PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Diercke Weltatlas, Neuauflage 1988, leichte Gebrauchsspuren

Kerstin Meixner
Stärker prägend als konkrete politische Handlungen oder Aktionen ist für mich als Lehrerin außerhalb des staatlichen Schuldiensts der regelmäßige Austausch mit den Schülerinnen und Schülern, mit ihnen zu diskutieren, eigene Weltbilder zu hinterfragen und manchmal auch einen Mittwochnachmittag der Diskussion beizuwohnen: Wenn ich ein eigenes Land gründete, was wäre dessen Währung und würde ich sie nach mir benennen?

Mein Bruder ist nicht glücklich zwischen den Kartons. „Das da auch noch?“, fragt er spöttisch und deutet auf einen der noch unverstauten Stapel. „Natürlich, sonst wäre das da wohl nicht hier.“ Es ist Jacobs zehnte Nachfrage dieser Art, und er klingt dabei so unverkennbar wie ein großer Bruder, dass ich meiner Pflicht als Schwester nachkommen muss und seiner Erkundigungen längst überdrüssig geworden bin.

So ein Umzug könnte ihm nicht passieren, denn er hat es sich zur Gewohnheit gemacht, seinen Besitz regelmäßig auf einen geradezu spartanischen Stand zu reduzieren. Ich würde diese Eigenschaft bewundern, wenn sie einem Loslösen von Besitzdenken entspränge (ich hasse die Nostalgie, mit der ich an zu vielen Dingen hänge), aber er ist schlichtweg der Ansicht, dass alles neu konsumiert werden kann. Anstatt die Kartons zum Transporter zu tragen, nimmt er deren Inhalt mit dem Genuss des Erstgeborenen auseinander. Jetzt hält er ein grünes Buch in den Händen. „Du bist bestimmt der einzige Mensch, den ich kenne, der seine alten Schulbücher behalten hat.“ Ich erkenne Schrödels Zytologie und zucke mit den Schultern. „Mir hat Bio immer Spaß gemacht.“ Jacob wühlt sich weiter durch den Karton, fördert den Schimmelreiter zutage und auch den Wilhelm Tell, den ich allein schon deswegen mag, weil er das erste Reclamheft war, bei dem ich mich getraut habe, das Cover im Unterricht mit Kritzeleien neu zu gestalten, wie es all die beliebten Schüler taten. Auf Seite 29 steht über Ulrich von Rudenz am Rand, er sei ein opportunistisches, an das Establishment angepasstes Arschloch, was wohl bedeutet, dass ich mit meinem Vater die Hausaufgaben gemacht habe, auch wenn ich mich daran nicht mehr erinnere. Vermutlich habe ich damals auch nicht gewusst, was genau er damit ausdrücken wollte, aber ich mochte immer, wie politisch er war. Heute sehe ich die ausgeblichenen Fotos aus seiner Studentenzeit und kann keinen Bezug herstellen zu dem frustrierten alten Mann, der auf Familienfeiern am Kopf des Tisches sitzt. „Hinter jedem Zyniker steckt ein verängstigter Idealist“, hat er mir immer gesagt. Heute traue ich mich nicht, diese Worte vor ihm zu wiederholen.

Jacob ist mittlerweile zum Grund des Bücherkartons vorgedrungen. Triumphierend zerrt er seine letzte Trophäe empor. „Unglaublich. So ein Ding habe ich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen.“ Mein alter Atlas. Jacob ist sichtlich amüsiert, und mich überkommt sofort Nostalgie. Ich entreiße meinem Bruder das Buch und fahre mit der Hand über dessen blauen Einband. Keine Seite hat sich gelockert, eine gute Bindung, aber das hatte Opa schon damals gesagt. Jacob versteht nicht, wohin ich auf einmal abdrifte. Wie sollte er auch. Der Atlas meines Bruders hatte die Sowjetunion immer behalten dürfen. Vielleicht würde er es als eine verständliche Geschichte empfinden, wenn jemand anderes sie erzählte.


Solange man sich zurückerinnern konnte, hatte die Familie ihre Bücher im Hause Conrad Holtermann gekauft. Das Traditionsunternehmen existierte bis zu seiner nachwuchsmangelbedingten Schließung im Jahr 2002 seit acht Generationen am gleichen Ort. Es hatte in seinem alten Fachwerkgebäude zwei Weltkriege und den deutsch-französischen Krieg von 1870/71 überstanden, auch wenn man die Holtermanns in der Nachbarschaft dafür angefeindet hatte, nicht gegen ihre französischen Verwandten ins Gefecht ziehen zu wollen. Worüber in der Kindheit des Mädchens jedoch niemand mehr sprach. Was es verstehen konnte, hundertzehn Jahre bis zu seiner Geburt waren eine lange Zeit.

Der Großvater hatte in seiner Jugend davon geträumt, Buchhändler zu werden und eine Lehre bei Holtermanns zu absolvieren. Seine Enkelin, die sich ebendies auch vorstellte, verstand erst, als ein Foto des Buchladens mit einem SS-Mann und einem Farbeimer vor der Tür während eines Referats im Geschichtsunterricht gezeigt wurde, warum daraus nichts geworden war – weil auch darüber nicht gesprochen wurde, was sie bis heute nicht wirklich verstand. Wenn ihr Großvater und der Besitzer des Geschäfts einander begegneten, dann sprachen sie miteinander wie zwei alte Schulfreunde es tun würden, die dem jeweils anderen zutiefst vertraut waren und von denen der eine nicht in der Wehrmacht gedient hatte, während der andere sich mit seiner Familie in einem Keller versteckte. In einem Betrieb in der Nachbarstadt hatte ihr Großvater schließlich eine Lehre zum Buchhalter einer Buchbinderei gemacht. Im Endeffekt hatte das, wie die Enkeltochter fand, auch mehr seinem Wesen entsprochen. Seiner stets korrekten, etwas steifen Art, mit der man sich nicht vorstellen konnte, wie er den Fänger im Roggen oder Lolita verkauft hätte.

Als der ältere Bruder der Enkelin am Gymnasium angenommen wurde, war es für den Großvater eine Selbstverständlichkeit, mit der Bücherliste, die die Schule geschickt hatte, zu Holtermanns zu gehen, um die Titel zu besorgen. Die jüngere Schwester kam mit, obwohl noch vier Jahre Zeit waren, bis auch sie auf eine weiterführende Schule wechseln würde, und verliebte sich in einen Atlas. Keines der Bücher in ihrem Kinderzimmer war so groß und gleichzeitig so schwer. „Das ist die ganz neue Auflage, gerade vom letzten Jahr, alles überarbeitet“, erklärte Herr Holtermann dem Großvater, der angesichts dieser Information und der Freude seiner Enkelin gleich zwei der dunkelblauen Bücher, auf deren Titel die Oberfläche der Erde wie die Schale einer Orange aufgeklappt war, kaufte. Da das Mädchen den Atlas eigentlich noch nicht benötigte, war an dessen Erwerb jedoch die Bedingung geknüpft, dass der Wälzer vorerst beim Großvater verbliebe, um sicherzugehen, dass er bis zu seiner Verwendung sachgerecht aufbewahrt wurde, sollte die Liebe des Kindes wieder vergehen. Sie verflog bald. Karten und Diagramme waren trockener Stoff verglichen mit den Abenteuern von Ronja Räubertochter, und die Enkelin würde den Atlas in dieser Zeit ganz vergessen haben, wäre nicht bald darauf die Berliner Mauer gefallen. Sie sahen die Neuigkeit abends in den Nachrichten. Der Vater konnte es nicht fassen, der Onkel weinte vor Freude, kein Republikflüchtling mehr zu sein, und der ältere Bruder rannte durch das Wohnzimmer und schrie: „Sie sind frei!“ Die Enkelin wunderte sich, dass es plötzlich erlaubt war, auf dem Sofa herumzuhüpfen, aber an diesem Tag gehörte es offensichtlich dazu, auf Gegenstände zu klettern und auf und ab zu springen. Am nächsten Tag nahm der Großvater den Atlas aus dem Schrank und strich die DDR durch. Es gab für ihn keinen Grund, die Verhandlungen zur Wiedervereinigung abzuwarten, denn schließlich sollte zusammenwachsen, was zusammengehörte.

Als bald darauf die Sowjetunion von den Landkarten im Hintergrund der Tagesschau verschwand, wurde die Arbeit des Großvaters bedeutend schwieriger, aber die Enkelin brachte nur wenig Interesse auf, sich mit den neuesten Veränderungen in ihrem designierten Atlas zu beschäftigen. Nur wenn das Wetter draußen schlecht war, ließ sie sich überreden, einen Blick auf die Linien zu werfen, die mit festen Bleistiftstrichen- deutlich zu erkennen, aber doch radierbar- durch die grün-braune Landschaft der Übersichtskarten gezogen waren. Ihr sagten all diese Länder nichts, und sie empfand es auch als unfair, dort sitzen zu müssen, wenn ihr Bruder doch ebenfalls einen Atlas besaß und trotzdem nicht für die langatmigen Erklärungen des Großvaters zur Stelle sein musste. „Jacob ist in der Schule“, erklärte ihr der alte Mann, „da werden die Lehrer wohl Sorge tragen, dass alles auf dem neuesten Stand ist.“ Als sie Jacob jedoch fragte, hatte dieser noch nie davon gehört, dass man in seine Bücher zeichnen sollte. „Wir denken uns die DDR einfach weg, wenn wir auf der Seite sind“, lachte er, und von der Sowjetunion wusste er gar nichts und zuckte nur mit den Achseln.

Ganz anders war es, als Jugoslawien zerbrach. Die Enkelin war jetzt ein Jahr älter und verstand mehr. Außerdem erschien ihr Jugoslawien weniger abstrakt als eine Gemeinschaft unabhängiger Staaten, in denen sie niemanden kannte, denn die Nachbarn ihres Großvaters kamen aus Dubrovnik. Sie führten eine kleine jugoslawische Gaststätte im Erdgeschoss des Hauses, und weil die Arbeit an ihrem Atlas nicht den ganzen Tag des Großvaters ausfüllte und er sich ohnehin schlecht in das Leben eines Rentners fügte, half dieser den Ribarevićs gelegentlich bei der Buchhaltung ihres Restaurants. Solange sie sich erinnern konnte, begleitete die Enkelin schon ihren Großvater, um die Bücher und Belege abzuholen und stolz trug sie die Verantwortung, von der Herr Ribarević gesagt hatte, dass nur sie sie tragen dürfe, als das Mädchen einmal dem Großvater hatte helfen wollen und dieser das Kassenbuch partout nicht aus der Hand geben wollte. Stolz lief das Kind seitdem hinter seinem Opa durch das Restaurant und passte auf, dass diesem keiner der Belege hinunterfiel, was nie passierte. Als die ersten Kämpfe in Jugoslawien ausbrachen, änderte sich die Stimmung plötzlich. Anstatt mit ihr zu scherzen, sprach Herr Ribarević jetzt oft auf ihren Großvater ein und schimpfte auf die Serben. Die Enkelin sah, wie ihr Großvater den Kopf hob und unbestimmt mit beinahe schuldbewusstem Gesicht etwas Beruhigendes nuschelte, das sie nicht verstand, bevor der alte Mann sich wieder seinen Papieren zuwandte und den Restaurantbesitzer weiter auf sich einsprechen ließ. An einem Abend nach wenigen Wochen fragte sie ihren Großvater, was mit Herrn Ribarević in letzter Zeit los sei. Der Großvater antwortete, es habe mit etwas in dessen Heimat zu tun, und dies war der Tag, an dem das Wort Krieg in das Leben des Mädchens trat.

Der Atlas lag nun an jedem Tag auf dem Wohnzimmertisch. Umringt von Stiften, Linealen und einem alten Zirkel war um das Buch eine kleine Kartographierzentrale entstanden, von der niemand außerhalb der Familie je Kenntnis nahm, und doch wurden hier die genauesten Karten angefertigt, die man in der Stadt von Hand gezeichnet hätte finden können. „Warum kannst du das so gut, Opa?“, wollte die Enkelin wissen, und der Großvater erzählte ihr, dass auch er einmal Soldat gewesen sei und es dort gelernt habe. In der Nacht träumte das Kind, wie sein Großvater und Herr Ribarević einander erschossen, während sie übereinander schimpften und der ganze Boden voller Rechnungen lag. Als es seinem Vater davon erzählte, tröstete dieser es, und erklärte, dass der Großvater in der Hauptsache Funker gewesen sei. Die Enkelin beruhigte sich und träumte nie wieder von ihrem Großvater als Soldat, bis ihr irgendwann bewusst wurde, dass jemand, der in der Hauptsache eine Sache gewesen war, wohl trotzdem noch genug Zeit für etwas anderes gehabt haben konnte, doch das war erst Jahre später, und sie erfuhr auch nie, ob sie mit ihrer Vermutung Recht gehabt hatte. Außerdem konnte auch ein Funker an vielem eine Mitschuld tragen.


Als ich im August 1993 schließlich selbst begann, das Gymnasium zu besuchen, übergab mein Großvater mir meinen Atlas, damit fortan meine Lehrer meine geographische Bildung übernehmen würden. Vermutlich hätte ich ihm für seine Bemühungen, mir möglichst akkurate Karten mit auf den Lebensweg zu geben, danken sollen. Oder zumindest etwas über die Vergänglichkeit von Verbundenheit und Trennung lernen, aber ich tat es nicht. Damals noch nicht. Nie wieder habe ich ihn danach mit einer Landkarte gesehen. Ich weiß auch gar nicht, ob die anderen Schüler eine neuere Auflage des Atlas hatten oder der Verlag angesichts so vieler Grenzneuziehungen noch keine besorgt hatte. Es spielte aber ohnehin keine Rolle, denn meistens haben wir im Unterricht über die ostfriesischen Inseln gesprochen.

 

More in Prosa #3