PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

BAKIN JEZIK

von Ivna Žic

EIN STERBEAMT

 

 

EINE JUNGE FRAU

 

im Gespräch mit

DER MUTTER

DEM JUNGEN MANN

DEM ALTEN MANN

DEN FREUNDINNEN

DEN BUSMITFAHRERN

DEN STIMMEN HIER

DEN STIMMEN DORT

DER GROSSMUTTER

UND EINIGEN ANDEREN

oder

Stimmen (laute, leise, nachhallende, vergangene, beharrende, nachgebende, gegenwärtige, zukünftige, widersprüchliche, chorische, Soli, Duos, Trios und so weiter).

Ein Konzert.

 

 

 

 

AUSWAHL 1:

 

PRELUDE

oder EIN MORGEN, EINE TOTE GROSSMUTTER IM KOPF

 

 

Früher Morgen

Leere Straßen

Leichter Regen

Diese Stadt hat ihre Taktung, die noch nicht begonnen hat

Diese Stadt atmet in einem Rhythmus, der noch ruhig schläft, also schlaf auch du

Noch ist es davor

Oder danach

Noch ist keine eilende Stunde, noch ist früher Morgen, leere Straße, leichter Regen, ein Loch

Eine tote Großmutter im Kopf.

Eine tote Großmutter im Kopf, die keinen Tag mehr hat, seit dieser begonnen hat, seit diese zu frühe und zu späte Stunde ist, die noch auf einen Anfang wartet

Die ist, während die Großmutter

Oma

Meine Baka

Denn Großmutter habe ich sie nie genannt

Während sie nicht mehr ist.

Eine tote Großmutter im Kopf, die keine Stunden mehr hat

Falsch: die schon lange keine Stunden mehr hatte, die gewartet hat, Zeitloch und Wartestunden, Lockenwickler im Haar, die den Ablauf des Tages bestimmen:

Morgens reinwickeln, nachmittags zum Kaffee rauswickeln

Und der Essensgong, mehr war da nicht

Schon lange nicht mehr.

Der Bäcker macht eben auf.

Ein Fenster über mir schlägt zu.

Ein finsterer Mann auf der Straße.

Grüezi.

Grüezi.

Ein Kopfnicken.

Wer noch schläft, ist er, weiterhin und immer noch schläft er.

Er schnarcht.

Ja, er schnarcht.

Er schnarcht so laut, dass man es bis in die Küche hört.

Und bei mir

Eine tote Großmutter im Kopf.

Keiner hat es ausgesprochen

Sowieso: mit keinem gesprochen

Keine Sprache

Nur ein klingelndes Telefon

Ein Schnarchen

Ein Fenster

Aber ich weiß es

Ich weiß es.

Wir lagen eben noch im Bett

Sein Arm auf meinen Hüften.

Zufällig.

Wie jeden Morgen.

Fast die gesamte Decke auf seiner Bettseite.

Wie jeden Morgen.

Und er schnarchte.

Und das Zimmer eiskalt.

Unser Zimmer.

Und ich: angezogen.

Nicht einmal umgezogen.

Ich schob seine Hand weg. Diese zufällige Berührung kaum aushaltend. Und dann lagen wir einfach da, nebeneinander.

Besser als ein zufälliger Arm auf der Hüfte.

Schon viel besser.

Denn auch ich schaffe kaum eine Berührung, die nicht zufällig oder rein funktional wäre.

Besser ist es, einfach zu liegen, immerhin im gleichen Bett zu liegen.

Doch das Nebeneinander, das pure Nebeneinander ist genauso schwer auszuhalten. Ist nicht auszuhalten. Und ich versuche es: möchte ihn wecken, möchte eine Berührung erzeugen, die etwas bedeutet, möchte es ihm erzählen –

So geht das nicht. Es geht einfach nicht!

Wir liegen schon wochenlang angezogen nebeneinander, so schlafen wir ein, so wachen wir auf, wir gehen kaum gleichzeitig schlafen und morgens rollen wir uns aus dem Bett und machen den Kaffee und das war’s.

Und gestern, da wollten wir doch –

Ja, wir hatten doch gesagt –

Wir müssen doch wieder –

Es muss doch – !

Aber wir haben auch letzte Nacht nicht miteinander geschlafen, schon wieder nicht, sind angezogen nebeneinander eingeschlafen, wir haben uns nachts seit Wochen nicht berührt, mein Körper löst sich ab, was ist denn passiert?

Das Telefon klingelt, immer und immer wieder

Und er schnarcht weiter.

Und ich gehe nicht ran

Denn ich weiß es auch so.

Ich gehe.

Raus, in den Regen, in die Stadt.

Angezogen bin ich ja schon.

 

 

 

 

2 MUTTER / SPRACHE / GROSSMUTTER

 

Die Mutter ruft an, bestimmt schon zum elften, zwölften, vielleicht auch schon zum fünfzehnten Mal.

Irgendwann muss ich ja:

Hallo.

Liebes, hallo, ich hoffe, ich störe nicht, aber wir versuchen dich schon den ganzen Tag zu erreichen. Wo steckst du denn? Oma ist –

Mama ich weiß.

Woher weißt du es?

Ich weiß es einfach.

Liebes, ich habe mir schrecklich Sorgen gemacht, ich –

Ich weiß, tut mir Leid.

Wir sind schon losgefahren.

Ihr seid schon losgefahren? –

Und die Mutter schluckt, die Mutter ist unsicher, die Mutter kriegt Angst, etwas falsch gemacht zu haben, die Mutter sagt:

Entschuldige, aber wir wollten bis zum Abend dort sein, und du – ach Liebes, ich –

Und das Weinen platzt wieder aus der Mutter heraus und legt sich über alles andere, überflutet es:

Mama, keiner konnte es wissen, Mama, nicht weinen!

Ja, ich weiß, aber immer diese Distanz, immer dieses: Bald sehen wir uns. Nimm den Bus heute Abend, ja? Es ist unter der Woche, du findest bestimmt noch einen Platz, und dann sind wir morgen alle zusammen, ja? Es ist einfach nur wichtig, dass wir jetzt alle zusammen sind. – – – Liebes, ich höre dich so schlecht, die Verbindung. Du nimmst den Bus um 18 Uhr, ja?

Ich weiß es nicht.

Ich verstehe nicht

Sagt die Mutter langsam und aufgeregt zugleich, zittrig, nicht weinen Mama, denke ich, das ist jetzt nicht der Zeitpunkt, sagt die Mutter, und dass wir doch in Ruhe, also reden sollten, komm her, sagt sie,

Ist etwas passiert?

Nein. Nein. Ich weiß nur nicht, warum ich für eine Beerdigung hinfahren sollte.

Es ist deine Großmutter.

Ich rufe später zurück, und: Entschuldigung und: Tschüss, und ich lege auf.

Die Muttersprache, die eigentlich die Großmuttersprache ist.

Durch die die Großmutter weiterläuft, mitläuft, mitspricht und sich einmischt, im Tonfall, in der Wortwahl, im Dialekt:

Die mitgenommene Großmuttersprache.

 

 

Bakin jezik.

Die hier zur Küchentischsprache wurde

Zur Familiensprache hinter verschlossenen Türen

Zur Geheimsprache.

Von wegen Geheimsprache, jeder Dritte versteht sie auf der Straße!

Es ist hier nur nicht die öffentliche Sprache, die Einkauf- oder Dokumentensprache, es ist eben die Familiensprache, durch die die Großmutter weiterläuft, eine Sprache, die wir hierhin mitnahmen und aufbewahrten.

Pflege sie!

Sagen sie immer.

Ich pflege sie doch!

Ich wasche sie jeden Tag und kaue auf ihr herum, auf dieser

Großmutterzunge!, Bakin jezik!, meine Großmuttermundsprache!

Und wo Jezik zur Sprache wird, berührt seine Spitze den Gaumen und formt einen Laut. Wo die Zunge zum Jezik wird, kommen Worte mit Bedeutung, Jeziti se ist eine Gänsehaut haben, wobei der Jez aber viel mehr ein Igel als die Gans ist, und mit Gänsen und Igeln quake und steche ich mich durch die Worte hindurch

Die nach der Großmutter klingen und doch immer ungenügend sind.

 

 

Das ist nicht meine Sprache.

Ovo nije moj jezik.

Keine von beiden.

 

 

Meine Sprache gibt es nicht.

Weil die Großmutter nie eine Großmutter war

Sondern Baka.

Und die Realität liegt irgendwo zwischen diesen Worten, die dasselbe bedeuten sollen und dennoch, in beiden Sprachen, dieses Gemeinte nie sein können, denn dafür bestehen sie allesamt aus zu wenigen Buchstaben. Und das ist nur einer von vielen Gründen.

Meine Sprache gibt es nicht.

Im Mund liegt die Unmöglichkeit, beide Sprachen jemals gleichzeitig zu sprechen und im Körper jene andere, an beiden Orten gleichzeitig zu sein.

Doch solange die Großmutter sich durch die Sprache schleicht, während ich mich von ihrer Beerdigung wegschleiche, sage ich lieber nichts mehr, bevor die Großmutter noch wirklich zu sprechen beginnt, die Sprache in Beschlag nimmt, noch mehr als durch ihren Tonfall, der hindurchfließt, sie hat sich reingesetzt und hält die Sätze zurück, hält solche Sätze im Mund gefangen und lässt sie nicht heraus!

 

 

Ruf die Mutter an und sag’s ihr.

Ruf die Mutter an und sag’s ihr – endlich!

Sag’s ihr, denn auch wenn du diese Sprache in dir trägst, sagt sie noch lange nichts über die Großmutter aus.

Genauso wie deine äußere Ähnlichkeit zu ihr nichts sagt, nichts über die Großmutter und dich aussagt, außer dass es Oberflächen gibt, die ähnlich sind.

Die Großmutter trägst du nicht oder woanders in dir.

Keine Sprache und keine Ähnlichkeit sagen, dass ihr euch kennt.

Keine Sprache und keine Ähnlichkeit reichen aus, damit ihr euch kennt.

Also ruf die Mutter an und sag es ihr.

 

INTERLUDE

 

Wenn eine Frau eine Frau gebiert, wenn eine Frau eine andere Frau in die Welt setzt, wenn eine Frau Mutter wird und eine Tochter kriegt, einen Menschen, der ebenfalls gebären soll, der ebenfalls einmal im Monat bluten wird, der Brüste kriegen wird und Hüften, aber alles anders, von Grund auf anders, dann stehen da zwei Frauen, nebeneinander, in unterschiedlichen Landschaften.

Es gibt sie so häufig, diese Bilder von der Mutter und mir, und sie ähneln sich, alle diese Bilder ähneln sich untereinander so sehr, wie wir zwei, die Mutter und ich, uns nicht ähneln.

Auf diesen Bildern sind zwei Frauen zu sehen, die eine klein, mit Locken, vielen Locken und im Gesicht eine etwas zu große Nase, eine spitze, zu große Nase, diese kleine Frau ein Strich, ein feiner Strich mit lockigen Haaren, und neben ihr die zweite, die größere Frau, lange Beine wie Baumstämme, ein rundes Gesicht, ein weicher, runder Körper, und dunkles, fast schwarzes Haar, glattes, schwarzes Haar.

Wenn eine Frau eine Frau gebiert und ihr das Frausein gibt, aber nicht den eigenen Körper, nichts vom eigenen Körper, stehen da zwei Frauen, und alle sagen immer: Deine Tochter, die kommt aber nach dem Vater. Worauf man schon mit fünf Jahren darüber nachzudenken beginnt, was denn dieses aber bedeutet, Vaterstochter Mutterskind, und nach einigem Nachdenken sagen sie: Aber eigentlich bist du ja wie die Großmutter, ja, genau wie die Großmutter! Sagen sie, Gottseidank, sagen sie und freuen sich, endlich das Richtige gefunden zu haben.

 

(c) rua. Kooperative für Text und Regie, Berlin

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