PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Mein bleicher Sarg

Höhnisch wabernd, zu fies grinsenden, nicht existenten, entsetzlichen Fratzen verzogen, boshaft aufgebläht, gnadenlos getüncht in einem dekadent anschwellenden Weiß, sich aufgeregt plusternd und wuchernd – debile Manifestationen wütend sich schlängelnder Monotonie – starren mich die bleichen Wände des kleinen, namenlosen Zimmers an, in dessen geometrischer Mitte, den bizarren Regeln der Mathematik gehorchend, ich auf einer nahezu altertümlich ihre Zähne fletschenden, quietschenden Matratze, die rostigen Sprungfedern in den Rücken gebohrt, liege. Ausgeliefert hilflos, wie ein von in ihrer naiven Grausamkeit noch unschuldigen Kindern gewendeter, vorsichtig mit seinen gezackten, chitinbewehrten, stumpf glänzenden Beinchen strampelnder Käfer, bete ich demütig zu fremdartig anmutenden, imaginären Götzenbildern, die so nichtssagend sind, so bedeutungslos, so bar jeglichen nachvollziehbaren, wahren Inhalts, so frei von allen Zwängen, die ich mit Religionen, Glauben, Ritualen assoziiere, dass es schon fast beruhigend auf mein den Wogen eines in obskuren Tiefen fußenden Ozeans gleichenden Gemütes wirkt – denn die mikroskopisch kleine Möglichkeit, hierbei einen untragbaren Fehler zu begehen, dessen verheerende Konsequenzen eine sowieso schon hoffnungslose Situation verschlimmern könnten, ist nur eine mikrobische, emsige Schwalbe, verborgen in der Ferne eines von gleißenden Sonnenstrahlen durchfluteten Horizonts.

Diffus aus unsichtbaren Quellen kriechendes Licht klebt wie eine paralysierte Wanze in den kaum greifbaren Ecken unterbewusster Wahrnehmung, hat sich eingependelt in einem sich kontinuierlich verschiebenden Gleichgewicht zwischen hell und dunkel, das es unmöglich macht zu bestimmen, ob bedrückend flimmernde Dämmerung oder steril flackernde Beleuchtung momentan die Oberhand behält. Als stumm murrender, kein Aufsehen erregen wollender Gefangener der eigenen Lethargie, dünste ich in meinen von Unsicherheit, Komplexen, Selbstmitleid verunreinigten Säften. Die bislang lediglich sporadisch um die Ecke schielenden Zacken sich gleich rasiermesserscharfen Blechfetzen ins Fleisch bohrender, bitterer Katatonie lächeln bereits siegessicher; sie sind vollkommen überzeugt, dass die knapp bemessene Zeit, in der ich noch entrinnen hätte können, längst unwiderruflich auf dem Boden einer alterskranken Sanduhr begraben liegt. Faulig wie vergammelte Eier riechende, zähflüssige Schweißperlen besudeln meinen allzu schwachen Körper, rollen – in ihrer zarten Giftigkeit fast schon lieblich zu nennende Quecksilberkügelchen nachahmend – über meine juckende, von Reizungen unterschiedlichsten Ausmaßes geplagte Haut, dabei spielerisch mysteriöse Muster in deren oberste Schichten ätzend, um sich schließlich in allen dafür geeigneten Vertiefungen, die zerrüttete Morphologie meines Leibes ausnutzend, zu versammeln, sich vereinigend und neue, eitrig glitzernde Pläne, welche in ihrer Hinterhältigkeit kaum zu übertreffen sind, ausbrütend. Breiig schwappt es, behäbig zwickende, sich langsam radial ausbreitende Krämpfe erzeugend, hin und her, in meinen widerwillig pochenden Adern, das lebensmüde Blut, nur noch durch die unangenehme Perforation der Krone eiserner Gewohnheiten, der feurig schnaubenden Halskette finster murmelnder Verpflichtungen, vom verwesenden Armband unausweichlichen sozialen Druckes angetrieben, mich mehr als bloß insgeheim verfluchend.

„Wieso nur? Was habe ich denn nur getan, um das zu verdienen?“, frage ich mich immer wieder, während die rotglühende Schlinge blödsinnig schielender Schwäche, ihren betäubenden Odem versprühend, sich immer enger um meinen giraffenartigen Hals windet und ihre Spannung in einem nervenaufreibenden Schnalzen entlädt. „Mein ganzes Leben lang war ich ein Opfer, alle hatten es immer auf mich abgesehen, überall, wo ich hinkam, wurde ich erniedrigt und gequält, ausgenutzt und angespuckt, angelogen und abgenagt, und nun vegetiere ich dahin, in diesem negativen Zerrbild einer friedlich wohltuenden Oase – deren Original wohl dazu auserkoren gewesen sein muss, die Seele zu erquicken und zu erfreuen – ohne Ausweg, ohne Möglichkeit zu entkommen, ohne eine sich lustvoll vor meinen Augen öffnende, einladend zwinkernde Pforte, mich gierig verschlingend und in eine neue, bessere Welt katapultierend!“ Wieder eine Kerbe mehr, auf dem von Krebsgeschwüren übersäten, gigantischen Baum meiner nicht wieder gutzumachenden Fehltritte. Der im Handumdrehen anspringende Mechanismus eigeninduzierter Bestrafung lässt seine symmetrisch geformten Rädchen und Federchen quietschen, beginnt emsig zu summen und rattern, zermalmt die aus unerfindlichen Gründen doch immer wieder nachwachsenden jungen Triebe von Mut und Tatendrang, stutzt mir die – proportional gesehen – kindlich anmutenden Flügelchen, um die endlose Ewigkeit meiner grenzenlosen Gefangenschaft weiter zu vertiefen.

Meine Knochen, in die amorphe Untätigkeit faul verwahrlosender Muskulatur eingebettet, knirschen jammernd, stöhnen herzerweichend, seufzen mitleiderregend, sich sehnend nach simpler arbeitsamer Belastung, dem natürlichen, einer ureigenen Formel gerecht werdenden Abschliff ihrer spröde und brüchig gewordenen Substanz, doch ihre Schwäche ist zu erdrückend, ihre Macht zu gering, als dass auch nur die zierlichsten Andeutungen von Rebellion gegen die selbstzerstörerische Trägheit sich auf irgendeine Art und Weise ausbreiten könnten. Durch ihren Nichtgebrauch bereits schemenhaft geworden, vergären die schwammig aufgedunsenen inneren Organe, lösen sich auf, blubbern hin und wieder mürrisch, um an ihre kaum vorhandene Existenz zu erinnern, versuchen die mit ihnen vernetzten Nervenbahnen mit allen möglichen Methoden, von Drohungen, über Betteln bis hin zu Bestechung reichend – doch was sollte denn eine Leber schon Großartiges besitzen, das eine Leitung abstrakter abgehackter Impulse interessiert? – zu überzeugen, dem Datenzentrum, dort im Schädel verborgen, das dringende Bedürfnis nach Nahrung und Flüssigkeit zu vermitteln – aber es ist aussichtslos. Aus purem Trotz in dieser frostigen Abwesenheit jeglicher Perspektive haben sich die einzelnen Komponenten des Körpers gegeneinander verschworen, zu streiken angehoben und üben sich nur noch sporadisch, der falsch verstandenen Anarchie stupider Willkür unterworfen, in sinnfreien Aktionen, deren einziger Zweck es ist, das verheerende Ausmaß des bereits angerichteten Schadens noch weiter zu erhöhen. Teilweise ist ein richtiger Wettstreit zwischen den nun separat fungierenden Abteilungen der materiellen Form meines Ichs entbrannt – einige Abtrünnige setzen alles daran, mir als erste den endgültigen Todesstoß versetzen zu können – während andere Parteien, wie eben erwähnt, beispielsweise die Organe oder auch die Knochen, noch hin und wieder wagen im oxidierten Rahmen ihrer zahllosen Beschränkungen für die alten Überzeugungen zu kämpfen.

„Gab es denn jemals etwas anderes? Bin ich nicht schon immer ein auf einem bitter schlammigen Tümpel treibendes, von scharfkantigen Insekten zerfressenes Seerosenblatt, das niemals vom Licht der Sonne geküsst worden ist?” Unter Sammlung aller noch vorhandenen inneren Kräfte, was vorerst nur ein schnell verebbendes Rinnsal zur Folge hat, versuche ich konzentriert – Konzentration in dem kastrierten Maß, das mir noch möglich ist – angenehme Bilder und fröhliche Erinnerungen heraufzubeschwören, etwas, das mir auch tatsächlich irgendwann gelingt, doch sind sie ungemein verschwommen, verbleicht, verzerrt, verwirrend und kreisen nahezu augenblicklich in einem irrsinnigen, stetiger Beschleunigung ausgesetzten Karussell des Wahnsinns um meinen Kopf, sodass ich, von taumelndem, meine Sinne betäubendem Schwindel erfüllt, sofort sämtliche Bemühungen abbrechen muss und wieder ein Stückchen weiter im schmatzenden Sumpf ohne Wiederkehr versinke.

Verflüssigung der Gedanken, sie treiben ziellos dahin in einer ordinären, grauen Suppe, die, kalt und abgestanden, den Appetit längst nicht mehr reizt; bisweilen steigen schlierige Blasen fragwürdiger Herkunft an die schmierig fettige Oberfläche, zerplatzen bieder schnalzend, sich sammelnd und ihren Höhepunkt findend in einem krächzenden Hilfeschrei ohne Widerhall, den würzigen Duft der Freiheit in seiner pervertierten Kleinstform verströmend. Alle Wege führen ins Nichts, mein Garten Eden verwelkt, die glorreichen Früchte verschimmeln am Boden, von stetigem Nieselregen durchnässt, Exkremente und Tierleichen vergiften die Phantasie, der Kreis, die Spirale in den Abgrund ohne Grund, stabilisiert sich, reißt mich in ihren holpernd eiernden Drehwurm, zerrüttet meinen Widerstand, bis ich nur noch eine in sich zusammengesackte Hülle bin, sabbernd, winselnd, primitiv.

Kahl und glattpoliert treiben die Sekunden leer vorüber, dann die Minuten, die Stunden, die Tage, die Wochen, die Monate, die Jahre, das Leben… Nein, nicht das Leben, denn plötzlich kristallisiert sich in dieser angedeuteten Leere – diesem gespenstisch flackernden Vakuum, fern jeglicher unwillkürlichen Euphorie – aus der Unergründlichkeit der Synapsen quellend, sich vielleicht nur aus einem folgenschweren Irrtum, einem knisternden Kurzschluss, versehentlich falsch abgespeicherten Informationen ergebend, doch eine völlig neue Tendenz ins Spiel meines Daseins bringend, die erst unmerklich schwach, aber langsam anwachsend, stetig dominanter werdend, Besitz von sämtlichen Fasern meines Ichs ergreift, eine dringend summende Frage: „Was ist eigentlich auf der anderen Seite?“

Völlig entgeistert blicke ich mich um; wer hat das gesagt, woher kommt dieser praktisch unverständliche, gleich einer nicht dechiffrierbaren Hieroglyphe mystisch hallend, mit der Raffinesse eines Fragezeichens versehene Satz? Schweigen, Stille, nichts… Da, auf einmal tönt es erneut, in einer fordernder werdenden Variante: „Was ist auf der anderen Seite?“

Etwas schmetterlingsgleich Wunderbares geht – glitzernden Staub versprühend – vor sich und niemand kann es aufhalten; ich, ein in der toxischen Klebrigkeit des labyrinthartigen Nervensanatoriums meiner eigenen Vorstellungen festgesetzter Insasse auf Lebenszeit, bin passiv anmutender Gegenstand einer rapide voranschreitenden, absoluten Transformation zu etwas Neuem, Unbekanntem – aber sicherlich nicht Schlechterem. Inmitten der vollkommenen Hoffnungslosigkeit eines von mir selbst kreierten Szenarios, hat, fernab meiner bewussten Kenntnis, ein klitzekleines, fruchtbares Samenkorn friedlich schlafend die Dürre und Not innerer Züchtigungen und Martern überstanden und im Humus der vollkommenen Auflösung, gedüngt durch die Schmerzen und Tränen unmenschlicher Verzweiflung, zu keimen begonnen, sich geöffnet – und strahlt nun in einem überirdischen, seine Umgebung formenden, verändernden, einzigartigen Licht, dem zeitlos pulsierenden Licht der phoenixhaften Wiedergeburt, geboren aus der Asche längst verloschener Kulturen, diese Idee auf einen größeren Maßstab übertragend, mich infizierend und durchwachsend. Himmlische Regeneration auf den keusch lieblichen Schwingen der Engel herbeieilend, göttlichen Balsam auf meine unheilbaren Wunden – dieselben verspottend und ihre namensbedingte Hartnäckigkeit vernichtend – streichend, mich kraftvoll, positive Energie induzierend, massierend und knetend, meine Zellen spürbar verjüngend. Ein mir bislang fremdes Wohlgefühl schnurrt glücklich durch meinen halberfrorenen, starren Leib, breitet sich in einer überproportional ansteigenden Geschwindigkeit immer weiter aus, bis ich förmlich glühe, fluoresziere, Partikelchen purer Freude von mir gebe, die aus einem Brunnen unendlichen Inhalts, tief verborgen in den pittoresken Mysterien meines Selbst, auf einer anderen Ebene, in einer anderen Dimension, jenseits von Raum und Zeit, dort, wo alle Widersprüche sich in Wohlgefallen auflösen, gespeist werden und in der daraus resultierenden Konsequenz sogar meine in ihrer hohlen, langweiligen Tristesse verharrende Umgebung umgestalten.

An den gerade noch so schnöden Wänden, entstehen hochkomplexe, filigrane Muster, periodisch sich verjüngende, mit frischer Farbe gesprenkelte Auswüchse, die sich gleich Blüten öffnen und dabei weihrauchgeschwängerte, anregende Gerüche von sich geben. Leise in wundervollen Harmonien vereinigte Töne addieren sich selbstständig zu plätschernden Kaskaden opulent anschwellender Symphonien, bebend vor Elan und einem unbändigen Tatendrang, der die Atmosphäre aufheizt und durchdringt, bis mir schließlich etwas in die Augen sticht, das ich bislang nicht bemerkt hatte – eine Tür! Noch leidlich verschlafen und von sacht schmerzhaftem Prickeln durchdrungen, erhebe ich mich schwerfällig, torkele auf tauben Beinen bis zur kupfern schimmernden Klinke, drücke sie – von wildem Adrenalin durchströmt – herunter, öffne die Türe und gleite, ohne mich auch nur noch ein einziges Mal umzusehen, nach draußen.

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