PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Oktopus

Die Welt schwankt; meine kleine, unbedeutende Welt. Sie schwankt bedrohlich.
War ja klar. Gestern ging es mir erstaunlich gut, zu gut vielleicht. Ich rechne dann immer mit dem Fall.

Das Gute ist wieder weg. Ich bin ‚gereizt‘, würden andere sagen. Ich würde sagen, ich habe mal wieder keine Haut. Die gesamte Oberfläche ist eklig, die Realität klebt sich in die Wundflüssigkeit und reißt das wunde Gewebe auf.

Ich find mich schrecklich; fühle mich nicht nur schrecklich in mir, sondern find mich unaushaltbar, unerträglich, wehleidig. Hass kommt auf und eigentlich ist die ganze Wut nur Trauer, aber heulen bringt nichts. Ich fühle mich allein. Ich will mich auf deinem Schoß einrollen. Obwohl Schöße nie sichere Orte sind. Wenn es mir so geht, dann machen mir andere Menschen nur noch Angst.
Sie wollen mich anfassen, wenn es mir schlecht geht.
Ich werde das nie begreifen. Ich bekomme keine Luft mehr, wenn sie mich festhalten wollen. Ich glaube, sie brauchen das. Ich hasse es.
Wenn ich mich nicht ertrage, finde ich körperliche Nähe bedrohlich. Aber die sind dann enttäuscht, wenn sie auf Distanz nur zuhören sollen. Das tut denen weh und dann hab ich immer nachgegeben.
Aber wenn ich will, dass irgendjemand etwas für mich tut, muss ich zumindest ihren Skripten entsprechen. Die halten das schwer aus, wenn ich nur möchte, dass jemand da ist und zuhört. Die halten es auch nicht aus, wenn was nicht vorübergeht, nicht heilbar ist, nur noch schlimmer wird.
Ich weiß auch nicht, ob ich das aushalten kann, aber darum geht es eigentlich nie.

Deshalb mach ich das mit mir aus und wenn ich das alles reflektiert und analysiert habe, dann überreiche ich meine Gedanken – wenn überhaupt – gut verpackt und mit Schleife oben drauf, damit sie verwertbar sind.

Ich frage mich, ob ich bereits in einem Stadium bin, in dem die Schmerzen schon normal geworden sind. Ob ich es nicht schon gewohnt bin, dass sie mich zermürben.
Mach die OP bloß nicht, sagen sie. Als ob ich das gerne wollte. Als ob ich eine Wahl hätte. Als ob es, so oder so, eine schmerzlose Alternative gäbe.

Heute ist es vielleicht einfach zu viel. Ich weiß nicht, was zuerst da war, das plötzliche Wegbrechen einer etwas stabileren Realität? Eines irgendwie guten Gefühls?
Hinterher weiß ich nicht mehr, wie es anders gewesen ist. Wenn es mir besser geht, habe ich kaum mehr eine Vorstellung davon, wie es sich anfühlte. Dass ich nicht mehr wusste, dass es anders sein könnte, dass alles bedrohlich ist, alles.
Jetzt frag ich mich, wie ich mich fragen konnte, wie es nicht so sein könnte wie jetzt.
Jetzt rechne ich jede Sekunde damit, dass ich einknicke und unkontrolliert zu weinen beginne, weil mich alles angreift, weil alles bedrohlich ist. Ich sehne mich nach irgendeiner sicheren Nähe, nur um mir parallel vorzuwerfen, dass ich Bedürfnisse habe, dass ich mir etwas von Menschen wünsche und es dann doch nicht als Bitte formulieren werde; es ist einfach zu wahrscheinlich, dass sie etwas sagen, das mich jetzt verletzt. Ich weiß auch gar nicht, was ich brauche oder mir von ihnen wünsche. Sie können es nur falsch machen. Und ich mag auch nicht, dass sie irgendetwas für mich sollen. Ich kann es dann vielleicht irgendwann nicht wieder ausgleichen. Ich bringe mich in ihre Schuld. Ich muss damit rechnen, Nein sagen zu müssen und das macht mir Angst; Nein ist bedrohlich. Es wird so oft sanktioniert, dass ich schon Angst habe darüber nachzudenken, Nein sagen zu müssen.

Ich erwäge Benzodiazepine. Ich habe die mal vom Hausarzt bekommen. Der ist sehr freizügig mit Medikamenten oder ich bin überzeugend. Oder beides. Sie sind eigentlich dafür gedacht, dass ich mich vorübergehend ausschalten kann. Genau danach sehne ich mich, oder? Mich nicht spüren zu müssen, irgendwann aufzuwachen und alles wieder ‚klarer‘ sehen zu können. Und doch mach ich es nie. Ich will mich nicht wiederherstellen, um leisten zu können. Doch. Eigentlich will ich einfach funktionieren. Nicht mehr für andere, für mich, aber das ist nicht sehr trennscharf.

Ich leiste monatelang mehr als ich eigentlich aushalten kann und baue mich daran auf, besonders leistungsfähig zu sein. Sage nicht viel zu den Schmerzen, denen irgendwo in der Brustmitte, dem Kloß im Hals und auch nicht zu den körperlichen. Auch nicht trennscharf.
Dann breche ich wieder ein und isoliere mich. So bin ich ja auch nicht anbietbar. Von Behinderungen, Schmerzen und psychischen Anomalien will niemand ständig hören. Auch wenn wohl ein Großteil der Menschheit im Grunde daran leidet.
Aber wir orientieren uns lieber an unerreichbaren Idealen.

Ich hasse Menschen.
Mit wenigen Ausnahmen. Aber vertrauen kann ich ihnen auch nicht.
Ich sehe die Welt aus der Perspektive erster Erfahrungen: Alles ist bedrohlich und ambivalent. Scheint mir realistisch. Wie kann ich denn erwarten, dass andere verstehen, was ich selbst immer erst einen Schritt später erkenne? Dass ich wieder in Angststarre verfallen bin, nein, nicht Angststarre, in vorauseilenden Gehorsam. Ich biete an und denke mit und schlage vor. Oft bin ich der aktive Part des Spiels. Ich wirke belastbar, zugeneigt, vernünftig und nicht krank. Und suche immer noch die Schuld bei mir.

Reiz-Reaktion.
Wer ist schon bereit sowas auf einer Meta-Ebene zu klären, wer will sich schon konfrontieren, mit Trauma und Störungen, mit mir, also mit mir außerhalb meiner Funktionen. Damit, dass da kein Verlass ist auf mein Verhalten, dass alles nur Angst sein könnte. Andere wissen besser, ich kann keine Angststörungen haben, schon gar keine soziale, ich doch nicht, ich wirke ja gar nicht so.

Eklig und selbstmitleidig.

Also alles zerlegen, analysieren, in Isolation zersetzen, durch den eigenen Dreck, mit jeder neuen Perspektive tiefer, weiter und länger, arbeite ich mich an mir ab. Niemand – außer mir – soll mir vorwerfen können, ich arbeitete nicht hart gegen meine Defizite und mein Leiden. Mir kann ich nichts vormachen, es reicht nicht. Oder es ist zu hart. Oder beides. Immerhin alles mit konsequenter Härte. Erst die Selbstzerstörung, konsequente Weiterführung der Sozialisation. Dann irgendwann das Erkennen, es ist nicht konsequent genug.

Inzwischen gibt es in mir auch Stimmen, die mich verteidigen. Irritierend – die eigene Stimme wie aufgezeichnet zu hören. Aber sehr stabil ist sie noch nicht. Jetzt ist sie weg.
Vielleicht sind die Schmerzen lauter. Vielleicht ist alles lauter. Menschen sind vor allem immer zu laut.

Ich finde keinen Umgang. Du machst dir zu viele Gedanken, sagen andere schnell. Als ob ich mir das aussuche. Als ob es mir nicht die Illusion gäbe, an der ich mich festklammere: eine gewisse Handlungsmacht. Ich stelle mir alles vor, alles was mir im Rahmen des Möglichen erscheint und auch darüber hinaus. Ich denke, ich sollte vorbereitet sein. Damit ich mich hinterher damit trösten kann, dass ich ja wusste, dass das passieren wird, weil ich mich wieder auf Menschen eingelassen habe.

Ich bin so überrascht, wenn Menschen einfach gut tun. Wenn Gespräche gut tun, nach monatelangem Rückzug. Dann frage ich mich, warum ich mir das vorenthalten habe und vielleicht erinnere ich mich lieber nicht an all die Ängste. Denn sofort ist da wieder die Angst, ich mache mich abhängig. Abhängig von den wenigen leisen Menschen, von denen, die auch nichts mehr aushalten und doch härter kämpfen (auch gegen sich selbst). Ich frage mich, was sie denken und empfinden, wenn sie schweigen und so leise sind.

Aber eigentlich nehmen wir alles vollkommen anders wahr und Übereinstimmungen sind nur Illusionen. Es geht so schnell und ich verliere die Zutraulichkeit.

Neuerdings, wenn es besonders schlimm ist, ist die größte Angst, dass ich nicht mal die Macht darüber habe das zu beenden, das Menschsein. Was wenn ich alles nochmal erleben müsste?
Das hat mich eine Weile erstarren lassen.

Reinkarnation und so; im nächsten Leben werde ich Oktopus.
Wenn es so was gibt, würde ich mich gern als Oktopus qualifizieren; Tiefsee.

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