PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Horst und ich privat

Stefan-Manuel Eggenweber. Stefan ist gerne schön.

Die Dame hinter der Kassa hat einen mittelbraunen Haaransatz und versucht ihren immer neutralen Gesichtsausdruck zu wahren, während sie die Tuben über das Pult zieht. Ich denke nicht daran, ihr den Blickkontakt zu ersparen und beobachte die leicht gesenkten, dunkel ummalten Augen, fixiere sie nicht, lasse sie aber auch nur selten aus dem Blick, den Moment abwartend, da sie zu mir hochschauen muss. Sie nennt mir den Preis und blinzelt dabei zur Seite. Ich zahle und beobachte aus dem Augenwinkel ihre sorgsam bemalten Fingernägel, mittellang, mittelblau mit türkis-verlaufenden Spiralmustern, während sie die Geldscheine einsammelt, in der ratternden Kassa verschwinden lässt und mir das Wechselgeld in die Hand legt. Dann lasse ich meinen Blick wieder zu den schwarz-blau-grün eingefassten Augen wandern, gerade noch rechtzeitig um das automatisierte Hochblinzeln wahrzunehmen, das das monotone “Danke für Ihren Einkauf” begleitet. Dem Unglauben, den ich in den letzten Jahren so oft in den Augen dieser Leute hinter der Kassa, egal welcher Statur, welchen Alters, welchen Geschlechts, welcher dummen Lebenseinstellung, auch in diesem kurzen Blickkontakt, zu lesen gemeint habe, entgegne ich ein unausgesprochenes „Ja, Sie sehen richtig.“ Die Dame mit der angespannt ruhenden linken Hand auf dem die „Ich werde Mutter“-schreiende Blümchenbluse verzerrenden Bauch versucht sich ebenfalls in der, von der Kassiererin so kläglich vorgemachten, Gleichgültigkeit. Die Schwangere entgegnet meinem „Ja, auch Sie sehen richtig“-murmelnden Gesichtsausdruck mit ihrem summenden schwangeren Standard-Lächeln: „Und ich werde wirklich Mutter!“ Ich packe meine Einkäufe zusammen, verlasse den Supermarkt und versuche herauszufinden, ob ich das „Ich bin auch Mutter, Sie Flittchen“ tatsächlich oder nur gedanklich gemurmelt habe.
Ich bin nicht hässlich. Ich bin vielleicht alt, aber gut beinander. Das sagt auch Horst. Nicht, dass alles stimmt, was Horst sagt, aber in diesem Fall sehe ich mich von ihm bestätigt.
Es ist kurz nach sechs, das heißt die Straßen sind noch voll mit Menschen, die möglicherweise bald von uns lesen werden.
Sobald ich das Geschäft mit den pinken Blasen auf der Glasfassade verlassen habe, beschleunige ich meinen Schritt und gehe die Kärntnerstraße, den Kopf gerade, den Blick bestimmt nach vorne gerichtet, hinauf.
Während unserer ganzen Ehe habe ich ihn immer nur Horst genannt, die anderen Pärchen haben sich Schatzi genannt oder Schatz oder Schatzilein oder Schätzchen oder sich der Abwechslung halber irgendwelche Tiernamen gegeben, aber er war für mich immer Horst und infolge war auch ich für ihn immer Hannelore und manchmal hat er mich Hanni genannt, aber das mochte ich nicht besonders. Horst hat sich überhaupt immer, während unserer ganzen Ehe, an mich angepasst. An meine Umgangsformen, an meinen Umgang mit ihm. Manchmal kam er mir vor wie ein Hund, aber das darf man jetzt nicht lieblos verstehen, auch meine schlichte Verweigerung irgendwelcher Kosenamen ist keinesfalls als gefühllos zu lesen.
Ich beobachte die mir entgegenkommenden Gesichter und glaube spüren zu können, wie sich die Schatten der Häuser langsam heben, in die Länge ziehen. Ich versuche mir vorzustellen, dass jedes dieser Gesichter, auch die richtig dummen, seiner eigenen, ganz persönlichen Geschichte folgt, mit Katastrophen, vorübergehenden Happy Ends, Problemen und diesen Momenten, in denen du alles um dich vergisst. Ich schaffe es nicht. Genaugenommen interessieren sie mich auch nicht sonderlich, weil ich meine eigene Geschichte habe, weil mich keine der anderen Geschichten etwas angeht, weil ich es auch nicht wollen würde, dass sich irgendeiner für die Geschichte hinter meinem Gesicht interessiert, versucht zu erraten, welches Leben, welches Ziel hinter meinen Zügen liegt, auch, wenn derjenige damit wohl nicht viel Erfolg hätte. Eines Nachts frisch vermählt im Bett mit Horst: „Ich liebe dich, das weißt du, ja? Kannst du mich umarmen? Ganz fest?“
In einer Ehe, es ist kein großes Geheimnis, besteht mit beruflichen Verpflichtungen, größer werdender Kinderzahl, Alltagsgefühl, zunehmender Unzufriedenheit mit sich selbst und dem eigenen Körper die Gefahr, sich auseinander zu leben. Zwar ist das mit Horst und mir nie in dem Ausmaß passiert, wie ich bei anderen befreundeten Paaren das Gefühl hatte. Dennoch waren viele Jahre unserer Ehe, auch und vor allem sexuell, nicht so erfüllt, wie sie es hätten sein können, obgleich uns erst im Nachhinein, nach unserer Pensionierung, auffiel, wie sehr wir uns in diesem und anderen Bereichen unseres Privatlebens langsam und über die Jahre nicht auffallend, aber im Vergleich zu der Vertrautheit, die wir vor und vor allem nach unserer Zeit als vollwertig anerkannte Mitglieder der arbeitenden Gesellschaft erlebten, doch zurückgenommen hatten.
Fast alle Menschen in der Straße tragen etwas bei sich. In Handtaschen, großen Papiersäcken, kleinen Plastiksackerln und schwarzen Aktenkoffern schleppen sie Fetzen ihres Privatlebens mit sich rum, Gegenstände, die Stellen ihres Körpers berühren, an die andere nie herankommen werden, die über ihre Lippen streichen, sich mit ihrem Speichel vermengen, ihre Zähne abtasten, ihre Nägel schneiden, um ihre Hälse liegen, auf Hautirritationen kleben, ihre Sicht abdunkeln, sich in ihre Kniekehlen schmiegen, ihre Augen reizen, ihren Schweiß absorbieren, in ihren Ohren stecken. Genau aus dem Grund, wegen dieses Gedankens, dass Dinge mich auf oft so innige Weise berühren, hasse ich es, unter Anderen zu essen. Es gibt fast nichts Privateres, körperlich tiefer Berührendes, als Essen. Kein Liebhaber berührt dich so tief und häufig wie Essen, ausgenommen er macht dir ein Kind, und ich werde nie vergessen, wie furchtbar die Monate meiner Schwangerschaft, vor allem, als es sich nicht mehr verbergen ließ, waren; noch heute hasse ich Schwangere, weil sie mich immer daran erinnern. Das einzige, was einen noch inniger und tiefer berühren könnte als Essen und deine eigenen Kinder, ist Musik. Und Literatur. Videos. Straßenlärm. Überhaupt all die Dinge, die man mit Augen oder Ohren wahrzunehmen, zu konsumieren in der Lage ist. Doch diese berühren unser Körperinneres, Windungen des Gehirns, Trommelfelle, Nervenzellen, Sehnerven auf eine für mich solch abstrakte Art, dass ich nicht das Gefühl habe, jemand anderes könnte ihren Weg durch meinen Körper nachvollziehen. Wogegen mir die Berührung selbst, und welche Prozesse sie im Körper auslöst, im Grunde egal ist.
Auch jetzt, da ich das letzte Mal die Kärntnerstraße entlanggehe, an den zahlreichen schrill sauberen Geschäften vorbei, die nicht Teil meiner Welt sind, es nicht mehr werden, versuche ich meinen Atem so flach wie nur möglich zu halten. Ruhig, fast auffallend ruhig, und doch zielstrebigen Schrittes, gehe ich am Rand der überhetzten Fußgängerzone entlang. Ich bin in meinem Leben selten gerannt oder auch nur schnell gegangen. Es war auch nicht so, dass es sich irgendwann ausgezahlt hätte, zu rennen. Schon gar nicht für die Figur. Ich hasse Fitness. Ich bin klein, schmächtig und finde, es steht mir. Horst hat mich ab und zu im Privaten seine Elfe genannt, was ich jedoch so lange ignorierte, bis er damit aufhörte.
Ich verachte die lauten Atemgeräusche, die man beim Rennen macht. Dieses Keuchen widert mich an. Ich hasse es auch, wenn Leute öffentlich an Dingen riechen. Niemals würde ich auch nur auf den Gedanken kommen, meine Nase an eine Blume zu halten und ihren Duft in mich hinein, durch meine Nasenhöhlen, meinen Rachenraum zu ziehen. Du lernst damit umzugehen, den Ekel vielleicht sogar für eine Stunde zu vergessen. Horst und meine Kinder waren noch immer die einzigen Menschen, an denen ich ab und zu gerne roch und in deren Anwesenheit ich, ohne mich unwohl zu fühlen, offen atmen konnte. Mit Horst ist das auch immer noch so. Meine Kinder sind mir im Laufe der Zeit ferner geworden, haben ihre eigenen Privatsphären gegründet, zu denen ich und Horst keinen Zutritt mehr haben, ich ihn gar nicht haben will, zumal sie, obgleich durch die Umstände ihrer Erzeugung so innig mit mir und Horst verbunden, auch nie in manche Bereiche eingebunden waren, die mir und meinem Gatten vorenthalten geblieben sind. Das wird sich bald ändern, und der Gedanke daran löst etwas Schmerzliches in mir aus. Vielleicht werden sie von uns lesen. Vielleicht wird alles überschwiegen. Ich war nie gut darin einzuschätzen, wo Privatheit für andere anfängt und endet.
Ich gehe an dem Schaufenster eines Schmuckgeschäfts vorbei. Ich sehe Uhren auf weißen Kunststoffhandgelenken und erlebe eine Angreifbarkeit, die ich in dieser Weise noch nie erfahren habe. Fühlte ich mich zuvor an der Supermarktkassa noch selbstsicher, von einer Wand aus vorgeblicher Überlegenheit geschützt, so ist es mir auf einmal unmöglich, diese aufgesetzte Gleichgültigkeit der Gedanken anderer gegenüber noch irgendwie als etwas Sicherndes, Abschirmendes wahrzunehmen, und ich muss meine Faust verkrampfen, die Fingernägel in die Handfläche versenken, damit das Einkaufssackerlplastik den Händen nicht schweißentgleitet. Wenn du weißt, dass du dein Ziel fast erreicht hast, macht dir alles, was noch davor liegt, unheimliche Angst, auch, wenn dich nicht wirklich mehr etwas aufhalten kann, aber nur die Möglichkeit, dass dich doch etwas aufhalten könnte, erschwert jede Handlung, so banal sie auch sein mag, um ein Vielfaches. Und so habe ich jetzt, in diesem Moment, da ich an dem Schmuckladen vorbeigehe, Angst, wie nie zuvor in meinem Leben. Ein Pärchen kommt mir entgegen, sie mit geschwungem auftoupiertem Haar, in einem roten, engen Markenkleid, ich gehe davon aus, dass es ein Markenkleid ist, mit einem Reißverschluss, der von dem eher hoch angesetzten Ausschnitt bis nach unten führt, wo das Kleid etwas über Kniehöhe endet, dazu zwei Handgelenke voll goldener Armbänder, Uhren, Kettchen und zwei mit schwarzbestrumpften Füßen gefüllte High-Heels, er mit streng nach hinten gezogenen Haaren, Nadelstreifanzug, Markennadelstreifanzug, weißem Hemd, schwarzen, mattierten Lederschuhen und einer Krawatte, die farblich auf das Kleid seiner Partnerin angepasst ist, und ich biege in die Weihburggasse ab. Ich trat mit Horst nie gerne als Pärchen auf. Einerseits, weil ich dabei immer daran denken musste, was die Leute dachten, was wir zusammen täten, noch viel mehr aber, weil die von mir erwarteten, zu erwartenden, Vorstellungen der Leute so stark von dem abwichen, was wir tatsächlich praktizierten.
Er hat Physik studiert, ich Biologie. Wie wir uns genau kennen gelernt haben, weiß ich gar nicht mehr, denn am Anfang habe ich ihn nicht ertragen, laut kauend, schallend lachend wie er war. Eines Nachts sprach er mich an, fragte, warum ich nie wirklich einatme. Bisher war das niemandem aufgefallen. In einer anderen Nacht nickte Horst nachdenklich, die Stimme weingeschwängert, was mich natürlich anwiderte, und sagte „Das Leben ist ein unmöglicher Balanceakt zwischen Privatheit, Öffentlichkeit, ständiger Einschränkung, Sicherheit und Ausgeliefertsein in einem komischen, vieldimensionalen Raum.“ Und auf einmal merkte ich, dass mich Horsts weingeschwängerte Stimme gar nicht mehr so störte. Obwohl wir uns nie näher darüber unterhalten haben, den Satz habe ich mir gemerkt.
Hier sind jetzt viel weniger Menschen. Rechts von mir geht es „Zum Weißen Rauchfangkehrer“, das Restaurant, das Horst irgendwann zu seinem Lieblingslokal auserkoren hatte, wahrscheinlich vorwiegend aus der Tatsache heraus, dass es keine fünf Minuten von unserer Wohnung entfernt liegt.
Mein Magen tobt. So wie Horst habe auch ich in den letzten Wochen wenig, in den letzten Tagen nichts gegessen.
Eines Nachts frisch vermählt im Bett mit Horst: „Halt mich so fest, dass ich mich fühle, als wäre ich ein Teil von dir.“
Mein älterer Sohn ist jetzt Anwalt, einmal geschieden, zweimal verheiratet und hat zwei Kinder, zwei Buben, denen anerzogen wurde süß und schüchtern und artig zu sein. Meine Tochter hat all ihre Jugendideale abgelegt, die kommunistischen, anarchistischen, antifaschistischen Banner, Aufkleber, Bücher, Kleidungsstücke entsorgt und arbeitet jetzt in einer Bank. Mein Jüngster lebt ebenso bieder mit seinem Freund und einem kleinen, weißen, nervigen Hund namens Didi, mit dem sie zusammen gerne im Schlossgarten spazieren gehen.
Eines Nachts frisch vermählt im Bett mit Horst, kurz vorm Einschlafen: „Horst… Ich liebe dich so sehr, dass ich am liebsten einfach – in dich hineinschlüpfen würde.“ Horst lacht. Ich lache. Er küsst mich in den Nacken. Wir schlafen ein.
Rauhensteingasse 7. Ein goldenes Schild mit Stockwerken, Firmen und Namen. Herzreiben. Ich habe mir, ehrlich gesagt, nie vorstellen können, dass Leute das, was wir taten, nicht machten, sogar für abartig hielten. Sollte es bei fortgeschrittener Stunde und gestiegenem Alkoholpegel tatsächlich zu einer dieser Sexualpraktiken naheliegenden Thematik kommen, reagierten auch wir immer mit öffentlicher Abscheu, wie sonst sollte jemand sich zu so etwas äußern? Unsere in diesen Situationen offen ablehnende Haltung bestätigte mich in meiner Theorie, dass das, was wir praktizierten, auch in anderen Haushalten gang und gäbe war, dass auch die verächtlichen Reaktionen der anderen nur Tarnung waren.
Ich gehe die Stufen hoch und mein Herzschlag wird mit jeder Stufe lauter, schneller. Horst hat seit Wochen nicht mehr die Wohnung verlassen. Er konnte dieses elegante Alt-Wiener Treppenhaus ohnehin nicht mehr bis zum dritten Stock erklimmen. Selbst, wenn wir es nicht gemacht hätten, wäre er jetzt nicht mehr im Stande, Stiegen zu steigen. Es war zu weit fortgeschritten. Es war die Diagnose, die uns auf die Idee gebracht hat. Obwohl die Idee ja schon immer da war, aber nie der Esprit, dieses abstrakte Gedankenspiel tatsächlich umzusetzen.
Erster Stock. Es ist interessant, wie Menschen zueinanderfinden. Natürlich wusste ich nichts von Horsts Vorliebe, als ich mit ihm zusammenkam. Genauso wenig, wie ich von meiner wusste. Genauso wenig, wie ich wusste, wie gut diese beiden Präferenzen zusammenpassten. Vielleicht hat er es gespürt. Er war es auch, der mich eines Nachts, während wir miteinander schliefen, vorsichtig dazu aufforderte, danach fragte, aber doch bestimmt fragte. Zuerst wollte ich mich weigern, doch dann sah ich ihn, seinen bebenden Körper, seine matt glänzenden, zu mir hochblickenden Augen, hoffnungsvoll die Beine angehoben, und etwas in mir regte sich.
Zweiter Stock. Zuerst waren wir sehr vorsichtig. Dann ging immer mehr. Trotzdem, von der Unterstützung durch Gegenstände machten wir erst nach unserer Pensionierung Gebrauch. All das, was wir während der Jahre unseres gezwungen gesellschaftlichen Lebens – sogenannte „echte“ Freundschaften gab es durchaus auch, einige hielten sogar sehr lange an, waren aber nicht häufig und sind spätestens mit Horsts Diagnose vollkommen nebensächlich geworden – ausließen, holten wir dann nach. Und dann kam die Krankheit und Horst hatte den Gedanken. Und ich habe Horst gesagt, ich wolle sowieso nicht ohne ihn.
Dritter Stock. Die Tür, die mich über all die Jahre zu dem Mann geführt hat, den ich liebe. Der meistens schon zuhause auf mich gewartet hat. Ein Abendessen im Weißen Rauchfangkehrer, wenige Tage, vielleicht etwas mehr als eine Woche nach seiner Diagnose: „Hanni“, sagt er und ich lasse es zu: „Kannst du dich erinnern, was du zu mir gesagt hast? Wie wir noch ganz frisch vermählt waren, kurz bevor du eingeschlafen bist?“ Ich nicke langsam. Tatsächlich kann ich das. Nie zuvor hatte ich so offen mit einem Menschen gesprochen, wie in dieser Nacht. Horst sagt: „In der darauffolgenden Nacht habe ich dich zum ersten Mal darum gebeten.“ Er sagt: „Hanni. Wenn ich ja sterbe – wollen wir es richtig machen?“
Ich sperre die Tür auf. Ich kann das leise Stöhnen hören, schon bevor ich sie öffne. Die Nachbarn werden denken, es sei wegen der Krankheit. Vielleicht würde er auch wegen der Krankheit Laute von sich geben. Aber dieses Stöhnen war nicht bloß schmerzbedingt.
Ich gehe an der Küche vorbei durch das Wohnzimmer ins Schlafzimmer. Horst liegt zitternd auf dem Bett, die Beine nach hinten gebunden, die Oberschenkel schweißfeucht auf dem eingefallenen Bauch liegend, mit einem breiten weißen Gurt über der Brust ans Bett geschnallt, die Arme an den Handgelenken mit Leinenbändern umwickelt und an die goldenen Stangen des Bettkopfs geknotet. Sein Anus ist ein mächtiger, dunkelrot-brauner Rachen. Aufgerissen, verkrustet, verschmiert. Der Mann, den ich liebe. Ich stelle das rosa Einkaufssackerl ab, gehe um das Bett, beuge mich über Horst, küsse ihn und streichle ihn zärtlich. Er ist in meiner Abwesenheit gekommen. Ich verstreiche die durchsichtigen Perlen in seinem Schamhaar, flüstere: „Bist du bereit?“ Er hat große Schmerzen. Nickt, den Tränen nahe. Er sieht mich an, verfolgt mich, während ich das Bett umschreite, und die Art, in der er zu mir hochsieht, lässt mich erschauern, bestärkt das Verlangen in mir, den so lange still gehegten Wunsch, ein Teil dieses wundervollen Menschen zu sein. Das ist kein Sex. Keine vorübergehende Lustbefriedigung. Was wir anstreben, ist das finale Ziel sexueller und emotionaler Begierde, von der Natur als nicht erreichbar angelegt. Und doch natürlich. Ich knie mich vor Horst, vor diese zerdehnte, zerbröckelte Rosette, die sein dunkel wartendes Arschloch einfasst, an dem wir in den letzten Monaten so intensiv gearbeitet haben. Auch heute gibt es nichts zu reinigen. Die strenge Null-Diät zeigt ihre Wirkung. Ich ziehe zum letzten Mal die erste Tube aus dem wie feucht glänzenden Plastiksackerl, lasse die Kapsel hinunterspringen und drücke kaltes Gleitmittel auf meine Handflächen. Tube für Tube leerend massiere ich seinen wunden After vorsichtig damit ein. Küsse die blaugrünlilagelben Schwellungen, die die zahlreichen Knochenbrüche in der Rumpf- und Leistengegend nach sich gezogen haben. Wir haben unser Happy End verdient. Er hat es verdient. Dieses Happy End ist endgültig. Ich öffne mein Haar und beginne mich selbst einzuschmieren. Darauf folgen die üblichen Dehnübungen und ich merke, er ist jetzt wirklich bereit dazu. Wir beide sind bereit. Er schwer keuchend, ich gleitmitteltriefend. Ich atme Gleitmittel. Ich dringe vor. Tiefer als all die anderen Männer und Frauen, die auf den umliegenden Straßen unter uns vorbeiziehen, jemals in einen Menschen vordringen werden. Vielleicht werden sie, werden unsere Kinder, wird die Schwangere mit der Ich-werde-Mutter-Bluse, von uns lesen. Vielleicht wird alles überschwiegen. Ich war nie gut darin, das einzuschätzen. Und in diesem Moment, da ich immer weiter in Horst eindringe, mit den Armen, den Atem anhalte, mit dem Kopf eintauche, schwarzsehe, Körper rieche, ist es mir auf einmal egal, ich bin frei, und mit einem Ruck, der Horst ein letztes Mal dumpf aufschreien lässt, tauche ich, Körperflüssigkeiten und Gleitmittel schluckend, mit den Schultern ein in das warme, intime, mich immer weiter in sich ziehende Meer von Horsts reißenden Eingeweiden.

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