PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Die Frau aus Glas

von Klara C. Zeitz

Heute sitzt sie: und wartet auf das sich Öffnen und Schließen der Tür. Sie wartet täglich.
Dort. Auf dem Stuhl. Neben der Tür.
Dann wieder auf den Frühling.
Oder die Medikamente.
Es sind ja nur Zeitenfolgen.
Was heißt das schon.
Die Stimme flüstert ihr Schwerelosigkeit zu.
Sollten doch alle Kopf stehen.
Hier ist es angenehm ruhig.

Sie war nicht immer so.
Ich seh sie noch vor mir.
Früher war sie adrett. Vor nichts hatte sie Angst.
Gefühlt. Die Männer kamen und gingen.
Sie diskutierte an der Uni und im Bett.
Sie lachte aus vollem Mund und aß aus vollem Herzen.
Sie machte Feuer im Garten
und zeichnete mit langen und energischen Strichen.
Jedes Gesicht jener Zeit ein Blatt im Zeichenblock.
Was denn jetzt kommen würde.
Überall vibrierte es, auf den Straßen, im Konsum, in den Kohlekellern.
Politisch war, woran man glaubte. An den Neuanfang.
Im Wandschrank die Absatzschuhe, säuberlich eingehängt. 
Gleich neben der Wohnungstür.
Allzeit bereit.

War sie heute unglücklich? Sie selber würde das nicht so sagen.
Und auch nicht denken. Sie würde eher sagen:
Irgendwie festgefroren.
Sie heiratete früh, Flucht aus dem Elternhaus,
studierte, bekam früh Kinder,
verließ ihren Mann, da war sie noch keine dreißig.

Unbändig war sie. Es gab noch so viel zu sehen.
Und auf einmal war sie verliebt.
Im Schatten eines lauen Sommertages.
Auf frisch gebohnerten Treppen.
Komm doch heute Abend, hatte er gesagt.
Ich werde für dich Musik machen.
Als sie bei ihm klingelte, quollen ihr Gelächter, überschlagene Beine und der Geruch von Bier entgegen. Menschen auf jedem Zentimeter Wohnung.
Er hatte nur Augen für sie.
Beobachtete sie.
Und entzog sich wieder.
Ein Spiel.

Er lehnte an der Wand im Flur, zündete sich eine Zigarette an und versprach ihr Zeiten der gemeinsamen Zukunft.
Jeder wollte in jenen Tagen die ganze Zukunft, alles auf einmal, die Zeichen dafür standen gut.
Draußen vor der Tür schrie die Menge jeden Montag, und sie standen zusammen und
entgegneten ihnen mit Jugend und Überschwang, Trotz und Mut.
Sie sprang übermütig und lief weißen Bettlaken und sonnendurchwobenen Tagen entgegen, bis sie zu zittern anfing, plötzlich Angst bekam und ihn erschrocken ansah. Da heiratete er eine andere und bekam fünf Kinder mit ihr.
Sie blieb zurück. Krümmte sich und schloss alle aus. Fast alle.

Keiner sollte sie erkennen. Der Himmel verdunkelte sich.
Fatal der tiefe Raum, der sich um sie gebildet hatte.

Es wurde nicht hell.
Sie tauchte ein wenig auf, aus den Tiefen der inneren Dunkelheit. Stöhnend ließ sie den Schmerz zu, betrachtete ihn. Ich sah, wie sie ihre Hände ins weiße Laken krallte, wie sie es um sich zog, damit der Schmerz sie nicht forttrug. So viele unnütze Worte: Betrug, Verlust, Herabsetzung.

Grimassen baumelten über ihr und enthüllten, was immer schon gebrodelt hatte. Die Liebe zum Vater, Lieblingstochter, die verbissene, steinerne Miene der Mutter, hart vor Eifersucht. Lippen zu Strichen gezogen, zu allem bereit – bis hin zum Verrat des eigenen Kindes. Und als der Vater handelte, gefror sie äußerlich.

Schwerer hatte sie sich nie angestrengt, es gelang ihr nicht, sich auch nur einen Meter zu bewegen. Atemlos schnappte sie nach Luft, ich sah, wie sie sich bäumte, hechelte. Das Blut in ihrem Schädel pulsierte. In ihr wurde gekämpft, ohne Frage. Sie verlor sich. Tauchte wieder auf. Und wieder unter. Nur der Wahnsinn schütze sie vor dem Unerträglichen. So hielt sie sich am Wahnsinn fest, und er sich an ihr.

War sie nicht auch selbst schuld gewesen?
Hochmütig hatte sie geglaubt, sie könne alles haben.

Dann kam die Wende.
Sie ging zurück ins Leben, zu den alten Gewohnheiten. Zur Arbeit, zum Essen, zum Schlafen, allein und kalt. Und war undurchdringlich geworden.
Mit Genugtuung fühlte sie die Kälte, die sich in ihr ausbreitete.

Sie zog um in ein Haus im Westen der Stadt, und es begann ein neuer Abschnitt. Sie dachte manchmal zurück an die Hausbewohnerinnen, Geister einer anderen Zeit, geliebte, umgeben von alten Schuppen mit Wellblech, an den blühenden Flieder im Frühling, an die Feuer in einer Ecke des Gartens – zusammen mit den anderen Frauen im Haus. An den blühenden Kirschbaum: an die Fensterbank in der Küche und den Blick aus ihrem Zimmer: über den Kirchturm, an den Dächern vorbei, auf denen kleine Birken wuchsen. An die Toilette auf halber Treppe und die eingefrorenen Leitungen in den kältesten Tagen des Winters. Sie war frei und stark und besaß nichts. Noch hatte sie keiner untergekriegt.
Unter ihr wohnten links Uta und Hanna, beide lesbisch, kein Paar. Rechts wohnte Astrid, eine kleine zierliche Figur mit kurzen, lockigen Haaren und stechend munterem Blick, Tochter eines berühmten Professors, mit ihrer kleinen Tochter und allein. Oben drüber eine Syrerin, den Namen hatte sie vergessen, gerade erst angekommen, hatte Depressionen und weinte viel. Sie hatte runde Formen, bewegte sich wiegend aus der Mitte heraus und machte immer Tee, wenn sie Besuch bekam. Es roch bei ihr immer alt und abgestanden. Vielleicht, weil sie gleich unterm Dach wohnte. Oder weil sie alles mit Auslegeware und Möbeln aus dem Sozialkaufhaus eingerichtet hatte. Bunte Wackelbilder an der Wand. Neben dem Bild von Said. Ihrem Freund. Der nachkommen würde. Bestimmt.
Nebenan wohnte eine junge Geigerin, die sich in einen doppelt so alten Mann verliebt hatte und sich oft seinetwegen die Augen ausweinte, bis sie aus Verzweiflung einen anderen heiratete und mit ihm fortging. Sie konnte so wunderbar triefende Melodien spielen und einen vorzüglichen Hefezopf backen. Den besten. Gegenüber wohnte das einzige Paar – mit Kind, bis er, Peter, sich in sie verliebte und von der rechten Wohnung in die linke zog. Und später, als es deshalb zu unschönen Szenen kam, runter in den leeren Laden.

Hier war sie wieder bei sich: feierte Feste, mit langen weißen Tafeln im Garten und Abenden am Ofen mit Wein, Gitarre und selbstgedrehten Zigaretten.

Als Peter ging – weil sie verschlossen blieb – kamen andere, scharenweise. Einige Jahre ging das so. Sie war wild und ungehalten und gefühllos. Benutzte ihr Verlangen und ließ sich benutzen. Lutschte sich aus, bis sie leer am Boden liegen blieb. Und den Schatten zuschaute, wie sie über die Wände ihres Zimmers tanzten.

Das war alles in allem eine gute Zeit.
Plötzlich schlug es um. Die Männer blieben aus oder sie ließ sie nicht mehr rein.
Sie hasste nicht mehr und liebte nicht mehr.

In die fließende Zeit bohrte sich die Stimme. Von hinten in ihr Bewusstsein. Wurde ihr zum ständigen Begleiter. Die Stimme durfte bleiben. Über die Jahre verliebte sie sich fast ein wenig in sie. Fragte sie oft um Rat. Oder erzählte einfach vom Tag und von der Nacht, der Angst und dem Alleinsein.

Manchmal fürchtete sie sich auch vor ihr. Dann stand sie als dunkle Gestalt hinter der Wohnungstür und wollte ihr ans Leben. Mit scharfem Messer, schwarzen Augen in eingefallenem Gesicht mit tiefer Stimme. Übermächtig. Gewalttätig.

Einmal malte sie die Stimme. Noch heute bekomme ich Angst bei diesem Bild.

An jenen Tagen, an denen die Stimme ihr eine alte Frau in den Leib setzte, kam sie kaum die Treppe hoch.
Sie hielt sich am Geländer fest, versuchte den Fuß auf die höhere Stufe zu setzten und blickte auf zum nächsten Treppenabsatz.
Morgens konnte sie kaum aufstehen. Es folgten müde, ausgelaugte Stunden.
Die Augen tränten müde, wollten nichts mehr sehen.
Gebogen hatte sie sich, innen entzweit, dabei war sie noch keine 50.
Sie war nicht biegsam in den Knochen, das meine ich nicht.
Sie konnte alles sein, witzig oder ernst, zärtlich oder distanziert, kümmernd oder absolut abwesend – und passte überall rein. Weil sie nichts mehr war. So schien es mir.
Oft hatte sie sich passend gemacht, sich bemüht, Teil des Ganzen zu sein, ihre Aufgabe hier und in dieser Gesellschaft zu erfüllen. Sie hatte gekämpft. Im Stillen.
War nach jeder Niederlage wieder aufgestanden –
Nur die Stimme, die war ihr Geheimnis.
Niemand wusste davon. Fast niemand.

Jetzt ertrug sie keinen Trubel mehr. Innen war die Stimme, außen musste Stille sein. Wenn doch auch mal außen Stimmen waren, kam sie manchmal durcheinander.
Irgendwann hatte sie mir gesagt, sie würde sich gerne fallen lassen. Ohne Wenn und Aber. Aber ihre Mauern waren schon zu hoch.

Sie liebte die Kälte, eisdurchzogene Winter, knirschende Schritte über menschenleeren Straßen.
Eisblumen an den Fenstern, schneestille Abende, gleißendes Licht. Ohne Geräusche.
Als ich den Knopf drückte und die Tür sich öffnete,
saß sie neben der Tür.
Ein Arzt redete auf sie ein, ich sah ihren Blick und
wusste, dass sie seine Stimme durch ihren Kopf hindurchsickern
ließ und die Worte keine Form annahmen.
So oft hatte ich selber versucht, zu ihr durchzudringen,
Gefühlsausschläge zu provozieren.
Hatte versucht, sie herauszufordern.

Wo Eis ist, kann kein Rosenbusch wachsen.
Sie sitzt auf diesem Stuhl, hier am Eingang ihres einzig vorstellbaren Kosmos.
Der Arzt ist weg und sie erzählt mir schelmisch grinsend,
wie sie heute eine Revolution gestartet hat.
Kampflos war sie nie.
Die Klinik wollte den Kaffee streichen.
Sparmaßnahmen.
Da hat sie einen Brief verfasst und alle Insassen unterschreiben lassen.
Auch die Schwestern.
Was meinen Sie? Sie wollen nicht?
Das tut mir leid. Wir haben keine andere Wahl.
Man muss sich wehren.
Sie ist hier zufrieden.
Auf ihre Art.
Weißt du, mein Mädchen,
ich möchte nicht mit dir tauschen.
Um nichts in der Welt.
Hier drinnen sind die weniger Ver-Rückten
– als bei dir da draußen.
Gib bloß Acht.

 

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