PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Mohnblumentage

Ann-Christin Kumm

Ist das Private politisch, das Politische aber ein Auseinandersetzen mit Macht- beziehungsweise Unterdrückungsverhältnissen, kann es kein unpolitisches Schreiben geben. Beziehungen entwerfen, wie sie nicht sein sollten, mit Buchstaben sich und die Welt durchleuchten. Manchmal sind Denken und Schreiben eins.

Krach. Summen. Stille. Atmen. Stille.
Jetzt schau dir an, wie dreckig das Klavier geworden ist!
Ich versuche ganz ruhig zu sitzen. Vielleicht hält dann die Welt an. Dann wäre alles gut, wenn die Welt anhält. Die Haare tun weh, da, wo grad noch die Hand war, im Nacken. Können Haare weh tun? Ich weiß es nicht, aber vielleicht kann ich es rausfinden.
Steh auf, wir müssen das saubermachen.
Eigentlich, denke ich, ist das doch ganz schön. So rot auf weiß, und es hat eine schöne Form. Ich weiß, das ist einer von den falschen Gedanken. Ich halte die Hand unter die Nase, die tropft weiter, tropf, tropf, aber jetzt in meine Hand, gut. Das arme Klavier, ist ganz dreckig geworden, das arme.
Ich stehe auf.
Pass auf den Teppich auf!
Ich passe auf den Teppich auf. Der ist wichtig, der war ein Geschenk, das weiß ich. Ich weiß auch, dass man die Nase festhalten muss, ganz fest zuhalten und den Kopf ein bisschen nach hinten legen. Ich stelle mir vor, wie das ganze Blut durch meinen Hals läuft und in den Magen und wie mein Bauch voll wird damit, bis er ganz rot ist. Wie bei Babyfischen, die fressen Algen, und weil sie durchsichtig sind, sieht man dann die Algen in ihrem Bauch. Einen dicken, grünen Bauch haben die dann. Ich mag alle Fische in unserem Aquarium, aber am liebsten mag ich die Babyfische.
Der Teppich ist rot und gelb und noch viel mehr Farben, und er kommt aus einem fernen Land. Unsere Nachbarin hat gesagt, dass in diesem Land alle Menschen ganz anders sind, sie haben schwarzes Blut, hat sie gesagt, nicht so rot wie du und ich! Aber ich glaube ihr nicht. Ich hab Bilder gesehen im Fernsehen, die Menschen haben geblutet und das Blut war genauso rot.
Jetzt sehe ich zu, wie das Klavier abgewischt wird, mit Seife und mit einem Lappen. Das Wasser im Eimer macht so Wassergeräusche und ich glaube, ich muss mal, aber ich glaube auch, das ist jetzt nicht gut.
Zeig mal, was macht deine Nase.
Die Nase pocht. Wie wenn man am Handgelenk einen Puls fühlt, das heißt pochen. Ich nehme die Hände runter und es kommt kein Blut mehr, das ist ja alles in meinem Magen, und ich fände es schön, ein Lob zu haben, weil ich das so gut gemacht habe mit der Nase. Ich habe auch auf den Teppich aufgepasst, denke ich, das ist gut. Gut, gut, gut.
Aber da kommt nichts, vielleicht ist es nicht gut genug, nach dem Klavier und allem. Die Tasten sehen jetzt wieder aus wie vorher. Ganz sauber.
Halb so wild. Komm, wir putzen das ab – mitgehen, immer noch müssen, aber jetzt nicht, später, später, das Wasser aus dem Hahn ist zu kalt, dann zu heiß, egal, aua die Haare, die Haare erinnern sich, die Hand im Nacken tut weh, nichts sagen, bloß nichts sagen – na also, siehst du, nur ein bisschen rot, wie erkältet, wie ein kleiner Schnupfen, guck!
Ich gucke. Mein Spiegelgesicht sieht klein aus. Im Fernsehen hat jemand erklärt, das Gesicht im Spiegel ist ganz anders als in echt. Ist falsch herum, aber wir denken alle, es ist richtig. Unser richtiges Gesicht. I-lu-sjon. Meine Nase ist ein bisschen rot. Die Augen auch.
Was ist los, hast du deine Zunge verschluckt?
Wie ein kleiner Schnupfen, sage ich.
Ich bin brav. Ganz brav. Eigentlich mag ich Klavierspielen.
Na siehst du.
Ein Lächeln. Ich habe ein Lächeln bekommen, das ist gut. Einmal habe ich ein Bild gemalt, in dem habe ich mich gesonnt, auf einem Liegestuhl, wie im Katalog. Am Himmel habe ich Wolken gemalt und einen Mund, da, wo sonst die Sonne ist. Was ist das denn, haben sie gefragt, ich habe gesagt: Ich weiß auch nicht.
Geh doch noch ein bisschen raus.
Ich will gar nicht rausgehen, aber das ist egal. Ich will noch ein Lächeln, aber das ist egal. Ich gehe ins Badezimmer zurück, pinkeln. Dann in den Flur. Ich warte noch ein bisschen, es passiert nichts. Ich ziehe mir die Schuhe an, ich gehe durch die Tür vom Waschmaschinenraum. Es gibt auch eine Terrassentür, durch die soll man aber nicht rein- und rausgehen, das macht Dreck.
Es ist warm und es weht ein Wind. Der Wind sagt Hallo, und ich sage auch Hallo, hallo Wind, sage ich. Aber ganz leise, damit ich keinen Ärger bekomme. Hallo Katze, sage ich, die Katze gehört der Nachbarin (nicht die mit dem schwarzen Blut), aber sie sagt mir trotzdem Hallo. Ich hätte gern eine Katze, aber das geht nicht. Ich gehe ein bisschen im Garten hin und her. Die Blumen sind sehr schön, sind aber nur zum Angucken. Es gibt viele Dinge in der Welt, die nur zum Angucken sind.
Ich ziehe die Nase hoch, es tut fast gar nicht weh. Ich beschließe, hinter dem Bahndamm spazieren zu gehen. Einmal habe ich da ein Reh gesehen, das ist aber schon lange her. Ich gehe durch das Gartentor, das aber gar kein Tor ist, nur eine Lücke im Zaun. Ich bleibe kurz stehen und drehe mich um. Da ist niemand hinterm Fenster. Alles ist still und sonnig. Ich gehe den Weg an den Häusern lang, die Katze kommt mit.
Kriegst du keinen Ärger, sage ich.
Nein, sagt die Katze, ich kann überall hingehen, wo ich will. Aber sprich nicht so laut, damit du keinen Ärger kriegst.
Ich finde die Katze sehr klug. Ich mag Katzen, in meinem Lieblingsfilm spielen kleine Katzen Klavier, ziemlich schlecht, weil es lustig sein soll. Es ist aber nicht schlimm. Niemand sagt: Warum kaufe ich die teuren Sachen und bezahle die teuren Stunden, wenn du dir dann gar keine Mühe gibst?
Niemand sagt: Du frisst mir die Haare vom Kopf!
Hinter dem Bahndamm wachsen nämlich ganz viele Blumen. Darum bin ich hier gerne. Es gibt auch weiße und rote. Die weißen heißen Kamille und die roten heißen Mohn. Das weiß ich, weil mich solche Sachen interessieren. Weiß und rot, weiß und rot. Als mein Gesicht auf das Klavier geknallt ist, das hat sich genauso angehört, wie wenn eine Katze drauf springt. Wie wenn… aber ich denke mir das nur aus, ausdenken ist böse. Ich bin schon wieder böse, denke ich und ich schlage ein bisschen gegen die Mohnblumen mit einem Stock.
Ich habe heute einen kleinen Schnupfen.
Ich fange an, ein paar Blumen zu pflücken, das geht schnell, wenn man irgendwelche nimmt. Aber ich nehme nur die schönsten. Die Kamille riecht wie Sommer. Die Mohnblumen sind sehr empfindlich. Sie mögen es nicht gern, wenn man sie anfasst. Man muss vorsichtig sein.
Die Katze geht einen anderen Weg, Tschüss Katze, sage ich.
Sie sagt: Bis bald.
Eigentlich finde ich Klavierspielen schön.
Als ich nach Hause gehe, treffe ich die Nachbarin (nicht die mit der Katze), ich denke: Hoffentlich will sie nicht über schwarzes Blut reden.
Aber sie sagt nur: Da hast du aber schöne Blumen, ach, was ist denn mit deiner Nase?
Ich bin erkältet, sage ich.
Ach so, sagt sie, ja, sage ich, ich habe einen kleinen Schnupfen.
Und trotzdem gehst du Blumen pflücken, das ist aber toll von dir, sagt sie.
Ich sage ja, obwohl ich nicht weiß, warum sie das sagt.
Und übst du auch noch Klavier? Du hast so schön gespielt neulich.
Ich sage: Ja, ich übe jeden Tag.
Sie sagt: Wie schön. Das macht dir bestimmt viel Freude.
Das klingt gut, deshalb sage ich noch einmal ja.
Als ich an der Haustür klingeln will, geht die von allein auf, und ich zucke zusammen und die Blumen auch, aber ich sage ihnen, dass sie keine Angst haben müssen.
Wo warst du so lange ich hab mir Sorgen gemacht du spinnst wohl so lange weg zu bleiben.
Die Wörter kommen so schnell, sie sind wie ein einziges langes Wort. Es ist schwer, sie zu verstehen, weil sie sich verstecken. Aber ich kenne das schon. Ich verstehe die Wörter trotzdem.
Guck mal, sage ich und halte ihr die Blumen hin, und sie nimmt sie in die Hand, aber eher wie eine Tüte Müll. Sie macht eine schnelle Bewegung, Vorsicht, denke ich, die gehen ja kaputt, aber ich sage nichts.
Was habt ihr geredet, sagt sie.
Ich ziehe meine Schuhe aus.
Dass ich Freude habe am Klavierspielen, sage ich und sehe meine Schuhe an und meine Hände, sind meine Hände dreckig, nein. Gut.
Und dass ich erkältet bin.
Ich sehe kurz zu ihr hin, ich weiß, dass das die richtige Antwort war, aber sie lächelt nicht, sie guckt zur Seite. Als wäre ich gar nicht da. Als wäre sie auch gar nicht da. Irgendwie woanders. Die Blumen hängen in ihrer Hand wie Müll, Müll, Müll.
Gut, sagt sie, gut. Komm jetzt, es gibt Milchreis, der ist schon ganz kalt.
Milchreis ist mein Lieblingsessen. Ich gehe hinter ihr her in die Küche und ich fühle genau, dass ich weinen muss. Ich darf jetzt nicht weinen. Ich mache den Mund ganz fest zu.
Ich werde nicht weinen.
Für wen sind denn die schönen Blumen, hat die Nachbarin gefragt.
Die sind für Mama.
Ja, hat sie gesagt, so ein liebes, großes Mädchen.
Aber sie weiß ja auch gar nicht Bescheid.

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