PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Form

Aus einer Sonne torkeln wir, in ein Helles kommen wir, dort bleiben wir. Nichts ist uns zu licht, wir sind ohne Empfindlichkeit in diese Richtung, sind ausgestattet mit Talenten, Anlagen (keiner Biologie, einem Gedächtnis vielleicht), haben trainiert, sind vorbereitet, sind vieler Leute Hoffnung, sind vieler Menschen guter Grund.

Um uns glitzert es. Wir treten auf, sind unterwegs. Den Aufbau schleppen wir nicht selbst. Andere lassen Leute dafür kommen: Sie helfen und tun, hängen auf, montieren ab. Wir kommen in die Stadt, sie machen den Wind; wir kennen das Programm, die Abläufe, sind nicht eitel, nicht bescheiden, sind im Mittel, sind Profis, Artistinnen, haben Jobs, ein Zuhause.

Auf den kleinen Treppen zu unseren Wägen klebt der Dreck aus vielen Städten und wir nehmen diese Treppen jeden Tag. An unseren Zügen, unseren Gemütern hängen vieler Leute Leben: Wir tragen, halten, bergen sie: Ziele, Verantwortung, ein Kümmern. Es macht uns ernst und erwachsen, lässt uns bisweilen einen Spaß verderben – einen der Anderen – wenn wir ernsthaft die Dinge uns anschicken müssen: zu denken, zu tun, zuwege zu bringen, auszuhalten auch. Und doch verkörpern wir Eleganz, sind Schönes und Deviantes zugleich, sind abwegig, ein wenig, gerade so viel, dass niemand uns beneidet, viele uns ein bisschen bewundern dafür. Auf unsere Art aber sind wir ebenso frei und unfrei, sind verwoben in viele Verhältnisse, keine Ausnahmen, sind uns gegenseitig: Alltag, Stütze, Los. Sorge, Streit und Tat: Eine Zirkusgesellschaft.
Wir fassen unsere Beschlüsse wie Mäuse, wie stille Teilhaberinnen, ruhig, weit hineinversteckt in die Kulissen. Wir nennen es: Gelassenheit, vergiftet von keinem Streit. Wir nennen es: Versuch über Einigkeit. Als loses, umherschweifendes Ding. Vielleicht sind wir tatsächlich der Organismus, der wir wünschen zu sein, den wir ersehnen, sind das bewegte, beseelte, sprechende Bild, das wir haben entworfen, das vielleicht nur wir haben erdacht.
Wir kommen durch Täler (die Ränder von Autobahnen), über Hügel (Tankstellen, hoch gelegene Raststationen, Gewächse an den Straßen wie Zellen, denen man Übles zutraut): Vielleicht durchziehen doch wir diese Landschaften, definieren sie erst und geben unseren Wünschen viele Namen: Eine Wabe wollen wir sein, eine Erfindung: lebendig, mit Fransen, offenen Rändern; eine Truppe, eine Gemeinschaft ohne Vertrag; eine, die verzichten lernt, die Rücksicht kultiviert, die alles beschönigt, alles übertreibt: Ein nicht tot zu kriegendes Experiment.
Sich Regeln geben, sie einhalten, sich dies und das erlauben, etwas teilen, stiften: auf Kosten keiner. Vieles aufgeben, auf langen unbehaglichen Reisen leben. Ein Vexierbild sein, der Scherenschnitthintergrund, die Pause, die Matrize, und immer wieder das Gegenteil: so vieles als Negativ abziehen zu müssen von sich. Alldem entgegenwirken wiederum. Das zu wollen: Die Arbeit mit dem Spiel mischen. Vom Spielen handeln. Das Spiel auch als Mühe empfinden, und doch das Zentrum der Anstrengung nicht in die Arbeit legen, sondern in die Sache. Das austarieren. Nach dem Lot suchen. Damit umgehen. Manchen Dingen beim Misslingen zusehen, manchen beim Wachsen, beim dünne, faserige Wurzeln-Schlagen.
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Unser großes Gegenüber: ständig imaginieren wir es, und doch ist es tatsächlich da. Sieht uns an. Wir würden neue falsche Kleider tragen, sagt es, die zerstieben, wenn die Gegenargumente kämen, die Kritik. Wer den klaren Gedanken an uns richte, müsse triumphieren bald, sehr bald, denn träge und porös seien unsere Vorstellungen. Unsere schlaue Konstruktion. Ja, unser Gegenüber, es entlarvt uns oft. Will uns verhöhnen mit Erzählungen über andere Welten, Tagesabläufe. Geregelte Tage. Es scheint zu wissen, wie ausgerechnet wir immerzu in den Tag hineinleben, den Tag der Anderen. Wie wir aus den Betten kriechen, aus den Matratzenhügeln, dabei Gesichter ziehen. Wie wir unsere verquollenen Augen reiben. Uns ausrichten: Alles in ungeheurer Langsamkeit (eine Zeitlupe, eine Provokation). Sie wüssten, sagen sie, dass wir uns bei Tageslicht – in der Tatsachenwelt – nach Studienabschlüssen sehnten, nach einer höflich-verhärmten Art. Einem gelehrten, eleganten Tun. Einem Begreifen. Einem im Plot bleiben. Wir wünschten, wissen sie, phantastisch nur in den umgrenzten Zonen zu leben. Nur an abgesperrten Orten: Ekstasen.
Wir kommen, fast in trotziger Reaktion auf die vielen Vernünftigen, in Märchenstimmung, treiben uns weit herum, mit offenen Handschalen. Taler fangen wir auf, Stücke und Schleifen, Spruchbänder, wir lesen von ihnen ab. Wir begegnen unseren hübschen Antagonisten noch einmal und immer wieder herrlich angetrunken in Bars, sind rastlos, sorglos, lächeln, ja blicken – so scheint es – regelrecht zu den nutzlosen Dingen um uns herum. Wir trainieren Verblendung. Wollen poetisch sein. Zukünftig. Wollen so viel Unvernunft sammeln bis die gute Erziehung in uns zerplatzt wie Wasserbomben, kleine, pralle, pinke Geschosse. Zielsicher, begierig, am Anschlag. Wichtig jetzt. Und unvermeidbar. So sprechen wir die Erwachsenen an, die Werktätigen. Nennen sie fellow comrades, nennen sie Freunde und Gefährtinnen. Geben ihnen Tiernamen, Politikerinnennamen, verleihen ihnen zehn bunte Geschlechter, rührende Vergangenheiten, machen ihnen Avancen, sind haltlos, können nichts zu Ende denken, wollen nichts folgerichtig werden lassen und aus nichts die Konsequenzen ziehen, wollen immerhin lachen über uns selbst und kichern und das Satzende schon am Satzanfang verlieren, die Pointe versäumen, berauscht sein: wollen die Gegensätze vernichten für ein paar exaltierte Stunden, sie überwinden, sie verhexen allemal! Wir wollen ein Gemeinsames Uns einrichten, um kurz darin zu wohnen wie im Schaufenster, im Möbelpark, wollen alles Sachliche ziehen lassen und es lang- und kurzgezogen denken, es alternierend sagen: ziehen lassen, z-i-e-h-e-n.

Unsere verpuppten Erwachsenen wollen nichts davon wissen, hören bloß eine Litanei. Heben die Brauen. Sehen – wir halten es stolz aus – auf uns herab. Wir denken: Auch sie haben doch mit grellen Lettern gewedelt, geworben regelrecht mit ihren vielen Ansätzen, mit allem, das sie kontrollieren, vertagen, in Schranken halten und wissen. Haben uns ihr stimmungsloses Tun gezeigt. Wir denken, wir könnten ihren Dünkel jetzt in großen Kinobewegungen sehen. In Farben. Erstaunt sind wir und wollen doch noch einen Anlauf nehmen. Einen noch. Wollen uns hier an diesem unwichtigen Ort Bekannte zulegen, jemanden, der uns wiedererkennen kann, verständnisvolle Krähen. Kumpanen für die Nacht. Nichts davon funktioniert: Sie gehen nach Hause.
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Unsere Bühne, geben wir zu, ist bei Tageslicht besehen klein. Winzig vielleicht. Unsere Talente, sie stammen aus Hobbykellern, Turnsälen, Skateparks und Sandkisten. Wir jonglieren mit Selbstgestricktem. Mit kleinen Ideen. Wir schreiben unsere Programmhefte von Hand, weben unseren eigenen Stoff. Unsere Kinder tragen zerschlissene Hosen und gehen doch stolz wie Besitzerinnen. Manchmal befremdet es uns: Sie spielen Andere von Welt. Dann wieder finden wir es drollig und sehen gerne zu, wollen kein Schauspiel unterbrechen. Nie es unterbinden. So hegen wir unsere Sentimentalität. Wollen ein Überwältigt-sein, eine Art von Faszination, die nicht mit unserer Schwäche rechnet (mit unserer Ohnmacht), nichts uns attestiert, in Diagnosen über uns. Wir wollen verwirrt sein. Die Orientierungen verspielen, sie wie Konfetti in die Luft werfen. So und so ähnlich ersehnen wir kein Ziel. Wollen keine Vorgaben, keine Leitsätze, kein Motto gelten lassen für all das.
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Es ist ein Aus-dem-Zeitverhältnis-Gefallenes: wie wir alles aufeinander beziehen. Uns aus der Chronologie hinaus bewegen. Dort die Dinge drehen und ausbrüten und formulieren, angetrunken wie Filmfiguren, in verfilmten Leben, die eine Bohème sein, eine Bohème darstellen wollen, Sinnbilder sein möchten für das, was uns kränkt und fasziniert zugleich, weil es zu erreichen nicht vorgesehen ist für uns. Am Widerspruch, am Gegenteil nährt sich diese Faszination: Herrscherinnen herrschet! So herrschet doch bald!
Es geht unsere Sehnsucht in sentimentalem Ton. Was wollen wir ändern, was in eine Form bringen? Und geht denn die Frage überhaupt so, ist das ihre Richtung? Jede Form, wissen wir, überwindet unsere Sentimentalität. Umgibt sie bis sie gebündelt ist. Das zu wissen gibt uns Masse, Kraft, Beharrlichkeit, Überwindungslust, und wir verwerfen die Trägheit, und wir verblüffen uns selbst.
Es ist ein Ins-Zeitverhältnis-Gebrachtes. Ein Wille zur Form. Es ist eine hinterhältige Freundin, die als Eingebung auftritt und sagt: Diese Formen sind ihrem Grundsatz nach zeitlich. Nur ein Eintreten in sie in der Zeit (nicht im Raum) kann es geben. Ihr müsst alles Fixe und Feste verludern, es in ein Vorher verlassen, oder in ein Nachher hinein. Alles müsst ihr als Werden begreifen, alles versehen mit Malen von Wandel, mit Dissonanz. Nicht auf dem Bild, nicht festgesetzt erscheint ihr. Sondern erzählt. Frei erzählt. So wirke alles auf die Zukunft hin. Sei dorthin deutbar, als das Viele, Instabile, das Entstehende. Form.

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