PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Die weiteren Aussichten

Henning Bochert
Seine Texte und Produktionen zielen auf Internationalität und befassen sich mit dem Ringen der und des Einzelnen um Integrität in der Gesellschaft.

versunken der Blick in eine andere Zeit an einen anderen Ort als diese Terrasse vor dem Park mit Rhododendren Eichen Eisbegonien Hitze der Kaffeetasse gegen Kälte der Hand Altersflecken Materialflecken

im Kopf noch die Bilder vom Morgen die Sonnenflecken zwischen den Stämmen Regelmäßigkeit des Atmens bei der Gehbewegung eher schon ein Keuchen Leistungsfähigkeit der Gedanken durch höhere Blutzufuhr ans Gehirn Belebung und Beunruhigung

zwischen den Bäumen des Forstes Aussicht der Männer auf die Topografie ihres Körpers in Bewegung das zu rasche Abwenden ihrer Köpfe Strafe für Mangel an Attraktivität alternativ das zu lange Hinsehen Strafe für das Geschlecht versuchte Abwehr beider Angriffe

Vorfreude auf die jetzt schon halb vergangene Tätigkeit im Atelier Formwille Ergebniswille Gestaltwerdung Zwischenprüfen und Feststellen der eingetretenen Befriedigung durch die Arbeit an der Werkbank am Material

Blick hinüber auf die Finanzpaläste Trutzburgen im Dunst der Ebene umgekehrte Geiselhaft ihres Mannes Geldeingang für seine Abwesenheit dann schnell herab auf die Rasenflächen Beete Friedhof der Lebensmitte

Vergewisserung der Präsenz von Leben außerhalb des Ateliers Flucht in den Garten vor der Flucht in die Arbeit Ausgleich der Perspektiven Auftauchen aus Isolation Lenken der Aufmerksamkeit von Innerem auf Äußeres Kaffee Routine Beruhigung

Gang ihrer Gedanken in die Unsicherheit der Erinnerung der gemeinsame Ausflug zur Wiesn vor Jahrzehnten Geschrei von Millionen Stimmen Dirndln Dauerlärm Außerweltlichkeit der zwölf Millionen Liter Bier Gelächter Exzess unendlicher Spaß

Echo vom Erlebnis mit ihm dem Jüngeren ihm dem Lächelnden dem Sportlicheren dem weniger Beleibten Angriffsfläche zum Verlieben für sie Kunststudierte Echo noch seiner freudigen Stimme Bestätigung Beruhigung

Freude ja Begeisterung ehedem glaubhaft in seiner Stimme geschätzt der Beifall zu ihrer Arbeit hilfreich seine Unterstützung seine disziplinierte Zielstrebigkeit neben ihrem Tasten und Forschen nach den Gestalten im Holz später Granit die Bilder sprunghaft und grell stellenweise Tonfilm Anschmiegen und Ansehen und Anlächeln oder Lachen lange maßgebliche Gespräche über die Gestaltwerdung des wenig greifbaren Inneren über ihre Arbeit ihre Skulpturen ihre Ausstellungen ihre Interviews ihr Selbstverständnis

mit zunehmendem Erfolg ihrer Kunst abnehmende Kommunizierbarkeit der Arbeitsinhalte der Tätigkeitsziele fruchtlos ihr Bestehen auf sein Interesse sein Kommentar zu ihrer Arbeit SCHÖN SCHATZ seine Bemerkungen stets an der Sache vorbei geprägt von grundsätzlich unterschiedlichem Verständnis von Arbeit von Priorität von Lebenssinn

Blick auf den Kaffee auf die Hände Abblättern der Materialflecken von ihrer Hand Steinstaub Zutagetreten der Altersflecken darunter die Zeitdifferenz die Persönlichkeitsdifferenz die Körperdifferenz das Leben mehr Vergangenheit als Zukunft das Verhältnis mit zweiundvierzig gekippt mit sechsundfünfzig gekentert Gedanken seitdem an die Art und Weise des Endes Freunde erkrankt oder gestorben Abgänge steigend Neuzuwachs null

unübersehbares Aufkommen an Erlebtem im Gehirn Lagerung der Erinnerungsprodukte schwindende Neuzugänge in der Erlebnisverwaltung Listen verlorener Dinge verschwommener Gesichter verschwundener Gefühle gehäufte Fehlleistungen Neues für Altes genommen aufgrund tatsächlicher oder vermeintlicher Ähnlichkeiten Verwechslung von Isolation und Konzentration von Tätigkeit und Arbeit von Geräusch und Gespräch

die Aussicht hinweg über das paradiesische Getto der oberen zehn Prozent auf die Topografie der Stadt am Fluss Ballung der Anderen einst Mitbürger jetzt Fremde Bemerkung des Verkäufers beim Einkauf im Laden diese freundlich nichtssagende Art Langeweile geronnen zu zwischenmenschlicher Nähe ideale Eigenschaften für einen langen gemeinsamen Bunkeraufenthalt

im Fahrersitz des Wagens auf dem Parkplatz dann die Tüten im Kofferraum ihr Gedanke an das Ausmaß der Verschwendung der eigene Mann ein ganzes Leben in einem Büro abgesessen

Fehlendes Verständnis des Primats der Sache über den Profit sein Streben maximaler Einfluss minimale Verantwortung ihre Kunst ohne Geschäftsplan Marketingstrategie letztlich verzichtbare vertagbare Nebentätigkeit

ihre Erfolge schlecht quantifizierbar wenig attraktiv in betriebswirtschaftlichen Parametern minimal wachstumstauglich Galeristenwerte so vorhanden in Marktdimensionen schlichtweg nicht nennenswert aber SCHÖN SCHATZ

ihre sogenannte Kunst ihre sogenannte Arbeit der Ekel davor Talent sofern vorhanden in der jungen Frau von einst tiefer in den Dreck des Kompromisses getreten mit jedem Tag ihres Lebens mit eigenen Füßen die Schuhe teurer mit den Jahren

ihr Vermögen geronnen zu Fremdheit anstatt Freiheit durch Freiraum tatsächlich zu viel Distanz mehr als genug teure Quadratmeter zum Aneinandervorübergleiten reibungslose Parallelgestalten Kreuzung im Unendlichen

ihre heimliche Arbeit an sich selbst gegen seine öffentliche Arbeit an ihr ihre Stille ihr Verharren ihr Verbleiben ihr gemeinsames Leben verblichen zwei einzelne Alte gelegentlich zum Essen unter einem Dach das gemeinsame Schlafen in einem Bett anachronistische private Schrulle ihr Wohn-Heim als Wachstumsfalle

ihr Leben Appendix zu seiner Existenz der Freundeskreis verwaltet wie Anlagedepots seines sozialen Portfolios sie selbst belebtes Objekt zwischen unbelebten Trophäe für Träger von Karriereoptionen sein normatives Leben ihr Schweigen

Schweigen als Garant für Reibungsfreiheit Deeskalation durch Ignoranz Einigung auf Totmachen der Wut durch Stillschweigen Verharren dieses Chefs im Chefsessel im Flugzeugsitz im Wagen Augenwinkelerscheinung des Chauffeurs anstatt mit ihr zusammen jenseits dieses Dunstes jenseits dieser deutschen Mittelgebirge dieses Kontinents irgendwo jenseits dieser Glattrasur der Grünflächen des dekorativen Herbstlaubs in fachkundig arrangierter Beschaulichkeit

zahllos ihre Schwüre über Jahrzehnte zum Befreiungsschlag unreife Regung DAS IST DAS LEBEN lästige Relikte pubertären Strebens MAN MUSS DANKBAR SEIN Routine Beruhigung

Zerstörung der Begonien kurzzeitig vor ihren Augen gewaltsames Ausreißen Zerhacken der Büsche Zertrampeln der Beete Vernichtung der Gartenordnung der Denkordnung der Hackordnung

dieses Schweigen zwischen den Möbeln zwischen den Bewohnern sein Tagesablauf draußen gegen das Schweigen der Dinge und der Frau innen

Freizügigkeit gesichert dank Liquidität Abreise jederzeit möglich zu unbekannten Ufern taratara jedoch leider gattenlos gewiss nicht mangels guten Willens ICH BITTE DICH sondern aufgrund unmöglicher Vertagung wichtiger Termine alles außerhalb jener Besprechungsräume automatisch nebensächlich unwichtig

seine pragmatische Sprache seine effiziente Sprache seine sachliche offizielle Sprache seine manipulierende Sprache seine Expansionssprache

keine gemeinsame Sprache der Wortschatz entwertet täglich Missverständnisse SAG ICH DOCH SAG ICH AUCH WIESO VERSTEHST DU MICH NICHT DU VERSTEHST MICH JA NICHT
täglich Streit über das Gesagte das Ungesagte aber Gemeinte das Herausgerutschte das unfreiwillig Mitgesagte aber nicht Gemeinte das Nichtgesagte aber Mitgedachte das strategisch Verschwiegene

das dem Anderen als Waffe vorenthaltene Nichtgesagte das dem Anderen in den Mund Gelegte das dem Anderen im Mund Herumgedrehte das elefantenhaft aus dem Mückenhaften Herausgekehrte das unverfroren bagatellisierte Ungeheuerliche

die mit der Kraft der Kränkung herausgeschleuderte Beleidigung das krasser als gemeint Gesagte das nicht wiedergutzumachende Wunden Schlagende das altes Vertrauen nachhaltig Schädigende

die verbalen Blendgranaten die entgegen aller Abreden verzweifelt doch eingesetzten Geheimwaffen die nicht mehr auszuräumenden Minenfelder im häuslichen Umgang

Haarspaltereien über Worte aber was für Haare was für Worte die verwendeten Wörter gleich aber die Bedeutung der Wörter komplett entgegengesetzt semantische Areale ohne kontextuelle Schnittmengen

seine Verbfixiertheit jedes Adjektiv als unrentable affektive Beigabe verbannt aus der Kommunikation kein Beschreiben kein Bewerten nur Tun Entschluss Tun als Gestaltung Manipulation Machtgebaren Exponierung als Risiko Risiko nie als Gefahr immer als Chance

seine Sprache der Handlung der Veränderung in Permanenz ein Sprechen das etwas bewegt Sprache dynamisiert ist selbst Handlung ist Welt definiert Leben aktiv gestaltet ist soll kann darf muss wird behauptet nimmt in Anspruch bekräftigt unterstützt behält verändert unterscheidet trennt eins vom anderen Ross von Reiter Recht von Unrecht Spreu von Weizen Meins von Deinem

Sie ist die die sich ausmalt wie er nicht darüber nachdenkt was sie tut wie er an sich denkt und sie denkt an die Beziehung wie er ans Haus denkt und sie denkt an die Beziehung wie er an die Ehe denkt und sie denkt an die Beziehung HART IST DAS LEBEN einer hat immer das Nachsehen aber die wiederkehrende Frage in ihr WIESO ICH in dieser Gemeinschaft von zweien

weltfern der Mönch der Arbeit Erleben der Welt selbst verursacht ihm Arbeitsentzugserscheinungen während alles in ihr danach schreit seine Arbeit am Mehrwert minutengenau getaktet kann sie den Primeln hier auswendig in die mitteldeutsche Nachmittagssonne hersagen

dieses Phantom an ihrer Seite dieser zerfallende Leib dessen Gedanken ihr fremder werden Tag für Tag so wie er ihren Leib nicht mehr kennt Witwe gelegentlich heimgesucht vom Wiedergänger ihres Ehemanns Klebstoff der Rituale im ewig gleichen Horror der Beschaulichkeit

das ihr wie jeder zustehende Maß an Aufmerksamkeit an Liebe ihr Anspruch ans erfüllte Dasein da braucht kein Leitzinssatz ihr den Rang als Objekt der Begierde abzulaufen aber ANDERE HABEN ES SCHLECHTER

man muss nicht dankbar sein das Leben muss so nicht sein ein Ausscheren wünscht sie ihm und sich an den Hals den Ausbruch aus dem Minutenknast dass es ihn aus der Wachstumskurve werfe die Luft aus dem Terminüberdruck lasse dass er erschlaffe auf Normalmenschmaß

jedoch fließt aus seinen Konferenzen Kapital in ihr Leben kauft ihr den Stein füllt ihr die Kaffeetasse als junge Frau ging kein Gedanke zum Erfolg als reife Frau nahm sie Büsche wie diese in Gärten wie diesem für Zeichen der Berechtigung

ihre Skulpturen kraftvoller mit der Schwächung ihres eigenen Lebens kritikgelobte Golems brüllend mit ihrem verhaltenen Atem unbändige Homunculi an ihrer Statt

ihr Bild von dem Paar aus dem sie ihn herausschneidet dieses Schmuckstück von Ehemann dieses Schmuckstück von deutschem Wohnort herausschneidet sich selbst Schmuckstück Dreckstück von Ehefrau herausschneidet und neu einsetzt am anderen Ort ausgehalten von seinem Geld das schon die Grenze überquert hat mit größerer Freizügigkeit als der ihren privilegiert zum gewinnbringenden Auslandsaufenthalt

Schluss mit diesen Hoffnungsschimmern diesem Waswärewenn zu lange hat er sich zur Kompromisslosigkeit erzogen für sie wird er nichts mehr aufgeben nicht sie umarmen und sagen ALLES WAS DU WILLST LIEBSTE wann kommt die Einsicht endlich gründlich genug die Entscheidung für einen Weltenlenker war der Fehler ihres Lebens

braucht mehr Glück mehr Geld braucht das Geld den Mann wo ist der Mann ohne Geld was ist der Mann ohne Geld will sie weder Geld noch Mann will sie etwas das sie noch nicht kennt wie erkennen lernen was man noch nicht kennt wie erkennen lernen was man schon weiß wie den Mut der fast vollständigen Unwissenheit finden die Stimmen ersticken die ihr den Frieden im Alter nehmen oder die die ihn versprechen was muss jetzt geschehen oder nie wann verglüht diese Jugend endlich

die Hände heiß jetzt kalter Kaffee in die Begonien ihre Kunst ihre Gedanken die Gäste der Park der Wein sind getauscht gegen den Mann den sie geliebt hat anders wär es wäre sie eine andere und stärker vielleicht

Knarren der Bäume im Wind Keuchen zwischen Eichen Keuchen beim Hinsetzen beim Aufstehen Würde der Bäume im Alter Blick des Baums auf die Keuchende

hin und wieder steigt das auf wie Blasen aus vergessenen Tiefen Illusionen Zerrbilder aus Erinnerung an ihren Narziss und ihre Sehnsucht der Hass die Wut noch Reste von Hoffnung die länger zuckt als der Körper

Verwirklichung Verwischen Verschwinden der Künstlerin zurück zu den pulsierenden Stücken an der Werkbank lächelnd die Gattin im Glück seiner möglichen Heimkehr von der Weltbank Routine Bestätigung Beruhigung

während ihre Knochen versteinern

 

More in Prosa #3