PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Dekameron auf Krilo

von: siehe Texte
übersetzt von: siehe Texte

6.4.2020
Noch ein Dekameron

In Boccaccios Dekameron („Zehntagebuch“) flüchten sieben junge Frauen und drei junge Männer vor der Pest in eine Villa in der Nähe von Florenz. Dort eingeschlossen erzählen sie einander, während die Pest wütet, täglich zehn Geschichten zu einem vorgegebenen Thema – und erzählen insgesamt hundert davon.

Dekameron auf Krilo“ ist (noch) nicht so ambitioniert, imitiert aber bis auf die Anzahl vollständig Boccaccios Dekameron: zehn Menschen, eingeschlossen in einem Haus, werden in zehn Tagen täglich eine Geschichte zu einem vorgegebenen Thema erzählen. Alle sind natürlich in ihren eigenen Häusern, aber sie teilen dieses Haus hier.

Das Leben ist immer schrecklich, nur denken wir das normalerweise nicht alle sofort. Manchmal sagen wir für das Unbegreifliche und Unvorhersehbare anstelle „schrecklich“ auch „wunderbar“ oder „merkwürdig“, was die schönere Seite derselben Medaille ist, weshalb wir das Leben auch lieben. Unsere Geschichten schauen nun auf diese andere Seite.

Das sind die Themen, über die wir einander erzählen werden:

  1. Tierreich
  2. Gold
  3. Dummköpfe und dumme Gänse
  4. Frühling
  5. Wind im Haar
  6. Freuden des Körpers
  7. Verliebtheit
  8. Mysterien
  9. Gaumen
  10. Rache

Ab morgen!

Übersetzt von Eva Kowollik

Original: „Još jedan Dekameron“ von „Dekameron na Krilu
auf:https://krilo.info/dekameron-na-krilu/

Anlagegold (Thema: Gold)

Als sich in einem dieser ungebetenen Gruppenchats, der unerwartet ins Leben gerufen wurde, Ratschläge über die „Krise, die immer eine Gelegenheit“ für den Kauf von Goldbarren bietet, zu verbreiten begannen, überlegte ich wenigstens nicht lange: Sofort ging ich die Inventur meiner Goldsammlung an.

Im Frühjahr 2009 las ich akribisch Schulbücher im Bemühen, die zwei übersprungenen Jahre Kunst am mathematischen Gymnasium nachzuholen. Als ich die modernistische Ethik zusammenfasste, schrieb ich: Die Plastikschüssel, die Kristall nachahmt = Lüge. Kurz stellte ich mir so eine Schüssel aus Hartplastik im Küchenschrank vor. Lügnerin? Arme Schüssel, sie ist überhaupt nicht (so?) schlecht, es besteht keine Gefahr jemanden zu täuschen, flüsterte mein Gewissen. Ein paar Tage später, während ich aus einer herzförmigen Silberschachtel Pralinen aß, konnte ich nicht aufhören, den purpurfarbenen Samt zu streicheln. Die Schachtel ist nicht aus Silber, der Samt synthetisch und nicht aus Seide, aber diese Imitationen sind gut genug für meinen

billigen Geschmack. Meinen ganzen „echten“, rostfreien Schmuck, den ich von der Verwandtschaft zu Geburtstagen und anlässlich der Sakramente bekommen habe, brachte ich in ihr unter, die „lügenden“ Ketten und Ohrringe aus Fimo-Masse befanden sich irgendwo anders in einer vergessenen Schachtel.

Als Teenager verbrachte die feministische Autorin Margarete Stokowski Stunden damit, Schminktechniken im Badezimmer zu lernen, nur um sich das Angemalte und Schattierte vor dem Verlassen des Hauses wieder abzuwischen. Was für eine peinlich genaue Beschreibung meines Verhältnisses zu Kosmetik und Schmuck: Ich liebe ihn theoretisch, ich analysiere die Harmonie und Wirkung der Farben, aber sobald ich ihn anlege, fühle ich mich erstickt und belastet. Gefährlich und potenziell lächerlich ist es so auszusehen, als ob es euch interessiert, als ob ihr euch um euer Äußeres bemüht und am schlimmsten, wenn es euch nicht gelingt, gut auszusehen, sondern nur, als ob ihr es verzweifelt versucht, sagte mir die von Selbsthass verdrehte Logik. Abgesehen von der obsessiven, seriellen Monogamie mit einem mehr oder weniger verborgenen Stück – einer Uhr, einer Kette, einem Ring -, so lange, bis es vor Abnutzung verschwindet oder auf den Meeresboden fällt, ist meine intensivste Beziehung zu Schmuck jene mit der Schachtel. Ab und zu nehme ich alles vorsichtig heraus, wische den Staub ab und entwirre Verwickeltes (Wieso passiert das überhaupt, wenn ich es nie trage oder herausnehme?), mit den Ohrringen überprüfe ich, ob meine Ohren weiterhin für die ungetragenen Ohrringe durchlöchert sind.

Die gängigsten Farben von Goldlegierungen im Einzelhandel sind Weiß, Gelb und Rosé (Rot). Falls ihr es noch nicht getan habt, dies ist der Moment, um zu entscheiden, was euch am liebsten ist, und zu bedenken, was das über euch aussagt.

Gelbgold: Klassische Personen, die an zeitlose Schönheit glauben, Personen, die nicht lächerlich aussehen, wenn sie Bronzer tragen oder gebräunt sind, selbstbewusste Personen, die vielleicht vom Sternzeichen Löw:in sind, die kriminelle Unterwelt, die sich nach vergangenen besseren Zeiten sehnt.

Roségold: Handys und andere Gegenstände, die kein Schmuck sind, Millennials, Dekadenz aus dem Russischen Zarenreich.

Weißgold (mein Favorit): Ein Fünkchen alternativ, aber nicht zu viel,¹ sieht aus wie Silber, aber man muss es nicht polieren, glänzt durch seinen zurückhaltenden Glanz. Zugleich schmeichelt es meinem Wintertyp (Falls ihr nicht wisst, was eure Jahreszeit ist, taucht tiefer ein in diesen süßen Zeitvertreib und schaut hier nach).

Die „Echtheit“ (nicht nur) meines Goldschmucks ist etwas fragwürdig. Die Steinchen sind keine Diamanten, sondern Zirkonia, keine Smaragde, sondern grünes geschliffenes Irgendetwas (Glas? Plastik?). Das perfekte 24-karätige Gold ist zu weich und biegt sich unter seiner Perfektion, es ist nur geeignet für Anlagebarren und nicht für die Schmuckherstellung.

Die wichtigsten der Stücke, die ich manchmal trage, sind ein Ring mit einem roten Stein, der vorgibt, ein Rubin zu sein, und ein eiförmiger, blau-weißgoldener Anhänger, der vorgibt, das Erbe adliger Vorfahren aus der Republik Ragusa zu sein. Die Stücke, die ich niemals getragen habe, sind jene mit eingravierter Botschaft: Ein Armband in Kindergröße mit meinem Vornamen und Geburtsdatum – wie das Armband aus einer Entbindungsstation eingefroren in Gelbgold. Ein rechteckiger flacher Anhänger mit den schöngeschriebenen Buchstaben: „Für Lea zu ihrem 10. Geburtstag. Oma und Opa“. Untragbar und absurd, dachte ich lange. Heute scheint mir, dass gerade sie etwas Wertvolles in sich tragen. Gold verschenken bedeutete, einen bescheidenen materiellen Wert für, falls es so kommen wird, unsichere Zeiten anzuhäufen – für den Ankauf von Gold über Inserate mit einem grafischen Design, das bei niemandem Vertrauen hervorruft. Außerdem wird auf diskrete Weise ein Affekt bewahrt. Oma und Opa gibt es längst nicht mehr, aber ihr Minibrief auf dem Täfelchen ist noch hier. Er ist weder die Tafel von Baška, noch der Stein von Rosette, aber er erinnert deutlich an die Tatsache und die Umstände der Entstehung meiner selbst. Er spricht über das Jahr 2000, welches wir ohne Weltuntergang, auch nach der totalen Sonnenfinsternis am 11. August 1999, erfolgreich überlebt haben. Das waren reale Bedrohungen im Bewusstsein einer Zehnjährigen.

Meine bescheidene Sammlung betrachtend, sehe ich keine verbrecherische Lüge, Kitsch oder Spießbürgertum. Ich lehne es ab, geschmackvolle Stücke auszuwählen, die nicht lügen, weil ich entdeckt habe, dass alle seit der Entdeckung der Zentralperspektive (dreidimensionale Lügnerin!) ein bisschen lügen, nur dass die Lügen der Reichen geistreiche Witze sind, die Lügen der Armen jedoch vulgäre Unwahrheiten. Ich sehe die güldene Zeitreise-Maschine – ein zuverlässiger Ausdruck von Zärtlichkeit und Fürsorge – den wertvollsten fast wertlosen Barren.

1 Unzuverlässigen Angaben zum Verkauf von Trauringen zufolge scheint dies mein Irrtum zu sein: Weißgold war in den letzten Jahren so beliebt wie Gelbgold.

von Lea Horvat
Übersetzung von Rebecca Braune

Original: „Investicijsko zlato“ von Dekameron na Krilu“
auf: https://krilo.info/investicijsko-zlato/

Verheddert, entheddert (Thema: Wind im Haar)

Dies ist eine wahre Geschichte.

Sie wird in meiner Familie seit Jahrhunderten weitergegeben, von Generation zu Generation, mündlich, in der weibliche Linie. Wenn es keine Frauen gibt, verwandeln sich die Männer in Frauen, damit die Geschichte weiter leben kann, von Generation zu Generation, mündlich, in der weiblichen Linie. In dieser Geschichte ist die Geschichte wichtiger als das Geschlecht.

Es war einmal am Ende einer Stadt ein Wald. Und am Ende des Waldes war ein Dorf. Und am Ende des Dorfes war ein Fluss. Und am Ende des Flusses war ein See. Und in der Mitte des Sees war eine Insel. Und in der Mitte der Insel war ein Rauschen. Und am Ende des Rauschens war ein Fluss. Und am Ende des Flusses war ein Berg. Und auf der Spitze des Berges war ein Turm. Und in der Spitze des Turmes war ein Dachboden. Und auf dem Dachboden war eine junge Frau. Und am Ende der jungen Frau war der Tod.

Doch vor dem Tod war die junge Frau sehr schön und manchmal war sie auch ein junger Mann, wenn die Geschichte das verlangt hat.

Der Turm, in dem die junge Frau eingesperrt war, hatte keine Tür, er hatte nur sieben Fenster, eines für jeden Tag und eines für jeden Wind. Denn es gab sieben Tage und es gab sieben Winde, und der junge Mann hatte langes, goldenes Haar. Jeden Tag flatterte ihr Haar im Wind, da jeden Tag durch eines der Fenster einer der Winde wehte, die am Ende des Waldes jeden Tag wehten. Und einige Wind*innen verhedderten ihr Haar, andere enthedderten es.

Auch wenn die Wind*innen ihr die Haare verhedderten, waren sie die Freundinnen der jungen Frau und sie trugen ihr Träume auf den Dachboden. Und außer den Träumen brachten sie ihr auch Ängste und Gerüchte, Hoffnungen und Freuden, Stille und generell unbrauchbare Prinzen. Eines Tages brachten ihr die Wind*innen die Geschichte einer jungen Frau mit langem goldenen Haar, welche, genau wie sie, in einem Turm am Ende eines Flusses lebte, bis sie von einer unansehnlichen Bäuerin aus dem Turm gerettet wurde, die den Turm mit bloßen Händen zerstörte und alles, was vom Turm übrig blieb, war eine Ruine am Ende des Sees und die Bäuerin und die junge Frau lebten danach lange zusammen, mindestens einhundert Jahre und vielleicht auch ein paar Jahre mehr.

Aber bevor sie mit bloßen Händen von der sanften Bäuerin gerettet wurde, sprach die junge Frau die geheime Sprache der Winde, weshalb manche Dorfbewohner behaupteten, sie sei wahnsinnig und diese Geschichten über ihren Wahnsinn gaben sie an ihre Kinder weiter, von Generation zu Generation, mündlich, Jahrhunderte lang. Und manchmal wurde in diesen Märchen aus der jungen Frau ein Jüngling und dann flatterten statt ihrer seine Haare im Wind, dann war die arme junge Frau vom Dachboden nicht mehr wahnsinnig, sondern sie war ein edler Prinz, der die geheime Sprache des Windes kannte, der sich selber aus dem Turm retten konnte, welcher nie verwunschen gewesen war. Und dann wurde die Geschichte ernst, so auch das Buch, das man in den fernsten Teilen dieses namenlosen Königreichs gelesen hat.

Was für eine außergewöhnliche Geschichte, dachte der junge Mann an dem Morgen, also flüsterte sie dem achten Wind zu, dass er ihr morgen anstatt eines unbrauchbaren Prinzen eine Bäuerin mit kräftigen Armen durch ein Fenster bringen solle.

Und so erschien am Ende der Geschichte eine Bäuerin in Form des Windes im Turm, die junge Frau verstand, dass alle ihre Winde weibliche Vornamen haben, dass es nicht nur sieben von ihnen gibt und dass Prinzen nur in schlechten Geschichten vom Himmel fallen.

Und der Turm blieb für immer leer, eine Ruine, am Ende des Sees.

von Jasna Jasna Žmak
Übersetzung von Johanna Walther

Original: „Zamrsile, razmrsile“ von Dekameron na Krilu“
auf: https://krilo.info/zamrsili-razmrsili/

Das Mysterium der Heiligen Lucia (Thema: Mysterien)

10.05.2020

Mit dem Rücken zu mir gedreht, fragt mich meine Mutter: Luiza, wo ist dein anderer Stiefel?

***

Meine Mutter und ich kehren vom Kindergarten nach Hause zurück. Auf halbem Weg nach Hause stoßen wir auf eine Pfütze und ich springe hinein. Wasser spritzt auf meine gelben Stiefel, aber es dringt nicht in sie ein. Ich wate im Wasser und meine Füße sind trocken. Zu Hause angekommen, ziehe ich meine Stiefel aus. Sie glänzen immer noch vom Wasser, als ich sie unter die Treppe stelle. Es ist Herbst, daher regnet es die ganze Zeit.

Mutter geht in die Küche und wärmt das Mittagessen auf. Sind das gefüllte Paprika im Topf? Ich schaue meine Mutter an, ich schaue einen Trickfilm im Fernsehen.

Sie fragt mich: Wo ist dein anderer Stiefel?

***

Es ist nicht Herbst, nein. Es ist Winter. In meiner Hand trage ich die Ikone der Heiligen Lucia, die ich im Religionsunterricht erhalten habe. Es ist der 13. Dezember und es ist mein Namenstag, obwohl ich nicht Lucia heiße. Es war der Name einer Heiligen, der meinem Namen am meisten ähnelte.

Wir kommen aus dem Kindergarten zurück, meine Mutter und ich. An den Füßen habe ich die Gummistiefel, mit denen ich über das Wasser gehe. Als wir nach Hause kommen, stecke ich die Heilige Lucia in meine Manteltasche, meine Mutter hängt den Mantel auf einen Kleiderbügel in der Veranda, ich ziehe meine Stiefel aus. Einen nach dem anderen. Ich lasse sie beide bei der Treppe.

Mama, was meinst du, ist jetzt einer weg?

***

Im Kindergarten gibt es keinen Religionsunterricht. Man geht erst dann zum Religionsunterricht, wenn man zur Schule geht. Woher habe ich dann das Bild eines Mädchens mit einem Paar brauner Augen im Kopf und einem anderen auf einer goldenen Schale?

Die Mutter steht immer noch am Herd. Rieche ich da Fleischbällchen mit Salsa? – Der andere Stiefel ist weg. Los, such ihn – sagt sie.

Die Heilige Lucia hat zwei Paar Augen und ich habe jetzt nur einen Stiefel.

***

Ich umrunde die Treppe, schaue in jede dunkle Ecke des Hauses und klettere nach oben. Ich gehe in mein Zimmer meiner Mutter, so haben wir es genannt, seitdem ich mein eigenes haben wollte. Vor der Schranktür finde ich einen gelben Gummistiefel, ich fahre mit dem Zeigefinger über das glänzende Gummi, und wenn immer noch Wasser herabrinnt, ist es meiner. Es ist ein kleiner roter Beutel im Stiefel, in dem kleinen Beutel ist ein goldener Ring, genauso breit wie mein Ringfinger, und darunter ein Bild der Heiligen Lucia. Ist die Heilige Lucia aus dem Mantel in den einen Stiefel umgezogen oder war sie doch ständig in dem Stiefel?

Es ist mein Namenstag. Die Mutter hat sich nicht einmal vom Herd entfernt.

Wie ist mein Stiefel nach oben gekommen?

***

Der Ring dehnt sich aus, wenn meine Hand wächst. Jedes Mal, wenn mir das Metall in das Fleisch meines Fingers schneidet, bringt meine Mutter ihn zu einem benachbarten Goldschmied, der ihn weitet. Hier gibt es kein Geheimnis.

Die Ikone der Heiligen Lucia verschwindet. Niemand erzählt mir von dem Mädchen, im Religionsunterricht in der Schule wird nur über die Schutzheilige des Augenlichts gesprochen. Jedes Jahr erscheint die Heilige Lucia nur als Geschenk, das ich an meinem Namenstag erhalte, und danach nicht mehr. Hier gibt es kein Geheimnis.

Selbst das Aufwachsen und Erwachsenwerden ist kein Rätsel, aber an diesem Nachmittag, als ich in den gelben Gummistiefeln, in denen ich über das Wasser laufen konnte, nach Hause gekommen bin, hat meine Mutter am Herd gestanden, hat das Mittagessen aufgewärmt, ich habe einen Trickfilm angeschaute, habe meine Mutter angeschaut, den Trickfilm geschaut und aus dem Augenwinkel gesehen, wie sie lächelt.

Wer hat meinen Stiefel versteckt?

***

Wie oft wirst du mich das noch fragen? – sagt die Mutter. – Weißt doch selbst wer? Ist es so?

Ich weiß – sage ich.

Sie dreht sich zu mir und sieht mit ihren braunen Augen direkt in meine.

Ich habe dich die ganze Zeit aus dem Augenwinkel beobachtet, aber ich habe nicht gesehen, dass du dich auch nur eine Sekunde lang vom Herd entfernt hast.

Die Mutter lacht laut auf. – Schauen, nicht nur sehen. Das ist ein echtes Mysterium.

von Luiza Bouhraouva
Übersetzung von Klaus-Dieter Föhlinger

Original: „Misterij Svete Lucije“ von „Dekameron na Krilu“
auf: https://krilo.info/misterij-svete-lucije/

Hühnermörderin (Thema: Rache)

18.5.2020

Großmutter hat uns immer schreckliche Geschichten erzählt. Einmal erzählte sie uns die Geschichte, wie ein Nachbar ihren Vater mit einer Axt im Hof vor dem Haus ermordet hat. Sie sagte, dass ihre Mutter und ihre Schwestern in die Trauerkleidung gesprungen waren und sich hingekniet und geschrubbt und geschrubbt hatten, aber ihr Vater war hartnäckig und das Blut ließ sich nicht von der Türschwelle abwaschen. Also ließen sie nach einer Weile davon ab und kauften einen Fußabtreter. Wir haben Großmutter nie gefragt, warum der Nachbar Urgroßvater mit der Axt ermordet hatte, aber wir haben oft, jede von uns in ihrer Ecke von Großmutters Schlafzimmer, über die Hartnäckigkeit dieses Blutes nachgedacht, das wir auch selbst geerbt hatten, und über all die vielen Schuhe, die diese Schwelle beim Betreten des Hauses überschritten hatten.

Großmutter mochte ich in der Familie am meisten. Sie hatte schmale, aber kräftige Beine, dichtes, lockiges Haar und ein sanftes, nachgiebiges Gemüt. Früher war sie eine Verfechterin von Sauberkeit gewesen – Mutter sagt, dass Großmutter jeden Tag die Böden und Regale geschrubbt und die Kissen und Decken auf der Suche nach verstecktem Ungeziefer ausgeklopft hatte. Dann aber hatte sie eines Tages einfach aufgehört, mit den Schultern gezuckt und sich mit dem Staub und den trockenen Schlammresten auf dem Fußabtreter ausgesöhnt. Sie schminkte sich nicht, lackierte nicht die Nägel und stand jeden Morgen vor allen anderen auf, um frische, noch von Schlamm und Kot beschmutzte Eier aus dem Hühnerstall zu holen und sie auf den heißen Speck in die Pfanne zu werfen. Jeden Morgen weckte mich der schwere Duft gebratenen Specks, drang unter der Tür hindurch und direkt in meine Träume ein. War ich in einem Moment auf der Flucht vor Seehunden, so knirschten im nächsten Moment ihre Flossen unter meinen Milchzähnen, lecker und saftig, wie guter, alter hausgemachter Speck.

Großmutter lockte uns mit Frühstück und Zuckerstücken aus dem Schlaf. Es war Mittwoch, ich erinnere mich, dass im Fernsehen wieder La Usurpadora gezeigt wurde und dass wir Eigelb kauten, mit dem Brot den Teller entlangfuhren und Gabriela Spanic anstarrten, die unerwartet ihrer bösen Zwillingsschwester den Mann weggenommen hatte. Eingetaucht in die Hitze des Sommermorgens saßen wir am Tisch und verteidigten uns vor den hartnäckigen Fliegen, die um unsere Teller kreisten. Meine drei Cousinen und ich verbrachten die Sommer bei den Großeltern im Dorf, zwischen Weinbergen und unkastrierten Katzen. Sie waren schlaksig und langbeinig, ich aber war klein und rundlich; regelmäßig stieß ich mich an ihren Knochen oder Knien. Wir schliefen, wie dekorative Kissen verteilt in Großmutters Zimmer, zwischen Blumentöpfen und Wandteppichen. Wenn der Mais gerebelt oder verfaulte Birnen vom Boden aufgesammelt werden sollten, taten wir so, als ob uns etwas weh tut.

Am Nachmittag erschienen Großmutters Freundinnen in der Tür: Tante Sofa, bei der, wie man sich erzählte, eine Zeitlang eine Schlange im Kühlschrank gelebt hatte, und die Nachbarin Anđela, die immer so aussah, als würde sie mit Engeln schlafen. Niemand wusste, wie alt Tante Sofa war; sie sammelte Zeug im Hof auf, war zäh und kräftig, grub den Garten selbst mit dem Spaten um und fürchtete sich vor wirklich gar nichts. Nachbarin Anđela hatte langsame Bewegungen, langes graues Haar und stille blaue Augen; sie lebte in dem Haus am Rande der Straße mit einer Schaukel neben dem Brunnen. Großmutter zog mir zwei Nummern zu große Gummistiefel an die Füße und band mir ein altes Tuch um den Kopf. „Gehen wir?“, sah sie mich an, und ich nickte tapfer mit dem Kopf. Mittwochs wurden Hühner geschlachtet, und ich hatte den stabilsten Magen.

Ich stand hinter dem Haus in zwei Nummern zu großen Gummistiefeln und wartete, beschmiert von orangenem Eigelb, dass Großmutter einem weißen Huhn den Kopf abhackte. Soviel ich begriff, waren die weißen Hühner zum Essen und die gelben zum Spielen. Einmal hatte ich so lange mit einem gelben Küken gespielt, dass ich nicht einmal bemerkte, dass es, erschöpft vom Spiel, eingeschlafen war. Ich legte es zwischen seine Brüder und Schwestern und ließ es dort schlafen. Vater lachte und nannte mich Hühnermörderin. Ich weinte, denn ich verstand nicht, warum. Vielleicht war es gestorben, weil ich es so sehr geliebt hatte. Großmutter griff jetzt eines, um ihm die Kehle durchzuschneiden; sie hielt es fest, während es schrie. Ich fragte mich, ob auch mein Urgroßvater geschrien hatte, als der Nachbar ihn mit der Axt getötet hatte. Das Huhn schlug noch eine Weile um sich, im Rhythmus seines kleinen Vogelherzens, bis es sich beruhigte. Das Blut sickerte durch den Kies, auf der Flucht vom Ort des Verbrechens, bis es neben meinen Gummistiefeln zum Stehen kam. Ich hatte das Gefühl, dass mich jemand beobachtete, ich hörte Großvater, wie er im Weingarten vor sich hinsang, und spürte eine Sommerbrise, die mit ihren Fingern durch die Zypressen streifte. Ich drehte mich um, aber da war niemand. Es schien mir, als hörte ich Hühner, die kräftig mit den Flügeln schlugen. Ich sah Großmutter zu, wie sie den Hühnern die Köpfe abhackte. Nie habe ich sie deshalb weniger geliebt; das Dorf ist grausam, das wusste ich; der verkrüppelten Sava hatten die Schweine die Hände abgebissen.

Am liebsten säuberte ich den Magen. Hühner leben von Gras; ich stülpte ihre Mägen um und säuberte das Innere von Pflanzen, Körnern und den Träumen, dass sie eines Tages Hennen oder Hähne werden würden. Ich starrte in den weißen Eimer, in dem die toten Hühner lagen, rote, schlaffe Beinchen, von Blut beschmutzte weiße Federn. Ich erinnerte mich an das Hühnerbein, das dann und wann in Großmutters fettiger Suppe mit dicken Nudeln schwamm. Jedes Huhn muss zuerst gut mit kochendem Wasser übergossen werden, so lassen sich die Federn leichter rupfen. Tante Sofa, Anđela und Großmutter saßen über die Hühner gebeugt, rupften sie und sprachen über die Fernsehserie und über den Hagel, der die Pflaumen vernichtet hatte, ohne den Geruch von toten, geschlachteten Hühner und verkrustetem Blut wahrzunehmen, der uns umgab. Dieser Geruch ist für mich bisweilen noch immer spürbar, ich sehe ihn auf meinen schmutzigen Händen und ich spüre ihn an sorglosen Sommertagen. Anđela grub ihre zarten Hände in die leb- und kopflosen Körper der starren Hühner. In der Ferne war Hundegebell zu hören, Großmutter zerteilte mit einem scharfen Messer die Hühner und die Schwüle in der Luft. Eine Fliege summte unaufhörlich um meinen Bauch herum.

Vor der Hitze versteckten wir uns im Haus, wir aßen Suppe zu Mittag, panierte Schweineschnitzel und Bratkartoffeln, sicher hinter den schweren, dunkelgrünen Vorhängen und dem großen, weißen Ventilator, der summte, genau wie die gierigen Fliegen, die morgens die Lebensreste aus dem weißen Eimer mit den Hühnern aussaugten. Das Telefon klingelte, der Nachbar rief an, ich verließ das Innere des Wohnzimmers und rannte barfuß in die heiße Sonne auf der Suche nach Großvater. Ich rief ihn immer wieder, aber erfolglos; ich konnte ihn nicht finden. Mir schien, als würde ich ihn hören und lief in Richtung seiner Stimme, tief in das aus Weinreben und Aprikosen verstrickte Labyrinth. Ich schlug mich durch ungemähtes Gras und Brennnesseln und zertrat Maulwurfshügel; meine Fußsohlen waren schmutzig von der schwarzen Erde, das Geräusch aber kam immer näher. Ich gelangte zum Waldesrand – nirgends war jemand, nur ein alter Radioapparat war an einen alten Baum gelehnt und in der Ferne waren dunkle Wolken über dem Wald. Sie näherten sich langsam, zornerfüllt. Ich flüchtete zum Haus so schnell ich konnte. Während ich rannte, schien mich alles zu beobachten – die alte Zypresse, die Kletterrosen, der Metallzaun, Großmutters ganzer Garten schien mit einem Mal auf der Lauer zu sein. Ich schloss die Tür, nahm den Hörer auf und sagte dem Nachbarn, dass ich Großvater nicht finden könne, aber dass ich ihm sagen würde, er solle ihn zurückrufen, wenn er nach Hause kommt.

Kurz darauf wurde der Wind stärker; die Fensterflügel schlugen derart, dass es schien, als würde das ganze Haus in jedem Moment davonfliegen. Draußen kam ein Unwetter auf, Großmutter aber band sich ein schwarzes Tuch um den Kopf, nahm eine Sichel und ging los, um Kohl für die Hasen zu schneiden. Großvater war immer noch nicht zurückgekehrt. Ich beschloss, mit Großmutter mitzugehen, und meine Cousinen liefen auf dem Grundstück in alle Richtungen; die eine nahm Wäsche ab, die andere brachte die Glaskrüge und Teller von der Terrasse ins Haus, die Teppiche mussten abgenommen, die Fenster geschlossen, Großvater gefunden und die Tiere gefüttert werden. Ich liebte die Hasen und bot an, sie zu füttern. Ein orangefarbener Blitz erleuchtete die abgenutzten Wasserschüsseln der Hasen und kurz darauf ertönte ein lauter Donner in der Luft, wie ein Beben am Himmel. Ich wusste, dass das Gewitter sehr nah war. Ich nahm ein Häschen aus dem Käfig und drückte es fest an mich. Im nächsten Moment durchbrach ein Schrei die Luft – das war ich – und etwas sprang mich an. Ich drehte mich um und schrie so sehr, dass mir das Häschen aus der Hand fiel und davonlief. Es war der Hahn. Der Hahn stand hinter mir, er hatte einen weißen, zerzausten Federschopf auf dem Kopf und einen leeren Blick. Streitlustig sprang er von einem Bein auf das andere und bereitete sich auf den nächsten Angriff vor. Alles spielte sich so schnell ab. Er stürzte sich mit einem kräftigen Flügelschlag auf mich – im Kampf ums Überleben fiel mein Fuß aus dem zwei Nummern zu großen Gummistiefel und jetzt trat ich direkt in den Hühnerdreck; ich hörte, wie sie mich aus den Hühnerställen auslachen und zusehen, wie ich versuche, aus ihrer Scheiße herauszukommen. Hühnermörderin. Ich erinnerte mich an die schlaffen, roten Beinchen, die in der Suppe schwimmen, an das Beil, mit dem Großmutter ihnen elegant die Köpfe abgehackt hatte, an das Küken, das für immer zwischen seinen Brüdern und Schwestern eingeschlafen war. Mir wurde schwindelig, alles um mich herum war grün, als wäre ich im Inneren ihrer Mägen. Ich nahm den anderen Stiefel und warf ihn auf den Hahn, aber das machte ihn nur noch wütender. Ein Sturzregen kam herab, ich aber schwang mich auf der Flucht über einen Zaun und zerriss mein Shirt an dem Metalldraht. Meine Cousinen standen im Regen und weinten, der Hund hatte sich den flüchtigen Hasen geschnappt und ihm unter der alten Zypresse den Hals durchgebissen, Großmutter war im Schock ausgerutscht und zwischen die Schweine gefallen. Zum Glück blieben ihr die Hände erhalten, sie hatte die Schweine kurz zuvor erst gefüttert. Großvater kam auf dem Traktor vom Feld zurück und lachte bis zum nächsten Morgen, als Großmutter zum Frühstück Pfannkuchen machte.

von Lucija Tunković
Übersetzung von Eva Kowollik

Original: „Ubojica pilića“ von Dekameron na Krilu“
auf: https://krilo.info/ubojica-pilica/

Alle Rechte verbleiben bei den Autor_innen

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