PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Das Debüt: Spielgeld oder Währung?

von Christine Koschmieder

Perspektive I, die Autorin

Stimmt das, dass du drei Kinder von drei Vätern hast?

Die das fragen, sind Verlagsvertreter. Vertreter des Verlags, bei dem in wenigen Wochen mein Romandebüt erscheinen wird. Diejenigen, deren Aufgabe es ist, das Buch dem Buchhandel schmackhaft zu machen. Die ihnen diese Information gegeben haben, sind Lektorat und Marketingabteilung meines Verlags. Lektorat und Marketingabteilung meines Verlags haben diese Information gewählt, die Vertreter auf meinen Roman neugierig zu machen. Die Information, dass die Autorin drei Kinder von drei unterschiedlichen Vätern hat. Nicht, dass der Roman vom Schweinesystem handelt. Vom Schweinesystem der industriellen Fleischproduktion im Mittleren Westen, vom politischen Schweinesystem im Deutschen Herbst, von der Ausbeutung im Interesse der Profitmaximierung und der Selbstausbeutung im Interesse individueller Glücksverheißung. Von Jean Seberg, die sich als weißer Filmstar mit der Black Panther-Bewegung solidarisiert und dafür ins Visier des FBI gerät. Von zwei Frauen, die sich aus dem Schweinesystem zu befreien versuchen. Von den Kämpfen um andere Verhältnisse. Es hätte genug zu erzählen gegeben über dieses Debüt einer Autorin.

Perspektive II, die Agentin

Wer spricht zu welchen Bedingungen auf welcher Plattform?

„Wir fragen, wer sagt was, und was sagt wer“, so beschreibt Ihr, die Macher*Innen von PS: Anmerkungen zum Literaturbetrieb / Politisch Schreiben, worum es Euch geht, und fragt, mit Blick auf die Produktionsbedingungen des Schreibens weiter: „Welche Welten reproduziert die daraus entstehende, gegenwärtige Literatur?“

Wer sagt was, und was sagt wer über wen?

Ulf Heise zum Beispiel sagt etwas über Clemens Meyer. Aber eigentlich sagt er eher etwas über den Literaturbetrieb. Zum MDR-Literaturpreis, den der damals noch unbekannte Clemens Meyer 2001 gewann, müsse man laut Ulf Heise „ganz klar und ohne Übertreibung sagen, das war eine Startrampe“. Und wen der Literaturbetrieb auf der Startrampe platziert, den setzt er gerne ins rechte Licht, und im Fall von Clemens Meyer, „aufgewachsen im Arbeiterviertel Leipzig-Ost“, beleuchtet das rechte Licht, so will es der Literaturbetrieb, seine Underdog-Qualitäten: ein junger Autor, der sein Studium am DLL mit Jobs als Wachmann, Möbelpacker und Gabelstaplerfahrer finanziert und auch mal einen Aufenthalt in der Jugendarrestanstalt Zeithain hinlegt. Vor dem Hintergrund dieses eindrucksvollen Narrativs spricht also Ulf Heise über Clemens Meyer, dem er anlässlich der Verleihung des Klopstockpreises knapp 20 Jahre später literarische Superlative zuweist, „vergleichbar mit Großmeistern wie Hemingway und Carver“.

Gut, wenn mensch eine solche Biographie vorzuweisen hat. Und Menschen, die so über ihn sprechen. Gut, wenn mensch eine solche Biographie vorzuweisen hat und Menschen, die so über ihn sprechen? Nicht notwendigerweise gut, aber funktional, wenn wir, wie der Literaturbetrieb, darauf verzichten, Autor*In und Werk zu trennen. Wenn wir das Kunstgebilde aus Autor*In und Werk als Währung betrachten.

Der Vorschuss

„Die neue Vorschusspanik“, titelt der Spiegel im Jahr 2000. „Auf dem deutschen Buchmarkt tobt ein wüster Verteilungskampf: Mit spektakulären Honoraren, ausgehandelt von cleveren Agenten, jagen Verlage sich die Autoren ab. Gesucht werden, und das ist überraschend, deutsche Nachwuchstalente: möglichst jung, hübsch und fernsehtauglich“, so das Assessment von Marianne Wellershoff. Das ist zwanzig Jahre her, und von spektakulären Vorschüssen, ausgehandelt von cleveren Agent*Innen, kann ich nur dokumentarisch berichten. Denn natürlich sind sie bekannt, die legendären Vorschüsse in sechsstelliger Höhe, mittels derer, und da stimmt der Begriff dann schon, Autor*Innen „gejagt“ werden. Aber sind wirklich die Autor*Innen die Jagdbeute, oder ist es nicht eher ihr Wechselkurs, dem das Jagdfieber gilt?

„Die Rede vom Debüt ist eng mit der Schauseite des Literaturbetriebs verwoben: Eine große Bühne, auf der dramatische Auf- aber auch Abtritte inszeniert werden, um ein Produkt des Buchmarktes in Union mit dem Gesicht, der Stimme und der Geschichte des/der Urhebers/Urheberin zu verkaufen. […] Kulturindustrielle Marktmechanismen und ihre Rhetorik verleihen dem Debüt hingegen großes Gewicht: Wetten auf die Zukunft werden, wie auf der Börse, abgeschlossen, wenn AutorInnen durch das Buch-Debüt so viel Aufmerksamkeit generieren konnten, dass sie zum Gegenstand geschäftlicher Spekulationen werden.“ (Julia Amslinger, https://literaturkritik.de/id/21899)

Die Autorinnen, die ich vertrete, haben für ihre Debütromane zwischen 2.000 € und 42.000 € Vorschuss erhalten. Was das über die Qualität ihrer Romane aussagt? Nichts. Was das über die Erwartungen, die Verlage mit diesem Buch verbinden, aussagt? Einiges. Um den Break-Even-Point zu erreichen, bei dem die Herstellungs- und alle damit verbundenen Kosten eingespielt sind und der Verlag anfängt, an einem Buch zu verdienen, müssen x Exemplare verkauft werden. Der Vorschuss ist ein nicht rückzahlbares Garantiehonorar, das heißt, ganz gleich, ob ein Buch den Erwartungen gerecht wird und den Vorschuss wieder einspielt oder nicht, das Garantiehonorar ist die verlässliche Summe, über die die Autor*In verfügen kann, was, je nach Höhe, die materielle Situation temporär entspannen kann. Unabhängig davon tendiert die Vorschusshöhe auch dazu, einen vermeintlichen Marktwert zu markieren. Bleibt die Frage: Worin besteht der?

Die Autorin, die den fünfstelligen Betrag erhält, hat nicht notwendigerweise den besseren, verkäuflicheren oder wertvolleren Roman geschrieben. Sie hat nur möglicherweise eine höhere Nachfrage erzeugt. Interessiert sich nicht nur ein Verlag für ein Manuskript, ist eine Auktion der übliche Weg, die Entscheidung zwischen den Interessent*Innen herbeizuführen. Und auch wenn ich in Anfangszeiten schon mal Lektor*Innen dazu aufgefordert habe, Briefe an die Autorin zu schreiben, in dem sie begründen, warum die Autorin sich genau für diesen Verlag entscheiden sollte, so ist es doch in der Branche üblich, die Entscheidung an der Höhe des Vorschusses zu bemessen, ist es sogar ungeschriebenes Gesetz, dass im Rahmen einer „Best Offer“-Entscheidung das höchste Gebot den Zuschlag erhält. Wesentlicher als die Wettbewerbslogik in diesem Falle sind jedoch die Faktoren, die ein Debüt attraktiv werden lassen, und ich wähle den Begriff „attraktiv“ nicht umsonst, lässt sich doch gerade bei Debütromanen und ihren Autor*Innen eine fast unlösbare Verquickung von Werk und Produzent*In nicht leugnen. Besonders deutlich wird das, wie Maria-Christina Piwowarski von der Buchhandlung Ocelot klarstellt, wenn Männer über Frauen schreiben und in einer Rezension das Foto der Autorin „gleich mitrezensieren, den angeblichen Schmollmund, die Rehaugen.“

Von wegen, man muss Werk und Autor*In trennen. Gilt nicht für Debütautor*Innen.

Marktwert & Aufmerksamkeitsökonomie

Und dann ist da ja noch der hochspekulative Marktwert in der Aufmerksamkeitsökonomie, dessen Kalkulation aber weniger auf der literarischen Qualität eines Debüts beruht als auf der spekulativen Reichweite seiner Autorin. Let’s talk about Lena Dunham: berühmt als Produzentin, Drehbuchautorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin der Fernsehserie Girls. Für ihr erstes Buch über Not That Kind of Girl soll Random House rund drei Millionen Euro bezahlt haben soll, wie der Tagesspiegel zu berichten weiß, bevor er zwar zu einem Verriss ansetzt, aber es natürlich seinerseits nicht unterlässt, aufmerksamkeitsökonomischen Profit aus besagtem Marktwert der „Coolest Person of the Year“ (Time Magazine 2012) zu schlagen, indem der Artikel mit „18 unglaubliche Dinge über meine Vagina“ betitelt wird.

Ähnlich kalkuliert hat der Eichborn Verlag im Fall von Jasmin Schreiber, die sich, bevor sie ihren Debütroman Marianengraben veröffentlicht, mit ihrem Blog Sterben üben, in dem sie über ihre Arbeit als Sterbe- und Trauerbegleiterin schreibt, bereits einen Namen gemacht hat. Und eine nicht zu verachtende Followerschaft auf den Social Media-Kanälen; allein auf Twitter folgen ihr über 35.000 Menschen. Und so kommt der Erfolg von Marianengrabenvermeintlich komplett „ohne Feuilletonkritik, ohne Zeitschriftenartikel, ohne klassisches Marketing“ aus, wie Jan Drees für den Deutschlandfunk anmerkt, um im Anschluss auf eine eher verborgen agierende Marketingpraxis hinzuweisen, die auf täuschend echtem Kunstrasen („Astroturf“) dahergeschlichen kommt, weswegen sie in den USA auch unter Astroturfing bekannt ist: „Interessant ist, in welcher Weise eine Followerschaft in Graswurzelmanier die Kommunikation über ein ästhetisches Produkt beeinflusst; mit tatkräftiger Unterstützung des Verlags. Denn die vorhin genannte Lesejury ist ein Social-Reading-Portal des Lübbe-Konzerns, und damit ein Äquivalent zu Vorablesen.de, verantwortet von der Firma ‚Readers First‘, einer hundertprozentigen Tochter des Berliner Ullstein-Verlags, ebenso vergleichbar mit lovelybooks.de, das zum Holtzbrinck-Konzern gehört, wie beispielsweise die Verlage Rowohlt, S. Fischer und DroemerKnaur.“ Street Credibility über Lesejurys auf Social Reading-Portalen, presented to you vom Konzernverlag deines Vertrauens. Look twice.

In eine gänzlich andere Richtung, aber ebenfalls auf außerliterarische Kriterien zielt die Vermarktung von Debütautor*Innen als Diversity Token, wenn z.B. Fatma Aydemirs Roman Ellbogen nicht nur als Roman „um die Selbstfindung einer jungen Deutschtürkin“ angekündigt wird, sondern die ZEIT der Autorin Kalkül unterstellt, wenn „im ersten Teil des Romans, der von der als Kind türkischer Eltern im Wedding geborenen Hazal erzählt, reihenweise Migrations-Klischees reproduziert und Diskurse abgearbeitet“ werden.

Noch viel weniger braucht der SWR, um Olivia Wenzels Stimme zwar als „Bereicherung für die deutsche Gegenwartsliteratur“ auszumachen, ihr aber gleichzeitig ihre Sprecherinnenposition zuzuweisen: „Schwarz, ostdeutsch, Frau“ titelt er zu Olivia Wenzels Debütroman 1000 Serpentinen Angst.

Die Debütautorin als Token, als beliebig zu etikettierendes Pferdchen, als Spielball auf dem Markt der Aufmerksamkeitsökonomie? Nein. Nicht nur die Autorin. Nicht nur beim Debüt. Und nicht bei allen Verlagen. Aber ein Hinweis, bei der Verlagswahl genau hinzugucken, wem die Liebe gilt: dem Text. Oder den vermeintlich verkaufssteigernden Eigenschaften seiner Verfasser*In.

P.S.

Wohl der, die bei ihrem Markteintritt im Literaturbetrieb nur drei Kinder von drei verschiedenen Vätern hat. (Eine Information im Übrigen, deren Verwendung ich dem Verlag untersagt habe. Denn auch das ist möglich: die Deutungshoheit über die Autor*Innen-Persona zu wahren. Zumindest in Teilen.)

Lektorat: kaśka bryla und Eva Schörkhuber

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