PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Erzählen wir die Geschichte so, wie wir sie uns verdient haben

von Elena Bavandpoori

Das Zimmer ist zappenduster. Kein Spalt Licht schafft es durch die Jalousien. Wie immer schlafe ich zu lange. Meine Stiefmutter weckt mich mit zarter Stimme. „Ich stehe schon auf!“, rufe ich. Sie weiß, dass es gelogen ist. Sie kennt mich zu gut. Denn sie kennt meinen Vater. Wir schlafen gerne aus. Ich kuschele mich in der warmen Decke ein, im Wissen, dass mich meine Stiefmutter nicht verurteilen wird, wenn ich noch eine halbe Stunde länger liegen bleibe. Ich kenne sie schon seit mehr als zwanzig Jahren. Sie ist wie eine Mutter für mich. Viele glauben, sie sei meine biologische Mutter. Ich korrigiere es nicht. Sie ist stets adrett gekleidet, schminkt sich ihre mandelförmigen Augen noch größer und strahlt immer Heiterkeit und Ruhe aus. Während mein Vater und ich weiterschlummern, meditiert sie. Als ich endlich aufstehe, sehe ich meinen Vater im Flur und wir lachen. Beide mit zerzausten Haaren. Mein Vater ist ein eher introvertierter Mann, der Geschichten sehr, und ich betone, sehr oft wiederholt. „Erinnerst du dich daran, wie du mit drei Jahren immer Universion anstatt Universum gesagt hast?“ Jap, dank meines Vaters und seinen sich stetig wiederholenden Geschichten weiß ich das. Oft sehe ich ihn mit einem Buch in der Hand rauchend im Garten. Er hat die Beine übereinandergeschlagen und liest ganz vertieft. Jedes Mal, wenn ich ihn zwischen den Rosen sitzen sehe, wie er schmunzelnd eine Seite umblättert, glaube ich zu wissen, was Romantik ist.
Ein kurioses Paar, mein Vater und meine Stiefmutter. Sie war seine erste große Liebe. Auf den unruhigen Straßen Teherans. Weit weg von dem ruhigen Garten, der zum Rauchen und Lesen einlädt. Zur Zeit der Islamischen Revolution 1979 war mein Vater vierzehn Jahre alt. Schon da war er aktiv in einer kommunistischen Partei. Er schwang Parolen, klebte Poster in der Stadt auf und moderierte Radiosendungen gegen das Islamische Regime. Er hatte keine Zeit für Freundschaften. Er war auf einer Mission. Das ging für drei Jahre gut, dann kam ihm die Regierung auf die Schliche. Durch einen mysteriösen Anruf hatte er erfahren, dass er gesucht wurde. Vor dem Haus seiner Familie stand ein schwarzer Wagen. Seine Eltern wurden bedrängt, als er außer Haus war. Damit war eines garantiert: Er musste flüchten. Es fehlte die Zeit für einen angemessenen Abschied. Doch da gab es noch eine Person, die mein Vater mitnehmen wollte.
Meine Stiefmutter kannte er durch Familienkreise und fand sie seit jeher aufregend. Sie hatte die Gabe, das Gute in allem zu sehen. Sie war eine resiliente Optimistin. Etwas, was meinem Vater unmöglich schien. Sie war ein paar Jahre älter als er, hatte viele Verehrer, doch keiner war es ihr wert. Das sagt sie zumindest. Obwohl sie meinen Vater angeblich zu jung fand, war sie von seinem Tatendrang beeindruckt. Ihre Familie wurde ebenso verfolgt. Als sich ihr Vater und ihr Bruder dazu entschieden, gemeinsam mit meinem Vater zu fliehen, nahm sie allen Mut zusammen und ging mit. Sie hätte gar nicht mitkommen sollen, denn die Männer glaubten nicht daran, dass sie die Kraft oder Ausdauer besaß, eine Flucht durchzustehen. Aber sie ließ sich nicht abbringen. Sie holte tief Luft und sprang als Letzte aus dem fahrenden Sprinter, um mit den drei Männern in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über die iranische Grenze nach Aserbaidschan zu laufen. Nach monatelanger Flucht erhielten sie Asyl in Russland.
Sie waren ganz schön verknallt, sagt mein Vater. In der Sowjetunion schrieb aber die Arbeit den Alltag vor. Obwohl die beiden im selben Wohnheim lebten, sahen sie sich nicht oft. Unter Decknamen verrichteten sie jeden Tag körperliche Arbeit als Schlosser und Näherin. Ihre freie Zeit verbrachten sie nach Möglichkeit immer zusammen. Er wollte ihr einen Heiratsantrag machen, als er zwanzig war. Doch die zwei wurden getrennt. Sie mussten an unterschiedlichen Orten arbeiten und verloren sich. Mein Vater bekam die Möglichkeit, nach Deutschland zu kommen. Er gründete nach vielen Jahren eine kleine Familie. Ich wurde geboren. Indes tat meine Stiefmutter das gleiche, auch in Deutschland. Mein Vater hörte nie auf, an sie zu denken, an ihre Willensstärke und ihr schönes Lachen. Fast so, als hätte es so sein müssen, traf er sie auf einer Demonstration wieder. Er schaute ihr verblüfft in die großen, mandelförmigen Augen, die noch größer geschminkt waren. Ihre Liebe hatte sie nie losgelassen. Einige Jahre später heirateten sie.

Gerne säße ich heute neben meinem Vater im Garten und würde diese Liebesgeschichte so erzählen, als wäre sie wahr. Ich würde mit Stolz erzählen, dass es eine Familie trotz der Grausamkeit und Brutalität ihrer Vergangenheit geschafft hat, intakt zu sein. Dem ist nicht so.
Denn ich erfinde mir meine Geschichte. In meiner Geschichte ist kein Platz für die Grausamkeit unserer Vergangenheit. Kein Platz für die Trennung von meiner leiblichen Mutter, kein Platz für die Wunden der Flucht, kein Platz für die blutigen Straßen Teherans. Ich erzähle nicht von den depressiven Episoden meines Vaters und seiner Einsamkeit. Ich verschweige, dass wir lange keinen Kontakt hatten. Ich erinnere mich kaum mehr an die unerträgliche Stille zwischen uns. Denn wenn ich es hochhole, wird es wahr. Es wird fassbar, der Schmerz ist zu groß.
Das iranische Regime hat es meinem Vater verunmöglicht, eine gesunde Beziehung zu sich selbst und zu anderen aufzubauen, auch nicht zur Liebe seines Lebens – meiner Stiefmutter. Er blieb stecken, im Kampf darum, schon als Vierzehnjähriger erwachsen zu wirken, als Siebzehnjähriger nie wieder in sein Heimatland zurückkehren zu können und Stärke zu bewahren. Ich weiß, dass er traurig ist. Und verloren. Hinter all dem Intellekt, der Bildung und seinen Büchern bleibt mein Vater der siebzehnjährige Junge, der ein Zuhause sucht.
Mein Vater erzählte mir eines Tages: „Mir wurde vor nicht allzu langer Zeit klar: Ich wohne in Deutschland und ich bin heimatlos.“ Er fand Asyl in seinen zigtausenden Büchern, bei Peter Handke und Hannah Arendt. Die Literatur gibt ihm Geborgenheit. Menschen geben ihm diese Geborgenheit nicht. Er liest lieber und raucht. Alleine. Mein Vater ist ein privater Mensch, weil sein Leben ihn zu einem Außenseiter und Einzelgänger gemacht hat. Sprechen kostete ihn ein Leben in Frieden. Das Schweigen über unser kollektives Leid hält uns zusammen. So überleben wir. Die zärtliche Liebesgeschichte meiner Eltern ist ein Weg, um uns eine Illusion von Heimat und Gemeinschaft zu geben – obwohl wir uns keiner Gemeinschaft so recht zugehörig fühlen.
Es ist nicht wichtig, ob meine Geschichte wahr ist, sondern es ist wichtig, dass sie mir das Gefühl von Zugehörigkeit gibt. Ich erzähle diese Geschichte so, wie sie hätte sein müssen. Ich will, dass sie für mich, für meinen Vater und für meine Stiefmutter so ist. Wir verdienen diese Geschichte. Bis wir irgendwann mutig genug sind, in den Abgrund zu schauen. Bis wir lernen, das Schweigen zu durchbrechen, die Wunden gemeinsam aufreißen wollen. Hoffentlich kommt dieser Mut bald: Allmählich zerbricht sie, die Illusion.

Lektorat: Yael Inokai & Olivia Golde

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