PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Sechs lipogrammatische Kurztexte und ein Postskriptum

von Ilse Kilic

ich bin wichtig

bin ich wichtig? bin ichs nicht? irr ich mich? ich bin mir wichtig. ich bin
nicht fiktiv. ich bin wirklich. ich bin im bild. grins nicht!

ich irre mich immer wieder

ich irre mich nicht immer. ich irre mich gerne. ich irre mich nicht immer gerne.
irren ist gelegentlich eine hilfe beim erkennen der wirklichkeit. sich irren
heißt mit fehlern leben. ich liebe fehler, wenn ich sie in helfer verdrehe.
ich verdrehe gerne meine texte, bis sie mehrheitlich richtig sind. es gibt keine texte,
in denen keine fehler geblieben sind.

ich fuerchte mich

es gibt viele gruende fuer meine furcht. ich fuerchte mich, weil es den
schmerz und den kummer gibt. ich fuerchte mich, weil die welt
furchterregend ist. im zentrum der welt stehen devisen, klingende muenzen
bestimmen unser geschick. sie bestimmen ueber essen und trinken. sie
bestimmen ueber hilfeleistungen. sie bestimmen, wer friert. ich esse und
trinke. mein zimmer ist geheizt. ich will mich in zuversicht ueben. ich will
nicht leise sein. ich will meine stimme erheben. ich gebe mir muehe, den
mut nicht zu verlieren.

ich lache gerne

wenn ich lache, tritt die angst einen schritt in die ferne. die ferne der angst
macht die angst kleiner. ich liebe es, wenn die angst klein ist. am meisten
liebe ich es, wenn die angst nicht mehr sichtbar ist. immer kann ich nicht
lachen. ich will nicht weinen. es hilft meistens niemandem, wenn ich
weine. manchmal aber hilft es mir selbst, wenn ich weine.

ich will alt werden

ich will alt werden. eigentlich bin ich bereits alt. aber ich will viel aelter
werden, als ich bin. irgendwann, das weiß ich, werde ich sterben. das ist
das leben. es hat ein ende. hier endet die heiterkeit. hier endet mein lachen.
hier endet mein weinen ebenfalls.

eine andere welt ist moeglich

diesen satz wollte ich in meinen grabstein gravieren lassen. aber eigentlich
will ich gar keinen grabstein. das heißt aber leider nicht, dass ich nicht
sterben werde. mit der anderen welt, die moeglich ist, meine ich kein
paradies. ich meine eine bessere welt innerhalb der sogenannten real
existierenden wirklichkeit. was moeglich ist, ist noch nicht wirklich, es
kann aber wirklich werden. vielleicht sogar schon bald.

solange ich lebe, bin ich nicht tot

ich begegne dem tod sorgenvoll. das war immer schon so. wie soll ich das
leben lieben, mein lied singen, der welt meine liebe entgegenbringen, wie
soll ich mich anstrengen, damit die welt ein bisschen besser wird, wenn am
ende doch immer der tod steht. jedoch trotz der sorge ist eines
offensichtlich: der tod steht vor dem leben. das ist bei den menschen
ebenso wie bei all den anderen tieren. wenn ich sterbe, so ist klar, dass ich
gelebt haben werde. damit werde ich nicht allein gewesen sein. ich werde
eine von vielen gewesen sein, die gelebt hat, eine von vielen, die das leben
geliebt haben.

postskriptum: was ist ein lipogramm

ein lipogramm ist ein ernstes spiel mit der sprache. in den vorliegenden
lipogrammen habe ich nur die vokale verwendet, die in der titelzeile
vorkommen. indem ich die sprache beschraenke, findet sie (oder bins ich?)
andere wege. wer spielt, kennt den kern der regel. wer spielt, lernt das
erkennen der regel ebenso wie deren zerbrechen.

Lektorat: kaśka bryla und Eva Schörkhuber

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