PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

baby born // baby alive

von Marie Molle

An einem Freitagabend im Sommer. Sie liegt auf einer 90×200 Matratze im Erker ihres Zimmers. Das Zimmer zeigt Richtung Süden. Es befindet sich an einer viel befahrenen Straße in der Nähe der City. Durch die vorhanglosen Fenster gelangt all die Sonne hinein. Es ist zu warm. Während der dunklen Szenen der Netflix-Serie erkennt sie nur ihr glänzendes Gesicht auf dem Bildschirm des Laptops, der circa 30cm von diesem entfernt auf einem Bücherstapel steht. Es ist zu laut. Alle drei bis fünf Minuten fährt eine Tram vorbei. Der Story kann sie schon lange nicht mehr folgen. Es riecht ein wenig feucht und nach Umami. Ihre Augen brennen.
Ihre Mutter erzählt immer wieder die gleichen Geschichten. Es sind Geschichten aus ihrer Vergangenheit, aus der Vergangenheit anderer und aus der Kindheit ihrer Tochter. Die Geschichten sind gut, und die Geschichten sind gut erzählt. Nur, je länger man ihre Mutter kennt, desto wahrscheinlicher wird es, dass sich ein déjà-écouté-Phänomen ereignet. Und wenn man ihre Mutter schon sehr lange kennt, dann weiß man, welche Geschichte sie als nächstes erzählen wird, bevor sie angefangen hat, zu sprechen. Vor allem eine Kindheitsgeschichte ihrer Tochter erzählt sie immer wieder.
An einem Tag als ihre Mutter mit ihr alleine zu Hause war, hörte sie Geräusche aus dem Kinderzimmer, die sie nicht einordnen konnte. Sie sah nach. In der Mitte des Zimmers, auf dem Boden, lag ihre Tochter mit aufgestellten, weit gespreizten Beinen. Abgesehen von einem Hemd war sie nackt. Ihr Gesicht war verzerrt und sie stöhnte laut. In den Händen hielt sie eine Puppe, drückte sie fest gegen ihren Bauch und führte sie Richtung Becken. Das Stöhnen wurde intensiver. Plötzlich rief sie. Atmen! Nicht so laut schreien. Mehr pressen! Mit dem Becken machte sie leichte kreisende Bewegungen und atmete tief ein. Währenddessen drehte sie die Puppe mit dem Gesicht Richtung Vulva. Die Atmung ihrer Tochter wurde schneller, blieb aber kontrolliert. Wenn das Pressen jetzt nicht hilft, hole ich die Saugglocke. Sie spannte die Bauchmuskeln, presste, atmete. Der Puppenkopf überwand die Schicht aus Bindegewebe und Muskulatur des Beckenbodens und trat aus ihr heraus. Die Glühbirne flackerte auf, die Uhr hörte auf zu ticken, ein kurzer Moment des Stillstands. Die Schultern hatten den Ausgang des Beckens passiert. Alle Anspannung fiel von ihr ab. Sie hielt ihre Puppe in den Armen und betrachtete sie innig. Da bemerkte sie ihre Mutter.

“Schau, Mama, ich habe einen Elch geboren.”

Sie merkt, dass ihr Slip nass ist und eilt zur Toilette. Schon länger ist sie ein wenig inkontinent. Während sie sitzt, gleitet ihr vollgesogener Slip Richtung Boden. Kurz lässt sie ihn an ihrem großen Zeh baumeln und kickt ihn dann in eine Ecke. Sie betrachtet den Slip, wie er ihr gegenüber liegt, dunkler als sonst, und hat das Bedürfnis, daran zu riechen. Der Harndrang ist vorüber, aber es plätschert weiter. Zwischen ihren Beinen hindurch schaut sie in die Kloschüssel. Blut ist es nicht. Sobald sie den Beckenboden anspannt, hört es auf. Also nimmt sie eine Binde für die Nacht und presst diese gegen ihre Vulva. Mit der anderen Hand drückt sie die Spüle. Rauschen, Plätschern und plötzlich kann sie die Spannung des Beckenbodens nicht mehr halten. Die Binde wird warm.

Ihre Eltern hatten sich getrennt, noch bevor ihre Mutter überhaupt wusste, dass sie schwanger war. Ihre Mutter hatte es gehasst, zur Gynäkologin zu gehen. Sie vermied Routinechecks aus Prinzip. Ihr leuchtete nicht ein, regelmäßig zur Ärztin zu gehen, obwohl sie sich gut fühlte. Außerdem bezeichnete sie sich damals als Feministin. Wenn sie betrunken war, sogar als Radikalfeministin. Hinter der Empfehlung an (junge) Frauen, regelmäßig eine Gynäkologin aufzusuchen, vermutete sie das Patriarchat. Bei der Gynäkologin würden, laut ihrer Mutter, Frauen lediglich als Gebärmaschinen behandelt. Dies sah sie immer wieder bestätigt. Zum Beispiel als ihre Freundinnen nach und nach von der jeweiligen Ärztin Folsäure-Tabletten empfohlen bekamen. Denn für den potentiellen Fötus sei es besonders gut, wenn dieser Nährstoff schon vor der Empfängnis ausreichend im Körper der Frau vorhanden sei.
Doch dann fingen die Brüste ihrer Mutter an zu spannen. Beim Abtasten konnte sie kleine Knubbel spüren. Daher nahm sie doch den Weg zu einer Frauenärztin auf sich. Als diese eine Schwangerschaft feststellte, erinnerte sich ihre Mutter im ersten Moment nicht daran, wann sie zuletzt mit einem Mann Sex gehabt hatte. Da fiel ihr das geplatzte Kondom ein. “Sechs Monate und etwa eine Woche. Herzlichen Glückwunsch”, sagte die Gynäkologin.
Ein paar Wochen nach ihrem vierten Geburtstag, entschied sich ihre Mutter, den Bio-Vater zu kontaktieren. Vielleicht schien es ihr absurd, dass er jeden zweiten Morgen durch den Stadtpark joggte, ohne etwas zu ahnen. Vielleicht hoffte sie auf etwas Unterhalt, oder sie wünschte sich eine weitere erwachsene Bezugsperson für ihre Tochter. So ganz klar war das nicht einmal ihr selbst. Der Mann, der dann für kurze Zeit in das Leben ihrer Mutter trat, versuchte, das alleinige Sorgerecht zu erhalten. Stattdessen durfte er sich den beiden nach dem Verfahren nur noch auf maximal 100m nähern. Zu dieser Zeit begann sie sich in der Nacht wieder einzupinkeln, obwohl sie bereits seit ein paar Monaten keine Windel mehr trug.

Sie erinnert sich daran, wie sie an einem Morgen im Bett lag. Die Jalousie war noch heruntergelassen. Wenn die Freundin ihrer Mutter nicht zu Hause war, teilte sie sich das Bett mit ihrer Mutter. Das war oft der Fall. Sie fühlte in sich hinein. Ihre Windel war trocken. Es war wohlig warm unter der Daunendecke. Ihre Blase drückte. Sie stellte sich vor, zu ihrer Mutter zu gehen und ihr zu sagen, dass sie diese Nacht nicht in die Windel gemacht hatte. Aber vorher aufs Klo, die Decke zurückschlagen, dann die Kälte, die durch das gekippte Fenster kommt, auf ihrer Haut, die kalten Fliesen im Bad und die kalte Klobrille. Sie wünschte sich, nicht auf die Toilette zu müssen, dachte an ihre trockene Windel und ließ nach. Die Watte an ihrer Vulva und ihrem Po sog den warmen Urin auf. Der Harndrang war weg und ihr war noch etwas wärmer als zuvor.
Sie nimmt sich eine weitere Binde und zieht sich in ihrem Zimmer einen frischen Slip an. Es scheint nichts mehr aus ihr herauszufließen, also legt sie sich wieder vor ihren Laptop und schaut die Serie, bei der sie eingeschlafen ist, weiter.
Bei dem Abspann öffnet sie einen neuen Tab und googelt “Urin oder Fruchtwasser”.

ich würde an deiner stelle sofort zum Arzt gehen!! Ich kenne mich mit sowas noch nicht aus aber in so einem fall solltest du den arzt fragen. [https://www.hipp.de/forum/viewtopic.php?t=60461 (abgerufen am 04.03.2018)]

Acht Foreneinträge später entscheidet sie, dass es sich bei der Flüssigkeit um Fruchtwasser handeln muss. Im Zimmer steht eine Wickelkommode, seit sechs Monaten unbenutzt. Nein, nicht ganz. Vor etwa viereinhalb Monaten hat sie Windeln und winzige Bodys in die Fächer der Kommode einsortiert. Und Moltontücher, von denen sie sich einige nimmt und in den Slip legt. Die mittlerweile komplett durchnässte Binde entsorgt sie im Mülleimer des Bads. Sie ruft in dem Krankenhaus an, in dem sie sich im fünften Monat ihrer Schwangerschaft angemeldet hat, gibt an, Fruchtwasser zu verlieren und fragt, wie schnell sie dort sein soll. Ihr wird gesagt, sie könne noch einen Tee trinken und solle in den nächsten zwei Stunden erscheinen. Das beruhigt sie.

“Entweder kommen dann die Wehen, wenn Sie hier sind, oder Sie
bleiben über Nacht bei uns, dann sehen wir morgen weiter.”

Sie ist ziemlich euphorisch und hat noch Lust, irgendetwas zu unternehmen. Zwei Stunden sind eine lange Zeit. Eigentlich könnte sie sich auch nochmal zu ihrem Laptop legen, aber die Moltontücher werden immer nasser. Dann greift sie zum Telefon und ruft ein Taxi. Als sie die Kliniktasche hochhebt, platzt der Verschluss auf, Kleidungsstücke und ein Buch fallen auf den Boden. Zwar bleiben ihr immer noch eine Stunde und fünfzig Minuten, bis sie spätestens im Krankenhaus erscheinen soll, aber das Taxi wird in etwa fünf Minuten vor der Tür stehen. Da überkommt sie leichte Panik. Der Haufen vor ihren Füßen lässt sie erstarren, sie weiß nicht, was sie tun soll. Sie hat das doch alles noch nie gemacht. Es vibriert in ihrer Hand. Automatisch hebt sie das Telefon an ihr Ohr.

“…”
“Hallo? Sie haben ein Taxi bestellt. Ich steh jetzt vor der Tür.”
“Bin gleich unten.”

Sie funktioniert wieder, holt sich einen Rucksack und packt den restlichen Inhalt der aufgeplatzten Tasche und die Teile, die auf dem Boden gelandet sind, hinein. Bevor sie die Wohnung verlässt, holt sie sich ein großes Handtuch aus ihrem Schrank, eine Mülltüte aus der Küche und schlüpft in ihre Sandalen. Dann zieht sie die Tür hinter sich zu und schließt ab. Breitbeinig geht sie die wenigen Stufen von ihrer Wohnung in den Innenhof. Dort sind Biertische und Bierbänke aufgereiht. Etwa 25 Menschen sitzen daran und schauen von ihren leeren Tellern zu ihr auf. Der Mann an dem nebenstehenden Grill will gerade mit einer langen Grillzange das erste fertige Würstchen anpreisen. Mit eingeklemmter, erhobener Wurst hält er in der Bewegung inne und schaut ebenfalls zu ihr hinüber. Sie grüßt knapp und winkt. Die auf das Essen Wartenden folgen ihr stumm mit ihren Blicken. Der Mann mit der Wurst in seiner verlängerten Hand schwenkt diese leicht durch die Luft. Sie kann nicht sagen, ob die Bewegung ein Winken sein soll oder ob er sie macht, damit das Würstchen schneller abkühlt. Wegen der hellen Sonne erkennt sie zunächst gar nichts, als sie durch die Tür auf die Straße tritt. Langsam gewöhnen ihre Augen sich an das gleißende Licht und sie entdeckt auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig das Taxi. Es fahren viele Autos und es gibt keine Ampel. Sie steht am Straßenrand und guckt immer wieder nach rechts und links. Sie stellt sich vor, wie sie beim Überqueren der Straße die Entfernung eines der näherkommenden Autos falsch einschätzt und angefahren wird. Vielleicht würde sie dann bewusstlos und von einem Krankenwagen abgeholt werden und wenn sie wieder erwacht, würde man ihr das Kind in den Arm drücken.

“Schön, dass Sie wieder aufgewacht sind. Hier ist ihr Kind. Jaja, schauen Sie doch nicht so. Sie lagen nunmal zwei Jahre im Koma. Da kann ich jetzt auch nichts zu. Aber Ihr Körper hat gute Arbeit geleistet. Der hat trotz Koma fleißig Milch produziert. Da konnten wir nicht nur ihr Kind mit ernähren, auch die gesamten Neugeborenen-Intensivstationen in einem Umkreis von 300km. Ja, sie werden staunen. Sie sind sozusagen über Nacht zu einer Berühmtheit geworden. Also in echt waren das jetzt halt zwei Jahre, aber für Sie wird es sich wohl bloß wie eine lange, sehr lange Nacht angefühlt haben.”

Dann öffnet sie die Tür des Taxis, setzt den Rucksack ab und schiebt ihn über die Sitzbank auf die andere Seite. Sie legt die Mülltüte auf den Sitz und dann das gefaltete Handtuch auf die Tüte. Zum Schluss setzt sie sich auf das Handtuch.

“Zum Krankenhaus.”
“Kommt der Nachwuchs?!”

Sie schaut aus dem Fenster. Die Sonne wird bald untergehen, und der Mond ist schon zu sehen. Die Fahrt kostet 14,30€. Sie gibt dem Taxifahrer einen 10- und einen 5-Euro Schein.

“Stimmt so.”

Mit der einen Hand nimmt sie ihren Rucksack und setzt ihn auf. Mit der anderen nimmt sie das Handtuch und die Mülltüte. Auf dem Weg zum Eingang der Notaufnahme schmeißt sie beides in eine Tonne. Die Tür, durch die sie in das Krankenhaus gelangt, lässt sich nur nach außen öffnen. Statt dass sie sich also mit ihrer Schulter gegen die Tür lehnen kann, um sie zu öffnen, muss sie den Türgriff greifen und ziehen. Dabei merkt sie, wie diese kleine Anstrengung in ihrem Körper ein menstruationsschmerzähnliches Stechen hervorruft, das aber sofort wieder abflaut. Sie tritt zu der Empfangstheke. Es befindet sich eine kleine Uno-Glocke auf der Mitte des Tresens. Ein Weilchen betrachtet sie diese bloß. Es wäre ihr unangenehm, sie zu benutzen. Die Person, die sich von dem Klingeln angesprochen fühlen würde, ist vielleicht auf der Toilette und wenn diese dann hört, dass da jemand am Tresen steht, während sie noch pinkelt, würde sie sicher hektisch werden und dann, ohne Klopapier zu verwenden, gleichzeitig ihren Slip und ihre Hose hochziehen und dann würde sich der Slip einrollen und es würden Urintropfen hinein gelangen und wenn sie dann zum Tresen käme, müsste sie sich die ganze Zeit fragen, ob man durch die enge weiße Hose ihrer Berufskleidung wohl den verstärkten Abdruck des Slips und feuchte Flecken sehen könnte. Eine Frau betritt den Bereich hinter der Empfangstheke.

“Hallo. Ich hatte angerufen. Es kommt die ganze Zeit Fruchtwasser aus
mir raus. Mir wurde gesagt, ich sollte bald ins Krankenhaus. Da bin ich.”

Sie wird in ein Zimmer geführt. Dort soll sie sich auf eine Liege legen. Eine Hebamme zieht ihr den Slip aus und entfernt die nassen Moltontücher.

“Na, da muss ich nicht mehr schauen, ob das Fruchtwasser ist.
Jetzt gibt’s eine Windel für die Mama und später für das Kind.”

Das CTG wird angeschlossen, damit die Wehentätigkeit und der Herzschlag des Kindes gemessen werden können. Die erste Wehe ist ziemlich heftig. Danach kommen die Wehen alle zehn Minuten.
Das eine Mal, als sie ihren Vater getroffen hat, war einer seiner Arbeitskollegen mit beim gemeinsamen Essen. Beide trugen Anzüge, die Krawatten waren leicht gelockert. Sie saß nur stumm kauend am Tisch, während die beiden Männer sich durchgehend unterhielten. Nur ein Satz ihres leiblichen Vaters ist ihr bis heute im Kopf geblieben.

“Preise sind wie Hämorrhoiden, jedes Arschloch bekommt mal welche.”

Seit sie danach in einem der Lehrbücher aus dem Biologie-Studium ihrer Mutter nachschlug, was Hämorrhoiden sind, hatte sie für die nächsten 15 Jahre unfassbare Angst, welche zu bekommen. Sie überlegte, ihre Mutter zu bitten, provisorisch Creme gegen Hämorrhoiden aus der Apotheke zu besorgen. Als sie eines Tages erfuhr, dass Models sich diese Creme bei geschwollenen Lidern unter die Augen streichen, hatte sie endlich einen guten Vorwand. Hämorrhoiden bekam sie jedoch nie, auch die Angst ließ nach. Bis sie schwanger wurde. Denn ständig bekam sie zu hören, dass es während der Geburt Standard sei, welche zu bekommen. Ebenso wie einen Dammschnitt. Wobei neuerdings würde man den Damm ja eher einreißen lassen. Dem wollte sie aber vorbeugen. Das war möglich, wenn man den Damm mit etwas Öl zweimal täglich massierte. Der meistverkaufte Schwangerschafts-Ratgeber empfahl dies außerdem, damit Frauen sich und ihren Körper endlich mal richtig kennenlernen können. Sobald dann aber der Bauch zu sehr im Weg sei, könnten auch der Partner oder ein Ballon aus der Apotheke diese Aufgabe übernehmen. Während ihres zweiten CTGs bei der Gynäkologin in der 30. SSW wurde erhöhte Wehentätigkeit festgestellt und ihr Muttermund war bereits leicht geöffnet. Daher wurde ihr verboten, zu reisen und Fahrrad zu fahren. Und ihren Damm zu massieren, denn das kann Wehen auslösen.

“Ihr Baby will anscheinend schon raus. Jetzt müssen sie ihre Beine
ordentlich zusammenpressen, ein wenig muss es noch drin bleiben.”

Ihr Muttermund wird abgetastet. Seit fast zwei Monaten das erste Mal, dass ihre Vagina berührt wird. Sie hat Angst um ihren ungedehnten Damm und ihren verspannten Beckenboden, der die letzten Wochen die einzige Aufgabe hatte, eine Frühgeburt zu verhindern. Jetzt soll er einfach so bereit sein, ein Baby durchzulassen.

“Oh prima, schon fünf Zentimeter offen. Es wird sicher
noch heute kommen. Und ganz viele Haare.”

Sie wird in den Kreißsaal geführt. Die Presswehen beginnen, sie legt sich auf das Bett, das in der Mitte des Raumes steht. Aus den nebenliegenden Räumen hört sie Schreie. Schweiß läuft von ihrer Stirn, Haarsträhnen hängen in den Augen. Auf ihrer persönlichen Mitnehmliste für die Klinik stand 1 Zopfgummi. Da sie es vergessen hat, werden ihre Haare mit einem Wöchnerinnen-Slip zusammengebunden. Sie hockt im Vierfüßlerstand auf dem Bett, ihr Kleid ist hochgerutscht. Schichtwechsel. Die Hebamme verabschiedet sich mit einem Klaps auf ihren nackten Po.

“Ich schicke eine ganz liebe rein.”

Sie fängt an zu schreien. Sie fängt an zu weinen. Sie wusste nicht, dass sie so laut schreien kann. Wieder wird sie ans CTG angeschlossen. Das Baby bekommt Elektroden auf den Kopf geklebt. Die Hebamme kann die Geräte nicht bedienen und verlässt den Raum. Verkabelter gestresster Körper. Eine andere Hebamme betritt den Saal, nun funktionieren die Geräte. Die Hebamme greift zum Telefon.

“Eine Gebärende mit Bradykardie. Der Arzt soll kommen.”

Der Arzt kommt und verschreibt ein wehenhemmendes Mittel. Auf einmal scheint alles vorbei. Keine Wehe mehr, kein Pressen, kein Atmen. Das schlimmste ist, dass sie an dieser Stelle nicht einfach aufhören. Dass es gleich weitergehen wird.

“Vor allem genießen Sie die Zeit! Lassen Sie andere sich um die Welt sorgen,
während Sie damit beschäftigt sind, ihr einen neuen Bürger zu schenken.” (Winnicott 1980, S. 22)

Und dann: Oxytocin. Kristellergriff. Kindliche Herztonabfälle. Schnitt.
Sie wird gefragt, ob sie das blaue, verschmierte Köpfchen des Kindes anfassen möchte. Niemals! Dann irgendwann,

22:51 Komplikationslose Spontangeburt, Kind wohlauf.

Als sie ihre Mutter im Krankenhaus besuchte, lag sie in ihren letzten Atemzügen. Beide Frauen weinten, lagen sich in den Armen. „Ich hatte nie einen Orgasmus“, sagte ihre Mutter und starb.

das getrenntwerden der menschheit milliarden mal wiederholt im leben eines jeden menschen, das geburtstrauma, das immer wiederkehrende büßen für die erbsünde, denn doch kann niemand im paradies verweilen, uns allen ist die trennung von der anderen hälfte oder dem schutzraum eingeschrieben.
ewig trägst du schuld, mama. mama? wo bist du mama? bist du da? bist du die wärme in meinen träumen, aus denen ich feucht erwache? bist du der boden auf den ich trete bist du der panic room bist du der tsunami der mich tötet. kehren wir doch wieder ins wasser zurück, mama? ist der tod warm und rot und pulsierend, so wie du? nur für immer?

 

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