PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Ein Genie

Gedanken über „das Genie“ des verwahrlosten Dichters Charles Bukowski:

I met a genius
I met a genius on the train
today
about 6 years old,
he sat beside me
and as the train
ran down along the coast
we came to the ocean
and then he looked at me
and said,
it’s not pretty.
it was the first time I’d
realized
that.

Heute hab ich im Zug einen
genialen Jungen
kennengelernt.
Er war ungefähr 6 Jahre alt,
saß direkt neben mir,
und als der Zug an der Küste
entlangfuhr,,
sah man das Meer
und wir schauten beide aus dem
Fenster
und sahen das Meer an
und dann drehte er sich
zu mir um
und sagte,
„Das is nich schön.“
Da ging mir das zum
ersten Mal
auf.

Das Geniale ist banal. Es zeichnet sich durch einen Bruch mit dem Gewohnten aus: Das Meer gilt als schön, der Blick darauf ist wertvoll. Tourist_innen aus meerlosen Ländern, bevorzugen bei ihren Fahrten Küstenstrecken gegenüber anonymen Autobahnen, Wohnungen mit Meerblick sind teurer, in den Büros und Gefängniszellen auf dieser Erde hängen unzählige Postkarten, Fotografien, Gemälde von Meeren und Stränden. Jetzt widerspricht ein Junge. Er fährt womöglich nicht zum ersten Mal diese Strecke, seine Mutter, sein Onkel haben vielleicht mehr als einmal bei einer solchen Fahrt aufs Meer gezeigt und versucht, den Jungen für die Schönheit des Meeres zu begeistern. Nun schaut der Junge aus dem Zug und seine Feststellung bricht mit dem Gewohnten: Das Meer ist nicht schön.

Der bloße Bruch ist noch nicht genial. Es braucht eine Zeugin: Das lyrische Ich. Der Zeuge stimmt dem Jungen nicht nur zu, sondern begreift zum ersten Mal eine Wahrheit, die er schon lange spürt, denn er sagt: „Da ging mir das zum / ersten Mal / auf.“

Er, der Zeuge, ist viel älter als der Junge und hat viele Jahre damit verbracht auf das Meer hinauszuschauen. Auch jetzt schaut er gemeinsam mit dem Jungen raus, anstatt zu lesen oder die Menschen im Abteil zu betrachten. Denn es ist zur Gewohnheit geworden: Wenn irgendwo das Meer ist, schaut man hin. Mit der Aussage des Jungen weiß er, was ihn immer schon gestört hat: Das Meer ist nicht schön. Sein Blick wurde verbindlich zurechtgerückt. Von nun an sieht er anders aufs Meer hinaus.

Allerdings kennen wir die Motivation des Jungen nicht. Findet der Junge wirklich, dass das Meer nicht schön ist? Oder findet er, dass das Meer, so blau, so weit, so gefährlich, so unbekannt und viel zu gewaltig ist, um mit diesem so wenig gewaltigen Begriff „schön“ beschrieben zu werden. Vielleicht ist der Begriff „schön“ neu für den Jungen und es ist unverständlich für ihn, wie derselbe Begriff auf einen Film, auf die Natur, auf Menschen und Ideen angewandt werden kann. Oder der Junge ist durchaus der Meinung, dass das Meer schön ist, allerdings kann er nicht mehr hören, dass die Erwachsenen sich auf dieser Zugstrecke ständig zum Zugfenster beugen und mit einem zur Fratze erstarrten Grinsen das Meer für „schön“ befinden, ohne dass es für den Jungen glaubwürdig wäre, dass diese Fratzen jemals so wie er übers Meer nachgedacht hätten. Er widerspricht, er provoziert, um sich zu distanzieren von einem Kollektiv der Meerschönfinder_innen, und um auf diese Weise dem Meer seine Würde zurückzugeben.

Unwahrscheinlich ist, dass der Junge seine Feststellung ausgesprochen hat, um als Genie zu gelten. Seine Aussage suggeriert das nicht, und die Bewunderung des lyrischen Ichs bleibt unausgesprochen und daher dem Jungen verborgen. Möglich ist durchaus, dass der Junge am Gesicht des lyrischen Ichs eine Reaktion auf seine Aussage abliest und es ist nicht auszuschließen, dass er seine Feststellung geäußert hat, um eine Reaktion beim lyrischen Ich auszulösen. Nichts lässt jedoch darauf schließen, dass der Junge beabsichtigte, als Genie betrachtet zu werden. Eine solche Absicht würde das Gedicht zerstören. Der Junge wirkte dann wie ein getätscheltes Kind, das nicht mehr gelobt werden muss, weil ihm schon früh erzählt wurde, wie einzigartig, wie außergewöhnlich es sei. Viele solche Kinder laufen heute in wohlhabenden Berliner Bezirken durch die Straßen, meist auf dem Weg zur musikalischen Frühbildung oder zum Kinder-Qigong: Das Bedürfnis der Eltern, eingepflanzt in die Kinder, in einem Kollektiv der Genies die Herausragendsten zu sein. So erlöscht mit dem eher gefühlten als ausgesprochenen Anspruch auf Genialität bereits jedes geniale Potential. Dies wiederholt sich in der Schule und später auf dem Arbeitsmarkt und in der Kunst, auch im Literaturbetrieb. Das Gedicht ist die Rückbesinnung des lyrischen Ichs eines verwahrlosten Dichters auf die Fähigkeit zu beobachten. Im unvoreingenommenen Beobachten liegt mehr Genialität als in dem Genieglauben der Selbstgefälligen.

Witze kann ich mir schlecht merken, aber wann immer ich dieses Gedicht von Bukowski erzählt habe – erzählt, denn es ist keines, das rezitiert werden muss –, habe ich bei meinen Zuhörer_innen beobachtet, wie es auf sie gewirkt hat: Entweder war da sofort ein Ausdruck der Ablehnung im Gesicht oder ein kopfschüttelndes Lachen über den Zynismus des guten alten Charles Bukowski. Es ist allerdings nie vorgekommen, dass jemand mit der Aussage des Jungen übereingestimmt hätte – niemand identifizierte sich mit dem lyrischen Ich. Trotzdem: Das Gedicht bewirkt bei Lesenden, was der Junge beim lyrischen Ich schafft. Es bricht mit einer Gewohnheit, löst sich aus dem Kollektiv und berührt eine Wahrheit. Die Wahrheit ist nicht, dass das Meer nicht schön ist. Sie ist viel weniger fassbar als eine solche Aussage, sie liegt in dem Gefühl, das das Gedicht hinterlässt und das etwas mit dem Gefühl zu tun hat , das sich beim Blick aufs Meer einstellt – eine Tiefe, eine Endlosigkeit, tödlich und beruhigend.

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