PS – Politisch Schreiben Anmerkungen zum Literaturbetrieb

Ausgangssperre

von Musaab Al-Tuwaijari

Für Mohammed Majid Milhim

 

Figuren

Basheer

Samir

Mamoon, gegelte Haare, groß und kräftig

Soldat/in 1

Soldat/in 2

Das Lied „Aynak“ von Majida Al-Roumi

 

 

Erste Szene

Samir, Basheer und Mamoon stehen vor einem Fernseher. Einer von ihnen schiebt eine Videokassette in den Videorecorder, die anderen zwei schauen gespannt zu. Der Bildschirm des Fernsehers bleibt schwarz, er holt die Kassette raus. Hält sie mit einer Hand und schlägt mit der anderen auf sie drauf. Ein anderer nimmt sie und pustet in sie hinein, dann schiebt er sie wieder in den Videorecorder. Nichts passiert. Einer von ihnen fängt an, auf den Videorecorder zu klopfen, er hebt ihn ganz vorsichtig an, um ihn anschließend fallen zu lassen. Ein anderer schlägt von der Seite gegen ihn. Schließlich schlagen sie alle gemeinsam auf den Fernseher und auf den Videorecorder ein; ihre Schläge werden immer heftiger. Plötzlich erscheint ein Bild im Fernseher, „hard Tarzan xxx“, anschließend verschwindet es wieder. Ein Handy klingelt.

Samir: Walekom asslam wa rahmtullah wa baraktoh… Mir geht es gut, ja, es geht uns allen gut, ja… ja, Basheer geht es auch gut… ja und Mamoon geht es auch gut ja… meinen Eltern? Alhamdollelah, ihnen geht es gut… ja meinem Vater geht es gut und meiner Mutter geht es gut, ja meinen Brüdern auch, nein sonst geht es allen gut. Schon? Ist das wahr? Ok, danke für das Bescheidsagen. Ja. Pass du auch auf dich auf.

Samir legt auf

Samir: Das war Aktham. Ich soll euch liebe Grüße sagen. Er sagt, dass die israelische Armee anfängt in Nablus vorzurücken und es nicht mehr lange dauert, bis sie unseren Stadtteil erreichen.

Basheer: Das heißt?

Samir: Es wird gleich eine Ausgangssperre geben. Die Armee nimmt die Stadt ein, sie rufen, dass kein Palästinenser sein Haus verlassen darf, dann fangen sie an, alle Häuser nach Waffen zu durchsuchen.

Basheer: Und nun?

Samir: Laut Aktham brauchen sie eine Stunde, vielleicht eine halbe, bis die Panzer bei uns sind. Wir gehen ins Krankenhaus. Also packt eure Zahnbürsten, ein paar Unterhosen und lasst uns los.

Basheer: Ins Krankenhaus?

Samir: Dort ist es sicherer.

Mamoon: Den Film nehmen wir aber mit. Oder?

Basheer läuft panisch in sein Zimmer. Samir und Mamoon bleiben locker. Reißverschlüsse werden geöffnet und wieder verschlossen. Ein Koffer wird verschoben. Ein Glas geht zu Bruch. Basheer kommt aus seinem Zimmer mit einem großen Koffer. Basheer ein wenig ängstlich.

Baheer: Jungs, beeilt euch!

Samir und Mamoon kommen mit kleinen Tüten

Basheer: So, können wir jetzt?

Mamoon: Ich gehe nicht ungeduscht aus dem Haus.

Basheer: Du kannst doch im Krankenhaus duschen.

Mamoon geht in die Dusche

Samir: Hast du Lust auf eine Runde Kartenspiel? Was? Mamoon duscht doch. Wir kommen hier nicht vor 20 Minuten weg.

Basheer: 20 Minuten!? Mamoon, beeil dich!

Nach einer Weile kommt Mamoon raus. Er hat sich umgezogen. Er hält einen kleinen Spiegel in einer Hand und eine Gelddose in der anderen Hand. Er setzt sich, presst seine Oberschenkel zusammen, legt den Spiegel darauf und fängt an, seine Haare zu machen. Steht langsam auf.

Mamoon: Entspann dich, Mann. Die Panzer sind langsamer, als du denkst. So Jungs, wir können.

Im Hintergrund sind laut Panzer zu hören Es vibriert. Samir holt einen kleinen Tisch, er stellt sich drauf, um aus dem Lüftungsfenster sehen zu können, und fängt an zu zählen: eins, zwei, drei, vier, bis er 37 erreicht.

Samir: Er hat vor unserem Gebäude angehalten. Wir kommen hier nicht mehr raus.

Basheer: Sind wir jetzt gefangen?

Samir: Sieht so aus

Kurze Pause

Samir: Wir müssen die Fenster verdecken

Basheer: Warum?

Samir: Es wird auf alles, was sich bewegt, geschossen, deswegen müssen wir die Fenster mit dunklem Stoff abkleben. Die Vorhänge sind viel zu hell.

Samir und Mamoon in die Zimmer. Basheer bleibt für einen kurzen Moment stehen. Dann folgt er den beiden. Samir und Basheer kommen zurück. Samir hat Klebeband dabei. Mamoon schreitet aus seinem Zimmer.

Mamoon: Für das Lüftungsfenster kann ich euch nur die dunkelbraune Hose anbieten. Die schwarze ist mir viel zu wertvoll.

Samir: Wo ist die Schere

Basheer: Hier.

Mamoon: Für das große Fenster würde ich meine Bettwäsche geben.

Samir hält ihm die Hose hin.

Samir: Halt mal!

Er schneidet die Hose auseinander. Danach bekleben alle gemeinsam das große und das Lüftungsfenster.

Aus dem Off, durchs Megaphon:

An alle Bewohner: Es gilt ab diesem Moment bis auf Weiteres eine Ausgangssperre! Jeder, der rausgeht, gefährdet von jetzt an sein Leben. Machen Sie alle Lichter aus, erlaubt ist eine kleine Lampe!

 

 

Zweite Szene

Samir: Glaubt ihr, sie haben das Fernsehgebäude schon erreicht?

Mamoon hebt seine Schulter

Basheer: Was passiert jetzt?

Mamoon: Dein erstes Mal?

Basheer: Im Irak hatten wir nicht viele Ausgangssperren

Mamoon: In Palästina gab es Ausgangssperren seit wir denken können.

Samir: Das läuft so ab: Wenn die Soldaten beabsichtigen, unsere Wohnung zu durchsuchen, werden sie, wie es sich gehört, einmal klopfen, und dann warten sie.

Basheer: Wie lange?

Samir: Ungefähr…

Basheer: Ungefähr?

Samir: Ungefähr den Bruchteil einer Sekunde.

Mamoon: Sie klopfen zum zweiten Mal, wenn man es übertreiben würde, würde man sagen, sie tun es halbherzig. Sie warten ein wenig.

Basheer: Wie lange?

Mamoon: Ungefähr.

Basheer: Ungefähr?

Samir: Ungefähr den Bruchteil des Bruchteils einer Sekunde.

Mamoon: Wird die Tür nicht aufgemacht, machen sie es mit Gewalt. Ist sie offen, werfen sie eine Nagelgranate rein. Danach stürmen sie die Wohnung.

Samir: Wenn wir aber hier sind und die Tür schnell genug aufmachen, fällt die Strafe deutlich milder aus. Sehen sie, dass wir drin sind, bitten sie uns darum, uns auf den Boden zu legen, um unsere Hände mit Kunststoffhandschellen zu binden.

Mamoon: Anschließend werden wir hochgehoben und sie teilen uns mit, dass sie sich gerne darüber informieren wollen, ob wir Bomben bauen oder welche verstecken.

Samir: Unsere Informationen sind für sie nicht reichhaltig genug.

Mamoon: Sie werden ungeduldig und verpassen uns ein Paar Ohrfeigen. Und wenn wir Pech haben auch die „Box“.

Basheer: Die Box?

Samir: Ein ausgewählter Soldat macht seine Hand zur Faust. Die Rückseite des Mittelfingers schaut leicht raus. Dann:

Mamoon: Bam. Sie schlagen dir damit auf den Kopf. Zunächst merkst du nichts.

Samir: Genau wie bei einer Pflanze, die mit Wasser begossen wird. Das Wasser füllt eine Zelle nach der anderen. Mit dem Unterschied, dass es bei dir nicht Wasser ist, sondern Schmerz, der langsam die Wirbelsäule nach unten läuft.

Mamoon: Wenn er dein Steißbein erreicht hat, kehrt er mit Lichtgeschwindigkeit in deinen Kopf zurück.

Samir: Dann durchsuchen sie die Wohnung.

Mamoon: Sie finden nichts und gehen.

Samir: So, kann ich jetzt den Fernseher anmachen?

Samir macht den Fernseher an. Der Bildschirm ist schwarz. Er schaut Basheer an.

Samir: Wenigstens brauchen wir jetzt den Videorecorder nicht mehr. Gleich werden Pornos ohne Ende gezeigt.

Basheer: Was?

Mamoon: Wenn sie eine Stadt einnehmen, schließen sie alle Sender und fangen an, xxx Pornos zu zeigen. Im Fernsehen kommt dann Hard Tarzan xxx zu.

Basheer zieht mit Gewalt am Stecker, bis er aus der Wand. Er steckt den Kassettenrecorder an, macht ihn an. Es läuft „Aynak“.

Samir: Bist du behämmert?

Basheer: Ich lass mir doch nicht von Menschen, die mich einsperren, auch noch vorschreiben, was ich mir in der Zeit anschaue!

Samir: Wir wollten doch auch nur einen Porno gucken!

Basheer: Was wollen wir jetzt tun?

Mamoon: Was wir tun wollen? Wir wollten uns einen Porno anschauen!

Samir: Die werden jetzt nonstop über den staatlichen Sender gezeigt!

Mamoon: Allerdings war es beim letzten Mal ein Reinfall. Ein einziger Film nur, der in Dauerschleife gezeigt wurde.

Basheer: Wir können Musik hören, uns unterhalten, egal was, aber nicht staatlich verordnete Pornos gucken!

 

 

Dritte Szene

Samir: Dein Auge ist eine Sommernacht.

Basheer: Deine Augen sind Sommernächte.

Samir: Deine Augen sind Sommernächte, also dein Auge ist eine Sommernacht.

Basheer: Deine Augen sind Sommernächte, also deine Augen sind Sommernächte.

Samir: Dein Auge ist eine Sommernacht.

Basheer: Deine Augen…

Samir: Dein Auge ist eine Sommer Nacht, was schreibst du da?

Basheer: Deine Augen sind Sommernächte.

Samir: Eine Sommernacht? Du kannst dir die vorstellen? …du?
Fünfunddreißig Grad, alle Bäume sind erstarrt, auf das Glas der Öllampe stoßen rasende Viecher, weil sie denken, das wäre das Licht am Ende des Tunnels. Mücken mit Gasmasken gegen den Rauch der verbrannten Kuhscheiße, die erste Gruppe hebt unauffällig das Netz, die andern üben mit den Ohren, mit ihren Stimmen Ablenkungsmanöver. Du schlägst zum tausendsten Mal in die Richtung, aus der die Stimmen kommen, triffst aber die eigenen Ohren. Bei der Suche nach Abkühlung verbrennst du deine Hände mit dem Wasser, das aus dem Tank kommt. Das Wasser dort ist so heiß, dass du daraus eine riesige Teekanne machen kannst. Wusstest du, dass Mücken wissen, von welcher Blutgruppe sie gerade gesaugt haben, sodass es bei ihnen zu keiner Blutgerinnung kommt?

Basheer: Dein Auge ist eine Sommernacht.

Samir: Deine Augen sind Sommernächte.

Basheer: Dein Auge ist eine Sommernacht.

Samir: Oder ein Sandsturm? Welcher? Der rote, der gelbe oder lieber der schwarze. Feine Atome dämmen die Lichter der Laternen. Mach die Tür zu, mach das Fenster zu. Dir ist heiß, mach mal den Ventilator an, er pustet dir den Sand in dein Gesicht, du wunderst dich über den einzigartigen Geschmack in deinem Mund, gib mal den Mundschutz, denkst du. Eine dicke weiße Schicht auf deinem Kopf lässt dich alt aussehen. Der Strom ist aus. Wo sind die Streichhölzer? Du schwitzt. Du findest die Streichhölzer, du schwitzt, du zündest die Öllampe an, du schwitzt, du machst nichts, du schwitzt, du gehst duschen, du schwitzt. Du kommst raus, fängst alles wieder ab, du bist wieder drei Kilo schwerer

Pause

Basheer: Und du willst mir erzählen, dein Auge ist eine Sommernacht?

Samir: Du? Was schreibst du da?

Basheer: Deine Augen.

Samir: Warum hast du das gemacht? Warum? Warum? Warum?

Er zeigt auf den Fernseher

Basheer: Glaubst du, sie sind schon dort?

Samir: Sie hätten bestimmt auch was für dich.

Pause

Samir: Was schreibst du eigentlich da? Und warum hast du dieses Heft bei dir?

Basheer: Das ist eine lange Geschichte. Hast du Zeit?

Samir: Ich bin eigentlich mit Auf-dich-sauer-Sein beschäftigt, aber du kannst erzählen.

 

 

Vierte Szene:

Basheer: Sie spielt im Irak, in einer beliebigen Schule. Nur die Rede des Schulleiters hat etwas Besonderes, obwohl wir sie zum hundertsten Mal hörten. Ich konnte sie schon nach einem Monat auswendig und werde sie in zwanzig Jahren noch auswendig können.
„Sehr verehrte Kolleginnen und Kollegen, liebe Schüler, bevor ich Ihnen zu diesem großartigen Tag gratuliere, erlauben Sie mir meinen Dank auszusprechen, ein Dank an unseren Präsidenten, unseren Führer, unsern Herrn, unsere wichtigste und einzige Landessäule. Dieser Präsident, der mit seiner Weisheit uns aus der Dunkelheit des Unwissens in die Freiheit geführt hat.
Seit seiner Ankunft verabschiedeten wir die Abhängigkeit von der Macht der Besetzer, die immer wollten, dass wir die Zivilisation nie erreichen sollten. Sie wollten unseren Ruhm und unsere Entwicklung, die wir im Moment genießen, um jeden Preis verhindern.“
Dann ging das Mikro aus, es gab Stromausfall und der Schulleiter musste jetzt noch lauter sprechen.
„Mein Herr, wir wussten immer, dass es kein Leben ohne Sonne gibt, aber seitdem wir dich kennen wissen wir auch, dass es ohne dich keine Würde gibt.
Mein Herr, geh vorwärts, und wir werden dich unterstützen, egal, welchen Weg du nimmst; wir waren, sind und werden immer deine loyalen Soldaten bleiben, die als Festung dir und diesem Land für immer dienen werden.
Liebe Schüler, liebe Kolleginnen und Kollegen, unsere Feinde verlieren langsam, aber sicher den Verstand. Sie ignorieren mit ihrer stummen Arroganz die Ergebnisse der letzten Abstimmung, als wir es der ganzen Welt, Feinden und Freunden, eindrucksvoll bewiesen haben, dass wir nur ihn als Präsidenten akzeptieren. Dieser Präsident, der ein glänzendes Kapitel zu unserer 7000 Jahre langen Geschichte hinzugefügt hat.
Liebe Schüler, ich freue mich euch mitteilen zu können, dass es für euch zur Feier des Tages Geschenke vom Bildungsministerium aufgrund von Anweisungen seiner Exzellenz gibt. Danach sind alle eingeladen, bei der Demonstration teilzunehmen. Lasst uns zusammen Ja zur Freiheit und Nein zu den Feinden und Verschwörern sagen. Dankeschön.“
Wir gingen zurück in die Klasse. Wo die Lehrer die Hefte an uns verteilten. Ihre strahlend weißen Blätter mit den haargenau gezogenen Linien fühlten sich wie ein Stoff aus Seide an, Fairtrade-Seide.
Ein paar Monate später wurden wir vom Geheimdienst aufgefordert, die Hefte zurückzugeben. Ich wollte zuerst alles wegradieren, bevor ich es zurückgab. Das ging aber nicht.

Samir: Du hättest doch irgendein anderes Heft kaufen können und behaupten, es wäre das, was sie euch gegeben haben.

Basheer: Schau es dir doch an, würde man jemals so ein Heft mit einem anderen verwechseln?

Mamoon: Gab es keine Radiergummis bei euch?

Basher: Ich wollte es nicht mehr hergeben.

Samir: Was hast du denn geschrieben?

Basheer: Ich fing immer mit: „Liebes Heft“ an. Manchmal auch: „Liebstes Heft“.

Samir: Und dann?

Basheer: Punkt, Punkt, Punkt.

Samir: Punkt, Punkt, Punkt?

Basheer: Punkt, Punkt, Punkt.

Samir: Aber irgendwann musst du ja zum Punkt kommen!

Basheer: Ja.

Samir: Hast du die Punkte ausgemalt? Oder ausgeschrieben?

Basheer: Je nach Bedarf.

Samir: Wir kommen der Sache ein wenig näher.

Basheer: Es waren auch Kommas und Ziffern.

Samir: Und Buchstaben?

Basheer: Und Buchstaben.

Samir: Liebesgeschichten?

Basheer: Nein.

Samir: Liebesgedichte?

Basheer: Nein.

Samir: Liebesbriefe?

Basheer: Nein.

Samir: Tagebuch?

Basheer: Nein.

Samir: Verschwörungstheorien?
Lieblings-mathematische-Formel?
Erotische Geschichten?

Basheer schüttelt den Kopf
Pause

Samir: Du kannst sie ruhig vorlesen. Ich höre zu.

Pause

Eigentlich will ich es gar nicht wissen. Ich dachte nur, wir können damit die Zeit totschlagen.

Pause

Ich meine nur, wir sitzen da und so…

Pause

Du musst aber nicht vorlesen. Du kannst einfach erzählen. So eine Art Zusammenfassung. Von mir aus auch ein kleiner Vortrag… Oder auch nur Stichpunkte.

Pause

Mamoon: Warum wollten sie die Hefte zurück?

Samir: Frag ihn nach dem Inhalt.

Basheer: Weil sie von einer internationalen Hilfsorganisation waren. Zu dieser Zeit bekamen wir alles Mögliche von den Hilfsorganisationen, auch diese Hefte.

Mamoon: Ich dachte, es waren Geschenke von seiner Exzellenz.

Basheer lächelt

Mamoon: Aber das heißt, dein Heft sollte an die Hilfsorganisation zurückgehen?

Basheer: Ich war mir nicht sicher.

Mamoon: Und wie bist du davongekommen?

Basheer: Der Krieg ist ausgebrochen.

 

 

Fünfte Szene:

Samir: Ja genau, der vorerst letzte Golfkrieg. Wir haben von hier aus alles beobachtet. Ich weiß es noch genau: Leicht bewölkt, es wird gleich hell. Firuz streichelt mit ihrer Engelsstimme die noch Schlafenden wach, ich kam mit Freunden aus dem Morgengebet. Dann saßen wir bei einem Kumpel im Laden. Es war wie bei einer Theateraufführung. Es ist kurz vor der Vorstellung, die Zuschauer warten gespannt, sie fangen kein neues Gespräch an, weil sie wissen, es geht gleich los. Das Licht geht langsam aus, es ist der Moment zwischen dem letzten Wort, das aus dem Publikum kommt, und dem ersten Satz, der dem Schauspieler über die Lippen geht.
Meine Damen und Herren, willkommen zu unserem Theaterstück, in den Hauptrollen sind für Sie heute:
Der Kleine, oder besser bekannt als George W. Bush. Die Hobbys des in Texas geborenen Cowboys sind u.a., für Gerechtigkeit zu sorgen, auf Indianer zu schießen und gelegentlich links und rechts zu verwechseln, ich meine natürlich rechts und links, ach, Sie wissen schon, was ich meine. Bei seinem letzten Auftritt im Irak bekam er als Abschiedsgeschenk zwei Schuhe zugeworfen, denen er auf beeindruckende Art und Weise entwich.

Mamoon: Die zweite Hauptrolle wird von dem gespielt, dessen Name nicht genannt werden darf, er ist ein richtiger Kämpfer, allerdings wird ihm nachgesagt, dass er in den kniffligen Szenen von seinem Double gespielt wird, er bestreitet das und schwamm den Tiger zweimall hin und zweimal zurück, um zu beweisen, dass er es ist und kein Geringerer als er.

Samir: Sag doch, wie er heißt. Soll ich es für dich sagen?
Der erste Buchstabe, meine Damen und Herren, ist Saddam Hussein.

Mamoon: In weiteren Rollen sind Tomahawk, ehemals beste Waffe der Welt, jetzige zweitbeste Waffe der Welt, zehnmal hintereinander die Waffe des Jahres und somit jetzige Rekordhalterin für die Waffe des Jahres. Jessica L., sie ist blond und hat blaue Augen.

Mamoon: Habib, er ist nicht außergewöhnlich.

Samir: Spot auf den Kleinen:
„Liebe irakische Bevölkerung, die Zeit der Erlösung ist endlich gekommen.
Ich und meine Soldaten werden Sie von dem Mann befreien, dessen Namen Sie nicht aussprechen dürfen. Dieser Mann zog Sie und Ihre Nachbarländer in unnötige Kriege.
Beim ersten Krieg beschlossen wir, nur zu beobachten.
Beim zweiten Krieg, als er das andere Nachbarland überfiel, sahen wir es als Bedrohung unserer nationalen Sicherheit. Wir bestraften ihn damit, dass wir Waffen auf ihn warfen, deren Zerstörungskraft sieben Mal so groß wie die Atombombe von Hiroshima war. Aber der Krieg war absolut sauber. Mein Vater versicherte mir, dass die verwendeten Waffen 400 und nicht 800 Tonnen Uran enthielten, wie es von unseriösen Wissenschaftlern behauptet wurde. Dieses Uran steht auch in keinem Zusammenhang mit Erkrankungen, weder bei Ihnen noch bei unseren Soldaten, denn das Uran ist angereichertes Uran, darüber hinaus sind Missbildungen und Krebse genetisch bedingt, also versuchen Sie nicht, Ihre Verwandten zu heiraten.
Wir verhängten über ihn Sanktionen, um seine gefährlichen Zähne und Nägel zu ziehen. Wegen dieser Sanktionen starben leider Ihre Kinder an Unterernährung und Medikamentenmangel, aber das war es wert, schließlich sollte er lernen, sich wie ein zivilisierter Mensch zu verhalten. Gleichzeitig wollten wir aber nicht, dass Sie weiter darunter leiden. So riefen wir mit unseren Verbündeten ein humanitäres Programm ins Leben. Dieses Programm war so gut, dass Sie Medikamente und Nahrungsmittel bekamen, aber gleichzeitig verhinderte es, dass er wieder Waffen bauen konnte. So blockierten wir beispielsweise erfolgreich die Lieferungen von Bleistiften. Ja, Sie haben richtig gehört, Bleistifte. Die Frage hatte ich mir auch damals gestellt. Was haben Bleistifte mit Waffen zu tun? Aber auf unsere Experten war immer Verlass. Sie erklärten mir: „Wenn Sie ganz viele Bleistiftminen aufeinander legen, bekommen Sie eine Bombe.“
Außerdem blockierten wir grundsätzlich den Kauf von Pestiziden, weil sie schlicht und ergreifend ungesund sind.
Liebe irakische Bevölkerung: Ich verspreche Ihnen, wir werden auch dieses Mal die neusten und intelligentesten Waffen verwenden, so dass keiner von Ihnen verletzt oder getötet wird. Die erste Waffe heißt Tomahawk, und ich lass sie persönlich zu Ihnen sprechen.

Mamoon steht auf und spricht

Mamoon: Acht lange Jahre musste ich warten. Wie ein Gladiator, der auf seinen Einsatz brennt. Die Diskussionen haben mich gekränkt. ‚Ist sie wirklich besser als alle anderen? Ist sie wirklich so gnadenlos? Ist sie wirklich so effektiv? Ist sie wirklich so präzise? Ist sie wirklich dies, ist sie wirklich das…?
Acht Jahre lang. Der Unterschied zum Gladiatoren, ich kämpfe nicht ums Überleben, ich bin zu wichtig, um mich für die Normalbürger zur Schau zu stellen. Davor habe ich alles Mögliche über mich ergehen lassen. Ich wollte besser und noch besser werden. Ich wollte die Beste werden. Und ich bin es geworden. Danach folgten: Operation Desert Storm, Operation Southern Watch, Operation Bushwhacker, Operation Deliberate Force, Operation Desert Strike, Operation Infinite Reach, Operation Desert Fox, Operation Allied Force, Operation Enduring Freedom und jetzt: Operation Iraqi Freedom. Mit mir als bester Kämpferin. Ich kann Landziele, ich kann verbunkerte Landziele; ich kann Nuklearsprengkopf W84, ich kann Meeresziele, ich kann verbunkerte Meeresziele. Am liebsten fliege ich aus dem Wasser raus. Es herrscht zunächst Stille, dann fängt die Wasseroberfläche an zu vibrieren und es wird noch stiller, ich komme raus wie eine Magma, die Millionen von Jahren auf ihre Erlösung wartete. Der Unterschied ist, ich weiß genau, wo ich hin will. Ich bin keine Waffe, ein Panzer ist eine Waffe, ein Apache ist eine Waffe, F14, F15, F16 sind Waffen. Aber ich. Ich bin wie ein Profikiller, mich interessiert weder wen noch wo ich töte. Ich bin unauffälliger und präziser als alles andere. Ich bin 800 km/h schnell und leise. Ich fliege 2500 Kilometer, ohne mich auszuruhen. Ein Inertial Guidance System reguliert meine Geschwindigkeit, ein Terrain Contour Matching lässt mich die Flüsse überqueren und die Berge besteigen, die Gebäude, die Häuser, die Gesichter, die Geräusche, die Gerüche, das Elend, die Angst, die Gleichgültigkeit, den Hass. Waren das die Auserwählten, die ich gleich befreien werde? Ich bin wie ein super Fußballer, er hat immer die Übersicht über seine Positionen, die Positionen seiner Mitspieler, und die Positionen seiner Gegenspieler. Der Unterschied ist: Ich kann alleine siegen. Kurz bevor ich meine Beute erreiche, bitte ich um einen Tanz, ich drehe ein zwei Runden nach oben, drehe hoch und noch höher, und schieße dann wie ein Pfeil aufs Ziel. Der Unterschied ist, meine Opfer behalten meine Reste als Erinnerungsstücke.

Samir: Spot auf den, dessen Name nicht genannt werden darf:
Liebe irakische Bevölkerung: Der Kleine hat seine Drohung heute Morgen wahrgemacht und das Land mit seinen billigen Waffen bombardiert. Ich nutze die Gelegenheit, um mich für eure Leistung im ersten und zweiten Krieg zu bedanken. Ohne euch hätten wir es nie geschafft, diesen Dämon zu bezwingen.
Liebe Kameraden und Kameradinnen, das hier wird die letzte Schlacht sein, und wir werden den Kleinen und seine Söldner für ewig besiegen. Wir werden gemeinsam erleben, wie sie massenhaft Suizid an den Mauern der Hauptstadt begehen. Liebe Kameraden und Kameradinnen, ich weiß, dass wir nur noch Panzer aus dem zweiten Weltkrieg haben und Kalaschnikows, die nicht so weit schießen können, aber wir haben das Wichtigste: den Willen zum Sieg. Mit eurem guten Willen könnt ihr sogar mit Steinen ihre Flugzeuge abschießen, ihr müsst nur gut zielen. Also lasst uns nicht viel Zeit verlieren und mit dem Kampf beginnen.

Samir: Ein paar Tage später sprach der Kleine wieder.
Liebe irakische Bevölkerung, in den letzten Tagen töteten und verwundeten wir sehr viele seiner Soldaten. Hier sind die Beweisfotos.

Mamoon: Auch der Mann, dessen Name nicht ausgesprochen werden darf, redete: Liebe Kameraden und Kameradinnen, Ihr habt heute einige seiner Söldner in die Hölle geschickt, hier sind die Beweisbilder.

Samir: Der Kleine war wütend und lud zur Pressekonferenz ein:
Der Mann, der zu feige ist, um seinen Namen zu nennen, verstieß gegen die Menschenrechte, indem er unsere gefallenen Soldaten und Soldatinnen öffentlich herzeigte. Das aber ist ein Zeichen seiner Schwäche, er verliert Sekunde für Sekunde mehr Macht, und seine Tage sind gezählt.

Mamoon: Er, dessen Name nicht genannt werden darf, sagt: Er blufft.
Er ist in der Wüste, irgendwo, abgeschnitten von der Außenwelt und betet, dass es bald vorbei ist.

Samir: Eine kurze Zeit später kam der Kleine und erzählte folgendes: Heute war ein außergewöhnlicher Tag einer außergewöhnlichen Heldin, bitte lassen Sie mich Ihnen die Geschichte von Jessica erzählen.
Jessica wurde in der Schule so oft gehänselt, dass sie dachte, sie würde Model werden. Beim Collegeball kam sie in Zeitlupe mit ihrem rosa Kleid die Treppe herunter, sie holte die Haarspange raus und schüttelte den Kopf, immer noch in Zeitlupe, es herrschte Stille. Die Anwesenden drehten sich zu ihr und machten den Mund auf. Unten wartete Marc auf sie. Plötzlich sagte der: „Jessica, Jessica, steh auf“. Marc hatte blaue Augen, er hatte Muskeln, viele Muskeln. Seine Haare hatte er mit Spezialcreme geschmiert. Marc war im Footballteam des Colleges. Er war der Kapitän des Collegeteams. Alle liebten Marc. Die Cheerleader fielen über ihn her. Eines Tages bekam Marc zwei Briefe. Der erste Brief war eine Berufung zum National-Footballteam, der andere war die Berufung zur Armee. Er wusste, wenn er in der Nationalmannschaft ist, würde er vom Krieg befreit sein. Marc wusste aber auch, mit dem Gewehr die Farben der Nation zu verteidigen, ist ehrenvoller als mit einem Spiel. Er wusste, dass die Feinde überall lauerten und auf den Moment warteten, um das Land anzugreifen. An einem regenreichen Tag nahm Marc Abschied und ging. Dort erkannte ihn eine Soldatin, sie traute ihren eigenen Augen nicht: „Werde ich mit ihm Seite an Seite kämpfen?“
Mitten im Krieg fuhr die junge Soldatin mit ihren Kameraden Streife, plötzlich griffen die Feinde an. Zunächst töteten sie die Angreifer, aber die Feinde wurden immer mehr und mehr, Jessica stellte sich vor ihre Mitkämpfer und schrie: „Geht, geht! Ich bleibe hier!“ Sie tötete und verletzte viele Feinde. Bis eine Kugel sie an der rechten Schulter traf. Sie kämpfte aber weiter, eine Kugel fand ihren Weg zu ihrer linken Hand, und eine zu ihrem rechten Bein, und noch eine traf den Fuß. Jessica hatte keine Munition mehr. Sie war gefallen, aber die andere konnten dafür fliehen. Die Soldaten kehrten frustriert zurück. Manche weinten und manche schrien laut „Fuck-fuck-fuck“. Marc, der zufällig nicht bei der Streife dabei war, weil er irgendwas anderes machen musste, weinte nicht und schrie auch nicht „Fuck-fuck-fuck“. Er zog sich heimlich zivile Kleidung an und ging in die Stadt. Marc fragte nach, ob die Bewohner etwas von Jessica wüssten. Er wäre fast aufgeflogen, aber er sprach die Sprache der Einheimischen sehr gut. Als er zurück war, bat er den Offizier um ein Gespräch unter vier Augen und erzählte ihm, dass Jessica am Leben war und in einem Krankenhaus festgehalten wurde. Der Offizier machte Marc erst zur Sau, dann sagte er ihm: „Marc, ich bin stolz auf dich“. Der Offizier befahl den Soldaten, sich zu versammeln: „Hört auf, wie die Weiber zu heulen. Wir haben heute einige Kameraden verloren, und das tut uns allen Leid, aber wir wären nicht wir, würde uns das betrüben. Ich brauche Freiwillige für die Befreiung unserer Heldin!“
Als Erster kam? – richtig, Marc. Dann kam der zweite, der dritte der vierte, der fünfte, der sechste und schließlich haben sich alle bereit erklärt, mitzukämpfen. Alle lächelten und umarmten sich. Sie haben sich geschworen es zu tun, im Kreis gestanden und geschworen: „Ja, wir können es“, „Ja, wir machen es“. Blitzschnell und effektiv.
Das Krankenhaus war verriegelt, auf dem waren Scharfschützen. Machen sie jetzt alle einen Rückzieher? Haben sie sich zu viel vorgenommen? Sind sie dieser Herausforderung gewachsen? Marc sagte: „Jungs,gebt mir Deckung“, und sie eliminierten alle Feinde, während sie das Krankenhaus stürmten. Dort angekommen, brach er die Tür auf und suchte nach Jessica. „Jessica, Jessica“, rief er. Erstes Zimmer, nichts, zweites Zimmer, nichts, viertes Zimmer, nichts, es bleibt nur das letzte. Der Offizier sagte Marc per Funk: „Abbruch, Abbruch, es gibt noch mehr Feinde.“ Marc aber ging weiter. Er fand sie gefesselt, schaute sie an, lächelte, Pause: „Dachtest du, wir würden dich im Stich lassen?“ Sie aber zeigte mit ihren Augen auf den Vorhang. Marc tötete schnell, sehr schnell. Dann sah Marc ein Licht blinken: bling, bling, bling, bling, eine Bombe war unter Jessicas Bett. Es waren nur noch zwei Minuten. Er schwitzte, Jessica sagte ihm, er sollte gehen. Es blieben nur noch zehn Sekunden. Soll er das rote oder das blaue Kabel?
Das Licht ging aus. Er hatte richtig entschieden. Er nahm Jessica die Fesseln ab und trug sie auf seinen Armen hinaus. Alle applaudierten. Sie stiegen in den Hubschrauber ein, und weg waren sie.

Lange Pause

Basheer: Kennt ihr die Geschichte von Jessica?

Samir: Wer ist Jessica?

Basheer: Die Geschichte von Jessica ist eigentlich nicht die Geschichte von Jessica, sondern die Geschichte von Habib.

Samir: Und wer ist Habib?

Basheeer: Habib heißt eigentlich nicht Habib, er wurde so genannt, weil man seinen Vater so nannte. Sein Vater wiederum hieß auch nicht Habib. Er wurde so genannt, weil er einem Fußballer ähnelte.

Samir: Was ist jetzt mit Habib?

Basheer: Habib hatte kein großes Interesse daran, die Schule zu Ende zu machen. Er wollte so schnell wie möglich Geld verdienen. Auf der Suche nach einer Beschäftigung, die keine Ausbildung erforderte, wurde ihm die Arbeit beim Geheimdienst empfohlen. Es war nicht Geheimdienst in der ersten Liga, nicht zweite Liga. Es war Geheimdienst Regionalliga. Die Aufgabe von Habib war nicht wie die des eigentlichen Habib als Spielmacher. Sie ähnelte eher der Aufgabe eines Balljungen. Zunächst lief alles gut. Habib verdiente endlich selbstständig seine Brötchen. Bis die Nacht kam, in der das Leben des Habib auf den Kopf gestellt wurde. Er war in dieser Nacht mit einem Arbeitskollegen dienstlich unterwegs. Danach gingen sie zu einer Bar. Dort waren nur Habib, sein Arbeitskollege und der Barbesitzer anwesend. Keiner weiß bis jetzt, was in dieser Nacht passiert war. Man weiß nur, dass es einen Streit gab, und zwar zwischen Habibs Arbeitskollegen und dem Barbesitzer auf einer Seite und Habib auf der anderen Seite. Sie behaupteten, Habib hätte sie schwer beleidigt, nachdem er getrunken hatte. Dies ist bei Habibs Vorgesetzten angekommen, deswegen wurde Habib in eine andere Stadt versetzt. Habib wollte das nicht auf sich sitzen lassen und beschwerte sich beim großen Chef. Der große Chef lud alle zu sich ein. Er erklärte Habib, dass er beschuldigt wurde, die beiden beleidigt zu haben, nachdem er neun Flaschen Bier getrunken hatte. Der große Chef wunderte sich, wie ein so dünner Mensch wie Habib neun Flaschenbier an einem Abend trinken konnte. Habib sagte: Nein, großer Chef. Ich hab nicht neun Flaschen, ich habe neun Gläser Bier getrunken. Dieses wurde von den beiden anderen bestätigt. Der große Chef sagte, dass diese Schlampigkeit bei der Ermittlung ihm gar nicht gefällt, und er wisse nicht, wie sauber die weiteren Details wären. Er ordnete eine neue Untersuchungskommission an. Daraufhin wurde Habib verhört und gestand, dass er die anderen beleidigt hatte. Alle drei kamen wieder zum großen Chef. Habib beschwerte sich wieder, dass er nur gestanden hatte, weil er gefoltert worden war. Der große Chef antwortete ihm: Unseren Jungs stehen alle Mittel zur Verfügung, um ein Geständnis zu erzwingen. Nur die Verletzung der menschlichen Würde ist strikt verboten. Und, soweit ich weiß, hat man weder dich, noch deine Familie verbal beleidigt. Habib hat zwei Jahre bekommen, weil er den Geheimdienst beleidigt hat, und er musste vor Gericht, weil er die Zeit des großen Chefs vergeudete. Und weil er die irakische Bevölkerung beleidigt hat, wurde sein Job eingefroren. Das heißt, er durfte keinen Dienst machen und verdiente kein Geld. Er konnte aber nicht woanders arbeiten, da er offiziell noch Mitglied des Geheimdienstes war. Nach dem er seine Strafe abgesessen hatte, kam er aus dem Gefängnis. Er stand quasi vor dem Nichts. Man sagte ihm, er solle das Land verlassen und nach Europa gehen. Dort würde ihm Asyl gewährt. Dies kam für ihn aber nicht in Frage. Denn Habib mochte sein Land und wollte es nicht verlassen. Er wollte sich unbedingt rehabilitieren lassen, damit er zu seinem alten Job zurückkehren konnte. Dies war sehr schwierig und nur durch einen einzigen Weg zu schaffen. Dieser Weg war die Partei, denn: Wer einmal eingetreten ist, konnte nicht mehr austreten. Egal, was man getan hatte, man blieb ein Mitglied der Partei. Man konnte auch von keinem, außer natürlich von IHM, ausgeschlossen werden. Habib beschloss, sich in der Partei zu engagieren. Er nahm an allen Parteiveranstaltungen teil, er war bei jeder Demonstration dabei, ob nah oder fern, ob groß oder klein. Immer, wenn es Krieg gab, freute sich Habib. Er freute sich so sehr, dass man meinen konnte, der Mann sei kriegssüchtig. Im Krieg konnte er zeigen, dass er es mit der Rehabilitation ernst meinte. Beim letzten Krieg kam der Parteivorsitzende der Stadt zu ihm und sagte: Gestern Nacht haben unsere Soldaten in der Nähe unserer Stadt eine amerikanische Streife angegriffen, manche wurden getötet, manche wurden verletzt, und sie haben eine Soldatin festgenommen, die jetzt im Krankenhaus liegt. Du weißt, dass wir jeden Soldaten im Schlachtfeld brauchen, deswegen wurde die Partei darum gebeten, einen Wächter zur Verfügung zu stellen. Und, da du über Jahre hinweg gute Arbeit für uns geleistet hast, habe ich entschieden, dass du es wirst. Und wer weiß, vielleicht bekommst du dafür deine Arbeit zurück, wenn der Krieg zu Ende ist. Du musst gut auf sie aufpassen, denn wir werden sie für die Tauschaktionen brauchen. Habib ging sofort uns Krankenhaus und bewachte das Zimmer dieser Soldatin Tag und Nacht. Er tat alles, damit es ihr gut ging, er bot sogar an, für sie Blut zu spenden. Die Ärzte sagten ihm, das sei nicht nötig, da nur eine Schulter gebrochen war. Gegen Ende des Kriegs fiel die Stadt in die Hände der Amerikaner. Die Ärzte hatten es Habib immer wieder gesagt und ihn gebeten, die Soldatin zu den Amerikanern zu bringen, damit sie ihr Zimmer sinnvoller nutzen konnten, schließlich musste sie ja nicht mehr behandelt werden. Habib wollte nicht glauben, dass die Stadt nicht mehr unter Kontrolle der Regierung war. Als die amerikanischen Soldaten kurze Zeit später im Krankenhaus waren, realisierte Habib, dass es vorbei war. Er übergab sich. Sie banden seine Hände zusammen und führten ihn zu einem unbekannten Platz. Irgendwann tauchten Videos von ihm auf. Er war bei einem amerikanischen Gericht. Ihm wurde die Geiselnahme eines Mitglieds der amerikanischen Bevölkerung und Verhinderung der „Operation Iraqi Freedom“ vorgeworfen.
Ein paar Tage später kam der Kleine und sagte: Meine liebe irakische Bevölkerung, es ist vorbei, ihr werdet nie wieder unterdrückt werden, nie wieder gefoltert, nie wieder verfolgt. Jeder von euch wird seine Meinung frei sagen können, ohne sich zu fürchten, ihr werdet Wohlstand und Reichtum genießen, wie ihr es verdient. Im Moment ist leider ein wenig Chaos, es wird viel gestohlen und geplündert, wir können leider eure Museen nicht schützen, weil wir nicht genug Personal mitgebracht haben, aber wir bewachen immerhin das Öl-Ministerium; also don’t panik and keep cool.
Peace.                       Ende

Mamoon: Und, hat sich was verändert im Vergleich zu früher?

Basheer: Ja.

Mamoon: Was?

Basheer: Die Namen.

 

 

Sechste Szene:

Mamoon: Der Panzer ist weg.

Samir holt ein Bügeleisen, eine Hose und ein Hemd, er breitet ein Stück Stoff auf dem Boden aus und fängt an, seine Kleidung zu bügeln. Auch Mamoon holt seine Kleider und fängt an zu bügeln. Samir zieht sich um. Basheer geht ins Bad und kommt später umgezogen wieder zurück. Mamoon bügelt noch immer. Die zwei anderen schauen wartend auf Mamoon. Der zieht sich um und geht anschließend ins Bad. Er kommt mit einer Gel-Dose in der Hand zurück, setzt sich, nimmt einen Spiegel und beginnt, seine Haare zu frisieren. Dann steht er auf.

Mamoon: So Jungs, wir können

Basheer: Wo gehen wir als erstes hin?

Samir: In die Küche.

Basheer: In die Küche?

Mamoon: In die Küche.

Basheer: Warum gehen wir nicht raus?

Mamoon: Dass kein Panzer vor unserem Gebäude steht, heißt nicht, dass wir rausgehen können.

Samir: Das können wir erst, wenn sie es uns sagen.

Mamoon: Außerdem wurde unsere Wohnung noch nicht durchsucht.

Sie gehen in die Küche. Mamoon und Samir setzen sich an den Tisch.

Samir: Du bist der Kellner.

Basheer: Was bin ich?

Mamoon: Du wirst uns heute bedienen.

Samir: Also. Kellner!

Basheer: Guten Abend die Herren. Was darf’s sein?

Samir: Als Vorspeise drei Teller Mutbal, vier Teller Falafel.

Mamoon: Für mich bitte das gleiche und dazu eine doppelte Portion Gurkensalat, Labene, Saater und Akawea.

Samir: Als Hauptspeise bitte Maftuul, Mosakhen und zwei gegrillte Hähnchen.

Mamoon: Für mich bitte das gleiche und dazu Makluba, Ozie, Mjadara, Molochia.

Samir: Als Nachspeise hätte ich gerne Tschenafe, Baklawa, Gataef und Mamool.

Mamoon: Für mich bitte Tschenafe. Fünf Portionen bitte.

Basheer legt Teller und Besteck auf den Tisch. Sucht in den Regalen. Er findet ein trockenes Fladenbrot, das dunkelgrün ist. Er nimmt ein Messer und versucht, diese Farbe zu entfernen. Er tunkt es ins Wasser, wartet ein wenig, holt es raus, wiederholt den Prozess und schneidet es in drei Stücke, setzt sich an den Tisch und gibt jedem ein Stück. Nachdem sie mit dem Essen fertig sind, hält Samir eine leere Zigarette in einer Hand und füllt sie mit Tabak. Er nimmt immer wieder einen Stift und stopft den Tabak hinein.

Samir: Wo wohnen eigentlich deine Eltern?

Basheer: Meine Mutter, die Palästinenserin ist, heiratete meinen Vater, der Iraker ist. Als der Krieg zu Ende war, waren Palästinenser im Irak nicht mehr erwünscht. Mein Vater ist dort geblieben, meine Mutter ist nach Jordanien. Ich konnte aber nicht länger in Jordanien bleiben, weil es zu teuer ist, dort zu studieren.

Samir: Und was bist du?

Basheer: Im Irak bin ich Palästinenser.
Hier, in Palästina, Iraker.

Samir: Und wie fühlst du dich? Als Jordanier?

Basheer: In meinen Personaldokumenten stehen so viele X, dass jemand auf die Idee kommen könnte, ich wäre ein Pornodarsteller. Aber jeder Stein, jeder Hügel, jede Wiese, jedes Tal, jeder Vogel, der Himmel, die Erde, die Sonne, die Sterne, der Mond wissen, wie ich heiße, was ich esse, was ich trinke, was mich glücklich, was mich traurig macht. Sie können auch bezeugen, dass ich immer auf der Erde war.

Pause

Samir: Ein Olivenbaum, weißt du. Der steht mit seinen grünen Blättern hunderte, tausende von Jahren am selben Ort. Wenn es stürmisch wird, stürmisch, sehr stürmisch, verliert er vielleicht seine Äste, er geht zu Bruch, aber wegen seiner tief in die Erde schlagenden Wurzeln bleibt er stehen. Stehen bleibt er. Vertrauen musst du zu ihm haben, denn er kann erst nach langer Zeit Früchte geben.

Pause

Samir: Du bist auch ein Olivenbaum, Mamoon, oder?

Mamoon: Ja.

Samir: Was bist du?

Pause

Samir: Du bist eine Dattelpalme. Ja, eine Dattelpalme. Steht gerade und will hoch hinaus. Schützt die unter ihr gelegenen kleinen Orangenbäume. Nicht für jeden erreichbar. Wenn man sie mit Steinen bewirft, dann ist sie gar nicht beleidigt, nein, überhaupt nicht beleidigt, im Gegenteil. Sie antwortet sogar mit ihr süßen Datteln. Also, du bist eine Dattelpalme, ja? Basheer, die Dattelpalme.

Pause

Samir: Pass auf: Man ist entweder ein Hahn oder ein Drache oder ein Stier oder ein Känguru oder ein Kiwi oder ein Bär oder ein Turul oder ein Elefant oder ein Springbock oder eine Eule. Oder Zeder oder ein Kleeblatt oder Distel oder Ahorn oder eine Windmühle oder ein Rad.

Pause

Basheer: Kann man nicht ein bisschen aus vielen sein?

Samir: Schwierig.

Samir schaut Mamoon an

Mamoon: Sehr schwierig.

 

 

Achte Szene:

Es klopft an der Tür, Samir macht auf. Auf seine Brust werden rote Laserpunkte gerichtet

Soldat 1: Auf den Boden, auf den Boden.

Samir hebt seine Hände hoch und dreht sich im Kreis

Soldat 1: Auf den Boden!

Samir dreht sich immer noch mit hochgehobenen Händen im Kreis, er hebt die Hand hoch, er geht zur Wand, stellt sich vor sie. Basheer legt sich auf den Bauch, seine Hände auf den Rücken. Mamoon kommt kriechend.
Soldat 1 geht zu Samir, er verpasst ihn eine Ohrfeige und ringt ihn zu Boden. Er bindet ihre Hände mit Kunststoffhandschellen zusammen. Hebt Samir hoch und verpasst ihm noch eine Ohrfeige.

Soldat 1: Siehst du ihn da?

Er zeigt auf Soldat 2

Soldat 1: Wenn du seine Fragen nicht beantwortest. macht er dich zu Köfte. Das ist unser Nationalgericht.

Soldat 1 durch die Wohnung. Soldat 2 geht zu Samir und verpasst ihm eine Ohrfeige.

Soldat 2: Wer wohnt noch in diesem Haus?

Samir: Ich weiß es nicht. Wir arbeiten alle. Die anderen sind Studenten.

Soldat 2: Wir wissen genau, dass in diesem Haus Bomben gebaut werden. Sag mir jetzt, wer hier wohnt.

Samir: Ich weiß es nicht, wir haben keinen Kontakt mit ihnen. Wir arbeiten im Krankenhaus, sie sind Studenten, wir haben mit ihnen nichts zu tun.

Soldat 2: Wer wohnt noch im Haus, wollte ich wissen.

Soldat 2 verpasst Samir eine Ohrfeige. Soldat 1 kommt zurück, er schüttelt den Kopf.
Soldat 2 zieht Samir an seinen Haaren und schubst ihn vor sich her.

Soldat 2: Wer wohnt in dieser Wohnung?

Samir: Wir sind ganz neu hier.

Soldat 2: Was ist das?

Samir: Das sind Kabel.

Soldat 2: Und was macht man mit Kabeln?

Samir: Mit Kabelbindern binden.

Soldat 2 verpasst Samir eine Ohrfeige.

Soldat 2: Sag mir, wer hier wohnt!

Samir: Wir grüßen uns nicht mal.

Soldat 1 packt Samir und führt ihn in die Nachbarwohnung. Ein Schuss ist zu hören.

Soldat 2: Wir haben diese Kabel in der anderen Wohnung gefunden. Wer wohnt in der Nebenwohnhung?

Basheer: Wir wissen es nicht. Wir sind neu hier…

Soldat2: Du bist nicht von hier. Bist der Bombenbauer?

Basheer: Ich bin hier zum Studieren…

Soldat 2 hebt ihn hoch und verpasst ihm eine Ohrfeige

Soldat 2: Du bist Iraker. Warum bist du nicht geblieben, um gegen die Amerikaner zu kämpfen? Stattdessen kommst du hierher und baust Bomben. Wer ist noch mit dir?

Soldat 2 schaut auf Mamoon; Soldat 1 kommt zurück.

Soldat1: Euren Kumpel habe ich zurecht abgeknallt. Wenn ihr mir aber sagt, wo die Bomben sind, kann ich beim Richter ein gutes Wort für euch einlegen.

Soldat 1 geht zu Soldat 2, Basheer und Mamoon. Er flüstert ihm etwas zu. Sie gehen. Samir kommt mit einem blauen Auge und Blut an der Oberlippe zurück, und mit einem Stück Brot in der Hand. Er kaut genüsslich.

Samir: Dachtet ihr, ich wäre tot? Ich sagte euch ja, ein Olivenbaum. Stirbt der Olivenbaum? Die Nachbarn haben Essen für die nächsten zehn Ausgangssperren gekauft.

Samir befreit die beiden anderen

Basheer: Dein Auge ist eine Sommernacht. Eine palästinensische Sommernacht.

Samir und Mamoon gehen kurz ab und kommen mit Essen wieder. Murmelnd wiederholen sie die letzte Replik. (Dein Auge ist eine Sommernacht…) Sie richten den Tisch in der Küche ein.

Basheer: Meint ihr, wir dürfen das?

Samir: Keine Sorge, ich regele das.

Samir holt sein Handy.

Samir: Slam alekom. Wie geht es?… Ja, mir geht es gut. Wir sind in Nablus geblieben. Ja, kein Problem. Ja, die Jungs sind auch hier geblieben. Ja, denen geht es auch gut, alles ist super. Pass auf, ich wollte dir nur sagen, die Armee war gerade hier. Sie haben die Kabel von eurem Kühlschrank rausgerissen, und ich habe gesehen, dass da ganz viel Essen drin ist. Wollte fragen, was wir mit dem machen sollen. Nein, wirklich nicht, wir haben genug. Wär nur schade, wenn es verdirbt. Also wie gesagt, wir haben genug, aber ich frage mal die Jungs, ob sie noch das eine oder andere essen würden. Ja? Ok. Mache ich!

Samir legt auf

Samir: Haut rein, Jungs.

Eine Stimme im Hintergrund:

An alle Bewohner von Nablus. Die Ausgangssperre ist ab sofort aufgehoben!

Mamoon: Zum Wohl! Auf die nächste Ausgangssperre.

 

Ende

 

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