PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Oh all my wasted tears.

von Ronya Othmann

In dieser Gegend dauert das Ende schon seit über fünfzig Jahren. Als wir ankommen, ist es fast vorbei. Nur noch ein paar Monate. Sie kündigen es in den Zeitungen an. Man gibt seine Sachen ab, seinen Schlüssel, seine Stempelkarte und verabschiedet sich von seinen Kollegen. Wenn ich gehe, dann ist keiner mehr da, von dem ich mich verabschieden kann.
Wir beziehen ein Haus. Es ist das erste in der Straße. Ich schicke Toni ein Foto von dem Haus.
Ich sitze auf der Treppe und rauche. Die Nachbarn laufen die Straße hinauf mit langsamen Schritten. Sie fragen, ob wir die neuen Nachbarn sind. Wir nicken und nennen unsere Namen. Auch sie nennen ihre Namen, an die ich mich eine halbe Stunde später nicht mehr erinnere. Die Frau sieht ein bisschen aus wie meine Tante. Sie sagt, sie hat es im Kreuz und ihr Mann im Knie. Deswegen sind ihre Spaziergänge kurz, nur die Straßen in dieser Gegend auf und ab. Die Frau spricht das gebrochene Deutsch meiner Tante, wobei gebrochen das falsche Wort ist. Das Deutsch meiner Tante und dieser Frau ist nicht gebrochen, es ist nur strukturiert durch eine zweite Sprache, die darunterliegt, manchmal hindurch scheint und immer mitspricht.
Die Zusammenfassung der Häuser ist eine Siedlung. Das Haus, in dem wir wohnen, ist das Obersteigerhaus, sagt man uns. Ich kann mir nichts unter Obersteiger vorstellen. Nur eine Ahnung habe ich. Die hohen Decken, die großen Fenster, anders als bei den kleinen Häusern weiter unten in der Straße, mit ihren schmalen Hauseingängen und kleinen Fenstern.
Wenn man zu dieser Siedlung will, muss man mit der Straßenbahn bis Hugostraße fahren. Eine Haltestelle nach Zeche Hugo. Es ist, als hätte die Zeche nicht nur den Berg daneben, der Halde heißt, wie ich nachlesen muss, sondern auch die Siedlung ausgespuckt, – waren sie doch miteinander verbunden. Eine kausale Verknüpfung zwischen der Zeche, dem Schacht, dem Stollen, dem Loch im Boden, und der Siedlung, dem Hügel, der sogenannten Halde. Als hätte man das Innere der Erde nach
außen           gestülpt          und          das          hat         man          auch.

Das kommt alles vom Abteufen, vom sich hinunter arbeiten, Schicht für Schicht, durch Kohle und Stein. Die Halde ist nur Abraum, die Spreu, und ich kann diese Gegend nicht lesen.
Bei Eribon steht über die Siedlungen, dass körperliche Hygiene eine Zielsetzung dieser Art des Wohnungsbaus war, die andere Zielsetzung war eine moralische. Mit familiärem Wachstum und familiären Werten hoffte man, die Arbeiter von den Bistros, die hier vielleicht die Trinkhallen waren, und dem dort grassierenden Alkoholismus fernzuhalten. Die Bindung an das traute Heim würde Arbeiter von den Versuchungen des politischen Widerstandes mit seinen Aktions- und Vergemeinschaftungsformen fernhalten. Das Bürgertum, so hieß es, fürchtete die Wirkung gewerkschaftlicher und sozialistischer Propaganda, die sich hauptsächlich an Orten der Arbeitersozialität außerhalb des Familienkreises entfaltete.
Wenn man die Straße an unserem Haus hinuntergeht und dann rechts abbiegt, also nicht dort, wo die Unterführung ist, die aussieht wie die S-Bahn-Unterführungen, dort wo ich aufgewachsen bin, aber über die keine Gleise verlegt sind – die ehemalige Bahntrasse zur Zeche, wie ich später lese – wenn man dort rechts abbiegt, kommt man zur Halde. Wir gehen die Stufen hinauf, die man erst später eingefügt hat, wie auch die Begrünungen und die Wege, unter denen man das alles verschwinden ließ, was die Halde einmal war, ein Abraum.
Von der Halde aus kann man weitere Hügel sehen, die Halden sind, wie diese, auf der wir stehen.
Wir sehen weit. Häuser, Siedlungen, Straßen, Industrie, für die ich keine Wörter habe, die ich mir erst anlesen muss, Kokereien, Fördertürme, Stahlwerke.
Man muss diese Gegend beschriften, denke ich. Das Grau an den Fassaden von Erle ist Ruß, denke ich, das kommt alles von der Kohle aus der Erde. Aber Kohle gibt es schon lange nicht mehr. Ich verstehe diese Straßenzüge falsch, denke ich.
Im Fernsehen sagt ein Mann: „Die Sinti und Roma werfen in der Bochumer Straße den Müll aus dem Fenster.“
Als mein Onkel mit seiner Familie vor drei Jahren aus Syrien zu uns nach Bayern kam, stand meinVater mit ihnen vor der Mülltonne im Hof. Plastikmüll, sagte mein Vater, Biomüll, Restmüll, Papiermüll.
Ich schreibe Toni, sie antwortet nicht.
Ich sitze auf den Stufen vor dem Haus und rauche. Von den Stufen kann man die Straße sehen, die zur Haltestelle und zur Halde führt, aber nur einen kleinen Ausschnitt der Straße, der auf der linken Seite von Bäumen und von einem Haus auf der rechten begrenzt wird. Ein Mädchen, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt, fährt auf Inlineskates vorbei. Ich rauche eine zweite Zigarette, bis sie wieder vorbei fährt, und dann nochmal und nochmal und nochmal. Sie trägt einen schwarzen Pullover und riesige rote Kopfhörer. Ihr Blick ist auf den Boden gerichtet. Sie fährt langsam. Es dauert eine Woche, bis ich begreife, dass sie das jeden Tag tut, immer die Straße auf und ab. Auch wenn ich nicht auf der Treppe sitze und rauche.
Toni schickt ein Foto von einer Hand in einem pinken Putzhandschuh, auf dem lange, spitze Plastikfingernägel aufgeklebt sind, und die einen grünen Topfschwamm hält.
Ich gehe spazieren. Der Park ist zu schön für diese Gegend, denke ich. Es gibt einen großen See. Auf dem See schwimmen Plastikschwäne mit geschwungenen Hälsen in Rosa und Weiß. In den Plastikschwänen sitzen Menschen und fahren über den See.
Daneben ist ein Teich mit abgestandenem Wasser. An diesem Teich und den Blumenbeeten muss man vorbei, wenn man zum Schloss will. Dort gibt es ein Café, und in dem Café sitzen alte Menschen. Neben dem Café, abgetrennt durch einen Wassergraben, gibt es einen Biergarten. Im Biergarten sitzen auch alte Menschen, aber mit weniger Geld als die Menschen in dem Schlosscafé. Das sieht man an ihrer abgetragenen Kleidung.
Toni putzt manchmal in der Stadt, in der sie lebt, und in der ich normalerweise auch lebe, in einem anderen Viertel, bei einer Familie. Sie schickt Fotos vom Zimmer der ältesten Tochter. Die heißt Lina und hat seit einer Woche einen Hamster. An den Wänden ihres Zimmers hängen Poster von Shawn Mendes, Konzertkarten und There’ s an anthem that the whole world’s singing. Cause girl you’re so beautiful. Your words cut deeper than a knife. Oh all my wasted tears.
Etwas geht zu Ende, das längst zu Ende gegangen ist.
Arbeiter        verlassen        die        Fabrik         ein         letztes         Mal.

Früher hat man Kohlestrebe abgebaut, sagt ein Mann in einem Video, die waren nur 80 Zentimeter hoch, da konntest du nur kriechend hindurch, da musstest du dich ziehen, da war es nass, dreckig, sagt der Mann.
Also Streik.
Die Arbeiter rennen, als zöge sie etwas fort, sagt die Stimme aus dem Off. Ihre Menge bezeugt die Größe des Unternehmens. Niemals kann man die Menge der Arbeiter mit dem Augensinn besser erfassen, als beim Verlassen der Fabrik. Die Arbeitsordnung entlässt die Vielen zum gleichen Zeitpunkt. Die Ausgänge drängen sie zusammen. Machen aus Arbeiterinnen und Arbeitern eine Arbeiterschaft.
Abends kam sie ausgelaugt nach Hause, „ausgewrungen“, wie sie selber sagte, schreibt Eribon über seine Mutter.
Es regnet, und Toni schickt eine Postkarte. Toni schreibt: Die Karte bringt der Briefträger ins Haus durch den Postschlitz in der Tür, wie die Katze eine tote Maus. Ich glaube, das soll eine Liebeserklärung sein. Aber ich weiß meistens nicht so genau, was Toni meint, zum Beispiel, wenn sie sagt, sie kommt in fünf Tagen.
Am Bahnhof vor dem Dönerladen auf der Bierbank sitzt ein Mann, dessen Haut ist fast grau und von einer Beschaffenheit, bei der ich mich frage, kommt das vom Alkohol oder vom Nikotin. Ich, der Mann und meine Haut so fahl, meine Fingernägel so gelb, davor muss man sich schützen. Lieber keine Cola trinken, keine Pommes Rot-Weiß, keinen Döner, lieber im Bioladen einkaufen, Yoga machen. Man muss sich wappnen, als ob es einen doch einholen könnte. Es ist immer nur einen Fehltritt entfernt.
Ich bin die erste in meiner Familie, die eine Arbeit lernt, die nicht mit dem Körper verrichtet wird. Meistens denke ich deswegen, dass ich nicht arbeite.
Als er angefangen hat zu malochen, hat er 65 Kilo gewogen, jetzt wiegt er über 100, sagt Andy, ein ehemaliger Bergarbeiter, der heute die Besucher durch das Trainingsbergwerk Recklinghausen führt. Die Arbeit macht sich den Körper zu ihrem Werkzeug.Nach Jahren kann man die Abnutzungsspuren sehen.
Meine Großmutter hat ihr ganzes Leben auf den Feldern gearbeitet, Wasserkanister, Melonen, Kinder und Enkelkinder getragen. Im Alter war ihr Rücken unter diesen Lasten eingebogen.

Ich habe Bergleute in der Praxis gehabt, deren Wirbelsäulen waren so krumm, die konntest du zum Röntgen nicht mehr auf ein Bild bekommen, so quer gestellt, so kaputt waren die.
Ein Mann im Fernsehen sagt über seinen Vater: „Eigentlich war er schon tot, als er noch lebte.“
Die Kohle ist nicht das Problem, die hustet man aus. Am nächsten Morgen hat man sie im Waschbecken. Das Problem ist der Steinstaub. Steinstaublunge, lese ich, und weg vom Fenster.
Andy sagt, da wurde nicht lange diskutiert, er habe seinen Schulranzen abgelegt und der Vater hätte gesagt, gut, da ist eine Arbeitstasche, am nächsten Tag kommst du mit auf den Pütt.
Man ist nie nur an einem Ort. Man nimmt alle anderen Orte mit, von dort, wo man gegangen ist.
Am Bahnhof sehe ich eine êzîdische Familie. Ich erkenne êzîdische Familien schon von Weitem. Die weißen, fliederfarbenen Kopftücher der Frauen, die Schnurrbärte der älteren Männer.
Ich gehe spazieren.
Im Park, auf einem Hügel, steht ein Kriegerdenkmal, für unsere gefallenen Helden, aber nur die Nachnamen, für die Vornamen war kein Platz mehr. Hinter dem Kriegerdenkmal stehen drei kurdische Männer und spielen Boule.
Die Wohnviertel, Reihenhäuser, Einfamilienhäuser, Siedlungen. Eine Frau mit Bierflasche sitzt auf der Schaukel eines Spielplatzes, sie wippt vor und zurück. Ihre Füße scharren im Sand.
Ich mache Fotos, von Plastikhunden, die auf Fensterbrettern vor vergilbten Spitzengardinen sitzen, und schicke sie Toni.
Ich laufe weiter. Im Fenster eines Hauses steht eine Frau und telefoniert. Ich sehe, wie ihre Lippen sich bewegen. Sie hat langes, blondiertes Haar, trägt eine altrosa Bluse und dunklen Lippenstift. Auf der Fensterbank stehen zwei Kerzen. Ich glaube, die Frau schon einmal gesehen zu haben, in einem Film. Sie muss um die fünfzig sein. Wären wir gleich alt, wäre ich gerne ihre Frau. Ich laufe weiter und fotografiere Pflanzen in Vorgärten.
Ich schreibe Toni: „Ich weiß nicht, was ich hier soll, ich bin nur zufällig hier.“
Ich habe mich verlaufen. Aber wie weit kann man sich schon verlaufen, wenn man noch Akku hat.
Wohin trägt man diese Gegend. Und wohin mit dem Kopf, dem Kinn, den Schultern.
Die Leute in diesem Teil der Stadt arbeiten nicht mehr wie früher. Ich arbeite auch nicht. Aber mein Nichtarbeiten ist anders als das der Menschen in diesem Teil der Stadt.
Auf dem Nachhauseweg im Park kommen mir Hunde entgegen.Ich traue dieser Gegend nicht, nicht einmal dem Boden, er sackt ab.
Toni schreibt: „Ich komme morgen.“
Die Arbeiter rennen, als zöge sie etwas fort. Die Arbeiter rennen, als hätten sie schon zu viel Zeit verloren. Sie laufen, als wüssten sie, wo es besser ist.
Die Arbeiter kehren der Arbeit den Rücken zu beim Verlassen der Fabrik.
„Die größte Gefahr ist die Routine“, sagt Andy, „sie fordert die meisten Leben.“
Auf den Stufen zur Bahntrasse, die heute keine Bahntrasse mehr ist, sitzt ein Mann, der mein Bruder sein könnte, er hat einen Schal bis über die Nase gezogen, dass es aussieht wie eine Vermummung.
Ich erschrecke mich, wie ich mich immer erschrecke, wenn ich im Dunklen, Halbdunklen an Bahnunterführungen oder in Parkanlagen Männern begegne. Aber der Mann rührt sich nicht, er sieht auf sein Handy.
Jeden Abend, wenn ich die Straße zum Haus hinaufgehe, sehe ich durch das Fenster die Nachbarn nebeneinander im Wohnzimmer sitzen, eine halbe Armlänge Abstand zwischen sich. Sie schauen türkisches Fernsehen und bewegen sich nicht.
Vollmilch gegen Staublunge, lese ich, bevor ich einschlafe.
Mein Bruder schreibt mir, Welat habe sich vor die U-Bahn geworfen. In Fürstenried West. Er liege im Koma.
Mein Bruder ruft mich an. „Jetzt, wo es passiert ist“, sagt mein Bruder, „weiß ich, dass es Anzeichen gab. Er ist mit mir zum Baumarkt gefahren, er hat sich Pflanzen gekauft, ganz viele Pflanzen. Palmen, Kakteen, Grünlilien. Seine Wohnung“, sagt mein Bruder, „war ein Sofa, ein Bett, eine Küche, ein Fernseher, ein Fernsehtisch, ein Schrank und ein Stuhl. Er wollte sich ein Aquarium mit Fischen kaufen“, sagt mein Bruder, „wie die Deutschen., Weißt du, was ich meine? Morgens ist er zur Arbeit gefahren“, sagt mein Bruder, „abends wieder zurück. Jeden Tag. Er hat gut verdient, aber alles, was er verdient hat, hat er wieder ausgegeben. Nicht einmal für sich, er hat uns eingeladen. Wenn wir feiern waren, hat er uns immer ausgegeben.“
Mein Bruder sagt, dass das so kein Leben sei, immer zwischen Kurdistan und Deutschland. Darum habe er sich die Pflanzen gekauft und darum das Aquarium.
Am nächsten Morgen steht die Nachbarin am Fenster und winkt. Ich stehe auf der Treppe und winke. Ich sage zu Peter, der mit mir in dem Haus wohnt: „Ich glaube, sie wartet darauf, dass wir sie zum Tee einladen.“ -„Wie kommst du darauf?“ fragt Peter.
Der Körper einer alternden Arbeiterin, lese ich bei Eribon, führt allen die Wahrheit über die Klassengesellschaft vor Augen.
Toni kommt. Wir sitzen auf den Stufen vor dem Haus und ich rauche. Das Mädchen auf den Inlineskates fährt vorbei. Ich stelle mir vor, das alles wäre eine Kulisse und das Mädchen Komparsin.
Toni und ich gehen spazieren. Wir gehen die Straße hinunter und biegen rechts ab, nicht zur Bahntrasse, die keine Bahntrasse mehr ist, und steigen die Treppe zur Halde hinauf. Ich zeige auf die anderen Halden in der Umgebung, und sage: „Das sind Halden.
Abends, als Toni und ich wieder auf dem Weg zurück zum Haus sind, küssen wir uns auf der Straße. Ich sehe die Nachbarin am Fenster stehen. „Ich kann nicht vor einer Frau küssen“, sage ich, „die meine Tante sein könnte.“
Toni reist wieder ab, und mein Bruder schreibt, Welat sei aufgewacht. Ich habe ihm gesagt: „Sieh dir meine Haare an, so kann ich doch nicht rumlaufen. Wer soll mir denn nun die Haare schneiden, wenn du mir nicht die Haare schneidest.“
Ich gehe mit Peter lange spazieren. Wir sitzen im Biergarten neben dem Schloss an dem See und trinken Kaffee, rauchen und gehen wieder zurück.
Die Stadt nimmt kein Ende. Ich fahre bis zur Endhaltestelle der Straßenbahn. Aber an der Endhaltestelle der Straßenbahn fängt eine neue Straßenbahnlinie an. Es gibt keine Stadtgrenze. Ich stelle mir vor, immer so weiterzufahren, von Straßenbahnende zu Straßenbahnende und dort wieder mit einer neuen Straßenbahn bis zu deren Ende.

 

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