PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Khab-am Ya Bidar-am (Träume ich oder bin ich wach?)

Hengameh Yaghoobifarah
In der Silvesternacht auf 2014 stand ich mit zwei Freundinnen an einem Bankautomaten und wollte Geld abheben, als sich ein schmieriger, mittelalter Typ zu uns stellte und unsere, insbesondere meinen, Körper kommentierte. Ich drehte mich zu ihm um und erwiderte auf seine Bewertungen: „Hast du dir mal überlegt, dass nicht alle Leute ihre Aussehensentscheidungen nach den Standards eines mediokren, alten, weißen Typen fällen?“ Er starrte uns verdutzt an und wir drehten uns um und gingen. Ich dachte mir in dem Moment: Wenn ich mich traue, sowas zu schreiben, dann will ich es auch im Alltag nicht nur denken, sondern auch aussprechen. Ansonsten kann das Patriarchat immer wegschauen und weghören.

Beim Prokrastinieren im Netz stoße ich auf eine Nachricht, die direkt aus einem dystopischen Roman stammen könnte. Es ist ein grauer Januartag und der neue US-Präsident gerade mal einige Tage im Amt. Ich versuche immer, mich auf meine unmittelbare Umgebung zu konzentrieren, wie es die anderen in meiner Antifa-Gruppe auch tun. Erst die Nazi-Sticker im eigenen Kiez entfernen, dann geht es weiter. Mir fällt es aber schwer, gedanklich in meinem Deliveroo-Liefergebiet zu bleiben, wenn meine Familie auf der ganzen Welt zerstreut ist. Obwohl ich noch nie auf der anderen Seite des Atlantiks war, betrifft mich US-Politik plötzlich unmittelbar. Meine Atemwege schnüren sich zu und die Bibliothek verschwimmt um mich herum. Ich versuche es mit Übungen, die meine Therapeutin mir gezeigt hat. Spanne meine Muskeln an, lass’ dann wieder locker. Nichts hilft. Mechanisch räume ich meine Bücher und meinen Laptop in meinen Korb und gehe zu meinem Schließfach. Meine Schritte fühlen sich schwer an, ich fühle mich wie ein nasser Sack, der jeden Moment umkippen kann. Unten angekommen fummle ich meinen Schlüssel aus der Rocktasche, drehe das Schloss auf und greife nach meinem Rucksack. In der vorderen Tasche liegt mein Beutel mit Kleinigkeiten: Lippenbalsam, Ladegerät für mein Handy, Schmerztabletten und Beruhigungsmittel. Von letzterem pule ich die halbe Tablette, die noch in der Packung ist, heraus und schlucke sie mit viel Wasser herunter. Ich bleibe ein paar Minuten auf dem kalten Boden sitzen und starre die Metallschließfächer an. In einem Eimer hinter mir höre ich den Regen langsam hereintropfen.
Das Tropfen erinnert mich an einen meiner letzten Abende in Teheran. Ich war damals sieben und wusste nicht, dass die bevorstehende Deutschlandreise ein Abschied für immer sein würde. Meine Mutter wechselte leise Worte mit meiner Oma. Sie klangen beide besorgt, aber ich war mir sicher, es war die übliche Schwere, die unseren Familienalltag begleitete. Wir hatten nur noch selten Gäste, es lief auch weniger Musik, und wenn, dann sehr traurige. Meine Mutter arbeitete nicht mehr und verließ kaum noch unsere Wohnung. Es fühlte sich wie ein langer Mittagsschlaf an, bei dem alle leise sein müssen, aber du als einzige Person wach bist und warten musst. Ich war ungeduldig und wollte spielen. Ich schlich hinter die weiße Spitzengardine im Wohnzimmer meiner Oma. Es war meine Lieblingsecke in der Wohnung. Das Fenster zeigte nämlich nicht zur Straße hinaus, sondern in einen quadratischen, hohen Gang. Wie ein Lichttunnel, der von oben nach unten durch das ganze Gebäude führt. Später, als ich meine Mutter fragte, ob sie sich noch an diesen Ort erinnerte, verneinte sie. Sie sagte, es hätte ihn nie gegeben.
Ich rief ganz laut: „Hab mich versteckt, ihr müsst mich finden!“ Keine reagierte auf meinen Versuch, die Stimmung durch ein Spiel zu verbessern. Ich blieb noch ein paar Minuten in meinem Versteck stehen, bis ich seufzte und es verließ. „Mir ist langweilig“, sagte ich mit einer übertriebenen dramatischen Stimme. „Ihr macht nie, was die Kinder wollen, immer sitzt ihr am Tisch und redet für euch alleine!“ Meine Oma zog mich auf ihren Schoß. „Mein Schatz“, sagte sie mit sanfter Stimme, „wir müssen etwas ganz, ganz Wichtiges besprechen. Komm, wir rufen Ali, und ihr holt euch ein Eis.“ Es war schon Abend und ich wusste, dass ich so schnell kein Angebot in dieser Form bekommen würde. Eis am Abend gab es sonst nur an meinem Geburtstag und an Nouruz. Mein Cousin Ali war zehn Minuten später da, er lebte in der gleichen Straße. Er war noch ein bisschen verschwitzt vom Fußballspielen. „Geh mit ihr zum baghali und geht mit Eis zum Spielplatz“, befahl ihm meine Oma und drückte ihm Geld in die Hand. „Wir haben hier zu tun.“
Ali und ich liefen Hand in Hand zum kleinen Kiosk am Ende unserer Straße. Ich durfte mir das Puppen-Eis aussuchen. Es hieß so, weil es ein gesichtsförmiges Eis am Stiel war. Ich glaube, es sollte wie Mickey Maus aussehen. Die Ohren waren mit Schokolade überzogen, das Gesicht war milchig weiß, der Mund kakaobraun und anstatt einer Nase zierte ein rotes rundes Kaugummi die Mitte des Gesichts. Es sah es immer verzogen und komisch aus, aber es war das beliebteste Kindereis. Wir liefen zum Spielplatz. Die Luft roch so intensiv nach einer Mischung von Autoabgasen, süßem Gebäck von der Konditorei, Kebab und sich langsam abkühlender Hitze. Denke ich an Teheran, habe ich diesen Geruch in der Nase und manchmal Tränen in den Augen. Ich vermisse dann den Schoß meiner Oma, der meinen dicken Körper heute kaum mehr tragen könnte, und Alis verschmitztes Grinsen, wenn er mir aus dem Kiosk einen lila-weiß gestreiften Fußball oder ein Eis mitbrachte.
Ali stieß die Schaukel in regelmäßigem Rhythmus an, ich saß dort und es kribbelte in meinem Bauch. Schaukeln war das Schönste. Ich fühlte mich wie die kleinen Vögel in meinem Schulbuch, die frei fliegen und immer in Bewegung sein durften. Bei jedem weiteren Schwung spürte ich, wie die Luft sich änderte. Irgendwann hatte ich einen dicken Wassertropfen auf der Nasenspitze. Dann noch einen. „Es fängt an zu regnen. Lass uns nach Hause gehen“, sagte Ali, der die Schaukel nicht mehr schubste. Ich versuchte, mit den Beinen Schwung zu holen und das Teil in Bewegung zu halten. Als ich nicht aufhörte, hielt Ali die Kette der Schaukel fest. „Komm.“ Widerwillig zog ich meine Sandalen wieder an und nahm seine Hand. Der Weg zu meiner Oma war nicht lang und trotzdem waren wir klatschnass, als wir ankamen. In den kleinen Gräben an den Straßenrändern rann das Wasser so sehr, dass ich dachte, so müssen Flüsse aussehen. Die Luft roch plötzlich so befreit. Als wir ein paar Tage später über die deutschen Grenzen kamen, sah der Gesichtsausdruck meiner Mutter genauso aus. Er hielt nicht lange an.

Die Ringbahn füllt sich nach und nach. Ich bekomme es nur aus dem Augenwinkel mit, weil ich Kopfhörer aufhabe und einen Podcast höre. Die Haltestellenansagen und das Piepen der Türen dringen leicht zu mir durch, das Gebrabbel der anderen Leute nicht. Vertieft in den Dialog, den mein Handy gerade für mich abspielt, starre ich in die Leere. Irgendwann steht ein alter weißer Mann in diesem Blickfeld. Er sieht unauffällig aus, trägt eine beige Jacke und eine dunkelblaue Jeans. Obwohl es noch viele freie Sitze gibt, läuft er zielstrebig auf mich zu. Ich denke, er wird an mir vorbeilaufen. Ich kenne ihn schließlich nicht. Doch er stellt sich vor mich und wirft meinen Rucksack vom Platz neben mir auf den Boden. Die Frau, die mir gegenübersitzt, schreit ihn an. „Hallo?“, sage ich nur entsetzt. Ich ziehe meine Kopfhörer von meinen Ohren runter und greife nach meinem Rucksack, reiße den Reisverschluss auf und stelle erleichtert fest, dass mein Thermobecher mit dem Kaffee nicht aufgeplatzt ist. „Sie haben nicht das Recht, die Gegenstände anderer Leute anzufassen“, höre ich die Frau brüllen. „So macht man das aber in Berlin“, zischt der Typ. „Ich weiß“, funke ich ihn an. Er setzt sich neben mich und starrt mich an. Die Frau von gegenüber rollt mit den Augen. „Das ist unglaublich. Sie sind ein Arschloch!“, murmelt sie. Ich versuche wegzuschauen, seine Blicke durchbohren mein Gesicht. Plötzlich zieht es an meinen Locken. „Das sind aber schöne Haare“, krächzt er mit einem amüsierten Tonfall. „So dick. Richtig wie ein Fell.“ Ich schlage seine Hand weg. „Sagen Sie mal, spinnen Sie?“ Er legt seine Hand auf mein Knie. Ich will sie ihm am liebsten abhacken. „Jetzt reicht es aber“, brüllt die Frau ihn an und drückt den Sicherheitsknopf. Es piept schrill und die Bahn bleibt stehen. Es folgt eine Durchsage. „Warum haben Sie das gemacht?“, frage ich sie, „jetzt sitzen wir hier mit ihm fest.“ Sie hält ihr Telefon am Ohr. „Spreche ich mit der Polizei?“, fragt sie und ich stehe auf. Der Typ führt ein Selbstgespräch. Mir scheint es, die Decke und die Wände rücken immer näher aneinander, rücken mich weiter in die Nähe des alten Typen. Ich will aus dem Fenster springen „Wer auch immer sich gerade diesen Spaß erlaubt hat, es wird Konsequenzen geben“, ertönt die wütende Stimme des Bahnfahrers. Der Zug fährt wieder los. Ich höre die Frau noch fluchen. „Nichts nimmt diese Polizei ernst.“ Sie klingt verärgert, aber ich bin erleichtert, dass sie nicht anrückt. Befreit wie die Luft nach dem Regen, damals.

Endlich steige ich aus. Zügig laufe ich die Treppen herunter, gehe in den Späti in der Eingangshalle. „Hallo“, sage ich. Außer mir ist nur der Verkäufer im Laden. Er sitzt hinter der Theke und liest eine türkische Zeitung. „Hallo, die Dame“, grüßt er mich, und ich ekel mich vor mir selbst. Zu müde und von schlechten Erfahrungen geprägt, denke ich gar nicht erst daran, ihn zu korrigieren und zu erzählen, dass ich keine Dame bin. Stattdessen bitte ich ihn um eine Schachtel Zigaretten. Ich will die Langstieligen nehmen, aber entscheide mich gegen sie.
Ich fühle mich in meinem Körper gefangen. Hastig schiebe ich das Geld auf die Theke, greife nach der Schachtel und verabschiede mich. Mir fällt erst draußen auf, dass ich kein Feuerzeug habe.
Vor mir ist eine riesige Pfütze. Mich nach vorne zu lehnen und mein Spiegelbild anzuschauen, traue ich mich nicht. Solche Augenblicke erinnern mich nur daran, dass ich in diesem Fleischgefängnis festsitze. Ich würde gerne sagen, dass ich meinen Körper liebe, manchmal tue ich es auch. Ich könnte ihn aber mehr lieben, wenn er nicht zu Fremdzuschreibungen einladen würde. Ständig fassen Menschen ihn an, stecken ihn in Kategorien, machen mir klar: Mein Körper gehört mir nicht. Mein Körper ist Allgemeingut. Aber ich darf mit ihm nicht machen, was ich will, ohne die entsprechenden Sanktionen zu erfahren. Ich darf nicht über ihn verfügen, wie ich will, weil er schon zu Über-Griffen einlädt. Wenn etwas passiert, was ich nicht mag, dann ist es meine Schuld, denn ich trage diesen Körper mit mir herum und zeige ihn. Es fühlt sich nach einem Dilemma an. Ein Dilemma, das mich für einen Moment von den aktuellen politischen Geschehnissen ablenkt. Die Erinnerung an sie schlägt ein, als ich Gesprächsfetzen von vorbeigehenden Menschen einfange. „Hast du gehört? Trumps Muslim-Ban?“
Die ersten Fluggesellschaften weigern sich bereits, Inhaber_innen von – unter anderem – iranischen Pässen in die USA zu befördern. Es kann mir nicht egal sein, weil es etwa in diesem Moment sein sollte, in dem Babas Schwester in den Flieger nach New York umsteigt. Sie hatte meine Eltern besucht, es war ein Wiedersehen nach vielen Jahren. Kurz nachdem wir flüchteten, verließ auch sie den Iran. Es war zu gefährlich für eine Journalistin wie sie. Ich greife in meiner Manteltasche nach meinem Handy und wähle die Nummer meiner Mutter. Sie geht nach ein paar Sekunden dran. „Ich habe es schon gehört“, sagt sie nur. „Was ist mit Katayoun? Wird sie nach Hause kommen?“, frage ich nervös. „Ich habe von ihr noch nichts gehört“, sagt sie. „Das kann alles bedeuten. Vielleicht sitzt sie im Flugzeug und kann erst in neun Stunden Bescheid geben…“ – „Was, wenn sie an der US-Grenze nicht reinkommt? Kommt sie dann nach Deutschland?“ – „Schatz, ihr deutsches Visum ist heute abgelaufen…“ – „Aber wohin soll sie denn sonst?“, frage ich verzweifelt und meine Mutter schweigt. „Wird sie etwa…?“, frage ich. Ich höre sie nur atmen. „Selbst wenn, kann es aber auch sein, dass sie sich nicht an sie erinnern.“ Ich glaube es so wenig wie sie selbst.

Irgendwie war ich mir sicher, dass diese Zeiten nun vorbei sein müssten. Die Zeiten der Ungewissheit, in der wir voneinander nicht wissen, ob wir in akuter Lebensgefahr sind. Je mehr ich darüber nachdenke, desto naiver komme ich mir vor. Wann war ich je sicher? Die Ringbahn ist ein Schauplatz der Gefahr. Flughäfen ebenfalls. Die Straßen auch. Wir sind nie irgendwo sicher.
Ich frage mich, wann der Regen aufhören wird. Anstatt des Podcasts höre ich jetzt Googooshs Musik aus den 1970ern, ihren besten Zeiten, wie meine Mutter und meine Tante finden. Ihre Stimme und das Lorazepam umschlingen mich wie eine warme Decke. Ich laufe nach Hause, dieses Gespräch fühlt sich wie ein Déjà-vu an.
Zuhause lese ich, dass sich auch in Deutschland Menschen sicherer fühlen würden, gäbe es ein Einreisestopp für Muslim_innen. Ich erinnere mich an andere Nachrichten, jene aus dem Sommer, in dem arabische Jungen nicht in Schwimmbädern erlaubt waren und Läden von Kanak_innen beschmiert wurden. Dann einige Jahre zurück, als eine Nazi-Terrorgruppe neun Morde an Kanaken beging. Oft wache ich nachts auf, weil ich davon träume, dass sich rassistische Menschen in das Taxi von Baba setzen und ihm etwas antun. Egal wie spät es ist, ich rufe ihn dann an und es geht ihm gut. In solchen Momenten frage ich mich, wie es sein muss, mit einer Selbstverständlichkeit in Sicherheit zu sein. Dass das Schlimmste, was passieren kann, ein Terroranschlag sein kann. Nicht, weil es regelmäßig welche gibt, weil das Land im Krieg ist, sondern, weil irgendwer vermeintlich neidisch auf „unsere“ Smartphones und Partys ist. Weil das, was wir Freiheit nennen, so radikal sei. Von Freiheit spüre ich aber nichts, ich sehe nur Überwachung und Polizeigewalt überall, übergriffige fremde Menschen und immer mehr Verbote. Es erinnert mich an meine Kindheit und auch an das, was ich im deutschen Geschichtsunterricht über Repression, Feindbilder und offene Gewalt gelesen habe. Die Vergangenheit und die Zukunft verschmelzen miteinander, um uns in der Gegenwart anzutreffen. Was für ein Segen. Was für ein Fluch.

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