PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Lenz in Berlin

1. Martin, 29, Doktorand der Soziologie, HU Berlin, Antifa-AK-Leiter

Am 20. April kam Lenz zu uns nach Berlin. Wir hatten ihn für einen Vortrag beim Antifa-AK an der HU eingeladen. Es sollte um Theorie und Praktiken eines interventionistischen Widerstands im Spätkapitalismus gehen. Lenz, der aus Bonn kam, wo er Philosophie und noch irgendetwas studierte, hatte dazu bereits den einen oder anderen Artikel in linken Blättern veröffentlicht. Ich hatte einen in der jungen Welt gelesen und fand das wahnsinnig intelligent, was er da geschrieben hatte. Darum lud ich ihn nach Berlin ein. Ich versprach mir davon neue Anstöße für unsere eigenen Aktionen, gerade so kurz vor dem 1. Mai. Und ich war nicht der Einzige, dem unsere Aktionen in letzter Zeit blutleer und ideenlos vorkamen. Lenz war als Impulsgeber gedacht, notfalls auch als Provokateur. Übernachten sollte er bei uns in der WG im roten Bunker. So hielten wir das eigentlich mit all unseren Gästen. Der ‚Bunker‘ ist ein linksalternatives Wohnprojekt hier in Kreuzberg. Wie lange er letztlich in Berlin bleiben wollte, wusste Lenz noch nicht.
Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie er hier ankam. Er hatte sich ziemlich verspätet. Er hatte gemeint, dass er den Weg vom Busbahnhof selbst finden würde. Erst gegen zehn Uhr kam er an. Lars, der den Bunker leitet, klingelte bei uns und hatte ihn dabei. Er hätte ihn vor der Tür sitzend angetroffen. Da stand er also. Neben Lars, bärtig und kräftig gebaut, wirkte Lenz hager und schmächtig, sein Gesicht erschien mir seltsam jung, sein Blick aber war von durchdringender Intensität. Ansonsten trug er die übliche ‚Uniform‘: schwarzes Kapuzen-Sweater, schwarze Jeans und ein Paar ausgelatschte Turnschuhe. Sein aschblondes Haar hing ihm in langen Dreads vom schmalen Kopf herunter. Dann aber sah er mich mit einem Mal stechend an und hielt mir die Hand entgegen. „Hallo, ich bin Lenz!“ Ich nahm die unerwartet weiche Hand und schlug ihm kumpelhaft auf die Schulter. „Hallo! Ich bin Martin. Wir haben kommuniziert. Freut mich! Willkommen in Berlin. Willkommen im Bunker!“

2. Fabienne, 26, Soziologiestudentin, HU Berlin, Antifa-Aktivistin

Seit gestern Abend ist der Typ aus Bonn bei uns im Bunker. Der soll am Freitag den Vortrag im Antifa-AK halten. Lenz heißt der. Eigentlich Patrick Lenz. Aber er will Lenz genannt werden. Ja, der ist bei uns in der Bude. Im Wohnzimmer auf der Gästematratze. Martin und ich im Schlafzimmer. So machen wir das immer mit Gästen. Er kam gestern erst spät und dann haben Martin, Lars und ich noch ein bisschen zusammengesessen und gequatscht. Kommt erst ein wenig komisch rüber, etwas unsicher. Sein durchdringender Blick fiel mir gleich auf. Der ist auf Dauer nicht leicht auszuhalten. Aber eigentlich ist er sehr nett. Vor allem hat er ganz schön was auf dem Kasten, hat echt eine Menge Theorie gefressen. Und eine Menge bei sich in Bonn und Umgebung organisiert. Soll wohl schwer sein in so einem konservativen Nest. Alte Hauptstadt hin oder her. Je konservativer die Stadt, meint er, desto radikaler die Linken. Da mussten wir alle lachen. Und er meinte auch, dass das schon komisch sei, dass jetzt einer wie er aus der alten Hauptstadt in die neue kommen müsse, um en bisschen Dampf zu machen. Ja, ich freu mich auch total auf seinen Vortrag. Ich glaube, dass er uns echt weiterbringen kann. Denn mal ehrlich: Irgendwie sind wir ja gerade schon in einer ziemlichen Sackgasse.
Wir saßen da noch bis eins zusammen und sind dann ins Bett. Lenz sagte, dass er noch Mails schreiben müsse. Irgendwann gegen drei sind Martin und ich aufgewacht. Im Wohnzimmer brannte immer noch Licht und Lenz redete irgendwas. War am Telefonieren. Wir haben ihn nicht gestört und er hat dann auch bald Ruhe gegeben. Am nächsten Morgen stand ich schon in der Küche, als er reingeschlichen kam. Martin war schon früher aufgestanden und an der Uni. Ich hab uns Tee gemacht. Er hat mich über mein Studium ausgefragt. Ich hab ihm dann ein bisschen was von meiner Diplomarbeit erzählt. Über meine Forschungen zum Berliner Mieterprotest. Über Widerstandformen gegen Gentrifizierung. Er fand das alles total spannend. Irgendwann sprachen wir auch darüber, ob man in der politischen Arbeit persönliche Erfüllung finden könne. Da hatte er wahnsinnig optimistische Ansichten. Das hat mich schon beeindruckt. Denn ansonsten ja eher zerknirscht. Dabei haben wir eine Gemüsesuppe gekocht. Wie ich ist er Veganer. Er hat etwas sehr Feinfühliges, etwas Emotional-Fragiles. Das trifft man ja selten unter Autonomen, besonders unter Antifas selten an. Die meisten haben es sich im Kampf auf der Straße abgewöhnt. Martin kam gegen zwei zurück und ist dann mit Lenz weg. Ihm ein bisschen die Stadt zeigen. Der war ja noch nie in Berlin. Wollte sich unbedingt einige Sachen ansehen.

3. Matteo, 15, Schüler, Berlin-Wedding

Pass auf ey. Voll die krasse Story. Warn heut mit der Schule unterwegs. Geschi-Kurs. Deutsche Geschichte. DDR und der ganze Kack. Erst in dem beschissenen Knast in Hohenschöndingsda. Voll langweilig. Dann ins Mauermuseum. Ich schwöre ey, hab die ganze Zeit Candy Crush gezockt. Nachmittags dann an dem Platz mit der fetten, hässlichen Kirche ab. Den ganzen Tag schon voll am pissen und kalt. Voll der Mega-Abfuck. Wir stehen da ewig lang an dem beschissenen Denkmal und die Stadtführer-Alte hört nicht auf zu labern. Irgendsowas über Max und Engel. Und dann guck ich so über den Platz und seh so zwei komische Typen in schwarzen Hoodies. Denk mir nur, was sind denn das für Freaks? Irgendwann geht der eine, voll der dürre Troll mit so Rastahaaren, zu dem Denkmal. Ganz dicht. Direkt neben unserer Gruppe. Glotzt so auf die Figuren und geht dann auf die Knie. Und ich denk mir nur: Ach du scheiße! Alle gucken den an. Und dann, ohne Scheiß: Fängt der Vogel voll an zu heulen. Alle holen ihre Handys raus und filmen das. Der andere geht irgendwann hin und tröstet den. Ich mein, was heult der da? Voll das Opfer!

4. Lars, 48, Leiter ‚Roter Bunker‘, Antifa-Aktivist

Seit drei Tagen wohnt Patrick Lenz bei M. und F. im Bunker. Er kommt aus Bonn, ist dort AF-Aktivist und hat am Freitag beim AF-AK-Treffen einen Vortrag gehalten. Wie aus Besprechungen mit M. ersichtlich, soll Lenz als Ideengeber für kommende Aktionen der Berliner AF-Szene fungieren. Vermutlich schon mit Blick auf den anstehenden 1. Mai. Der gestrige Vortrag (ca. 15 anwesende AFs) wurde mit ungewohnt großer Begeisterung aufgenommen. Was genau in Richtung 1. Mai geplant ist, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Lenz wirkt insgesamt höchst dogmatisch, radikal und in seinen Positionen unversöhnlich. Er verfügt über viel praktische Erfahrung in der Organisation von Protestaktionen im AF-Bereich. Charakterlich ansonsten leicht verwirrt, sprunghaft und emotional äußerst labil. M. berichtete von einem Weinkrampf am Marx-Engels-Forum vorgestern. Wie lange Lenz in Berlin bleiben wird ist unklar. Voraussichtlich bis nach dem 1. Mai. Über weitere Entwicklungen die Tagen mehr. Grüße, Lars.

5. Dietmar, 64, Guide und Zeitzeuge im Mauermuseum

Also ick mach den Job hier im Mauermuseum jetzt schon seit gut fünfzehn Jahren und Typen wie der kommen mir hier immer wieder unter. Als ick den schon bei der Begrüßung in seiner schwarzen Antifa-Kluft gesehen hab, war mir im Prinzip schon klar: Na, das gibt Ärger. Typen wie der glauben doch, sie wüssten immer alles besser, obwohl die nie im sogenannten realexistierenden Sozialismus gelebt haben. Ick weiß wohl wovon ick rede. Ick bin schließlich in der DDR aufgewachsen und hab die ganze Scheiße miterleben müssen. Mick haben sie verknackt, ick saß in Hohenschönhausen ein, mick haben die Stasi-Schweine gepisackt. Und wenn mir dann so ne verblendete Type unterkommt und funkt mir bei jedem zweiten Wort dazwischen, muss ick mick richtig im Zaum halten. Als ick dann auf den Mauerbau zu sprechen kam, fing der Betonkopf an mit antiimperialistischer Schutzwall und so. Naja, da hab ick dem mal so richtig die Meinung gegeigt. Da hat er noch irgendwas von Propaganda geplärrt und ist dann weg. Ick meine, so einer glaubt doch echt, die DDR wär das Paradies auf Erden gewesen. Von der Wahrheit will so einer überhaupt nichts wissen. Verbohrter als so mancher alter Partei-Fritze! Da kann ick nur den Kopf schütteln. Mehr will ick dazu jetzt auch gar nicht sagen…

6. Lars

Lenz ist gestern Früh auf dem Sozialistenfriedhof in Friedrichsfelde verwirrt und durchgefroren aufgefunden worden. Offenbar hatte er den Bunker am Vortag nach einem Streit mit M. und F. verlassen. M. hat mich gebeten, ihn vorerst woanders einzuquartieren. Ich habe ihn daraufhin bei Ingo Meyer, einem ehemaligen AF-Aktivisten in Marzahn untergebracht. Dort scheint er sich weitgehend beruhigt zu haben. Die Gespräche mit Ingo und mir haben ihn zuletzt sehr nachdenklich gestimmt. Bei einem Spaziergang durch Marzahn zeigte er sich bedrückt über das „trostlose“ Leben der Menschen in „diesem Sozialghetto“. Gerade „diese Ausgegrenzten“ gelte es der reaktionären Propaganda der Medien zu entziehen und für die sozialistische Sache neu zu begeistern. Ihre Masse müsse man politisch nutzen. Jegliche Veränderung könne aber nur über einen symbolträchtigen Akt angestoßen werden. Ein solcher sei allen großen Revolutionen vorangegangen. Er erwähnte hier insbesondere die Selbstverbrennung eines jungen Mannes als angeblichen Auslöser des jüngsten Umsturzes in Tunesien. Eine Einsicht in die vollkommen unterschiedliche Ausgangslagen dieser Revolten scheint Lenz vollkommen abzugehen. Er wirkt nach wie vor sehr erschöpft. Ingos Wohnung verlässt er nur selten. Eine gemeinsame Aktion mit dem AF-AK am 1. Mai erscheint mir zum gegenwärtigen Zeitpunkt höchst unwahrscheinlich. Nach jetzigem Stand wird sich der AK wie auch in den letzten Jahren in den großen Protestzug einreihen. Soweit zur Lage. Grüße, Lars.

7. Dirk, 37, Führungsoffizier, Verfassungsschutz Berlin

Ja, hallo Lars. Hier ist Dirk. Sag mal, warum erreiche ich dich eigentlich nicht? Ich hasse es, auf diese bescheuerte Mailbox zu quatschen! Melde dich doch mal bitte! Ist dringend. Es geht um diesen Lenz. Da haben wir inzwischen neue Erkenntnisse. Die Kollegen sind der Meinung, dass wir, sprich du, da unbedingt was unternehmen solltest. Und das am besten noch vor dem 1. Mai. Also melde dich!

8. Radiobericht

Bei den traditionellen Protesten in Berlin-Kreuzberg am 1. Mai kam es dieses Jahr zu ungewohnt schweren Ausschreitungen, die bislang ein Todesopfer forderten. Augenzeugen berichten, wie ein junger Demonstrant plötzlich in Flammen stand. Unklar ist, ob es sich dabei um einen Unfall oder einen Selbstmord gehandelt hat. Entsprechende Ermittlungen wurden eingeleitet. Der Mann ist seinen schweren Brandverletzungen im Krankenhaus erlegen. Infolge dieses tragischen Ereignisses kam es im Verlauf des Tages in Kreuzberg zu heftigen Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten. Bei den gestrigen Ausschreitungen handelt es sich um die schwersten Mai-Unruhen seit Jahren. Weitere Meldungen jetzt im Newsflash…

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