PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Das Kind

von Melanie Waelde

Das Kind steht vor ihr. Es ist ihr fremd. In jeder Faser, jedem Glied. Es sollte ihr Ebenbild sein, aber sie erkennt sich darin nicht wieder. Sie hofft, dass es ganz bleibt. Dass es schläft, dass es denkt.
Hoffentlich zerbricht es nicht.
Es hat seine kleinen Stiefel in den Flur gestellt. Es isst nur ungesunde Dinge. Es schmatzt beim Essen. Und dann lacht es laut und quetscht das Essen zwischen den Zähnen hervor.
Es ist schon groß. Groß genug, sodass ihm nichts mehr verborgen werden kann. Es verbirgt jetzt selbst.
Und wenn es schläft, ist sie sich nie sicher, ob es das wirklich tut. Ob sie nicht beide wach liegen und für das andere Wesen tot spielen.
Nachts traut sie sich nicht mehr die Klospülung zu drücken, weil es sonst plötzlich vor ihr steht und sagt: Du hast mich geweckt. Und sie sagt: Lass uns wieder schlafen gehen. Und sie denkt: Du lügst.
Und wenn sie sich wieder hinlegen, um auf den Tag zu warten, fragt sie sich, wo es herkam. Warum es jetzt doch noch gekommen ist – das Kind.

Lektorat: Olivia Golde und Yael Inokai

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