PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Der Missbrauch einer Fremdsprache

von einer sogenannten Fremdsprachenenthusiastin

Ich bin Amerikanerin. Habe ich das richtig geschrieben? Mist – im literarischen Erzählen wird immer das Präteritum verwendet. Typischer Fehler.

Meine Art zu schreiben im Deutschen ist nach drei Jahren immer noch einfach zu schaffen, einfach zu verstehen, eben einfach. Nebensätze und das Verb ‚sich durchsetzen‘ verwirren mich, deshalb vermeide ich solche Ausdrücke. Ich bleibe schriftlich auf dem Niveau eines neunjährigen Kindes und werde vermutlich auch noch einige Zeit da bleiben. Deutsch lerne ich nun seit drei Jahren, Französisch seit acht. Dazu möchte ich eines Tages Italienisch, Türkisch, Schwedisch, Spanisch, Norwegisch und ein paar Programmiersprachen können.

Ich erzähle Leuten, die mich fragen, ich zog nach Deutschland, weil ich mich für die Sprache interessiere. Weil ich in Deutschland geboren wurde und mir dachte, vielleicht wird ja eine neue Seite von mir in meinem Geburtsland aufwachen.

Das stimmt aber alles nicht. Tatsächlich zog ich nach Deutschland, weil ich hier eine Ausrede habe, wenn ich etwas nicht sagen will und zwar: Deutsch ist nicht meine Muttersprache. In Deutschland darf ich schweigen. Als Angehörige der jungen, akademischen, politisch interessierten Gemeinschaft wird in den USA immer erwartet, dass man eine Meinung zu allen wichtigen, aktuellen Themen hat. Eine starke, ausformulierte, beredsame Meinung habe ich aber häufig nicht. Jedenfalls habe ich keine, die ich gerne veröffentlichen würde. Das gilt nicht nur für Politik, sondern für das ganze Konzept vom Sprechen. Seit ich sehr klein war, ist es mir fast immer schwer gefallen mit anderen Leuten klar zu kommen, um Ideen zu teilen, die jeder sofort versteht. Manchmal nickt mein Gegenüber mit dem Kopf, nur weil es einfach nicht mehr zuhören will oder weil es keine Fragen mehr stellen möchte, nachdem ich schon so viele Fragen beantwortete habe und trotzdem meine Idee nicht genau erklären konnte. Je mehr Fragen an mich zu einem bestimmten Thema gestellt werden (egal ob es um meine eigene These oder bloß um ein spannendes Gespräch geht), desto leichter, kleiner und unauffälliger will ich werden.

Auf Englisch wird meine Ängstlichkeit bzw. mein Widerwille mich mit fremden Leuten zu unterhalten als eigenartiger Teil meiner Persönlichkeit anerkannt. In Deutschland ist es eher der Fall, dass, wenn ich etwas nicht sagen will oder wenn ich in der Tat nicht weiß, was ich sagen soll, ich einfach mit dem Kopf nicken kann, lachen wie ein Mädchen und sicher sein kann, dass ich nicht nochmal gefragt werde.

Das Lernen einer neuen Sprache ist der Versuch einen neuen Charakter zu entwickeln. Auf Deutsch leihe ich mir die Worte von denjenigen, die zu meinem inneren Kreis gehören. Ich probiere neue Begriffen an, lasse sie im Mund zerfließen, damit sie vielleicht den Weg ins Blut finden und sehr eventuell anfangen, sich natürlich anzufühlen. Meine Zunge liebt die Herausforderung; mein Gehirn versucht sie auch zu mögen und ich habe das Gefühl, sie werden bald eine Vereinbarung treffen. Mittlerweile überlege ich mir, ob die deutsche Meredith meine Lieblingsversion ist.

Ich missbrauche die Sprache. Ich bettele der deutschen Sprache persönliche Neuigkeiten ab, aber tue außerhalb meines Kopfes so, als ob ich seit einer Ewigkeit so bin.

Ich versuche gerade, eine dauerhafte Art zu sprechen zusammenzubasteln. Manchmal ist es ein aktiver Prozess, wie ein Robot, das sich wie ein Mensch benehmen will. Ich höre überall zu: Auf der Suche nach der perfekten Kombination von Worten und Betonungen und menschlichen Eigenschaften. Manchmal ist es eher passiv, wie ein Kind, das die Muttersprache im Hintergrund des Spielens lernt.

Die deutsche Sprache bekommt von mir allerdings nichts. Der Sprache kann ich nicht danken. Ich kann nur probieren, sie zu beherrschen und zu benutzen, um der Welt ein (fast) ehrliches Portrait vorzustellen.

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