PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Perspektive

von Susanne Romanowski

Das Öl zischt so laut, dass Honorata sonst nichts hört. Sie hört nicht, wie ein Fußball immer wieder gegen Garagentore knallt, nicht das Klingeln der Straßenbahn und erst recht hört sie nicht, wie ihr Mann sanft von einem Zaun ins Gras kippt und stirbt. Jemand ruft ihren Namen.
Als Honorata vor ihm steht, ist sein Gesicht noch rot, die Kniekehlen über der Metallstange. Auf die Glasfläschchen zu seinen Füßen müsste man nur noch Kerzen stecken. Im Hintergrund hört sie die Sirene, die Nachbarin war schnell. Praktisch, denkt Honorata. Sie kann sich nicht erinnern, ob sie den Herd ausgemacht hat.
Ein paar Tage nach der Beerdigung legt sie Pfingstrosen ans Grab und betrachtet die frisch verlegte Marmorplatte. Was würde sie dafür geben, sie in der Küche zu haben. Jeden Morgen ein kühler Kuss auf die Handinnenflächen, sein Vorname als Saftrille für ein sonntägliches Stück Fleisch. Es könnte grotesk aussehen, natürlich. Marmor in Wohnung 8 im vierten Stock, Marmor im Block, Marmor bei Honorata B.! Und doch, sie lässt den Blick schweifen über die aneinander gedrängten Grabreihen, eine Miniatur des eigenen Viertels, graue Rechtecke, Rasenstreifen und viele alte Leute. Die Marmorplatte wäre bei ihr besser aufgehoben als hier.
Die Wohnung, die neue Geschwindigkeit. Sie muss nicht mehr um einen Körper herumnavigieren oder anhalten für Gläser und Beschwerden. Ihre Füße sind pragmatisch, tragen sie vorbei an Johannes Paul dem II., am Kaktus, am Fernseher, direkt vor den Tisch. 45 Quadratmeter, zwei Zimmer, die sie nicht gleichzeitig beatmen, geschweige denn bewohnen kann, außer sie rennt. Einatmen im Wohnzimmer, ausatmen im kleinen Zimmer, und das für immer. Honorata hat noch zehn Jahre bis zur Rente. Damit will sie diese nicht verbringen.
Einige Wochen später zieht ein Student ein. Wirtschaft, erstes Semester, gepflegte Fingernägel. Er ist der Sohn oder Neffe einer Cousine der Nachbarin, der dringend ein Zimmer braucht, innerhalb des Budgets, außerhalb der Innenstadt. In seiner Familie erzählt man sich, er wohne jetzt in Warschau, aber da erzählt man sich viel. Das hier ist nicht die Hauptstadt, sondern ihr Um-zu-land, die notwendige Kulisse für den Kern, umgeben von weichen alten Frauen mit trapezförmigen Handtaschen, von Läden voll englischer Secondhandmode, heiße Ware, vermeintlich aus London, vermutlich aus den dortigen Um-zu-ländern. Hier lernte Honorata, damals 20 und fast Russischlehrerin, ihren Mann kennen, damals 24 und recht ansehnlich. Sowohl in der Ausbildung als auch in der Ehe kann man das Lernen kaum genug betonen, denn immer ist es langatmig und anstrengend, und am Ende sitzt man jung verwitwet in einer kleinen Wohnung. Aber die ist irgendwann abbezahlt.
Der Student benimmt sich wie ein Gast. Er weiß nicht, wo die Töpfe hinkommen, wo die Messer, dabei versteht sich das von selbst. Er weiß weder, ob er sich selbst eine zweite Tasse Tee machen kann, noch wie man sie ablehnt. Er will den ganzen Abwasch machen, statt nur seinen Teller abzuspülen, und er siezt sie. Trotzdem: Sie mag seine schmalen Handgelenke und die Härchen auf seinem Nacken. Dass es aussieht, als würde er beten, wenn er vor dem Bett hockt und bügelt, dass er bügelt, dass er spät schlafen geht. Ein paar Mal will sie ihn mitten in der Nacht nach einer Lücke im Kreuzworträtsel fragen, obwohl sie die Antwort kennt. Wo liegt Nicosia? Zypern. Synonym zu Spott? Häme. Wie lang ist die Beerdigung her? Da muss sie kurz rechnen.
An der schwarzen Kleidung findet sie nichts außer ihren Haaren. In der Kirche schauen die Nachbarinnen entweder ganz weg oder gucken sie auf diese schlimme und staatstragende Art an. Honorata würde am liebsten die Hand heben und sagen: Tut mir leid, die sind eine Nummer zu groß für mich. Aber der Ring an ihrer Hand ist plötzlich unheimlich schwer, und dann beginnt das Vaterunser, und die Sache erledigt sich von selbst. Schlimmer ist es mit den Männern, die nach der Messe an ihr vorbeikommen, mit zusammengekniffenen Lippen lächeln. Manch einer tätschelt ihr die Schulter, wünscht ihr Gottes Segen, und das ist der Moment, in dem sie weiß: Sie ist alt. Sie ist jetzt eine von den Witwen, von denen man sich sagt: Das lohnt sich nicht mehr. Sie war seine Frau, jetzt ist sie seine Witwe, und wenn sie ehrlich ist, ärgert sie das an seinem Tod am meisten.
Das gehört sich nicht. Ein Satz, mit dem schon ihre Großmutter vor ihrer Mutter und ihre Mutter vor ihr diese Dinge kommentiert hat: flache Schuhe, hohe Schuhe, eine gerade Anzahl Blumen im Strauß, Bier vor vier, gar kein Bier, lautes Lachen, viele Kinder, dumme Kinder, freche Kinder und bitte auf keinen Fall: gar keine Kinder. Aber danach sah es aus. Während sie also keine Kinder bekamen, kam Schwung in die Wirtschaft; kamen Leere und Gewohnheit; kamen Adidas und Puma und plastik fantastik; kam die Tatsache, dass in den 90ern wirklich niemand mehr Russisch lernen wollte.
Der Student weiß das nicht, wie er so vieles nicht weiß. Honorata möchte ihn küssen, als er eines Abends den Metrogeruch in die Wohnung trägt, sich ein Glas Wasser einschenkt und fragt, warum sie eigentlich nie verheiratet war. Sie möchte die Cousine der Nachbarin küssen, weil sie es nicht erwähnt hat. Sie möchte den Studenten wieder küssen, weil seine Mutter oder Tante es ihm natürlich erzählt hat und es ihm so egal war, dass er nicht zugehört hat. Es hat sich einfach nicht ergeben, sagt sie leicht. Ihre Eltern haben ihr dann ausgeholfen, ja, einfach war es am Anfang nicht, aber immerhin. Russischstunden wurden immer gut bezahlt, vor allem damals. Er spült sein Glas ab und nickt, als wäre es das Normalste auf der Welt.
Quark, Beeren, Kreuzworträtsel. Sie verlässt den Laden und entscheidet sich im falschen Moment dafür, den Blick zu heben. Der Kollege ihres Mannes winkt, wechselt die Straßenseite, kommt auf sie zu, lächelt. Frau Honorata, wie geht es Ihnen, muss ja, und Ihnen, und das Knie, muss ja, und die Kinder, im Ausland, Dänemark, ja, schön da, später zum Friedhof, Gott hab ihn selig. Wach sieht er aus, weniger verknittert als die anderen, Sportzeitung und Saftkarton unter dem Arm. Am Wochenende saßen sein Kollege und ihr Mann manchmal zusammen im Hof, Honorata konnte sie durch die spärliche Birke vor dem Fenster sehen. Zwischen den gelegentlichen Aufträgen kamen sie auch unter der Woche zusammen, immer um acht, Pünktlichkeit war ihm wichtig. Sie tranken erst aus Frust, dann aus Langeweile, und als sie merkten, dass Langeweile ein ganz angenehmes Gefäß ist, hörten sie erst damit auf, als der eine auf einem Massagetisch in einer Klinik und der andere unter der Erde lag. Land mit sechs Buchstaben? Kanada. Synonym für spärlich? Knapp. Mit Kollegen trinken? Heute nennt man das Teambuilding, meint der Student.
Gut, das hat er nicht gesagt. Aber so versteht Honorata das, wenn sie durch die Lehrbücher blättert, die er dagelassen hat, Organisationspsychologie. Er ist über das Wochenende auf dem Land bei seinen Eltern, jemand heiratet. Ihre Füße haben sie ganz automatisch an Johannes Paul dem II. vorbeigetragen, an seinem sanften Blick, am Kaktus, am Bücherregal und erst, als sie den Raum schon betreten und ihr Gesicht gegen sein Bettlaken gedrückt hat, denkt sie: Das gehört sich nicht. Aber so eine Wohnung muss gleichmäßig beatmet werden. Nur deswegen aß, trank und schlief ihr Mann hier und deswegen aß und trank sie nebenan. Sie kümmere sich nicht, sagte die Nachbarin. Wir betreiben Arbeitsteilung, sagte sie.
Als sie seinen Kleiderschrank öffnet, rieselt Erde heraus. Erde auf gebügelten Hemden und all seinen Büchern, zwischen Rasierschaum, Kondomen und Zahnpasta: feuchte, fruchtbare Erde an all den Orten, an denen sie nichts verloren hat. In der oberen, rechten Ecke steht ein Karton mit den Sachen ihres Mannes, darauf steht privat. Sie holt den Handfeger, verteilt die Erde vorsichtig wieder auf den Sachen und schließt den Schrank. Am Abend lackiert sie sich die Nägel. Hinter dem Rot sind die schwarzen Punkte nur zu erkennen, wenn man ganz genau hinschaut. Ohne Ring sehen ihre Hände schmaler aus.
Sie stecken fest in einer Zeit, die es nie gegeben hat, verstehst du?, sagt der Student. Sie erzählen zum zehnten Mal die gleiche Geschichte, entfernen sich jedes Mal einen Schritt weiter von der Wahrheit – und die Scheiße, die sie sich im Fernsehen anschauen! Sogar am Tag der Hochzeit! Sitzen da und glotzen und mäkeln und glotzen und essen und glotzen auf meine Bücher, damit du uns auch bald manipulieren kannst, haha, verkauf uns keinen Unsinn, verkauf uns nicht für dumm, du glaubst vielleicht, weil du jetzt in der Hauptstadt wohnst – kannst du dir vorstellen, wie das ist, sich so etwas die ganze Zeit anzuhören? Sie lieben mich, ja, aber um welchen Preis?
Es amüsiert sie, wie der Student die Geschichte erzählt, mit großen Gesten, untermalt von der schwingenden Einkaufstüte, Quark, Beeren, Kreuzworträtsel. Sie kann sich kaum vorstellen, dass so jemand wie er trockene Statistik lernt.
Der Kollege ist noch einige Meter entfernt, Saftkarton und Sportzeitung. Er sieht sie, er sieht sie lächeln und erröten und in heller Kleidung und schön. Sie sieht ihn, sie lächelt nicht mehr, sie sagt leise etwas zu ihrem Begleiter, der hält die Einkaufstüte fest. Er spart sich seinen Gruß, denkt sich seinen Teil und biegt in die Seitenstraße ab.
Es ist August. Die Pfingstrosen sind längst verblüht, sagt die Nachbarin im Treppenhaus. Honorata versteht. Der Student ist schon zu seinen Kursen gefahren, als sie ihre Lippen nachzieht und eine schwarze Bluse anzieht, als sie Gladiolen kauft und in die Straßenbahn Richtung Friedhof steigt. Der Sommer knallt durch die Scheiben. Honorata döst immer wieder weg, bis der Knoten im Bauch, bis die Erinnerung sie wieder weckt. Die Nachbarin hätte da was gehört, sie wisse auch nicht mehr von wem, sie wolle sich nur einmal erkundigen. Wie es dem Studenten ergehe. Ob ihm Warschau gefalle. Wo ihr Ehering sei. Ob er eine Freundin habe. Ob er überhaupt noch eine brauche, jetzt, wo sie zusammen wohnten. Sie wolle ja nur fragen. Bevor Honorata antworten kann, unterbricht die Nachbarin sie: Ich sage es Ihnen nur so direkt, weil ich Ihre beste Freundin bin. Honorata spürt Hitze in der Brust, im Hals, im Kopf. Nicht nur vor Wut, sondern auch, weil es stimmt.
Auf dem Friedhof gibt es keinen Schatten. Bald wird ihre Kleidung anfangen mit ihr zu verschmelzen, die Blumen werden eingehen, die Pflaumen in ihrer Tasche anfangen zu kochen. Ihre Umgebung wird aufhören zu funktionieren, sie wird überhitzen, sich neu starten. Am Grab ihres Mannes steht jemand. Er schmeißt die welken Pfingstrosen weg, wässert die robusten Nadelgewächse, die um das Grab herumstehen, macht sich so schmutzig, wie sie es beim Anblick seiner Fingernägel am ersten Abend nie gedacht hätte. Er sieht so routiniert aus bei seiner Arbeit. Wie er sich die Erde von der Hose klopft, die Marmorplatte poliert, etwas zu dem Kollegen ihres Mannes sagt, etwas auf einem Klemmbrett abhakt. Bis der Student sanft über die Rillen seines Namens fährt. Der Anblick ist so intim, dass Honorata wegsieht.
Wenn der Student zu seinen Eltern fährt, wird er im Bus Begriffe auswendig lernen, Hemd tragen und so tun, als würde ihn Dreck unter den Nägeln ekeln. Wenn sie die Wohnung betritt, wird sie die Bluse ausziehen, ihren Ring abnehmen, das heiße Obst essen. Sie wird mit der Nachbarin sprechen müssen, so unter Freundinnen. Insel vor Griechenland? Korfu. Synonym für Freiheit? Perspektive.

Lektorat: Kaśka Bryla & Eva Schörkhuber

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