PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

das einmaleins der vielemalmehrs

„wenn jede_r von uns die eigene geschichte aufschriebe und ich sie anschließend übereinanderlegte, sie durch die anzahl der autor_innen teilte und die quersumme des quotienten mit dem dividenden der unendlichkeit multiplizierte: ergäbe sich dann die wahrheit?“

schweigen. atmen. weinen. vereinzelt. zugleich. zusammen.

vor allem: keine antwort(en). stabile instabilität.

der soundtrack des tages vermengt sich mit dem chaos der (viel zu) vielen im (viel zu) kleinen kopf „call the doctor call the doctor call the doctor call the doctor“. es ist so verdammt eng hier.

„an alle: durchatmen“, flüstert die dirigentin sich zu und fuchtelt fragmente sammelnd mit den händen durch die luft. draußen zieht die welt vorbei. strahlend grauer himmel. der sonne ist der sommer auch egal.
es geht einfach weiter. auch wenn die kleine weint. was sie sehr oft tut. trotz hund. trotz baumhaus. trotz hund im baumhaus.

„daaa!“ johlt eine kleine auf und stürzt nach vorne. wir strecken die hand aus und fühlen das fell des kleinen terriers mit den großen kulleraugen. kichern. hüpfen. „this is love and you can’t break it.“
die anderen: lachen. augen rollen. atmen. nimona quiekt laut auf. und für alle: ein kurzer anflug von leichtigkeit. das weinen wird leiser… ebbt ab… mit ihm: a u f a t m e n
alle kleinen lieben den hund.

das kind zieht sich zurück. ab ins baumhaus und lila zeichnet ein bild der terrier-nimona-interaktion mit allen beteiligten. kichernd, augenrollend, atmend. hebt es auf – für schlechte zeiten.

plötzlich sitzen wir in der u-bahn und die dirigentin sucht den passenden blickpunkt. und kaugummis. und lavendel. und h a l t .

gefährliche einlesungen fallen auf uns. alex kommt nach vorne und stellt sich vor die anderen. alle kinder ins baumhaus geschickt und die musik aufgedreht „they want to dignify, analyze and terrorize you“.
handknöchel knackend. kaugummi kauend. lässig angelehnt. „willste stress?“, „immer“, lächelt alex, „immer.“

abschweifen. ruhe. augen kriechen die wände hinauf. bleiben zwischen scheibe und u-bahndecke hängen. hängen. hängen. häng…
„peel back the skin and see what’s there“
… …….. …………………… ………………………………….
……………………………………………

was? schönleinstraße? schnell aussteigen.

eine kleine kichert. ein spatz. die weiterreise verzögert sich. bis alle kinder den spatz gesehen haben. kleine party. augenrollen. courtney findet’s verdammt uncool. im hopserlauf. „alle vöglein sind schon da, aaalle vöglein aaalle!“

„wir müssen zum u-bahnplan“, fordert alex. „damned, wir sind zu weit, mann!“ stenkert courtney. „ich hatte eh keinen bock auf den scheiß“ … „i will never show you what’s in here.“

„zu blöd um u-bahn zu fahren zu blöd um u-bahn zu fahren zu blöd um u-bahn zu fahren .“

kommt von den zerstörern in dauerschleife mit ausrufezeichen.
„konzentriert euch!“ faucht die dirigentin die augenbrauen zusammenkneifend. die kleine beginnt zu zittern. „keine zeit dafür!“ schimpft sie weiter mit brechender stimme. das zittern verstärkt sich. steckt an. nimosa zittert. lila zittert. courtney zittert. alle zittern. alles zittert. alles wackelt. der himmel droht zu fallen.
„i’m your monster. i’m not like you.“

bunte linien. kringel. kreise. der finger mittendrin. die dirigentin kommt zurück. den zitternden zeigefinger auf dem haltestellenplan langfahrend.
„okay, wir müssen einfach zwei haltestellen zurück, dann ist alles gut“, beruhigt die dirigentin das nachbebende orchester.
„whatever“ erwidert courtney und kickt gegen die anzeigetafel. 4 minuten verspricht diese. „call the doctor, call the doctor, call the doctor, call the doctor.“ alle beruhigen. hinsetzen. durchatmen.

„… um u-bahn zu fahren. zu blöd, um u-bahn zu fahren. zu blöd, um u-bahn…“

das zerstörer-tonband vermischt sich mit dem weinen der kleinen.„I’m your monster. I’m just like you“

a t m e n

u-bahn fährt ein. einsteigen – umschauen – durchlaufen – geht nicht – weiterschauen – nicht auffallen! – durchlaufen – geht nicht
weiterschauen – stehenbleiben – bleiben
bleiben – schauen – sitzen.
geschafft. alex setzt sich lässig in pose. easy. nächste haltestelle.
bald können wir raus. menschen steigen ein.
schauen – umschauen – durchschauen
blick wandert zu boden. tabakkrümel.
regennass. verlorene zeit.
hermannstraße: aussteigen! aussteigehn! gehen! gehen!
die muskeln streiken. „komm schon!“ ruft die dirigentin verzweifelt ins nichts, als alex reagiert, nach vorne kommt und uns rausträgt.
„she is dead, but she can stand, she can walk.“
draußen. luft. atmen. hinsetzen. hände anstarren. spatz. egal. alle im versteck.

„… zu fahren. zu blöd, um u-bahn zu fahren. zu blöd…“

die zerstörer haben die lautstärke wieder erhöhen können und lili weint sich in den schlaf. die dirigentin deckt sie zu. tröstende blicke trotzen der ohnmacht. sie beginnt die regeln des fuxseins aufzuzählen:
alle füxe brauchen wärme. alle füxe geben wärme. alle füxe wünschen sich? lili stimmt leise lächelnd ein: ein fux zu sein.„this is love and you can’t make it.“

dasitzen. angespannt. lautlos. zerbröckelnd.

„don’t need you to explain the pain.“

„bringt ja alles nix“. zischt courtney und schlendert los. „fuck you!“ ruft sie dem typen entgegen, der uns so zersetzend ansieht und hält den mittelfinger in die luft, als die dirigentin schnell die hand senkt und den ausgang sucht. spatz. eine rennt nach vorne. kichern. augenrollen. atmen. weitergehen.

treppe hoch. draußen. straße. autos. der graue himmel strahlt auch hier. „konzentration“, fordert die dirigentin. hebt den kopf und richtet sich auf. eine fremde person schenkt ihnen ein lächeln.
„i am no monster. i am just like you.“

verwirrung. wärme breitet sich aus. lila beginnt eine ihrer reden über hoffnung, solidarität und community und der rest – schaltet ab. nur hannah hört zu und sie vertiefen sich in ein gespräch über das richtige leben im falschen und bewirken eine welle der sinnhaftigkeit, die das zerstörer-tonband verwässert und die kleinen mit meeresrauschen zufrieden stimmt. „hat eh nicht uns gemeint“, kommt von irgendwo und setzt dem warmen regen ein ende.

„zu blöd um zu blöd um zu blöd um.“
zetert die stimme vom band noch leise, bevor courtney aufspringt und es „fuck you!“ zerreißt. lametta von gestern. ein kichern geht durch das orchester. ein kurzer schillernder triumph. kurz. es gibt ja noch unzählige andere aufnahmen im archiv.

oh. da war sie: die nummer 23. klingeln. tür summt. zucken. erschrecken. „ich will heim.“ „nicht jetzt!“ treppen steigen. zittern. atmen. vor der tür wartend. „siehste, war sicher der falsche tag!“ meckert courtney. „wir stören doch bestimmt!“ flüstert eine kleine. „hier riechts komisch.“
zittern. tief durchatmen.

tür geht auf. wieder erschrecken.

„hey!“ freundliches grüßen.

„hey!“ antwortet die dirigentin lächelnd.

„this is not really me at all.“

„wie war deine herfahrt?“

„ganz okay. wie immer.“


* Ich verwende in der Geschichte durchgehend Zitate aus dem Song „Call the Doctor“ von Sleater-Kinney vom gleichnamigen Album „Call The Doctor“ (1996)

More in Prosa #2