewasser passt
oder ob der kühle Juni-Abend reicht für den Kontrast –
diese weiche Luft um die Villen herum,
voll mit raschelnden Lindenblüten und hellen dichten Rosen nickend wie Schwestern.
Von der anderen Seite bringt die Dämmerung die Sojasoße des China-Restaurants
Bremsengummi und den salzigen Rülpser von ihm an der Haltestelle und sie:
die aufrecht am Wannenrand steht,
die auf dem Weg nach Mexiko ist.
Die aus einem Rucksack mit drei Merino-Unterhosen lebt,
die Listen schreibt und nur mit japanischen Stiften,
seit Jahren die eine gleiche Creme verwendet,
seit Jahren eine gemessene Stunde Yoga macht,
die den Tag in der Kommandozeile verbringt,
dort ist sie sicher oder frei,
das verwechselt sie manchmal,
wie sie sich manchmal irrt
in den Namen ihrer Brüder.

 

 

Mein goldenes Outfit

Nachmittags lüfte ich meinen Hund.
Und trinke ich oft Tee, oder.
Ich bin einverstanden, wenn ich beim Duschen meine haarigen hängenden
Weichteile sehe.
Wie stolz das Mädchen gegenüber auf ihren Kugelbauch ist.
Meine Rezepte sind fertig, sie sind ein Teil von mir, sechssträngige Hefezöpfe
und meterlange Biskuitrolle, ich lasse sie strömen direkt in den Ofen.
Ich ströme mich auf die Straße und keiner kann mich sehen.
Ich schmeiße meine Haare in den Wind.
Ich helfe niemandem mit Kinder- oder Einkaufswägen.
Ein Scheiß diese Trolleys.
Ich erinnere mich an Zeiten, in denen ich noch ganze Teppiche von
Brennnesseln pflückte und aß.
Es war wieder diese Jahreszeit, in der kleine weiße Blüten durch die Luft hageln
wie Körner und mein Auge treffen und seitdem habe ich eine leuchtende Stelle
im Augapfel, die vorher nicht da war, und in diesem Fleck spiegeln sie sich alle.
Der leicht hinkende Mann, der aus aus seinem Kofferraum eine Kaufland-
Tragetüte zerrt und eine Packung Cornflakes unter seinen Arm klemmt.
Das lockige Mädchen, das hockend den Reißverschluss der Jacke ihres
Freundes repariert, der sich an die Autoseite schmiegt.
Die wütenden Männer, die in dunklen Wägen gestikulieren.
Es gibt Hunde, die tragen zarte Silberkettchen.
Meiner nicht.
Der Mann mit dem Schäferhund und den drei gebrochenen Fingern hat Text
seitlings auf der Hose.
Es ist mühsam, jedes Bein einzeln zu lesen.
Mühsam wie jedes Blatt vom Lindenbaum pflücken und einzeln einpflanzen.
Was keinen Sinn macht.
Kormorane, die rütteln im Sitzen.
Was geht es mich an?
Am Abend nehme ich manchmal ein Bad, um besser einschlafen zu können,
im Badewasser erzeugt mein Herzschlag konzentrische Kreise,
ich bin wohl noch da.

 

 

Mein Outfit für einen Spaziergang

Ein Vogel
Ein Apfel
Ein kleiner Mond
Ich trage eine Mütze aus Holz
um sie anzuzünden am frühen Morgen
in dem Wald ein fröhlicher Brand
Ein Brotmesser
Ein Blatt
Ein sehr schwarzer Stock
Ich trage eine Jacke
damit ich etwas Ganzes ergebe
Ich trage keine Hose
damit ich mich unterscheide
Ich trage Falten
denn ich habe genug Haut dafür
Ein Spinnweben
Ein vergessenes Taschentuch
Ein Laminiergerät
Ich trage nur noch die Baby-Schildkröte
die ist schwach und läuft nicht gern

 

 

 

 

*Ricarda Kiel – Geboren 1983. Ich bin eigentlich gelernte Goldschmiedin, arbeite aber
inzwischen fast nur noch am Computer, und das Handwerk fehlt mir. Ich habe nichts
studiert, nichts gewonnen, nichts veröffentlicht. Ich helfe hauptsächlich weiblichen
Selbständigen dabei, sich sicher und für sie passend im Internet zu zeigen, ich mache
Websites mit ihnen, aber es ist eigentlich so viel mehr – es geht um ihre Sichtbar­
machung und darum, dass sie nutzen können, was sie bereits alles gelernt und sich
erarbeitet haben. Ich habe den feministischen Blog wepsert.de mitgegründet, wo wir
gemeinsam Essays schreiben und Frauen porträtieren, die uns beeindrucken. Ich habe
zusammen mit einer Freundin-Kollegin die Plattform patchwork-arbeit.de gegründet,
auf der wir untersuchen, was es mit uns macht, dass wir immer an zig Themen
gleichzeitig arbeiten und zig verschiedene Rollen dabei ausfüllen.

Ich schreibe Texte, um zu fühlen, was andere fühlen und um zu fühlen, was ich selber
fühle. Ich will mich mit meinen Texten selber verkörpern, meinen Platz ausfüllen und
ausloten, wie sich Platz ausfüllen und Verkörperung für andere Menschen anfühlen.
Beides sind für mich politische Akte: Sich tief in andere und in sich selber hineinzuver-
setzen, zu spüren, was da ist und es nicht verändern oder verbessern zu wollen, sind
Haltungen, die weder von einem kapitalistischen noch von einem patriarchalen System
gefördert werden.

Ich schreibe für meine Freundinnen, weil ich will, dass sie meine Worte lesen, weil ich
hoffe, dass sie sich in ihren Durcheinandern stark und normal fühlen können. Ich
schreibe, weil ich das Oben und das Unten gleichzeitig berühren will, weil auch diese
Verknüpfung ein politischer Akt ist. Ich schreibe, weil ich Raum einnehmen will und weil
ich will, dass andere auch Raum einnehmen, weil ich die Nase voll davon habe, wie wir
(wir die Sensiblen, wir die Langsamen, wir die Zögerlichen, wir egal welchen Ge-
schlechts) uns in Bildschirmen und Unsicherheiten vergraben, und damit Zeit und
Macht verschenken.

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