PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Ich habe nichts zu sagen

von Katharina Pressl

Ohne dass ich es mir sonderlich vorgenommen hätte, sagte ich nichts. Ich hatte von Geburt an nichts zu sagen.
Ich sagte in der Schule nichts. Ich habe mich zurückgehalten, zurückgelehnt und mit dem Stuhl geschaukelt, was strengstens verboten war.
Ich sprach nicht, während wir aßen, weil auch das verboten war, aber davor und danach war ich genauso still.
Ich sagte nichts, wenn ich die Wäsche wusch. Weder beim Einräumen der Waschmaschine, noch beim Ausräumen, nicht beim Aufhängen, nicht beim Abhängen. Die Waschmaschine schnatterte vor sich hin. Zuerst setzte ich mich noch eine Zeit lang neben sie, aber ich hatte ihr nichts zu sagen, also ging ich. Ich hörte noch zwei oder drei ihrer ratternden Einwände, bevor die Tür zufiel.
Ich spielte einige Spiele; Brettspiele, Kartenspiele und Fangen. Ich machte Sport.
Ich verlor und gewann. Ich hatte dazu nichts zu sagen.

Sag doch etwas, rief mir mein Chef zu. Sag doch etwas! Dass kann doch nicht sein, dass du nichts zu sagen hast! Man muss doch, heutzutage, etwas zu sagen haben.
Ich nahm einen Schluck aus meiner Kaffeetasse.
Er warf die Hände in die Luft und dreht sich um 180 Grad mit seinem Bürostuhl.
Ich starrte auf seine Halbglatze, bis er seine Finger auf ihr ineinander hakte und seine Ellbogen rechts und links von seinem Kopf wegstreckte. Sollte ich etwas zu seinem Ring sagen?
Er atmete aus, schwer und laut, als läge das Gewicht der Welt auf seinen mit Hemd und Unterhemd bedeckten Schultern.
Du leistest gute Arbeit. Du bist klug. Du bist jung. Du könntest es weit bringen.
Seine Finger lösten sich voneinander und mit einem Schwung drehte er sich wieder zu mir.
Wenn du nur etwas sagen würdest! Du musst von dir erzählen! Sprechen! Dich aufregen! Für dich einstehen! Witze machen! Zustimmen! Widersprechen!
Er fing an, zu jedem Wort mit der Handfläche auf den Tisch zu schlagen. Der Ring trug zum Ton bei.
Irgendetwas!
Ich stellte meine Kaffeetasse ab. Sein Gesicht kam mir merkwürdig vor. Zerrissen und wütender als sonst. Falten hatten tiefe Schluchten in seinem Gesicht gezogen. Er hatte aufgehört zu sprechen, aber schlug weiter mit der Hand und dem Ring auf die Tischfläche.
Ich sagte: Es wäre Poesie, die Furchen in deinem Gesicht mit Spucke zu füllen.
Sein Gesicht hellte sich auf und wieder warf er die Hände in die Luft, als wäre es eine für jede Emotion verlässliche Geste.
Na, siehst du! Wunderbar! Geht doch!
Er stand auf und kam auf mich zu, seine Hände noch in der Höhe, im Begriff mich zu umarmen. Ich spuckte ihm ins Gesicht. Es war nicht genug Spucke, um alle Furchen zu füllen. Für die unter seinem rechten Auge reichte es. Ich ging und kam nie wieder. Noch Tage später bereute ich es, dass ich ihm den Gefallen getan hatte, etwas zu sagen.

 

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