PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Blaue Herz-Emojis, Rettungsdecken und das ganze Theater

von Maria Milisavljević

Es braucht Mut, „[d]esintegriert Euch!“ zu sagen(1), wenn doch Integration und gleichmachendes Volksdenken in den Parteiprogrammen stehen. Es braucht Mut, Heimat dort als Alptraum zu benennen(2), wo sich immer mehr Menschen öffentlich in Heimatfilmfantasien hüllen und einen Ort als ewig und allzeit gegeben beschwören, dessen Grenzen schon immer verschoben, zersprungen und verlegt waren. Es braucht Mut, glänzende Fahnen – golden-glitzernde Rettungsdecken – zu schwingen. Wie schade eigentlich, dass es zu alledem Mut braucht. Mittlerweile. Mai 2019. Kurz vor der Europawahl: Blaue Herz-Emojis treiben durch das Netz und fordern „Freiheit“ und „Sicherheit“, wo sie doch sowohl die eine als auch die andere einfach nur ins Absurde stürzen. „Sei schlau, wähl blau.“
„Ich war gescheit, sagt Hydra, für eine Weile war ich gescheiter als die meisten im Kunstbetrieb, doch je gescheiter ich mich fühlte, desto mehr war ich gescheitert.“(3) Die Hydra, ein von den Autor_innen des Blogs Nazis&Goldmund geschaffenes „Monstrum“, sagt nichts mehr. Die Schreibenden im Hintergrund haben abgedankt. Wie kann Hydra, die doch unsere Verbündete war, in dieser Zeit der blauen Herz-Emojis das Handtuch werfen? Das Handtuch abgeben. Sagen: „Ich bin gescheitert“? Worin übt man sich, wenn eine, zu der man aufsah, einen anderen Weg geht, den Weg, auf dem man selbst steht, als gescheitert erklärt? Stimmt nicht: Für sich als gescheitert erklärt. Sieht sich das eigene Scheitern so selbst voraus? Was ist die Konsequenz? Hydra sagte zuletzt: „Someone please take over.“ Let’s take over. Denn einiges ist faul im Staate D:
Michael Wolf, Kolumnist bei Nachtkritik, schreibt: „Wer nicht schnell genug ‚Nazis raus‘ twittert, ist selber einer. Was für eine rührend naive Forderung übrigens. Wo soll denn das sein, dieses ‚raus‘? Wo sollen sie denn hin, die Nazis? Sollen wir sie ausbürgern? Einsperren? Einweisen? Fragen wie diese stören nur den Schlaf der Selbstgerechten.“(4) Im nächsten Absatz wendet sich Wolf den VIELEN zu. Er nennt sie eine öffentlichkeitswirksame Maßnahme, die zwar so tut, als gelte es Björn Höcke und sein „AfD-Volks-Theater“ zu bekämpfen, dies aber nicht kann, da es das „Höcke-Theater“ gar nicht gäbe. So ist für diesen (Theater-)Kritiker jedes Eintreten gegen Rechts nicht politisch, sondern moralisierend. Wie? Wo es doch mittlerweile offen auf der Hand liegt, dass durch Attacken der AfD die Kulturfreiheit in diesem Land in Frage gestellt wird(5).
Man kann hinhören, bei den Fällen, in denen die AfD offen die Kultur beklagt, in denen sie Theater an- und verklagt: das Stadttheater Paderborn (wegen eines Plakats), das Gorki Theater (in mehreren Fällen), die Schaubühne Berlin (um Falk Richters FEAR), das Hans Otto Theater Potsdam (um Maxi Obexers Illegale Helfer) und so fort. Man kann hinhören und diese Fälle als (Vor-)Zeichen deuten. So wie es DIE VIELEN tun: „Der rechte Populismus, der die Kultureinrichtungen als Akteure dieser gesellschaftlichen Vision angreift, steht der Kunst der vielen feindselig gegenüber. Rechte Gruppierungen und Parteien stören Veranstaltungen, wollen in Spielpläne eingreifen, polemisieren gegen die Freiheit der Kunst und arbeiten an einer Renationalisierung der Kultur“(6). DIE VIELEN fordern von den ihnen beigetretenen Kulturinstitutionen nicht nur ein öffentlich sichtbares Eintreten gegen Rechts. Sie sind auch eine Solidaritätsplattform der Institutionen untereinander: „Die Unterzeichnenden verpflichten sich zu gegenseitiger Solidarität mit Kultureinrichtungen und Akteur*innen der Künste, die durch Hetze und Schmähungen unter Druck gesetzt werden“(7). Dies bedeutet auch Solidarität in Sachen Rechtsbeistand, denn nicht jedes Theater bringt Anwaltskosten in seinem Budget unter. Michael Wolf jedoch nennt die bundesweiten Forderungen der VIELEN(8) moralisch und selbstbeweihräuchernd. So verschließt er die Augen und Ohren vor Kommentaren wie diesem: „Jetzt ist eine neue politische Kraft mit ins Spiel gekommen. Darauf wird sich der Kulturbetrieb einstellen“. Oder diesem: „Und da werden vielleicht die einen oder anderen Auswüchse ein Stück weit korrigiert werden“(9). Beides Aussagen von Götz Frömming, AfD-Mitglied im Bundesausschuss Kultur und Medien. „Auswüchse.“ – „Die versiffte Linke.“ Und wieder ist sie da: die Begrifflichkeit. Heute: „der Cultural Marxism.“ Dessen Opa, lächelnd: „der Kulturbolschewismus.“ Und wer glaubt, dass Herr Frömmings Worte doch nichts weiter sind als heiße Luft, kann sich das Regierungsprogramm durchlesen, welches die AfD nun – nach der Europawahl 2019 – in Sachsen als Wegweiser für die kommende Landtagswahl vorgelegt hat. Hier heißt es unter anderem: „Kultur darf kein Tummelplatz für soziokulturelle Klientelpolitik sein“(10). Es heißt weiter, dass Kultur identitätsstiftend sein müsse und ein „Spiegel des Selbstverständnisses der sächsischen Bürger“. Es wird klargestellt: „Wir wenden uns gegen ein einseitig politisch orientiertes, erzieherisches Musik- und Sprechtheater, wie es derzeit auf sächsischen Bühnen praktiziert wird.“
Die blauen Herz-Emojis blitzen auf, aber eben nicht nur auf den erwarteten Accounts, den Facebook-Timelines Unbekannter. Und man will natürlich nicht hinter jedem tatsächlich unschuldigen blauen Herz-Emoji gleich eine rechte Einstellung sehen. Aber wenn es auf ein „Sei schlau, wähl blau“ folgt? Dann darf man jene, die doch so sehr schwören, dass nie-niemals-nicht ein braunes Herz in ihrer Brust schlägt oder der ihrer Eltern oder der vom Opa, da rechts einordnen. Denn dies ist Ernst: „Wenn ein Medium, sagt Hydra, das mal im Namen der Demokratisierung antrat, nennen wir es mal: Machtkritik, eine ihrer Kritiker*innen, sagen wir mal, sie heißt Michaela Werwolf, auf mich loslässt, und wenn diese mein Heulen nur als unnötig-schuldkomplexbeladene hohle Geste lesen kann, meine Solidarität nur als zwiespältige (nicht: vielköpfige), mein Vater-Unser (namens NAZIS RAUS!) nur als moralische Geste, und wenn sie die Zähne fletscht und den silbernen Mond anheult, was dann?“ Ja, was dann? Dann muss frau – nicht Du, denn Du hast abgedankt, liebe Hydra – zusehen, dass sie sich von so herrlich populistisch-haptischen Begrifflichkeiten wie „links-rot-grün versifft“ und „Gutmenschentum“ nicht in die Rechtfertigungsnot drängen lässt.
Max Czollek verweist in seinem Buch Desintegriert Euch! auf Mit Rechten reden(11) von Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn. Wie schon Michael Wolf machen auch jene einen bestimmten Moralismus bei ihren „linken Freunden“ aus(12). Czollek widersetzt sich dieser Vereinfachung. Seiner Ansicht nach ist Moralismus sehr viel breiter gesät und keineswegs politisch an nur einer Stelle zu verorten: „Die Realitätsverweigerung ist nicht Eigenschaft linker Freund*innen, sondern bildet die Grundlage der deutschen Normalitätsbehauptung, die auf einer Verkehrung des Verhältnisses von Selbstbild und politischer Realität basiert. Weil die Deutschen nicht mehr völkisch, antisemitisch und rassistisch sein wollen, muss sich die politische Realität entsprechend verhalten. Da werden 12,6 Prozent AfD-Wähler*innen eben von einer Affirmation völkischen Denkens zu einem Ausdruck politischer Frustration umgedeutet“(13). Czollek findet Moralismus also in einem großen Teil der deutschen Gesellschaft. Besonders an eben jener Stelle, an welcher ein klarer Rechtsruck weggedichtet wird. Die Stelle, an der blaue Herz-Emojis plötzlich nichts mehr mit dem Nationalsozialismus zu tun haben sollen. Die Stelle, an der die AfD angeblich keine rechtsradikalen Tendenzen aufweist(14). Dass sie das jedoch sehr wohl tut, kann man unschwer an der Rhetorik und den Aussagen Björn Höckes, welcher zwar (noch) kein eigenes Theater hat, aber trotzdem genug davon macht, überprüfen(15).
Björn Höcke ist kein frustrierter, Unsicherheit fühlender, blaue Herz-Emojis verschickender Unverstandener. Er ist ein Rechter, ein Populist und ein Hetzer. Ihn und sein Applauspublikum zu Mitleidssubjekten zu degradieren ist vollkommen unangebracht und noch dazu hochbedenklich. Wir müssen uns diesem, von Czollek aufgezeigten Chor der Anerkennung einer politischen Frustration widersetzen, denn er verharmlost. Indem wir politisches Handeln nur als sehnsüchtige Gefühle ansehen, verpassen wir den rationalen Blick auf vorliegende Machtstrukturen. Wir lassen uns auf die Behauptung ein: Die „Links-Rot-Grün-Versifften“ (und der Farbkombination nach sind das ja eigentlich alle, die nicht rechts stehen) heulen rum und wollen doch nur sich selbst besser fühlen, und die am rechten Rand sind abgehängt, unverstanden und frustriert. „Links-Rot-Grün-Versifft“ soll aufhören zu heulen und sich nicht nur um sich selbst, sondern endlich um die kümmern, welche unverstanden und frustriert sind, mit jenen sollen sie reden. Als hätten wir alle, links, Mitte und rechts, keinen Verstand! Als hätten wir nur unsere Gefühle: Selbstmitleid und Frustration. Aber wir alle sind politische Individuen, die bewusst Entscheidungen treffen. Wir stehen, wo wir stehen, weil wir es so entschieden haben. Czollek schreibt in Bezug auf den Vorschlag von Leo, Steinbeis und Zorn, mit Rechten zu reden: „Der vorherrschende Umgang mit der Neuen Rechten in der Politik ist […] das Verständnis für die schon sprichwörtlichen Sorgen und Nöte der Menschen. Diese Anerkennung läuft notgedrungen auf die Übernahme bestimmter politischer Grundannahmen hinaus – Überfremdung lässt sich nicht ohne Homogenitätsideal, Islamfeindlichkeit nicht ohne Leitkultur verstehen.“(16) Wenn wir mit Rechten reden, müssen wir demnach nicht nur ihre Sprache sprechen, sondern auch ihre Zuschreibungen als Gesprächsgrundlage akzeptieren.
Hydra sagte zuletzt, ihren Lebensatem aushauchend: „Ich bin (immer noch) viele.“ Sagte: „Achtung: Dieses Wort hier verändert (immer noch) die Wirklichkeit.“ Es gilt den Dissens zu suchen und zu formulieren: Wir müssen kein Verständnis für die Neue Rechte haben. Wir müssen ihre Sprache und ihre Zuschreibungen nicht akzeptieren. Wir können mit allen Gefühlen mitfühlen. Sobald diese jedoch nichts weiter als verschleiernde Platzhalter für eigentlich klare, rationale, ausgrenzende politische Strategien sind, gilt es zu bedenken und umzudenken. Dies braucht hin und wieder Mut. Mut und Verstand. Das Alte rollt wieder. Es wird uns nicht überrollen.

 

 

 

Lektorat: Die Redaktion

 

1 Max Czollek, Desintegriert Euch! (2018), München: Carl Hanser Verlag.
2 Fatma Aydemir & Hengameh Yaghoobifarah (Hrsg.), Eure Heimat ist unser Alptraum (2019), Berlin: Ullstein.
3 Nazis & Goldmund, „Exit Hydra“, 17.04.2019, http://www.nazisundgoldmund.net/blog/exit-hydra, zuletzt eingesehen am 02.05.2019.
4 Michael Wolf,, „Rechtschaffende Rituale“, nachtkritik, 19.03.2019, https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=16537:kolumne-als-ob-michael-wolf-sieht-moral-am-werk-wo-politische-ideen-geboten-waeren&catid=1624&Itemid=100389, zuletzt eingesehen am 02.05.2019.
5 Heike Mund, „Ulrich Khuon: Man kann sagen, dass die Kunstfreiheit in Frage gestellt ist“, Deutsche Welle, 17.01.2019, https://www.dw.com/de/ulrich-khuon-man-kann-sagen-dass-die-kunstfreiheit-in-frage-gestellt-wird/a-47128466, zuletzt eingesehen am 02.05.2019.
6 DIE VIELEN. Berliner Erklärung. https://www.dievielen.de/erklaerungen/berlin, zuletzt eingesehen am 21.05.2019.
7 Siehe Fußnote 8.
8 Zu den vielen Erklärungen der VIELEN: https://www.dievielen.de/erklaerungen/ .
9 Beide Zitate aus: ttt, „Neuer Kulturkampf – Wie die AfD Kulturpolitik betreibt“, NDR, 29.10.2018, https://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/ndr/kulturpolitik100.html, zuletzt eingesehen am 02.05.2019.
10 Andreas Debsky, „Sachsen-AfD legt Regierungsprogramm vor“, Dresdner Neuste Nachrichten, 29.05.2019, https://www.dnn.de/Region/Mitteldeutschland/Sachsen-AfD-legt-Regierungsprogramm-vor?fbclid=IwAR391VPvbBoQqbXnSEe1_YkrYbGEbfWY7pPYq2Rb1ko4EEuBdVJAi6l3LZg, zuletzt eingesehen am 29.05.2019.
11 Per Leo, Maximilian Steinbeis & Daniel-Pascal Zorn, Mit Rechten reden: Ein Leitfaden (2017), Stuttgart: Klett-Cotta.
12 Leo, Steinbeis, Zorn, 35-40.
13 Czollek, 109.
14 z.B. Alexander Gauland: „Nazis gehören nicht in diese Partei“, Die Welt, 13.10.2018, https://www.welt.de/politik/deutschland/article182040578/AfD-Chef-Alexander-Gauland-Nazis-gehoeren-nicht-in-diese-Partei.html, zuletzt eingesehen am 21.05.2019.
15 Hierzu Björn Höckes oft zitierte Rede in Dresden vom Januar 2017, inklusive Aussage zum „Gemütszustand eines besiegten Volks“ und dem „Denkmal der Schande“: https://www.tagesspiegel.de/politik/hoecke-rede-im-wortlaut-gemuetszustand-eines-total-besiegten-volkes/19273518-all.html, zuletzt eingesehen am 21.05.2019.
16 Czollek, 115.

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