PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Bei uns ist es sinusoidal

von Grzegorz Kielawski

Zwei große, sich überschneidende Personenkreise. Innerhalb der Kreisschnittfläche ein kleiner Kreis mit einem Kamerateam. Außerhalb der Kreise einzelne Personen und Gruppen. Gemäßigter Straßenlärm. Alle rotieren in lockerem Schritttempo. Hin und wieder wechselt eine Person in den Medienkreis, ergreift vor laufender Kamera das Wort und kehrt in ihre Umlaufbahn zurück. In Einzelfällen wird die Aussage nach einer kurzen Pause wiederholt und im gleichen Atemzug um die nächste Aussage ergänzt. Bleiben die Stimmen neutral, ist eine fruchtbare Auslegung der Inhalte gewährleistet. Einige kommen mehrmals zu Wort, andere verlassen ihren Kreis nie. Einige sondern sich ab und bleiben für immer außerhalb der Kreise. Manche schließen sich den Kreisen an und bleiben drinnen. Die Aussagen werden auf eine Leinwand im Hintergrund übertragen. Bleiben sie neutral, entstehen dialogische Interviewszenen.

 

 

(Strom an)

Alles ist durcheinander, ein nationales Durcheinander. Man weiß nicht mehr, wo man hingehört.

Es ist keine Katastrophe, es ist in keinem Land anders.

Wer die Geschichte kennt, sieht das mit anderen Augen. Ich bin nach dem Krieg aufgewachsen und konnte noch ein wenig Geschichte schnuppern.

Das war eine brutale Zeit, eine brutale Regierung, also Polizeistaat, Hexenjagd, Eroberung vom Fernsehen über Nacht.

Also wenn die Demokratie in verschiedenen Bereichen versagt, dann darf er doch sagen, mein Gott, das ist ein System, da kann man vielleicht ein bisschen nachdenken und das wirklich…

Man darf nicht zu viel sagen. Denn das trägt sich dann weiter und weiter und fällt irgendwann auf den zurück, der es gesagt hat. Man darf nicht überall die Wahrheit sagen. Wenn man etwas weiß, dann für sich selbst.

Ich bin anderer Meinung: Man sagt entweder die Wahrheit oder gar nichts.

Ohne Internet würden wir noch weniger wissen. Es gibt keinen Zugang zur Wahrheit. Es genügt, sich die Programme im Fernsehen anzuschauen. Außerdem gibt es viele unaufgeklärte Geschichten, wo man nicht weiß, ob sich das überhaupt aufklären lässt. Einige Politiker haben sich umgebracht, niemand weiß warum. Ich denke, das ist Politik. Das ist überall so.

Bei uns ist es sinusoidal. Es geht immer auf und ab, auf und ab.

Diese Leute kommen und gehen einfach weiter. (Einzelfall)

Die Antwort liegt in der Geschichte. Die Geschichte ist ein Rad. Das kommt alles zurück. Man muss nur lesen und denken, lesen und denken, lesen und denken. Wer Geschichte liest, kann wissen, was kommt als Nächstes und was macht der Nächste.

Das ist nur eine Theorie. Meiner Meinung nach wird die Union zerfallen. Verträge sind
nur Verträge. Es gab mal den Vertrag Ribbentrop-Molotow. Und was ist passiert?

Wir haben die Autobahn ausgebaut, aber die Menschen dahinter wurden ein bisschen vergessen.

Wow, tolle Autobahn, viel schöner als bei uns!

Aus deutscher Perspektive sieht es so aus, als würde man dort Verschwörungstheorien aufbauen, aber ich glaube, dass der russische Einfluss noch recht groß ist.

Ich bin Unternehmer. Unsere Meinung ist ganz anders als die Meinung von Leuten, die Zeitungen lesen. In Zeitungen können Sie lesen, dass alles in Ordnung ist. Für ausländische Unternehmen ja, für Polen nein.

Das ist gefährlich, das sind zwei Kulturen. Es geht nicht um die Religion selbst, sondern um die Charakteristik. (Einzelfall)

Katholisch, protestantisch, evangelisch. Das ist dasselbe. Wir sind getauft. Wir sind nicht beschnitten. Der Ursprung ist derselbe. Unsere Religion ist dieselbe.

Man kann nur ein Kreuz machen.

Das Schlimmste ist, dass wir keine Armee haben, alles komplett vernichtet. Stellen Sie sich nun vor, dass uns ein fremdes Land überfällt. Wer wird die Grenzen verteidigen?

Transport und Handel sollen grenzenlos bleiben, aber die Leute muss man kontrollieren. Ich meine die Wirtschaftsflüchtlinge, nicht die normalen Flüchtlinge. Ich bin Unternehmer.

Um etwas zu erreichen, müssen wir ins Ausland. Der Unterschied liegt in der Ökonomie. Halb Polen möchte so leben wie die Flüchtlinge in Deutschland. Niemand wird also in Polen bleiben. Man müsste sie an die Wand ketten.

Man kann nur ein Kreuz machen.

Also mich fasziniert seine Konsequenz: Er war immer ein Monarchist, und er wird belächelt und kritisiert bis geht nicht mehr, aber er steht immer dazu – und das finde ich OK.

Er hat nicht viel über sein Programm geredet, aber er will viel beenden, anders machen.

Parteiprogramme sind gut für Sozialforscher, um zu schauen, welche Fortschritte das eine oder andere Manifest macht, aber wir sind nur Menschen, wir sind halt emotionsgesteuert und wählen deshalb nach Namen. Ich bin mir sicher, dass auch hier Schauspieler oder Sportler antreten.

Die Macht kommt aus dem Boden, von den Menschen. (Einzelfall)

Aus deutscher Perspektive sieht es so aus, als würde man dort Verschwörungstheorien aufbauen, aber ich glaube, dass der russische Einfluss noch recht groß ist.

Und dass es trotzdem genauso funktioniert, nur dass es hier wesentlich mehr Ausländer und Flüchtlinge gibt, wo ich das schon ein bisschen verstehen kann, dass sich die Leute dem anschließen. Aber in Polen?

Das ist dasselbe. Wir sind getauft. Wir sind nicht beschnitten. Der Ursprung ist derselbe.

Da spricht man auch von der verlorenen Generation.

Die Hilfspakete für Griechenland liegen auf deutschen Konten in Frankreich. (Einzelfall)

Alles, was auf den Regalen steht, kommt aus dem Ausland. Das werden sie in keiner Zeitung lesen können. Ich bin Unternehmer. Unsere Meinung ist ganz anders als die Meinung von Leuten, die Zeitungen lesen.

Das hat nichts mehr mit Migration zu tun. Wir haben zwar schöne Straßen und Stadien, aber die Menschen dahinter wurden ein bisschen vergessen.

Wer die Geschichte kennt, sieht das mit anderen Augen. Ich bin nach dem Krieg aufgewachsen und konnte noch ein wenig Geschichte schnuppern.

Mein Mann versteht sehr viel. Wenn er möchte, könnte er alles verstehen. (Das Konjunktiv polnischer Muttersprachlerinnen ist mangelhaft, hätte daher mit „möchte, könnte“ kein Problem)

Ich bin ja EU-Bürger, bei mir gibt es keine Hemmnisse. (Einzefall)

In einer österreichischen Zeitung war die Rede von einem polnischen Konzentrationslager. Polen hat’s damals gar nicht gegeben. Das Lager war deutsche Baukunst.

Jetzt ist es aber so, dass wenn wir die Kinder in einen Kindergarten schicken – in einen städtischen Kindergarten –, dürfen die Kinder kein Fleisch essen oder als Jause mitbringen. In der Schule auch. Also die bringen ihre Kultur und verändern unsere Kultur.

Heimat ist Heimat. Sie liegt am Herzen. Egal, ob man jetzt dort ist oder hier. (Einzelfall)

Leute, da stimmt was nicht mit der Demokratie. Es gibt zu große Unterschiede zwischen den Sendern. Es gibt keinen Zugang zur Wahrheit.

Also eine Medienreform muss man behutsam angehen. Man muss lesen können, richtig lesen. Ein wenig Geschichte, ein wenig… Man darf nicht zu viel sagen. Denn das trägt sich dann weiter und weiter und fällt irgendwann auf den zurück, der es gesagt hat.

Zum Beispiel hat der Präsident gesagt, er sei stolz, in diesem Land geboren zu sein, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der Präsident ein Nationalist ist.

Um etwas zu erreichen, müssen wir ins Ausland. Da leben wir an und für sich in einer Matrix. Das sind zwei verschiedene Welten, wirklich.

Es gibt Gott sei Dank immer mehr Menschen, die sich im Internet informieren. Wir sind nun mal emotionsgesteuert und wählen nach Namen. Ich bin mir sicher, dass auch hier Schauspieler oder Sportler antreten.

Es sei Menschenmüll, was da zu uns komme. Das seien keine Menschen.

Aber haben Sie nie eine Sendung darüber gesehen, wie die Polen in Amerika die Bräuche aufrechterhalten, wie sie die Sprache pflegen? Bei uns hat man das längst vergessen. Viele wissen überhaupt nicht, wer die Nationalhymne geschrieben hat, wann, wo.

Ohne Internet würden wir noch weniger wissen.

Das Gedächtnis ist ein Wind. (Einzelfall)

Die Antwort liegt in der Geschichte. Die Geschichte ist ein Rad. Das kommt alles zurück. Man muss nur lesen und denken, lesen und denken, lesen und denken. Wer Geschichte liest, kann wissen, was kommt als Nächstes und was macht der Nächste.

Wir sind auch wegen den Jobs hier, aber wir tun zumindest unsere Rechte nicht einbringen. Jetzt ist es aber so, dass wenn wir die Kinder in einen Kindergarten schicken – in einen städtischen Kindergarten –, dürfen die Kinder kein Fleisch essen oder als Jause mitbringen. In der Schule auch. Also die bringen ihre Kultur und verändern unsere Kultur.

Sie wollen wertvolle Leute ins Land bringen oder importieren. Ich denke, das ist Politik. Das ist überall so. Das wird einfach sozusagen gleichgestellt. Jeder will die Mehrheit haben.

Also wenn die Demokratie in verschiedenen Bereichen versagt, dann darf er doch sagen, mein Gott, das ist ein System, da kann man vielleicht ein bisschen nachdenken und das wirklich… Ich bin mir sicher, dass auch hier Schauspieler oder Sportler antreten.

Das Problem ist, dass man einfach Angst hat, weil diese Menschen ein bisschen anders sind, die Kultur anders ist. Da geht’s wirklich noch Zahn um Zahn und Auge um Auge. Was man so hört.

In einer österreichischen Zeitung war die Rede von einem polnischen Konzentrationslager. Aber die Täter waren nicht die Polen. Das waren die Russen. Auch vom Flugzeugabsturz spreche ich, wo die Trümmer bis heute nicht zurückgegeben wurden.

Diese Menschen haben keinen Fehler gemacht. Wer ein bisschen Ahnung vom Fliegen hat, kennt die Vorschriften: Ein Radarhöhenmesser und ein barometrischer Höhenmesser sind zwei verschiedene Sachen.

Sie schalten es ein, saugen sich hinein, und so bilden sie sich ihre Meinung. Sie suchen sich dann keine anderen Quellen. Da leben wir an und für sich in einer Matrix. Das sind zwei verschiedene Welten, wirklich.

Und dass es trotzdem genauso funktioniert, nur dass es hier wesentlich mehr Ausländer und Flüchtlinge gibt, wo ich das schon ein bisschen verstehen kann, dass sich die Leute dem anschließen. Aber in Polen?

Er kassiert ziemlich viel Geld als Europarlamentarier.

Für einige Parlamentarier sollte man den Galgen von Hess in Ausschwitz erneuern. Eine Schlinge um den Hals und weg damit.

Hör auf mit deinem Galgen! Man sagt sowas nicht! (Einzelfall)

Denn das trägt sich dann weiter und weiter und fällt irgendwann auf den zurück, der es gesagt hat. Man darf nicht überall die Wahrheit sagen. Wenn man etwas weiß, dann für sich selbst.

Ich bin Unternehmer. Unsere Meinung ist ganz anders als die Meinung von Leuten, die Zeitungen lesen. In Zeitungen können Sie lesen, dass alles in Ordnung ist. Für ausländische Unternehmen ja, für Polen nein.

Für mich ist das Hochverrat. Hier hätten sie solche Geschäfte nicht drehen können, ein Zwischenfall und sie verschwinden aus der Politik, und bei uns?

Darüber will ich mit Ihnen nicht diskutieren, weil ich weiß, zu welchem Ergebnis das führen würde.

Auch ich kenne das Ergebnis, weil es längst feststeht. Es kommt darauf an, welche Wurzeln man hat, was man gelernt, gesehen, gelesen und gedacht hat – das ist alles.

Im Regierungssender sieht man tausende Leute auf irgendeiner Veranstaltung der Regierungspartei – und der Oppositionssender zeigt, wie durch bestimmtes Filmen Massen zu sehen sind, aber im Grunde genommen waren dort nur hundert Leute.

Der eine Sender sagt das, der andere was anderes. Es gibt zu große Unterschiede zwischen den Sendern.

Unklar ist aber, ob es primäre oder sekundäre Unterschiede sind, da man nicht weiß, ob sie mit unterschiedlichen Gehirnen geboren wurden oder ihre Gehirne dermaßen austrainiert haben, dass sie unterschiedlich geworden sind. Wahrscheinlich beides.

Da spricht man auch von der verlorenen Generation. Man muss um Mitternacht aufstehen, um sich beim Arzt anzustellen. Wir haben zwar schöne Straßen und Stadien, aber die Menschen dahinter wurden ein bisschen vergessen. Außerdem gibt es viele unaufgeklärte Geschichten, wo man nicht weiß, ob sich das überhaupt aufklären lässt.

Er hat nicht viel über sein Programm geredet, aber er will viel beenden, anders machen.

Für mich ist die Sache klar. Das ganze Volk wird belogen. Diese Leute sollten von der Bühne verschwinden. Einfach verschwinden.

Ich bin da sehr neutral. Der Gatte ist nicht so neutral wie ich.

Er ist ein bisschen exzentrisch und hat sich von seiner Rede vielleicht zu stark treiben lassen, was durch die Übersetzung noch verstärkt wurde. In der Übersetzung gehen viele Nuancen verloren. Zum Beispiel hat der Präsident gesagt, er sei stolz, in diesem Land geboren zu sein, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der Präsident ein Nationalist ist.

Liebe zum eigenen Volk ist nicht Nationalismus. Nationalismus hat immer so einen negativen Beigeschmack, wie Fanatismus oder Fundamentalismus.

Es gibt keine antisemitische Partei in Polen. Das macht keinen Sinn im 21. Jahrhundert. Polen und Juden haben mehrere hundert Jahre zusammengelebt. Letztens wurde sogar das Museum Polnischer Juden eröffnet.

Das Problem ist, dass man einfach Angst hat, weil diese Leute ein bisschen anders sind, die Kultur anders ist. Da geht’s wirklich noch Zahn um Zahn und Auge um Auge. Was man so hört. Wir stellen denen Zelte zur Verfügung und so weiter, dass sie überwintern – und die verbrennen’s, weil sie zu lange warten.

Wir sind nun mal emotionsgesteuert.

Bei ihm hat man früher in der Schule noch Russisch gelernt, hier Englisch, Italienisch, Französisch und so weiter. Jetzt aber überlege ich mir, ob es nicht sinnvoll wäre, wenn die Kinder eine andere Sprache lernen würden, zum Beispiel Türkisch, weil das jetzt sozusagen die Mehrheit ist.

Da geht’s wirklich noch Zahn um Zahn und Auge um Auge. Das hat so ein Ausmaß genommen, das ist einfach nicht mehr tragbar, die ganze Korruption.

Heute ist payback time.

Wir werden mehr Ausgaben sehen, mehr Schulden sehen, mehr Defizit sehen. Das sind Probleme.

Also die bringen ihre Kultur und verändern unsere Kultur. Und dass es trotzdem genauso funktioniert, nur dass es hier wesentlich mehr Ausländer und Flüchtlinge gibt, wo ich das schon ein bisschen verstehen kann, dass sich die Leute dem anschließen. Aber in Polen?

Bei uns ist es sinusoidal. Es geht immer auf und ab, auf und ab.

Alles ist durcheinander, ein nationales Durcheinander. Man weiß nicht mehr, wo man hingehört.

Es ist keine Katastrophe, es ist in keinem Land anders. Wer die Geschichte kennt, sieht das mit anderen Augen. Der Unterschied liegt in der Ökonomie.

(Strom aus)

 

 

Alle Textpassagen stammen aus Interviews vor der Botschaft der Republik Polen in Wien am Tag der Parlamentswahlen 2015. Zur Sprache kommen Wahlberechtigte und Begleitpersonen.
Entstanden in Zusammenarbeit mit Cornelia Schuster und Alex Bayer.

 

 

 

 

 

Lektorat: Maria Milisavljević, kaśka bryla, Yael Inokai

Alle Rechte zum Text verbleiben beim Autor.

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