PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Nur so

von Karolin Kaden

Kalt ist es, meine Finger sind klamm. Über Nacht sind Eisblumen am Küchenfenster gewachsen. Kantige Schönheiten.
Ich ziehe mir meine dicke Strickjacke fester um den Körper und setze mir Wasser auf für meinen Morgentee. „Wo habe ich den Schal nur wieder hingelegt?“
In der Zwischenzeit gehe ich ins Wohnzimmer zum Anheizen, meine feste Morgenroutine. Ofentüren aufgemacht, Asche zusammengekratzt, Anheizer und Holzscheite hineingelegt. Ich reibe das Streichholz an der Schachtelseite, und mit einem kleinem Zischen entflammt es sich. „Dieser Duft, so heimelig.“ Im Ofen beginnt das leise Dröhnen des Feuers, das nach und nach die Holzstücke erfasst. Jetzt die Briketts stapeln. Ich zähle sie ab, je nach Kälteempfinden. Abends werde ich nochmal heizen müssen. Sonst kühlt es zu sehr aus.
Ich erinnere mich noch an den Winter vor zwei Jahren, es gab eine heftige Kälteperiode mit minus 16 Grad, da konnte man es nur noch im Bett aushalten. Lechzte nach jedem Stückchen Wärme. Die Glieder eng an den Körper gepresst. Bloß nicht zu viel bewegen, keinen Wind machen. Die Kälte nicht an sich heranlassen.
Später sitze ich dann wieder in meiner Ecke auf der Bank am Ofen. Der Kater hat auch noch Platz. Wenn er nicht neben mir liegt, dann liegt er auf dem Ofen.
Im Winter wird die Fläche klein, die Wege noch kürzer als sonst. Der Platz hier vorm Ofen ist der beste, oder das Bett. Zum Bettaufwärmen gönne ich mir den Luxus einer Heizdecke. Eine kleine warme Scholle. Es ist, als würde die Fläche der Wohnung vom Rand aus zufrieren und immer kleiner werden.
Die linke Schulter bekommt ein wenig Wärme vom Ofen, von rechts zieht es immer so. Das kommt von der undichten Eingangstür und den alten Fenstern. Ich muss heute noch Kohlen aus dem Keller holen, schieb es schon die ganze Zeit vor mir her. Im Winter verfluche ich, dass ich so weit oben wohne. Aber die Aussicht ist toll, das Schönste an der Wohnung, ein kleines Stückchen Freiraum. Und der zweite Grund, warum ich sie genommen habe. Der erste war, dass mir nichts anderes übrig blieb damals. Wenn man kein Geld hat, hat man auch keine große Wahl, und muss nehmen, was man kriegt.
Gern würde ich jetzt ein heißes Bad nehmen. Mich so richtig aufwärmen lassen, bis ganz in den Kern. Ich überlege, wann ich mich das letzte mal gebadet habe. Mehr als zwei Mal die Woche ist nicht erlaubt, denn der Badeofen frisst zu viel Strom. Und auf die Zeit muss ich achten, denn er braucht inzwischen drei Stunden, bis genug heißes Wasser für eine Wanne da ist.
Im Winter verlottere ich. Ich schlafe oft in der Kleidung vom Tag, im Pullover und mit dicken Socken. Wolle ist das Beste, die wärmt einfach gut und riecht nicht so schnell.

Es ist kalt und ich mag mich nicht ausziehen. Im Bad ist nur der kleine Heizlüfter. Er wärmt immer nur ein kleines Stück, und schnell hat man sich verbrannt, wenn man zu nah dran steht. Natürlich zieh ich mich trotzdem irgendwann um. All die Schichten einmal abblättern und ablegen, um neue Schichten anzulegen. Was freue ich mich auf den Sommer, wenn meine Haut wieder richtig atmen kann.
Das Unterhemd in die Unterhose, darüber am besten ein Rollkragenshirt, das wiederum in die Strumpfhose stecken, darüber die Hosen und den Pullover und die Strickjacke. Wenn es arg ist, noch den Schal und dicke Stricksocken sowieso. Und die Füße in die Filzpantoffeln, das macht was aus.
Dann muss ich auch schauen, dass ich rechtzeitig wasche, damit zum Wechseln alles trocken ist. Ich hab eindeutig zu wenig Pullover. Für wirklich warme und wasserfeste Winterschuhe hat es auch wieder nicht gereicht.
Aber dieses Jahr hatten wir eigentlich Glück mit dem Winter, nicht all zu viele Nächte unter null. Dann wird es immer besonders ungemütlich. Und ich bin in dieser Zeit eigentlich mit nichts anderem beschäftigt als Heizen und Kochen. Grundversorgung.

Ich hab von einem alten Mann gelesen, der hat sich sein Badezimmer umgebaut. Ein Bett über die Wanne und einen kleinen Schreibtisch in die Ecke. Dort haust er im Winter, um nur einen Raum zu heizen. Dafür braucht es ein „Talent“, denk ich, um die Enge so zu ertragen. Wenn ein Ausstrecken kaum mehr möglich ist. Mein Körper ist schwer und steif. Die Kälte macht alles noch enger. Strecken und Recken, wenigstens kurz. Dem Zusammensinken entgegenwirken, denk ich, und dehne mich zur Zimmerdecke. Sollte ich doch mal über Medikamente nachdenken?

Manchmal denke ich an früher. Meine kleine Schwester und ich blätterten zusammen die Kataloge durch, die jedes halbe Jahr ins Haus kamen. Dicke Schinken. Wir zeigten uns gegenseitig, was wir später kaufen würden und was wir unseren Kindern schenken wollten – natürlich, weil wir es selbst gern gehabt hätten. Es war damals so klar, dass es uns später gut gehen würde. Mit 14 fing ich an Zeitungen auszutragen, mein erster Job.

Aber immerhin wusste ich früh, wie man einen Haushalt führt, und auch, wie man arbeitet. Fleißig, immer schön fleißig, immer das Beste geben. Pünktlich sein und ehrlich und höflich und nett. „Du machst das schon“, wurde mir gesagt.
Manchmal frage ich mich, wie ich hier gelandet bin, und ob es so etwas wie Schicksal gibt. Im Netz stolpere ich immer wieder über so gewisse Sprüche und Texte von „Selbstverantwortung annehmen“ und „raus aus der Opferhaltung“; und am Ende ist man doch immer selber schuld, eben weil man wohl etwas falsch gemacht hat, falsch gedacht hat, falsch geglaubt hat. Komische Ansichten.

Früher hab ich mir geschworen: Ich vergesse nicht, wie es war ,ein Kind zu sein, und jetzt ist klar, die Welt der Erwachsenen ist noch viel beschissener als gedacht, und ich gehöre nun auch schon viel zu lang dazu. Und werde trotzdem wie eine unmündige Person behandelt. Hab oft eben nicht die Wahl.
Ich rede mit niemandem groß drüber, denn wenn du sagst, dass du Hartz4 kriegst oder Sozialhilfe, dann bist du doch unten durch. Hartz4, Sozialhilfe-, Arbeitslosengeld-, AU Renten- „Empfänger“, das ist wie ein Stempel. Eigentlich komisch, dass es dafür noch keinen Aufnäher gibt.

Kürzlich wurde mir mal wieder gesagt, ich solle mir doch endlich eine Arbeit suchen, und ich könne doch im Kaufpark oder in der Pommesbude anfangen. Nicht nur, dass ich mich in solchen Momenten frage, wofür ich meine Ausbildungen gemacht habe und wozu eigentlich mein Studienabschluss gut ist. Das Bafög-Amt wartet immer noch auf die Rückzahlung und erinnert mich jährlich an den Nachweis meiner Armut.
Keiner fragt dabei mal näher nach, was ich will zum Beispiel, oder ob es einen Grund gibt, dass ich so nicht arbeiten gehe. Und ich frag mich, ob ich mich nicht doch zwingen sollte.

Ich bin es nicht anders gewöhnt. Inzwischen kann ich besser damit umgehen. Man verhärtet mit der Zeit, richtet sich ein.
Die schrägen Blicke der Nachbarn, irgendwann achtet man nicht mehr so drauf; oder sagen wir so, gibt dem Ganzen nicht mehr soviel Gewicht. Meinungen haben sie ja alle.
In meine Wohnung lasse ich schon lange niemanden mehr rein. Die Kraft reicht nie, um hinterherzukommen. Es hat sich zu viel angesammelt und gestapelt. Mein persönlicher Fitnesspfad, fast könnte ich ganz zu Hause bleiben.
Briefe vom Amt liegen auf meinem Tisch. Ich habe gelernt, zweimal tief durchzuatmen am Briefkasten, bevor ich ihn öffne. Den Panikattacken vorbeugen. Manche machen die Briefe einfach nicht auf. Ich bin der Typ, der sie gleich aufreißen muss. Diesmal wurde ich wieder dazu aufgefordert, mich zu rechtfertigen, um überhaupt weiteres Heizmaterial bewilligt zu bekommen. Eine lange Liste Unterlagen wird verlangt.
Ich müsste dafür aber aus dem Bett kommen, meine vielen Ordner durchsuchen und den Papierhaufen auf meinem Küchentisch zum Copyshop tragen. Dabei habe ich noch nicht mal den letzten Stapel wieder richtig abgeheftet. Überall liegen diese Papiere, es fühlt sich an, als würde ich darin versinken, in diesen Bergen von graubeigem Umweltschutzpapier. Zwischen diesen oft unverständlichen Worten, Sätzen, diesen Annahmen, Unterstellungen, Anklagen und Drohungen. Schon wenn ich so einen Umweltschutzpapierumschlag sehe, bekomme ich Herzrasen. Aber ich habe im Netz von anderen gelesen, dass es nicht nur mir so geht. Das rückt das Ganze etwas zurecht für mich.

Bald endet meine vierte Therapie. Ich könnte in Kur gehen, aber wohin mit dem Kater? Oder in die Klinik. Dasselbe Problem, und noch einige andere. Überall muss man sich den Vorgaben anpassen, nur so oder gar nicht. Da geht es um Uhrzeiten, Gruppenstunden und vorgegebene Abläufe, da bleibt kein Mitspracherecht und was man wie erträgt oder nicht. Es gibt feste Strukturen. Du hast dich zu fügen. Eingliederung, Zahnrad für Zahnrad.

Ich erinnere mich an einen Anruf von M., es wird über eine Angestellte gelästert, die jetzt schon wieder in einer Klinik wäre und doch eigentlich nichts habe. Ich erzähle lieber nicht, dass ich schon mehrfach vor einem Klinikaufenthalt stand. Und auch nicht, dass ich mir alle Kliniken der Stadt angeschaut habe, nur um zum Ergebnis zu kommen: So ganz bestimmt nicht.
Da ich eh nicht wirklich gefragt werde, wie es mir geht, umschiffen wir das Thema galant. „Wer weiß schon was von mir“, denke ich.

Man entfernt sich von den anderen, die nicht wissen, wie das ist, auf Geld von irgendwelchen Ämtern angewiesen zu sein, und sich dort regelmäßig für die eigene Existenz rechtfertigen zu müssen. Von denen, die immer einen Ratschlag parat haben und es garantiert besser wissen.
Da fangen wieder andere an, über dich zu bestimmen. Und wie oft fehlen die Worte zu dieser Grenzüberschreitung. Ob nun Amt oder Klinik, scheinbar wird einem gern das Selberdenken abgesprochen. Und noch mehr die Bedürfnisse, die man so hat. „Aber ach, was reden wir von Bedürfnissen.“

„Als Frau bist du eh diskriminiert“, schrieb S., du hast überall weniger Chancen, bekommst weniger Geld, wirst gar nicht erst eingestellt, in deinem Alter könntest du ja schwanger werden oder hast schon Kinder, und wahrscheinlich verkaufst du dich auch längst unter Wert. „…und als Kranke noch mehr“, denk ich. Stufe um Stufe sinkt dein Status, wenn es dir bis zu einem gewissen Alter nicht gelungen ist, irgendwo unterzukommen, so dass du genug Kohle verdienst, und ohne von der Gesamtsituation krank zu werden. Deine Welt wird klein.
„Du musst dich halt mal mehr zusammenreißen“, ja genau, das ist doch in sich schon widersprüchlich. Oder wie ein Kollege bei einer Arbeitsamtsmaßnahme meinte: „Deutsche Eiche!“ Sprich: hart im Nehmen. Ach ja, dieses Deutschsein. Früher hieß das: „Hart wie Kruppstahl“. Wir sind doch keine Maschinen. Wenn du da nicht mitmachst, oder mitmachen kannst, bist du selbst dran schuld. „Also, hab dich nicht so.“ Hauptsache gut im Durchhalten und Hinhalten und Abstand halten. Der lange Schatten unserer Geschichte.
Die Normen lassen grüßen. Arbeit? Nur so. Klinik? Nur so. Du bist so schnell draußen, wie du gar nicht schauen kannst. Aussortieren geht ganz fix. Ein bisschen zu lang krank gewesen. Einmal zu viel erzählt. Sich dort eine Blöße gegeben. Nicht das Passende nachzuweisen.

Der Kater und ich, wir sitzen vorm Ofen, in unserer Peripherie. Ich drücke „On“. Und stelle mal wieder ganz erstaunt fest, dass ich mich gerade zufrieden fühle. Der Bildschirm des Computers leuchtet auf, und gleich werden meine steifen Finger über die Tasten fliegen: „Hallo Welt“.

 

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