PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Rein, Geschmacksurteile

von Julia Knaß

Tee ist ein Genussmittel

mein momentaner Lieblingstee heißt Blueberry Muffin, den habe ich erst vor Kurzem im Supermarkt entdeckt, wenn ich den trinke, fühlt es sich fast so an, als würde man wirklich einen Muffin essen, richtige Süßigkeiten bringe ich kaum runter, oder zumindest rede ich mir seit einiger Zeit ein, dass ich überhaupt Probleme damit hätte, richtig zu essen, „ich habe irgendwie mit Appetitlosigkeit zu kämpfen“, sage ich mir vor und dann stimmt es, meine ältere Schwester arbeitet als Ärztin in einem Zentrum für Essstörungen und erzählt mir immer, wie schwierig es sei, da wieder rauszukommen, ich sehe mich, da langsam hineingleiten, ich betrachte mich von vorne, von der Seite, dann ein Selfie, betrachte mich von außen, wie ich langsam immer mehr weniger werde, ich finde, es steht mir zu, sie finden, es stehe mir gut, er hat auch immer gemeint, ich würde jedes Mal mehr strahlen, wenn er mich wiedersieht, und ich frage mich noch immer, wen er da eigentlich angeschaut hat, im Sommer, als wir uns noch getroffen haben, und ich immer Eistee gemacht habe, Sorte Fruchtige Beeren, Tee aufkochen, dann im Kühlschrank kalt stellen, und ja, ich bin ziemlich sicher, es gibt wenig, was erfrischender schmeckt, und das Angenehme daran ist ja, dass man den Eistee dann auch leicht mit Wodka mischen kann, für am Abend, oder für schwierige Tage, je nachdem, und er hat gemeint, dass er Tee genauso trinken würde wie ich, wir waren gerade, oder: wir waren immer, in dieser Annäherungsphase, in der man versucht, so viele Ähnlichkeiten, so viele „ich genauso wie du“ als möglich zu erfinden, damit man sich im Anderen einrichten kann, aber darüber hinaus, sind wir nie, gekommen, ich hatte dann irgendwie das Gefühl, er würde sich entfernen, und deswegen habe ich ihm nicht mehr geschrieben, also, von mir aus, weil ich wissen wollte, ob er sich melden würde, von sich aus, hat er aber nicht, insofern, war es sehr sanft, er hat mich nicht verlassen können, weil ich ihm nie gesagt habe, dass ich uns überhaupt haben wollte, daran sollte ich aber auch nicht mehr denken, an ihn, versuche ich nicht, zu denken, besser daran, dass ich nächsten Sommer aus Blueberry Muffin Eistee machen kann

Wie macht man Lasagne?

seit ich auf YouTube nach Tutorials dafür gesucht habe, wie man am besten Stützstrümpfe anzieht, werden mir komische Sachen bei „diese Videos könnten dir gefallen“ vorgeschlagen, und das bringt mich jedes Mal zum Lachen, und dafür war es dieser Morgen dann wert, an dem ich auf einmal nicht mehr wusste, wie ich diese Stützstrümpfe richtig über seine Beine bringen soll, obwohl ich es nach wie vor nicht verstehe, dass mir das überhaupt entfallen konnte, man sagt ja immer, so Bewegungen, die man jahrelang macht, verlernt man nicht mehr, aber die zwei Wochen, die ich auf „Pflegeurlaub“ war, hatten alles gelöscht, wobei ich da ja auch nicht wirklich von Urlaub sprechen würde, im Grunde, hätte ich den ja auch nicht beantragt, wenn er mich nicht dazu gedrängt hätte, „zwei Wochen wirst du wohl mal weg können, zumindest, denk doch mal an uns“, hatte er mir immer wieder gesagt und ich hatte schließlich eingewilligt, auch, weil ich ja selbst oft das Bedürfnis hatte, schreiend wegzulaufen, nach wie vor, da haben auch die zwei Wochen nichts geholfen, und dann auch die täglichen Anrufe beim Pflegeheim, in dem meine Eltern für die Zeit untergebracht waren, weil ich ja doch nicht abschalten konnte, und dann schließlich die Hiobsbotschaft, dass mein Vater sich eine Lungenentzündung geholt habe und im Krankenhaus liege, alle haben dann gleich gesagt, dass das eine Frechheit sei, dass das sicher nur daran gelegen habe, weil die nicht richtig geschaut hätten, aber ich habe mich dann nicht einmal beschwert, weil ich das auch wieder verstehen kann, dass man nicht ständig aufpassen kann, dass die in den Pflegeheimen alle unterbesetzt und unterbezahlt sind, dass ja ich schon mit zwei Personen überfordert bin, das verstand ich dann schon, er hatte dazu immer halb im Spaß gesagt, dass ich die „mit Verstand“ sei, als er dann gegangen ist, hat er auch darauf gepocht, auf das „du musst das verstehen, es tut mir ja leid, aber mir ist das einfach zu viel Verantwortung, das ist einfach nicht das Leben, das ich mit dir leben wollte, da muss ich auch an mich denken, das verstehst du doch, oder?“, und das hatte ich wirklich, verstanden, „Fräulein, ich hätte einen Durst“, richtet sich mein Vater an mich, auch heute, nur heute gehe ich auf seine Welt ein, und frage, was er denn bestellen möchte, normalerweise stelle ich ihm einfach irgendetwas hin, aber heute war ein guter Tag, ich hab meinen Vater rechtzeitig auf den Leibstuhl gesetzt, bevor er in die Windeln scheißen konnte, und meine Mutter hat erst vier Mal gefragt, wann sie denn abgeholt und nach Hause gebracht werden würde und nicht schon zehn Mal, und heute werde ich Lasagne kochen, mein Lieblingsessen, weil: sonst koche ich eigentlich nur für meine Eltern, das, was sie mögen, also am liebsten ja Schweinsbraten, und esse selber nur die Beilagen, „gut, dass Lasagne dein Lieblingsessen ist“, hatte er damals zu mir gesagt, als wir uns kennengelernt haben, „das kann ich nämlich am besten kochen“, und das vermisse ich schon, das gemeinsame Kochen, und es stimmte auch, dass er Lasagne genial konnte, besser als ich jedenfalls, nur dass er mich ständig beim Kochen korrigiert hat, das fehlt mir weniger, weil: für ihn war Kochen ja Perfektion, war Kunst, da konnte er das nicht haben, dass ich Sachen zu grob schnitt, oder nicht richtig würzte, aber Lasagne, das kann ich trotzdem, das kann ich auch, auch ohne ihn, das kann ich auswendig, ohne Rezept, und wenn ich dann, wie jetzt eben, die Tomaten schneide, dann ja, da höre ich schon noch seine Stimme, im Kopf, dass ich das so doch nicht machen könne, dass er niemanden kenne, der so seltsam Tomaten kleinschneide, und sein Lachen, aber ich schneide dann halt einfach weiter

Flaumige Konsistenz

wie sich das ausgehen soll, hatte ich mich gefragt, letzte Nacht, so gegen zwei Uhr, er war noch bei der Arbeit oder bei nach der Arbeit, und ich konnte dann auch nicht mehr richtig einschlafen, nur so halb, vor mich, hin, im Kopf, die Rezepte, und in welcher Reihenfolge ich das morgen kochen würde, damit sich das eben ausgehen würde, und bereut habe ich es dann schon, ja, dass ich das überhaupt vorgeschlagen hatte, beim letzten Treffen mit den Freunden, dass ich das nächste Mal, wenn sie in der Stadt seien, dass ich da kochen könnte, dass sie ja zu uns zum Essen kommen könnten, weil: sonst treffen wir uns immer auswärts, wir gehen essen und das wäre auch dieses Mal sinnvoller gewesen, weil eigentlich stehen gerade zu viele Deadlines an, und eigentlich kann ich nicht kochen, deswegen fanden es dann auch alle lustig, auch er, oder vielleicht war es einfach auch nur im Moment lustig, wegen des fünften Bieres, wegen dessen ich wieder die Augen verdreht hatte, aber nur für mich, weil ich das nicht mehr will, dieses Spiel, einer typischen Beziehung, in der ich als Frau Vorwürfe machen muss, warum er wieder so viel Bier getrunken habe, warum er betrunken mit dem Auto gefahren sei und warum er wieder so spät heimgekommen wäre, nein, das mache ich einfach schon lange nicht mehr, seit er mir einmal vorgeworfen habe, dass ich wie seine Mutter werde, ich frage einfach gar nichts mehr, ich lasse ihn einfach, weil es ja wirklich nicht meine Aufgabe ist, ihn zu ändern, weil, „Schatz, ich lieb dich genau so, wie du bist“, wir sind schon sehr aufeinander eingespielt, aufeinander eingestimmt, im Team, zu sehr eins, weil uns dann das Verlangen fehlt, aufeinander, weil wir uns dazu zu nah stehen, zeitweise, da ist dann eher das Begehren nach jemandem anderen da, als nach uns, einmal hab ich das auch angesprochen und gesagt, es tue mir leid, aber ich denke, ich hätte Gefühle, entwickelt, für jemand anderen, und ich hatte solche Angst vor seiner Reaktion, aber er hat nur gemeint, dass es ja verständlich sei, dass wir schon so lange zusammen seien, dass das mit der Monogamie ja nicht wirklich natürlich sei, dass es aber nichts ändere, an uns, und, dass wir das nicht wegwerfen sollten, unsere Jahre, und nie habe ich mich bei uns so aufgehoben gefühlt, wie bei diesem Gespräch, aber ihn hatte das dann schon genervt, also später, dass ich das vorgeschlagen hatte, warum ich denke, dass ich jetzt auch noch kochen müsse, hatte er mir vorgeworfen, was ich eigentlich vorspielen wolle, ob mir das so wichtig wäre, den anderen zu zeigen, dass bei uns alles perfekt sei?, und als ich dann gestern Nacht im Bett wach lag, da habe ich ihm kurz Recht gegeben, dass es das eigentlich schon lange nicht mehr wert war, aber es hat dann ja im Großen und Ganzen alles genau so geklappt, genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte, Vorspeise, Hauptspeise, Dessert, die Tischdeko, die er übernommen hatte, der passende Wein dazu, den die Gäste mitgebracht hatten, „das Beerensoufflé war wirklich hervorragend “, meinte danach die Freundin zu mir, beim Spaziergang, und ich habe geantwortet, dass das nicht so schwer sei, eigentlich, mit Rezept, aber sie bestand darauf, dass es eben doch nicht einfach wäre, insbesondere, das so hinzubekommen, dass es eben so flaumig werden würde

Hausmittel gegen Frieren

„ich bin kalt“ anstelle von „mir ist kalt“ sag ich immer, „ich bin“, weil es nicht etwas Vorübergehendes, sondern eine Eigenschaft von mir geworden ist, diese Kälte, gewöhnt habe ich mich trotzdem nicht daran, und es gibt auch Sachen, die ein bisschen dagegen helfen, Ingwer zum Beispiel, als Tee, auch beim Kochen als Gewürz verwende ich den mittlerweile sehr oft, medizinisch liegt ja nichts vor, also, das habe ich abklären lassen, begonnen hat es mit der Schwangerschaft, zumindest erzähle ich das immer so, darin liegt eigentlich eine Unschärfe, weil: richtig müsste ich sagen, begonnen hat es in der Nacht, als ich schwanger wurde, nur darüber versuche ich nicht mehr nachzudenken, mein bester Freund sagt immer, es habe wenig Sinn, ex post über Ereignisse zu grübeln, und da hat er ja recht, nur, manchmal, wenn die Kleine nach Stunden endlich eingeschlafen ist, und ich den Computer hochfahre, ich arbeite momentan im HomeOffice, und ich dann sehe, dass wieder über 40 Anfragen reingekommen sind, also das heißt, 40 Leute, die ich anrufen muss, um ihre Beschwerden und Wünsche abzuklären, dann fällt es schwer, dann weine ich, manchmal, dann wünsche ich mir schon, ich könnte alles, was passiert ist, einfach auslöschen, dann denke ich mir schon, dass ich damals als die, die ich war, grad beim Verfassen meiner Masterarbeit in Philosophie, ich, mit den ganzen feministischen Theorien im Kopf, dass gerade ich eigentlich nicht so naiv hätte sein dürfen, ich hätte nicht einfach jemandem vertrauen dürfen, nur weil es sich richtig angefühlt hatte, man weiß das ja eigentlich, diese Menschen, die dann gleich alles versprechen, einen mit ihrer Verliebtheit zuschütten, die nach ein paar Wochen schon ihr Leben, mit einem, durchgespielt, haben, dass die ja kein Interesse haben können, an einem selbst, sondern nur an der Idee, von einem, und das war es dann auch, ja, und die Nacht als ich kalt wurde, da hat er mir gesagt, dass es sich für ihn einfach eben doch nicht richtig anfühlen würde, es tue ihm leid, aber er habe sich leider, ja, leider, geirrt, in mir, und ich weiß nicht mehr, genau, was danach passiert ist, nur eine Erinnerung an diesen ersten Frost, in mir, von dem sind Spuren geblieben, und das mit der Kleinen war dann auch keine bewusste Entscheidung, von mir, es war eher ein unbewusstes Nicht-Entscheiden, weil ich mich dann in die Theorie gestürzt habe, danach, um zu vergessen, meine Gefühle, von denen habe ich mich isoliert, mit Ästhetik, bis es schon außer Frage war, bis eine Entscheidung dagegen auch nicht mehr möglich gewesen wäre, und die Entscheidung, dann nicht an der Universität zu bleiben, war auch keine Entscheidung, mehr, weil es nicht vereinbar gewesen wäre, nicht, dass es für meinen besten Freund momentan einfacher wäre, also das mit den befristeten Verträgen an der Uni, und er sagt auch immer, was mache schon das Jahr oder die zwei, die ich jetzt verlieren würde, im Grunde genommen, und das ist nicht richtig, das wissen wir, beide, aber es ist, tröstend, und es ist ja nicht so, dass ich die Kleine nicht lieben würde, nur weil ich sie nicht wollte, nur weil ihr Vater nichts für mich empfunden hat, wichtig ist nur, dass ich nicht darüber nachdenke, also, nicht zu lange, zumindest, weil, was mich das kostet, und, das letzte Mal hat mich mein bester Freund davor gerettet, weil er mir geschrieben hat, wie ich das sehen würde, das „interesselose Wohlgefallen“, von dem Kant in der Kritik der reinen Urteilskraft spräche, und ich hatte mich schon zu lange nicht mehr damit beschäftigt, also habe ich neben den Anfragen einen zweiten Tab im Browser aufgemacht mit Gutenberg Online und angefangen, nebenbei ein bisschen zu lesen, während des Klingelnlassens Klingeln lassen, während des Antwortenanhörens, habe mitgeschrieben, welche Formen – das Angenehme, das Gute, das Erhabene, das Schöne – und was der Unterschied sei, ja, und im Grunde ist es ja so, dass, selbst wenn ich verzweifle, dass ich, trotzdem, wenn ich über unser Leben, mein Leben, rein ästhetisch urteilen würde, also meine persönlichen Gefühle und die gesellschaftlichen Ansichten weglasse, wenn ich also einfach nur das Leben an sich betrachte, dass sich dann schon so etwas einstellt, was Kant als „interesseloses Wohlgefallen“ bezeichnet hat, und dass ich denke, dass, wenn die anderen, die mich abwerten, als alleinerziehende Mutter, als Geisteswissenschaftlerin, die mein Leben mit „SCREWED“ zusammenfassen, also wenn die anderen, das auch einfach mal so betrachten könnten, ohne Bewertungen, dass sie dann auch zu keinem anderen Urteil kommen würden, als eben jenem, dass es nur eines sein kann, nämlich schön

Lektorat: Carolin Krahl und Olivia Golde

More in Prosa #6