PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Briefe

Jeden Tag bekam er 20 bis 30 Briefe von seinen Schäfchen. Sein Krebsleiden sorgte dafür, dass er seine Briefe nicht mehr selbst öffnen und lesen konnte. Zwei Monate lang las ich ihm die Briefe vor und mir wurde klar, dass er einer der Mörder ist, die nicht bereuen.
Er war ein Pastor, der seine Frau im Wald verscharrt hatte, um seiner Geliebten Platz zu machen.
Sein Urteil: lebenslänglich. Er würde hier im Gefängnis sterben, das war klar.
Die Ameisen an den Gummistiefeln, die er beim Verscharren der Ehefrau getragen hatte, hatten ihn verraten.
Die Briefe an ihn waren voll von „Ich liebe dich noch immer“ und „Ich kann ohne dich nicht leben“, wie ungerecht die Justiz doch sei und unschuldige Pastoren einfach verurteile. Alle Briefe waren von verschiedenen Frauen, die ihn alle liebten und sehr vermissten.
Hier war er ein Star, er beteuerte stets seine Unschuld, aber ich wusste es besser. Für mich war er ein verlogener Typ, der sich seiner Lust derart hingab, sodass für die Gebote, die er sein Leben lang von der Kanzel aus gepredigt hatte, kein Platz mehr war. Nächstenliebe und Treue hatte er gepredigt.
Als ich ihm eines Abends meine Meinung sagte, kam von ihm nur ein einziger Satz: „Du siehst mehr als jeder andere.“ Kurze Zeit danach starb er, ohne je öffentlich gestanden zu haben.

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