PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

NADELÖHRE

Gedanken zum Betreten der literarischen Bühne mit Silvia Bovenschen
von Carolin Krahl

Bühneneingang aus dem Dunkel in das Licht der Aufklärung:
Christiane Marianne von Ziegler (*1695 † 1760)
„Die sonst dem weiblichen Geschlechte angebohrene Blödigkeit sollte mich abhalten, eine solche Zahl ansehnlicher und gelehrter Männer in mein Zimmer zu bemühen. […] Ich bin ja vorlängst in das Register ihrer gelehrten Namen eingezeichnet. Ich bemühe mich ebenfalls, den Werth der Deutschen Sprache empor zu bringen. Ich übe mich, nach ihrem Geschmacke Deutsch zu sprechen und zu schreiben. Ich richte mich nach den vorgeschriebenen Regeln; kurz: meine Absichten stimmen mit den ihrigen vollkommen überein. […] Es wäre nur zu wünschen, daß mehr unter meinem Geschlechte von solchem Eifer eingenommen würden, und sich bestrebeten, die Thorheiten, so man ihnen mit Recht vorwerfen kann, abzulegen und der Vernunft Gehör zu verschaffen.“
(aus einer Rede an die Herren der Deutschen Gesellschaft, zitiert nach Bovenschen, S. 129.)

Bühneneinang mit der Aufschrift:
Become what you are! #1
iO Tillett Wright (1985*)

„Der Untertitel der deutschen Übersetzung lautet ‚Mein Leben zwischen den Geschlechtern‘. Das habe ich aber niemals so geschrieben. Auf Englisch heißt mein Buch einfach ‚Darling Days‘. […] Ja, es gibt in meinem Buch ein Kind, mich, das transgender lebt, aber das Buch dreht sich nicht bloß um diese Transgender-Erfahrung. […] Ich glaube, sie [der Verlag] wissen, wie man Menschen am besten dazu anregen kann, mit meiner Story zu interagieren. Das ist wohl das Kreuz, das ich tragen muss, damit Leute dem Buch Beachtung schenken. Das tut aber auch weh, und manchmal fühle ich mich wie ein Zirkusaffe. Gestern in einem Radio-Interview war die zweite Frage, ob ich eine Geschlechtsumwandlung hatte. What the fuck?“
(aus einem taz-Interview, 2018)

„Selten] sind Versuche, hinter den seit Jahrhunderten die Vorstellungen vom Weiblichen konservierenden Frauenbildern das Historisch-Gesellschaftliche aufzudecken. Wie aber, wenn hinter diesen Bildern nichts dergleichen zu finden wäre, weil sie nahezu die einzigen überlieferten Zeugnisse einer Präsenz des Weiblichen sind?“ (Silvia Bovenschen: Die imaginierte Weiblichkeit, S. 9)¹

¹ Alle folgenden Zitate im Text beziehen sich auf die Suhrkamp-Ausgabe von 1979.

 

Die wesentliche Schwierigkeit der Frauengeschichtsschreibung besteht darin, dass sie dem Versuch gleicht, eine Geschichte der Geschichtslosigkeit zu rekonstruieren. Im dialektischen Bewusstsein der Komplexität des Unterfangens unternahm Silvia Bovenschen mit ihrer Promotionsschrift von 1979 einen solchen Versuch für die Literaturgeschichte. Die imaginierte Weiblichkeit: Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen ist eine Analyse der Rahmenbedingungen, unter denen Frauen im 18. Jahrhundert die deutschsprachige literarische Öffentlichkeit betraten. In der Zeit der Frühaufklärung und Aufklärung hatte erstmals eine größere Zahl von Frauen schreibend am Literaturbetrieb teil. Silvia Bovenschen zeigt, wie die vorherrschenden Imaginationen von Weiblichkeit diesen Eintritt bestimmten, beschränkten und schließlich, bereits gegen Ende des 18. Jahrhunderts, wieder minimierten. Mit Bovenschen können wir uns das Betreten der literarischen Bühne von Frauen statt als progressiven und innovativ wirkenden Befreiungsschlag realistischer so vorstellen, als gingen sie durch ein Nadelöhr: eine durchaus enge Öffnung historischer Möglichkeiten, die sich aus den jeweiligen Gesellschaftsauffassungen der Zeit ergaben. „Die realen Frauen vermochten nur solange aktive – wenn auch vorgeschriebene – Rollen im Kulturprozeß einzunehmen, solange die Ideen vom Weiblichen sich als relativ feste Standfläche für ihre Integrationsanstrengungen erwiesen. Das heißt aber, daß die Frauen immer nur versuchen konnten, die symbolischen Präsentationen des Weiblichen, wenn sie ihren Wünschen und Ambitionen günstig waren, einzuholen.“ (S. 139)

Das rationalistische Prinzip der Frühaufklärung machte es nötig, das Dunkle, Abweichende, Libidinöse in den Griff zu bekommen. Traditionell verbanden sich letztere Konzepte mit dem Phantasma des Weiblichen. Die Gelehrsamkeit brachte eine gewisse Egalität mit sich, die Vernunft und Regelwissen auch Frauen zukommen lassen wollte. Es entstand der Typus der Gelehrten. Die ersten deutschsprachigen Frauenzeitschriften verfasste der Regelpoetiker Johann Christoph Gottsched unter weiblichen Pseudonymen. In ihnen propagierte er das Bild der gelehrsamen, schreibenden Frau, in der gleichsam die Zügellosigkeit von Empfindung getilgt war. Gottsched protegierte verschiedene Autorinnen wie Christiane Marianne von Ziegler und Sidonie Hedwig Zäunemann.
Die strenge, vernünftige Form schuf als erlernbare den Boden für eine relative, da nicht auf die materiellen Bedingungen zielende, geschlechtliche Gleichheit, steckte aber dem schreibenden Ausdruck selbst enge Grenzen. Unter versichernder Berufung auf die Achtung eben jener Regeln fanden Frauen kurzfristig Einzug in die literarische Welt. Zugleich war gerade diese Zeit arm an literarischen Frauendarstellungen: „Das Bildrepertoire herausragender weiblicher Kunstfiguren ist zu der Zeit, da man die Gelehrsamkeit der Frauen pries, sehr klein, so als hätte das alltägliche Vorurteil, daß ein hohes Maß an Intelligenz bei Frauen notwendig mit dem Verlust ihrer geschlechtsspezifischen Attraktivität einhergeht, sich durch alle Zeitläufte gerettet.“ (S. 81) Auch, dass sich Gelehrsamkeit und Hausfrauendasein nicht unbedingt förderlich zueinander verhielten, regulierte das Maß an Bildung zugunsten der Domestikation alsbald wieder auf ein Mindestmaß.
Dass es gen Mitte des 18. Jahrhunderts zu einer Kritik der reinen Vernunft und zu deren Erweiterung um das Vermögen der Empfindung kam, öffnete zwar eine neue Bühnentür für Frauen – doch auch deren engen Rahmen, zeitlich wie stilistisch, zeichnet Silvia Bovenschen genau nach. Gemäß der Vorstellung des naturwüchsigen Talents, das gegenüber dem bloßen Geist die „Stimme des Herzens“ verlauten lasse, wurde die schreibende Frau zum Inbild der naturbegabten Dichterin hypostasiert. Autorinnen wie Anna Louisa Karsch waren damit jedoch der reinen Empfindung und deren Ausdruck verpflichtet; sie sollten ein Exempel des Angriffs auf die Regelpoetik statuieren. Den engen Aktionsradius der Anna Louisa Karsch rekonstruiert Bovenschen als Zwang zum natürlichen, spontanen Dichten, dem die Autorin unterlag und der für sie, die vom Schreiben leben musste, letztlich ökonomische Notwendigkeit war. Denn Anna Louisa Karsch stammte, unüblich für Autorinnen ihrer Zeit, aus armen Verhältnissen. Geistig blieb sie auf diesen Hintergrund festgeschrieben: Gültigkeit hatte ihre Autorinnenschaft lediglich, sofern sie, einem Wunder der Natur gleich, ganz ohne Bildung und aus dem Stegreif Verse hervorbrachte. Was harte Arbeit gewesen sein muss.
Ohnedies bewirkte die Integration sensitiver Vermögen in den geistigen Horizont der Aufklärung letztlich eine Verfeinerung der Ästhetik männlicher Literaten. Ausgebaut wurde gegenüber der Frühaufklärung und deren umfassendem Paradigma der Gelehrsamkeit eine Theorie der komplementären Verhältnisse von Natur und Geist. Als reine Natur war die Frau etwa für Kant und Rousseau der Inbegriff unverbildeter Empfindungen – und als solche nicht selbst im Stande, sich Bilder zu machen. Im Besitz der geistigen Vermögen konnte der Mann sich am Weiblichen inspirieren, Subjektstaus hatte aber allein er – und nur dieser ermöglicht das Schreiben. Der vermeintliche Geschlechtscharakter der Frau würde ihre Natur gar verfälschen, die sie zum unmittelbaren Empfangen, nicht aber zum vermittelnden Produzieren befähige. So wurden die schreibenden Frauen wieder aus dem Literaturbetrieb verdrängt. Und die literarischen Präsentationen von Weiblichkeit durch Männer florierten. „Idealisierung und Domestikation – dazwischen steht nichts“ (S. 243), fasst Silvia Bovenschen knapp zusammen. Und beide – die vorgestellte überhöhte, feinsinnige Frau und die wirkliche (Haus-)Frau – klaffen auseinander: „Für die imaginierte Größe der Frauen gibt es in der Realität keine Währung; ihre Qualitäten sind für den Alltag nicht einklagbar. […] Unverträglich mit dieser Doppelfunktion des Weiblichen sind allerdings die Anstrengungen der wirklichen Frauen, im Literarischen nicht nur Objekte der Idealisierung und der Imagination zu sein, sondern selbst schöpferisch in den kulturellen Prozeß einzugreifen.“ (S. 143f.)

In ihrer eigenen Zeit schrieb Silvia Bovenschen auch gegen eine zunehmende Mystifizierung weiblicher Kreativität unter Feministinnen an: „Die heute in der aktuellen Auseinandersetzung um das Weibliche häufig formulierte These, daß überall dort, wo Frauen in der Geschichte zur Feder gegriffen haben, das Resultat ihrer Bemühungen inhaltlich und formal notwendig innovatorisch sei, ist schlicht biologistisch. Sie abstrahiert von den engen Aktionsradien, die den Frauen in den kulturellen Diskursgefügen jeweils zur Verfügung standen.“ (S. 129) Zudem wiederhole eine solche Abstraktion noch einmal die weibliche Geschichtslosigkeit: Der Mythos weiblicher Kreativität zementiere aus anderer Stoßrichtung, was dem Weiblichen stets widerfahren war: „Ausbürgerung aus der Realität“ (S. 264). Aus Bovenschens hier nur in groben Strichen nachvollzogenen Untersuchung ergibt sich die Forderung, Frauengeschichte und die Literaturgeschichte der Frauen analytisch anzugehen, sie weder zu negieren noch zu überhöhen.
Dieses Programm hat bis in die Gegenwart hinein Inspirationskraft – und Seltenheitswert. Denn es geht über das heute oft im Vordergrund stehende Paradigma der Sichtbarkeit hinaus. Es fragt, inwiefern in dem Moment, da etwas bisher Ausgegliedertes in der (literarischen) Öffentlichkeit Einzug hält, es nicht eigentlich eingeebnet wird. Allein über diese Fragestellung kann das emanzipatorische Potential des Bühnenauftritts ‚der Anderen‘ fokussiert werden: die Möglichkeiten, dass, wenn etwas Neues sichtbar und lesbar wird, es auch verändernd wirkt und nicht allein jenes Paradigma stützt, das ihm zur Sichtbarkeit verhilft. Silvia Bovenschens Herangehensweise an Literatur und die Verhandelbarkeit ‚des Anderen‘ in ihr birgt das kritische Moment, über die bloße Präsenz von Identitäten als gepriesene Vielfalt hinaus, die Einschränkungen der literarischen Zugriffe von Frauen, „den Anderen“, dem Anderen überhaupt, in den Blick zu bekommen. Es ginge dabei um die Bedingungen, die diese Präsenz ermöglichen und einschränken und das Verhältnis von realer Autor_innenschaft zu den vorhanden Projektionen fester Identitäten. Der Angriffspunkt einer solchen strukturellen Betrachtung sind Institutionen einerseits, das Bewusstsein der Schreibenden andererseits und die Verzahnung beider Aspekte miteinander.
Wie wird die häufig vor allem qualitativ gedachte Vielfalt heute auf Integrierbares und Identifikationspotenzial der ‚Mehrheitsgesellschaft‘ hin oder aber im Dienste ihrer Projektionen eingeschränkt und vorformatiert? Vielfalt verbreitert das Nadelöhr, könnte man meinen; die Metapher scheint veraltet. Doch dieser Einwand klammert aus, dass wir es inzwischen mit einem Zwang zu Identität zu tun haben, der diffuser, vielgesichtiger ist als im 18. Jahrhundert, aber als Paradigma wirkt. Die Forderung, mit sich identisch zu sein, gilt heute freilich für alle. Identifikation bedeutet Produktivität und Selbstverantwortung und wirkt damit stabilisierend auf den Kapitalismus. Dabei sind einige Identitäten aber erklärungsbedürftiger, interessanter als andere – damit werden einerseits am Markt häufig ihre Gehalte über die geschlechtliche, sexuelle, kulturelle Identität hinaus unsichtbar und/oder sie reduzieren sich selbst auf diese. Andererseits sind sie dem Vorwurf des Befindlichen ausgesetzt, der streng weiblich assoziiert ist. Auf dem Markt der Identitäten bewirkt die überall geforderte und gelieferte (Selbst-)Vermarktung der schreibenden Person eine Festschreibung der Identitäten eher als die anschließend im Feuilleton vermisste formal-inhaltliche Innovation.
Der zu jeder Bewegung gehörende Stolz auf das Anders-Sein steht in einem Widerspruch zu dem Grundproblem, dass dieses Anders-Sein nicht frei gewählt ist – nicht als gesellschaftliche Kategorie, die in einer patriarchalen, kapitalistischen Gesellschaft zur Ausbeutung frei ist. Jedes positive Anders-Sein, das behauptet wird, und behauptet werden muss, bleibt doch gesellschaftlich ein negatives. Hierin liegt ein grundsätzlicher Widerspruch, der im Feminismus oft zu Brüchen und Spaltungen führte, in deren Kontext auch Bovenschens Untersuchung zu sehen ist. Der Widerspruch, dafür stand die Autorin auch mit anderen Texten, etwa einem Essay zur Möglichkeit einer weiblichen Ästhetik,² lässt sich aber nicht einhegen.

² Siehe Silvia Bovenschen: „Über die Frage: gibt es eine ‚weibliche‘ Ästhetik?“ In: Ästhetik und Kommunikation 25, 1976.

 

Denn an seinem einen Ende stehen Essentialisierung und Geschichtslosigkeit, am anderen die Ausklammerung der Dimension der Erfahrung für das feministische Projekt. Aus diesen Überlegungen heraus entstand in der Anfangszeit von PS die Prämisse: „Es gibt keine Frauen- und Minderheitenliteratur / Frauen- und Minderheitenliteratur müssen wir fördern.“³

³ Sie war inspiriert von den ersten Zeilen eines Gedichtes von Pat Parker: „The first thing you must do is forget that I’m Black. | Second, you must never forget that I’m Black.“ (Aus: „For the white person who wants to know how to be my friend.“ In: Movement in Black, 1999)

 

Silvia Bovenschen musste sich die Frage stellen, ob sie überhaupt von einem Bewusstsein von Weiblichkeit durch Frauen selbst, jenseits der männlichen Projektionen, im 18. Jahrhundert ausgehen könne. Diese Frage könnte sich heute erübrigen, sofern die insbesondere in der Zweiten Frauenbewegung verhandelten Widersprüche nicht geschichtsvergessen für passé erklärt werden, sondern aus ihnen ein Bewusstsein gewonnen wird, das immer wieder vermittelt zwischen dem Stolz auf das Anders-Sein und dem Nein zur grundsätzlichen Prämisse der Aufteilung in Neutrum und Alter. Es ist nicht Aufgabe der Autor_innen, dies an ihren Schreibtischen zu klären, so ganz genialisch und allein, wie man das Bild eben kennt. Institutionen, Verlage, Publikationsformate, Veranstalter_innen dagegen müssten sich ihrer Sparten gewahr werden und Praxen der Verweigerung üben. Auch Autor_innen können sich jenseits des Schreibens verweigern, kollektive Strategien dazu erproben. Schreibend schließlich bleibt eine Suche nach Möglichkeiten, sich dem Eindampfen auf ein Identisch-Sein mit sich zu erwehren. Das hieße, es mit hineinzuschreiben, die Zurichtung schreibbar zu machen und damit ihre Grenzen zu traktieren.

In ihrem 2015 veröffentlichten Buch Sarahs Gesetz hat Silvia Bovenschen einen solchen Versuch unternommen. Sie beschreibt darin die Beziehung zu ihrer Gefährtin Sarah Schumann, betritt den innersten Bereich des Persönlichen – unter strenger Wahrung von Diskretion.
„Meine Freundin Sarah war, als ich sie kennenlernen durfte, eine Frau, die ich nicht verstand. Ich glaube, nein, ich bin sicher, ich war nie zuvor einem Menschen begegnet, den ich so wenig deuten konnte. Knapp gesagt: Ich wurde nicht schlau aus ihr.
Nichts fügte sich.
Ratlos.
Von Stund an begann meine Sarah-Hermeneutik, die nun schon an die vierzig Jahre währt. Ich glaube nicht, dass ich zu endgültigen Befunden kommen werde. Ich glaube nicht einmal an die Möglichkeit endgültiger Befunde. Ich glaube nicht, dass wir einander wahrhaft kennen können. Bei aller Liebe nicht. Und wir sollten es auch nicht wollen.“4

4 Silvia Bovenschen: Sarahs Gesetz. 2015. S. 27f.

 

Bühneneingang über das Wunder der Natur:
Anna Louisa Karsch

(*1722 †1791)
„Die Karschin wird in den Berliner Salons herumgereicht. Wie einem Schoßhund die Happen wirft man ihr grotesk kombinierte Reimwörter zu, und sie muß ihr ‚angeborenes‘ Talent gleich an Ort und Stelle demonstrieren. [… V]or allem aber, denn das war ihr Lebensunterhalt, besingt sie die Geburts-, Todes- und Heiratsereignisse der Begüterten, die sie in ihrer Armut und ihrer oft hervorgehobenen Häßlichkiet bestaunen wie ein exotisches Tier und sich freuen, wenn sie es schafft – wie Gleim berichtet –, an einem Abend bis zu fünfzig Gedichte zu reimen. Doch bald schon mehren sich die mahnenden Stimmen, die mit Lessing darauf hinweisen, daß es für die Nachwelt gleichgültig sei, ob ein Gedicht in wenigen Minuten oder in vielen Stunden geschaffen werde. Indes, die Meinung der Nachwelt war der Karschin (froh darüber, aus dem gröbsten Elende heraus zu sein) vermutlich nicht so wichtig. Die Mahner verkannten nämlich, daß der geschwinde Aufstieg in diesem Fall mit der Geschwindigkeit des Reimens erkauft werden mußte und daß die ‚Dampfreimkunst‘ der Karschin zunächst nichts anderes war als eine handwerkliche Form des Gelderwerbs.“ (S. 152)
„[D]ie Präsentation der weiblichen Natürlichkeit bedarf einiger Kunstfertigkeiten. Die Selbstdarstellungen der Karschin als ewiges Naturkind sind zu ‚naturwüchsig‘, die poetischen Demonstrationen ihrer Natürlichkeit sind teilweise allzu hilflos: sie weiß zu wenig von der Kunst, um ihre ‚reinen Empfindungen‘ ‚natürlich‘ zu Kunst werden zu lassen, und sie weiß zu viel vom Leben, um lebenslang in der Pose naiver Einfalt verharren zu können. An dieser Stelle bricht […] die für die Stilisierung unerläßliche Koinzidenz von Leben und Werk auseinander.“ (S. 157)

Bühneneingang mit der Aufschrift:
Become what you are! #2
Anke Stelling (* 1971)
„Erst Jahre später habe ich gemerkt, wie mir die Institution Inhalte und Selbstbild diktiert hat, wie der Betrieb mich ein- und aussortiert.
Mit Mitte zwanzig dachte ich, ich könne vom Betriebssexismus sogar profitieren, indem ich zum Beispiel in die Kategorie ‚Fräuleinwunder‘ fiele (die ein ins Institut geladener Gastredner, ich sag jetzt nicht wer, fürs Feuilleton erfunden hatte), aber das Etikett vergilbte dann doch schnell, und die nächsten fünf waren wieder allgemeiner, also neutraler, also: für Jungs.“
(aus: Anke Stelling: „Größer als Null“, Merkur-Dossier Sexismus an Schreibschulen, 2017)

Silvia Bovenschen war als Schriftstellerin von Essays und Prosa und als Universitätslehrende tätig. Aufgrund ihrer früh diagnostizierten Erkrankung an multipler Sklerose war ihr die Verbeamtung und damit der Professorinnenstatus gesetzlich verwehrt. Gemeinsam mit Sarah Schumann und anderen Frauen organisierte sie 1977 „Künstlerinnen International“, die erste und bis dato einzige Ausstellung diesen Umfangs, die Kunstwerke von Frauen aus aller Welt zeigte. Zuletzt erschien ihr Roman Lug & Trug & Rat & Streben, postum. Silvia Bovenschen verstarb im Oktober 2017.

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