PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Gerda

von Godiva von Freienthal

Regen schnurrt in die sauberen Straßen der Stadt. Gleich ist die Nacht vorbei. Die hellen Häupter sind noch in Träume gebettet, die muskulösen Körper unter den Wolldecken deutlich zu erahnen.

Der Wecker rasselt, Gerda hat ihren zweiten Termin. Sie reckt sich, reibt die Augen, wirft die Decke von sich und springt aus dem Bett. Mit den sechzig Bürstenstrichen aus dem Ratgeber für die schöne Frau, bringt sie ihr flachsblondes Haar zum Glänzen, flicht es zu ordentlichen Zöpfen und legt diese um ihren Kopf. Einen Spiegel hat sie dazu nicht nötig. Vor dem weit geöffneten Fenster vollführt sie ihre morgendlichen Dehn- und Kraftübungen und schreitet durch den frischen Raum ins Bad, um kalt zu duschen. Mit geübten Fingern streift Gerda die halterlosen Strümpfe über ihre Beine und schlüpft in das graubraune Kostüm mit weißer Bluse und die geschnürten Schuhe. Ihr Frühstück ist einfach: Sie bestreicht das geröstete Graubrot mit Margarine und selbstgemachter Erdbeermarmelade. Dazu trinkt sie einen Becher Bohnenkaffee mit Milchpulver. Das hält schlank.

Die Handtasche über dem Kopf läuft Gerda durch den feinen Regen zur Haltestelle. Im blank geputzten Wartehäuschen streift sie sich die Wasserperlen vom Kostüm. Nach einer Stunde Fahrt mit der Tram erreicht sie den Hof des Lebensborns7. Gerda übergibt der Schwester am Empfang ihren Personalausweis mit Erbgesundheitszeugnis und Ariernachweis . Die Schwester arbeitet zügig, liest ihre Ausweise ein und schiebt ihr eine Karte mit der Nummer 18a über den Tresen. Nach dem Surren des Türöffners betritt Gerda die Halle durch den Personenscanner und wird von einer jungen Schwester in Uniform mit prüfendem Blick in Empfang genommen. Sie fordert Gerda auf, ihr zu folgen. Die Schritte der Frauen hallen auf den Fluren und im Treppenhaus. Am Ziel nimmt die schweigende Frau Gerda die Karte aus der Hand und öffnet ihr die Tür zu Zimmer 18a. Gerda tritt ein, dreht den Schlüssel, legt ihre Kleidung über den Stuhl und sich auf das schlichte Bett. Ihre Brustwarzen stehen spitz in der Kühle des Raumes. Vom Schränkchen neben dem Bett greift Gerda die Einmaltube mit dem Gleitmittel und appliziert das Gel in ihre Scheide. Einen Moment später öffnet sich die Tür zu Zimmer 18b. Herrmann, sein richtiger Namen ist Gerda unbekannt, betritt nackt mit prall erhobenem Glied den Vollzugsraum. Der Obersturmbannführer nickt Gerda zu und leckt sich die Lippen. „Sie ist schöner, ihre Haarpracht glänzender, ihr Gesicht ebenmäßiger als in ihrer Akte“, denkt er sich und lässt seinen Blick über ihren blonden Schamhügel schweifen. Seine Hand greift nach der gespannten Manneskraft. Gerda spreizt ihre Beine und hebt dem Offizier ihr Becken entgegen. Heute ist sie die Erste, da kommt er schnell. Herrmann verlässt das Bett und den Raum. Aus 18b hört Gerda Wasser fließen und den Mann pfeifen. Sie bleibt noch etwas liegen und presst die Scheidenmuskeln zusammen, dann steht auch sie auf, wäscht sich und kleidet sich an. Bevor sie das Gebäude verlässt, nimmt sie an der Rezeption ihre Papiere entgegen. Diesmal wird es sicher gelingen. Morgen und übermorgen wird sie sich noch einmal begatten lassen.

Der Stabsarzt untersucht Gerda eingehend. Er tastet sie ab, hört auf Herz und Atem, nimmt Blut- und Urinproben. Eine halbe Stunde wartet sie im Aufenthaltsraum, bis die Schwester sie ins Sprechzimmer ruft. Schon bei ihrem Eintreten lächelt der Arzt ihr entgegen:
„Herzlichen Glückwunsch! Sie sind schwanger, Frau Braun“. Er drückt freundlich Gerdas Hand. „Diesmal hat es geklappt, hat sich das lange Probieren doch gelohnt. Herrmann verfügt über erstklassiges Erbgut und kräftigen Samen. Wären Sie diesmal nicht schwanger geworden, hätten wir noch die Insemination gehabt“. Der Arzt schaut sie an. „Haben Sie sich schon entschieden, ob Sie das Kind zur Adoption freigeben wollen? Es kann natürlich auch bei Ihnen aufwachsen. Wir würden Ihnen einen SS-Offizier zur Seite stellen, der für Sie und mit Ihnen für weitere Kinder sorgt. Ihre Akte ist bereits überprüft worden. Der eine oder andere erbgesunde Mann wäre Ihnen nicht abgeneigt“.
Gerda nestelt an der Handtasche auf ihrem Schoß.
„Wir bereiten alles für Ihren Aufenthalt hier im Hause vor. Nach der Geburt beziehen Sie entweder eine kleine Wohnung hier auf dem Hof oder ein schönes Haus als Frau eines Offiziers. Für eine Entscheidung haben Sie noch ein wenig Zeit. Sollten Ihre Blutwerte abweichende Ergebnisse aufweisen, melden wir uns. In vier Wochen sehe ich Sie wieder. Schwester Elke gibt Ihnen die nötigen Informationen zu den nächsten Terminen“.
Der Arzt verabschiedet Gerda und geleitet sie in den Vorraum. Mit einem Lächeln auf den Lippen verlässt Gerda den Hof des Lebensborns.

Gerdas Blutwerte sind unauffällig, auch der erste Ultraschall in der 11. Schwangerschaftswoche. Um die PAPP-A¹ Werte und das freie ß-HCG² zu bestimmen, nimmt der Arzt ihr eine weitere Blutprobe ab. Gerda ist glücklich. „Ich werde Mutter“. Sie lächelt still, fühlt sich beschwingt und gesund. Damit hatte sie nicht gerechnet.
In ihrem frisch bezogenen Zimmer richtet sie sich wohnlich ein und freut sich auf die gemeinsamen Mahlzeiten mit den anderen schwangeren Frauen.
Zwei Wochen später liegen abweichende PAPP-A Werte und ein erhöhtes freies ß-HCG vor. Routinemäßig folgt die Nackendichtemessung³ per Ultraschall. Das Ergebnis unterstützt den aufkommenden Verdacht einer Trisomie 21. Eine Chorionzottenbiopsie4, gefolgt von einer Amniozentese5 in der 19. Schwangerschaftswoche untermauert die angenommene Diagnose. Gerda wird umgehend zu einer Abtreibung geraten, sie hat zwei Wochen Bedenkzeit. Gerda lehnt ab. Mit beiden Händen streicht sie schützend über ihren schwellenden Bauch. Weder der Hinweis auf das Erbgesundheitsgesetz, noch die ausführliche Beschreibung des Arztes über die enormen Kosten, die dieses Kind verursachen wird, ändern Gerdas Entscheidung.
Der Arzt nickt der Schwester zu.
„Für eine weiterhin gut verlaufende Schwangerschaft injiziere ich Ihnen jetzt ein Vitamin- und Mineralstoffpräparat. Schwester Elke hat es bereits aufgezogen.“
Gerda fühlt sich unsicher. „Muss das wirklich sein, Herr Doktor?“
Der Arzt schaut Gerda direkt in die Augen. „Sie wollen doch, dass es Ihnen und Ihrem Kind gut geht, oder etwa nicht?“ Gerda nickt verhalten.

Auf ihrem Zimmer angekommen, wird Gerda müde. Als sie am nächsten Morgen noch immer sehr schläfrig erwacht, bekommt sie eine weitere Injektion Luminal6 und ein paar Löffel Tee. Ebenso an den darauf folgenden Tagen. Am 13. Tag die offizielle Diagnose des Arztes: Herzversagen bei Frau und Kind.

Gerda
Fast (ein Nachwort)

Ich habe drei Großmütter, Anna, Lina und Edda. Zwei von ihnen kenne ich persönlich, von Geburtstagen und Weihnachtsfeiern, von gemeinsamen Bastelnachmittagen, vom Marmelade Kochen und Locken Aufdrehen. Edda, meine dritte Großmutter, wird mir erst aus den noch lückenhaften Unterlagen, die ich über sie gesammelt habe, nach und nach ein wenig greifbar. Ich beginne ihren Lebensweg zu erahnen. Dabei stockt mir oft genug der Atem. Sie starb knapp vierzehn Jahre vor meiner Geburt, in einem Alter, welches ich schon lange überschritten habe. Von dieser Großmutter erfuhr ich während meiner späteren Jugend. Ein Wispern hinter vorgehaltener Hand. Eine eher unbekannte, unerwünschte Frau mit zweifelhaftem Ruf. Und auch noch heute ist sie von einem Geheimnis, von Schweigen und Desinteresse umgeben.

„Das ist schon so lange her.“
„Da war ich noch so klein.“
„Daran kann ich mich nicht erinnern.“
„Davon weiß ich nichts.“
„Das interessiert mich jetzt nicht mehr.“
„Da musst du jemand anderes fragen.“
Das sind die sich wiederholenden Antworten auf meine Nachfragen.

Erst als ich dem Weg meiner Großmutter ein Stück weit folgte, an Orte reiste, an denen sie gelebt hatte, nach langer Suche mit einem Menschen sprach, der sie noch persönlich gekannt hatte, wenige Fotos in der Hand hielt, auf denen sie zu sehen war, Unterlagen und Dokumente von Ämtern und Gerichten einholte, erfuhr ich von ihrer Aufnahme als Kleinkind in eine Pflegefamilie und wie Edda diese als junge Frau mit ihrem Organisationstalent in Kriegszeiten unterstützt hatte. Ich las von ihrer Hochzeit mit meinem Großvater, von der Annullierung dieser Ehe, die meine Großeltern nach nationalsozialistischer Erbhygiene niemals hätten eingehen dürfen. Nach dem Blutschutz- und Erbgesundheitsgesetz gehörte meine Großmutter zu den Menschen, deren Vermehrung unbedingt verhindert werden musste. Sie sollte, so beschloss es das Erbgesundheitsgericht in Berlin und ein bekannter Psychiater und Rassenhygieniker (späterer Oberregierungsrat), zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses unfruchtbar gemacht werden. Edda selbst durfte nicht einmal Widerspruch gegen dieses Urteil einlegen. Für sie war ein Vormund bestellt, denn Edda war wegen moralischen Schwachsinns für unmündig erklärt worden.

Sollte auch meine Großmutter mit einem dieser grauen Busse abgeholt werden? Wurde sie verfolgt, um die Zwangssterilisierung zu vollstrecken? Bis wann und wie war es meiner Großmutter gelungen, der Zwangssterilisierung zu entkommen?
Wäre sie ihr nicht entkommen, gäbe es weder meinen Vater, noch seine Schwester. Auch gäbe es meine Schwester, meine Nichten, einige meiner Cousinen und Cousins und deren Nachkommen nicht. Und auch ich wäre niemals geboren worden.
Hätte ich in einem nationalsozialistischem System bis heute überlebt?

 

Glossar

¹ PAPP-A, pregnancy associated plasma protein A, ist ein Hormon, welches im Blut von Schwangeren enthalten ist. Es wird per Blutuntersuchung ermittelt und zur Abschätzung des Risikos für eine Chromosomenstörung des Kindes herangezogen. Wird eine Abweichung der Hormonwerte von der Norm festgestellt, kann dadurch auf eine eventuelle Fehlbildung beim Fötus geschlossen werden.

 

² Das freie ß-HCG ist ebenfalls ein Hormon, das während der Schwangerschaft von einem Teil der Plazenta gebildet wird. Abweichungen von der Norm lassen auch auf Fehlbildungen beim Fötus schließen. Wie die PAPP-A Werte wird das freie ß-HCG mit einer Blutuntersuchung bestimmt. Beide Tests ermitteln lediglich eine statistische Wahrscheinlichkeit von Fehlbildungen.

 

3 Nackendichtemessung, auch NT-Screening genannt, ist eine Ultraschall-Untersuchung in der Schwangerschaft, bei der die Nackenfalte des ungeborenen Kindes auf anlagebedingte Störungen, wie beispielsweise das Down-Syndrom (Trisomie 21), untersucht werden kann.

 

4 Die Chorionzottenbiopsie hat den Nachweis einiger genetisch bedingter Besonderheiten des Kindes (z.B. Trisomie 21 / Down-Syndrom; Trisomie 13 / Pätau-Syndrom; Trisomie 18 / Edwards-Syndrom und Trisomie 8) sowie bestimmter Stoffwechselerkrankungen zum Ziel. Dazu wird der Plazenta Zellmaterial entnommen, entweder mit einem dünnen Schlauch, welcher durch die Vagina eingeführt wird oder mittels einer per Ultraschall überwachten Punktion durch die Bauchdecke.

 

5 Amniozentese (Fruchtwasserpunktion) ist eine Untersuchung des Fruchtwassers, welches durch die Bauchdecke aus der Fruchtblase entnommen wird, um in den darin befindlichen Zellen des Kindes Erbkrankheiten, Fehlbildungen und Chromosomenabweichungen, wie Trisomie 21, festzustellen.

 

6 Luminal ist ein Phenobarbital, ein giftiges Barbiturat, mit beruhigender und einschläfernder Wirkung. Während des Nationalsozialismus wurde es gezielt zur Tötung kranker und behinderter Menschen eingesetzt. Hermann Paul Nitsche entwickelte 1940 das Luminal-Schema, bei dem über mehrere Tage dreimal täglich Phenobarbital injiziert wurde. Die Tötungsmethode war unauffällig, da die Gabe von Luminal als Beruhigungsmittel übliche Praxis war. Das Luminal-Schema wurde zunächst zur Ermordung von etwa 5.000 behinderten Kindern in der Kinder-Euthanasie eingesetzt. In der zweiten Phase der nationalsozialistischen Euthanasie wurde es auch zur Ermordung einer weit größeren Zahl Erwachsener benutzt.

Heute findet Luminal Anwendung in der Behandlung von Epilepsie in Entwicklungsländern und in der Tiermedizin.

 

7 Der Lebensborn e.V. wurde im Dezember 1935 von Heinrich Himmler, dem Reichsführer-SS, gegründet. Der Lebensborn e.V. wurde von der SS organisiert und staatlich gefördert. Das Vereinsziel war die Rettung und Erhaltung der nordischen, d.h. der arischen Rasse. Dieses Ziel sollte durch die Erhöhung der Geburtenrate und die qualitative Verbesserung des Nachwuchses erreicht werden, um so die Zucht des „Adels“ der Zukunft zu sichern.

– Erbbiologisch und rassisch wertvolle kinderreiche Familien erhielten unter anderem finanzielle Unterstützung.
– Erbbiologisch und rassisch wertvolle ledige Frauen und heimliche Geliebte hochrangiger SS-Funtionäre wurden während der Schwangerschaft begleitet und bei der Entbindung und in den ersten Monaten bei der Betreuung ihrer Kinder unterstützt.
Dazu wurden diese Frauen in den Lebensborn-eigenen Heimen untergebracht. Ein eigenes Standes- und Meldeamt garantierte die Geheimhaltung der Geburten.

Lebensborn-Heime wurden in Deutschland, in Österreich und in besetzten Gebieten eingerichtet.
Mit Beginn des 2.Weltkrieges wurden aus besetzten Gebieten arisch aussehende Kinder aus ihren Familien gerissen und eingedeutscht, dazu wurden auch ihre Namen und Geburtsorte verändert.
In deutschen und österreichischen Lebensborn-Heimen kamen mehr als 10.000 Kinder zur Welt, zwischen 50.000 und 200.000 Kinder wurden dort eingedeutscht. Viele von den dort geborenen und arisierten Kindern wissen bis heute weder etwas über ihre Eltern, noch Details aus ihrer Vergangenheit. Die Unterlagen mit ihren ursprünglichen Namen und Daten wurden dem System Lebensborn entsprechend vernichtet.
Kinder lediger Frauen und eingedeutschte Kinder wurden zur Adoption in nationalsozialistische Familien vermittelt.
Kinder, die mit einer Behinderung auf die Welt kamen, wurden über das Programm der Kinder-Euthanasie ermordet.

 

 

Alle Rechte zum Text verbleiben bei der Autorin.

 

 

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