PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Mein Leben als Topfpflanze

von Anna Kow

Heute ist Sonntag, ein Tag, an dem ich üblicherweise viel Zeit habe. Ich stelle extra morgens mein Telefon laut, damit ich keinen Anruf und keine Nachricht verpasse, aber es kommen selten welche, weil alle immer mit ihren Familien im Zoo sind oder ausgiebig mit ihrem Partner im Bett frühstücken müssen. Selbst meine Single-Freundinnen haben immer irgendwas zu tun, ich weiß nicht, wie sie das machen. Vielleicht halten sie ihre Wohnung sauber?

Der heutige Sonntag hat glücklicherweise gegen elf erst angefangen, weil meine Yogagruppe und ich den ganzen gestrigen Abend statt Yoga zu machen Doppelkopf gespielt und Mon Chérie gegessen haben. „Stärke vortäuschen!“, rief Eli immer wieder und knallte seine Karten mit solcher Wucht auf den Tisch, dass sie über die Tischplatte schlitterten und runterfielen, „immer Stärke vortäuschen!“ Ich hab’s versucht, aber letztlich braucht es auch zum Vortäuschen wohl ein kleines bisschen tatsächliche Stärke. „Mach dir nichts draus“, rief Eli, nachdem er gewonnen und ich verloren hatte, und schlug mir zum Trost auf den Rücken: „Pech im Spiel, Glück in der Liebe!“ „Haha“, sagte ich, „genau“, und Eli schaute etwas zerknirscht, weil ihm offenbar wieder eingefallen war, was bei mir gerade los ist. Ich hatte es ihm ja vor ein paar Tagen erst lang und breit erzählt, und wenn ich genau überlege, nicht nur ein, sondern mindestens zwei oder drei Mal in verschiedenen Variationen und Abstufungen.

Im Nachhinein kann ich jetzt wenigstens sagen, dass es nicht meine Schuld war, dass ich Benni nachts noch geschrieben habe, sondern Elis, der überhaupt erst mit dem Thema Glück und Liebe angefangen hatte. „Hey“, schrieb ich, „ich wollte nur mal hören, wie es dir geht. Hast du guten Sex? Ich nämlich nicht. Arschloch.“ Nach weniger als zehn Minuten kam seine Antwort: „Das tut mir leid zu hören. Ich wünsche dir, dass du bald wieder guten Sex haben wirst. Mir geht’s gut, ich hoffe, dir auch.“ Der Kerl lässt sich einfach nicht provozieren. Ich frage mich, wo er auf einmal diese super Kommunikations-Skills herhat, Deeskalation und so weiter, die ihm doch, als wir noch zusammen waren, so offensichtlich abgegangen sind. Wobei, kommunizieren konnte er die Tatsache, dass er sich in Jo verknallt habe und es gut fände, wenn wir einander mal kennenlernen würden, eigentlich ziemlich gut. „Wozu soll ich die Schlampe kennen lernen?“, hatte ich geschrien, und er mich sehr ruhig – sehr sehr ruhig – darauf aufmerksam gemacht, dass das Slut-Shaming sei und irgendwie unfeministisch.

Da hat er natürlich Recht. Nur das mit der Deeskalation hat schon damals nicht geklappt, weswegen er jetzt eine klitzekleine Narbe an der Lippe hat, die er trägt wie eine Auszeichnung. „Ich bewundere dich für deine Wut“, hatte er mit glänzenden Augen gesagt, während ein Tropfen Blut sehr sexy sein Kinn hinabrann, „dass du die so zulassen kannst – das ist toll.“ Ich hätte ihm beinahe noch eine reingehauen, aber ich hatte irgendwie den Eindruck, dass es ihm gefiel, also ließ ich es sein. Ich habe auch meinen Stolz.

Jetzt schläft Benni also mit Jo, einer – ich habe recherchiert – wahnsinnig gut aussehenden, großen Frau, die außer Benni noch mindestens zwei weitere Lover hat, und ich nur noch mit meinem Kopfkissen. Das wenigstens ist weich und warm und schmiegt sich nachts an mich wie der flauschigste Freund. Neulich ist es sogar morgens mal aufgestanden, um mir Kaffee zu kochen, das war lieb.

Noch vor Kurzem habe ich behauptet, ich sei über alles hinweg und würde mich von nun an ausschließlich der Arbeit zuwenden. „Ich bin über Benni hinweg“, schrieb ich an Sascha, „Heterosexualität ist eine Falle für jede denkende Frau“ an Nadine, und „Life is a tragedy to those who feel“ als Sprachnachricht an mich selbst. Die Wahrheit ist allerdings, dass ich über gar nichts auch nur im Entferntesten hinweg bin, und mich auch keineswegs ausschließlich der Arbeit zuwende, sondern, wenn ich nicht gerade ins Büro muss, täglich nur dasitze und stumm auf mein Handy starre, das keinen Ton von sich gibt.

Heute Nachmittag hat es dann unerwartet doch einen Ton von sich gegeben, einen ziemlich lauten sogar, denn ich hatte es am Morgen ja laut gestellt. Das Display zeigte „Mama“ an; ich überlegte kurz, dann ging ich ran. Es war mein Vater. „Ach, du bist es“, sagte er, „ich wollte eigentlich deine Mutter anrufen.“ „Du rufst mich mit dem Handy meiner Mutter an, Papa!“ „Ach so“, sagte er, „ah! Ja, das erklärt, warum sie nicht rangeht.“

Eigentlich telefonieren mein Vater und ich nicht miteinander. Nicht, dass wir uns nichts zu sagen hätten, aber für Kommunikation ist normalerweise meine Mutter zuständig. Da ich ihn nun aber schon mal am Telefon hatte, fragte ich ihn, was er so mache, worauf er sagte, er bereite sich auf den Ruhestand vor. Die Versicherungsgesellschaft, für die er die letzten 30 Jahre gearbeitet hat, versucht seit einer Weile, ihn und ein paar weitere Kollegen über 60 sanft aus der Firma zu drängen. Sanft deshalb, weil von Kündigung bisher überhaupt keine Rede war, im Gegenteil: der Chef neulich erst die „beeindruckende Lebensleistung“ der älteren Kollegen lobend erwähnte. Das war, als er meinen Vater einem jungen Kollegen vorstellte, der gerade neu eingestellt worden war, und mit dem mein Vater nun – wirklich nur kurzzeitig – sein Büro teilen solle. Vor einer Woche haben sie dann seinen Transponder deaktiviert. Den Firmen-Laptop durfte er mitnehmen, auch die Firmen-Mailadresse und das Firmenhandy, das allerdings schon nach drei Tagen den Geist aufgab (was, fiel mir jetzt ein, wahrscheinlich der Grund dafür war, dass er das meiner Mutter benutzte). Gestern, erzählte er, habe er versucht, sich vom Lidl-Parkplatz aus ins Intranet einzuloggen, um die Ordnerstruktur aufzuräumen für den neuen Kollegen. Das WLAN reiche aber offenbar nur bis zur Kreuzung.
„Wie geht das“, fragte ich ihn, „sich auf den Ruhestand vorbereiten?“ „Geduld haben“, antwortete er, „versuchen, sich nicht überflüssig zu fühlen. Und sich vorm Einschlafen immer schön vorstellen, wie die Aktien fallen.“ Einen Moment lang fühlte ich mich meinem Vater sehr nah.
Kurz nachdem ich mich, mit Grüßen an Mama, verabschiedet hatte, fiel mir der Traum wieder ein. Mein Traum von letzter Nacht. Ich hatte geträumt, ich sei schwanger, und bei der ersten Untersuchung würde festgestellt, dass ich 90 Kilo wog, rund 30 Kilo mehr als sonst, während ich gleichzeitig noch immer genauso aussah wie vorher, ohne nennenswerte Rundungen, und niemand sich erklären konnte, woher das ganze Gewicht kam und wo im Körper genau es sich befand. Ich wusste auch im Traum nicht, wie es sein konnte, dass ich schwanger war, traute mich aber nicht, das den Ärzten gegenüber zu erwähnen, aus Angst, sie würden ihre Diagnose revidieren. Ich rauchte weiter und stellte auch sonst keinerlei Veränderung an mir fest, was mich irgendwie enttäuschte. Ich hatte erwartet, dass schwanger alles anders werden würde, anders im Sinne von besser. Leider wachte ich auf, bevor ich irgendetwas gebären konnte; ich bezweifle stark, dass es ein Kind gewesen wäre.

„Gieß mich!“, schrieb ich, als der Abend sich senkte. Benni antwortete nicht. Ich schickte ein „Ich verdurste“ hinterher. Er schickte zur Antwort ein Fragezeichen. Das konnte ich ihm nicht verübeln – ich hätte auf diese Nachricht ebenfalls ein Fragezeichen zur Antwort geschickt. Aber statt mich anderen Dingen zuzuwenden, schrieb ich ihm noch einmal, und zwar: „Gieß mich, ich bin eine Topfpflanze!“ „Haha“, schrieb er. „Haha“ schrieb auch ich.

Wir verstehen uns noch immer ganz gut.

 

 

 

 

Alle Rechte zum Text verbleiben bei der Autorin

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